2. Kapitel
Time is a luxury, you don't have.

Obwohl ihm bewußt gewesen war, daß in dem kleinen Etui kaum eine Waffe gewesen sein konnte, war Jackson Lake ein Stein vom Herzen gefallen, als er den Ring erblickt hatte. Seine Beine hatten ob der Erleichterung nachgegeben, und er war in den Sessel hinter ihm gesunken.

Lucy Saxon saß nun zu seinen Füßen. Sie erzählte ihm mit glühenden Wangen und einem Strahlen in den Augen von Harold Saxon.

Während er ihrer Geschichte über jenen genialen Mann lauschte, der Großbritanniens Premierminister gewesen war oder, wie sie sich ausdrückte, sein würde, irritierte der Ring in jenem Etui Jackson. Er hatte das Gefühl, als spräche dieser zu ihm. Es waren keine Worte, die er wahrnahm, sondern der dumpfe Klang von Trommeln. Sie schienen ihn fortzuziehen von jenem Vortrag, fort von der Frau vor ihm, fort von der Existenz, die die seine war.

Doch ein Wort genügte, ihn in die Realität zurückzuholen. „Er ist ein Timelord", offenbarte Lucy in jenem Augenblick.

„Ein Timelord?", fragte Jackson zurück. „Ein Timelord, so wie der Doctor?"

Lucys Kopf fuhr ruckartig herum. „Der Doctor", stieß sie hervor. „Woher, Mensch, kennst Du den Doctor?"

Die Heftigkeit ihrer Reaktion ließ Jackson zusammenschrecken. Um sein Erschrecken nicht zu deutlich zu zeigen, legte er erst einmal betont langsam das Etui beiseite. Das dumpfe Trommeln in seinem Kopf endete abrupt.

Sollte er ihr die Wahrheit offenbaren? Jackson war unsicher. Lucy Saxon schien einiges zu wissen, doch eventuell offenbarte er ihr zuviel, wenn er vom Besuch des Doctors vor elf Jahren und seinen eigenen Erlebnis berichtete. Konnte er ihr vertrauen?

Er schwieg einen Moment und sagte schließlich: „Es gibt Geschichten um einen Timelord, der zu Weihnachten erschien, um London zu retten… alte Geschichten."

Lucy lachte. „London zu retten", wiederholte sie. Es klang zynisch.

"So ist es nicht wahr?" Jackson hütete sich nun, zu enthüllen, was er erlebt hatte. „Der Doctor hat die Stadt nicht gerettet?"

„Er ist eine Gefahr", lautete die Antwort, „für Dich und für unsere Pläne. Du kannst nicht zurückkehren, solange er hier ist… Ist er noch hier?" Lucys Gesichtsausdruck bekam etwas Gehetztes.

Jackson verneinte. „Man erzählt sich, daß vor vielen Jahren ein Eisenwesen London und seine Bewohner angegriffen und der Doctor die Stadt gerettet habe", berichtete er. „Vielleicht ist es nur eine Geschichte, ein Märchen, das die Furcht der Menschen und den Wunsch nach Errettung ausdrückt."

Während er sprach, versuchte Jackson die Situation zu analysieren. Er befand sich im Haus einer Frau, die glaubte, er ein Timelord, die Art Reinkarnation Ihres Mannes, könne sich aber daran nicht erinnern, da er in seiner menschlichen Gestalt zum eigenen Schutz gefangen sei. Nun, ihm war seltsameres widerfahren. Er selbst hatte sich für den Doctor gehalten, ebenfalls einen Timelord. Gab es hier einen Zusammenhang?

Mitnichten. Der Doctor hatte ihm erklärt gehabt, daß er nur durch den Rückstoß des defekten Infostamps und seinen Schock über den Verlust von Caroline wie die Entführung Frederic diese Identität angenommen hatte. Und doch, die Reaktion des Doctors auf ihn war zum Teil merkwürdig gewesen. Hatte er nicht besonderes Interesse an Jacksons Taschenuhr gezeigt?


„Du mußt den Ring zerstören", drängte Lucy. „Es ist an der Zeit, daß Harry zurückkehrt." Sie schien keine Zweifel zu haben, daß Jackson Lake jener Harold Saxon war.

„Wozu die Eile?", fragte er zurück. Er versuchte so, Zeit zu gewinnen, um vielleicht doch unversehrt nach Hause zurückkehren zu können.

„Unsere Macht soll wiederauferstehen. Vielleicht kannst Du Deine Vision, den Raum jenseits der Sterne zu erobern, doch verwirklichen", erwiderte Lucy flehentlich. „Bevor es zu spät ist."

„Bevor es zu spät ist?" wollte Jackson wissen. „Zu spät wofür?"

Sie wandte kurz das Gesicht ab. Ihre Antwort fiel um so heftiger aus. „Schau' mich doch an. Du hast Dein Leben ganz und gar von vorn begonnen, doch ich… für mich sind viele Jahre vergangen seit unseren glorreichen Momenten. Die Zeit ist für mich nicht stehengeblieben."

Jacksons Blick wanderte von ihr zum Etui und wieder zurück. Er zweifelte noch daran, daß sie recht haben sollte. Er und ein Timelord? Mehr noch, er und ein Politiker! Allein der Gedanke erschien ihm absurd. Er war zum Politiker so sehr geboren wie ein schottisches Hochlandschaf.

„Ich bin krank, Harry", erklärte Lucy bekümmert. „Laß' mich nicht von dieser Welt gehen, ohne Deine Rückkehr erlebt zu haben. Bitte!"

Nun schien es Jackson klar. Lucy Saxons Geist hätte sich ob einer Krankheit verklärt. Sie glaubte alles, was sie sagte, doch es mußte nicht der Wahrheit entsprechen. Sollte er ihrem Wahn folgen, um aus ihrem Haus zu entkommen, oder sollte er alles leugnen? Beides schien ihm waghalsig, und so sehr die Idee, ein Timelord zu sein, ihm gefiel, Jackson Lake war in diesem Augenblick nicht bereit, diesen Weg zu gehen.

„Zerstöre den Ring", bat Lucy erneut.

„Weshalb zerstören Sie ihn nicht?", fragte Jackson zurück. „Befreien Sie doch den Geist, der in mir wohnen soll?"

Sie schüttelte heftig den Kopf. „Verstehst Du nicht? Du mußt es tun. Du selbst, sonst gelingt es nicht."


Die grelle Nachmittagssonne ließ den Salon weniger wohnlich erscheinen. Oder lag es an der unterkühlten Stimme zwischen der Hausherrin und ihrem Gast?

Jackson schien es, als hätte sich der Gesichtsausdruck Harold Saxons auf dem Bild über dem Kamin merkwürdig verzerrt. Doch es waren wohl die Schatten der Bäume vor dem Fenster, die jenem Antlitz das Aussehen eines Insassen des städtischen Asyls gaben. Man konnte glauben, das Porträt höchstselbst zeigte seinen Unmut über Jacksons Weigerung, den Ring zu zerstören.

„Wie haben Sie ihn verloren?", fragte Jackson, um die Stille, die seit einiger Zeit in dem Raum herrschte, zu brechen.

Lucy seufzte leise. „Ich habe Dich erschossen. Erinnerst Du Dich nicht einmal daran?"

Das war es also. Jackson war Mathematiklehrer, kein Arzt, aber mit Reaktionen, die ein Mensch aufgrund tragischer Ereignisse an den Tag legte, kannte er sich aus. In den ersten Jahren nach Carolines Tod hatte er mehrere Bücher zu diesem Thema gelesen – und natürlich halfen ihm auch seine eigenen Erfahrungen.

Er beschloß, eine Zeitlang ihr Spiel mitzuspielen. Vielleicht gelang es ihm so, ihr zu entkommen. „Sie haben recht, ich kann mich nicht daran erinnern, was oder wer ich nach Ihrer Auffassung sein soll. Weshalb erzählen Sie mir nicht, was geschehen ist. Vielleicht finde ich so meine Erinnerung daran wieder."

Die Geschichte, die Lucy Saxon ihm nun berichtete, klang so abenteuerlich wie die populären Romane, die sich mit der Zukunft der Menschheit und fremden Welten beschäftigten. Sie hatte ihren Mann, den Master, an Bord eines fliegenden Schiffes erschossen, um ihn vor dem Zugriff des Doctors zu bewahren und hatte die Quintessenz seines Lebens vor dem Verbrennen seines Leichnams durch den Doctor die Zeiten hindurch in die Vergangenheit gerettet. Dort war er in Gestalt von Jackson Lake, eines elternlosen Knabens im Alter von vier Jahren, wiedergeboren worden. Den Ring, ein Erbstück Ihrer Familie aus einer Zeit genannt Expressionismus, der ähnlich der sonst für Timelords üblichen Taschenuhren, als Katalysator und Versteck der wahren Identität des Masters diente, hatte Lucy selbst behalten, um ihn im richtigen Moment parat zu halten.

Jener Harold Saxon wurde Jackson durch die Schilderung seiner facettenreichen Persönlichkeit und mannigfaltigen, egozentrischen Aktivitäten nicht sympathischer.

„Nach allem, was Sie mir berichten, brauche ich Zeit, Ihr Ansinnen zu überdenken", erklärte Jackson Lucy Saxon schließlich. „Ich würde meine Persönlichkeit aufgeben, um jemand zu werden, dessen Charakter mir mit Verlaub wenig angenehm ist."

Der Gesichtsausdruck seines Gegenübers nahm wieder einen sehr verzweifelten Ausdruck an. Lucy bat, nein sie flehte, daß keine weitere Zeit sei. „Verstehen Sie das nicht? Er muß jetzt zurückkehren. Jetzt, sonst ist es zu spät für mich."

Es klopfte. Auf Lucys Antwort erschien der Diener in der Tür. „Eine Mrs. Quinn begehrt Mr. Lake zu sprechen, Madam. Sie sagt, es ginge um Leben und Tod."

Was nun geschah, würde Jackson Lake nie vergessen. Lucinda hatte sich, wie er gehofft hatte, um ihn gesorgt.

Jackson war für ein Lunch im Kreise von einigen Gemeindemitgliedern zu lange außer Haus wie Lucinda feststellte, als sie am späten Nachmittag jenes Sonntages das Haus 15 Latimer Street noch verlassen vorfand. Bei einer kurzen Zusammenkunft mit Rosita waren die Frauen übereingekommen, daß Lucinda nach dem Rechten sehen würde. Es bestand die Gefahr, sich in hohem Maße zu blamieren, doch sie hatte beschlossen, ihrem Gefühl zu vertrauen.

„Verzeiht mir, Mr. Lake. Der Dekan schickt mich", brachte Lucinda beim Betreten des Salons atemlos hervor. „Einer Ihrer Schüler hat damit gedroht, den Unterricht zu boykottieren und seinen Vater anreisen zu lassen, wenn Sie ihm keine bessere Note in Mathematik geben. Sie sollten umgehend in der Schule erscheinen." Zugegebenermaßen war dies eine Geschichte auf tönernen Füßen. Es hätte ausgereicht, wenn der Dekan wider Erwarten am Lunch teilgenommen hätte, um die Notlüge zu enttarnen, doch sie verfehlte ihre Wirkung nicht.

„Verzeihen Sie mir, Mrs. Saxon, aber die Angelegenheit scheint dringend", sagte Jackson unverzüglich. „Ich fürchte, ich muß auf Ihre weitere Gastfreundlichkeit leider verzichten."

Er deutete eine Verbeugung an und nahm das Etui mit dem Ring an sich. Dann verließ er mit Lucinda rasch den Raum. An der Tür drehte er sich noch einmal um. Den Anblick des Antlitz' von Lucy Saxon so voll Mutlosigkeit und Verzweiflung würde er wohl niemals vergessen.