Am nächsten Morgen
Kelly und Susan standen sehr früh auf, schließlich hatten sie noch eine Menge vor, an diesem Tag und wollten diesen dann nicht mit schlafen verschwenden. Kelly machte es nichts im Geringsten aus, eher im Gegenteil, sie liebte es früh aufzustehen. Viel Schlaf brauchte sie eh nicht. Nach nur fünf Stunden Schlaf, war sie fit wie ein Turnschuh. Susan dagegen war ein regelrechter Langschläfer – ein Morgenmuffel noch dazu - und sie hasste nichts mehr als früh aufstehen zu müssen.
Übel gelaunt folgte Susan ihrer Freundin, zum Frühstück, ins Hotelrestaurant. Ungläubig schüttelte sie den Kopf, sie konnte es einfach nicht verstehen, wieso Kelly morgens so gut drauf sein konnte. Es ging ihr nicht in den Kopf rein. Grummelnd folgte sie ihr und setzte sich ihr dann gegenüber an einen der freien Tische.
Kelly ließ ihren Blick durch das Hotelrestaurant schweifen, auf der Suche nach ihrem heiß geliebten Getränk, doch sie konnte es nirgends ausfindig machen. Frustriert schnaubte sie. Dann musste sie wohl oder übel in einen der vielen Coffee Shops gehen und sich dort ihren Morgenkaffee besorgen. Um sich für den langen Tag zu rüsten, frühstückten sie ausgiebig. Doch Kelly vermisste ihren Kaffee schrecklich und sie wurde immer ungeduldiger.
Susan schmunzelte.
„Ja, ja, immer diese Süchtigen!", neckte sie ihre beste Freundin und erntete dafür einen tödlichen Blick, welcher sie nur dazu veranlasste noch breiter zu grinsen.
So war ihre Freundin, sie konnte einfach nicht lange ohne ihren Kaffee, schon gar nicht am Morgen. Sie ahnte bereits jetzt, wo sie ihr Weg als erstes hinführen würde.
Nach dem Frühstück, nahmen sie ihre Sachen und verließen das Holiday Inn, Georgetown.
Vorsichtshalber hatte Kelly einen Stadtplan eingesteckt, nur für den Fall der Fälle, dass sie nicht mehr weiter wussten, denn noch eine Taxifahrt würde nicht mehr in ihren Budget passen. Schon die letzte Taxifahrt, von der Busstation zum Hotel, hatte ihnen im Geldbeutel weh getan.
Kelly ging schnurstracks durch die Straßen und Susan hatte langsam wirklich Probleme mit ihr mitzuhalten.
„Wo willst du denn hin, Kelly?", rief Susan außer Atem.
„Kaffee!", war die einsilbige Antwort von ihr.
Susan schnaubte, folgte ihrer Freundin dennoch weiter. ‚Kelly und ihr Kaffee!'
Ein paar Blocks weiter kamen sie an einem riesigen Gebäude vorbei, welches einen Hohen Sicherheitsstandard besaß. Neugierig ging Susan darauf zu und begutachtete das Schild was davor angebracht war. Mit großen Lettern stand da drauf geschrieben: NCIS.
„NCIS? Für was steht das denn?", fragte sich Susan und erwartete eigentlich keine Antwort, wurde jedoch überrascht, als sie die Stimme ihrer Freundin hinter sich vernahm, die ihr antwortete.
„Naval Criminal Investigative Service!", sagte Kelly mit fester Stimme.
Verwirrt schaute Susan sie an.
„Woher weißt du das so genau?"
„Ich studiere Forensik, schon vergessen?", grinste Kelly ihre Freundin an.
„Also Navy-Cops?", stellte Susan fest und Kelly nickte.
Susan schaute sich noch mal um und folgte dann Kelly, die ihren Weg zum nächsten Coffee Shop wieder aufgenommen hatte.
Hinter ihnen verließen zwei Special Agents das Gebäude, niemand anderes als Anthony DiNozzo und Leroy Jethro Gibbs.
Ein paar Minuten später hatten sie endlich einen Coffee Shop – nicht weit vom NCIS Gebäude entfernt - entdeckt. Freudestrahlend hielt Kelly direkt darauf zu und freute sich schon ihren ersten Kaffee endlich trinken zu können. Doch als sie den Coffee Shop betraten, stöhnte Kelly genervt auf. Sie brauchte ihren Kaffee jetzt und nicht erst in zehn Jahren! Die menschliche Schlange stand bis zur Eingangstür und es sah nicht so aus, als würde es schnell voran gehen. Nichts desto trotz, stellte Kelly sich an. Sie brauchte einfach ihren Kaffee und da so viele Menschen hier anstanden und Kaffee kauften, musste dieser verdammt gut sein und wehe wenn nicht.
Susan stellte sich seufzend neben ihre Freundin. Am liebsten hätte sie diese am Arm gepackt und nach draußen gezerrt, doch sie kannte ihre Freundin nur allzu gut. Wenn sie den Tag mit ihr überleben wollte, dann musste sie da jetzt eben durch. Lieber lange warten, als eine leicht reizbare Kelly mit sich herumzuschleppen und nichts vom Tag zu haben. Nee, nee, dann lieber dass über sich ergehen lassen.
Nervös trat Kelly von einem Fuß auf den anderen. Konnte das nicht etwas schneller gehen? Sie brauchte ganz dringend einen Kaffee, sonst würde sie, in nicht allzu ferner Zukunft, die Wände hoch gehen und das wäre für keinem, der es auch nur wagte in ihre Nähe zu kommen, ungefährlich. Sie seufzte erneut. Wieder einmal fragte sie sich, ob ihr Vater genauso gewesen war, wenn er seinen Kaffee nicht bekam. Sie konnte sich noch sehr gut daran erinnern, dass ihr Dad immer mit einem Becher Kaffee anzutreffen war und wenn er mal keinen bekam, war ihr Dad unausstehlich gewesen und hatte übelst schlachte Laune.
Ein Lächeln schlich sich über ihre Lippen. Sie dachte gern und auch sehr oft an ihren Vater, es gab ihr das Gefühl, dass er ganz nah bei ihr war. Sie erinnerte sich noch genau an jenen schicksalhaften Tag, an dem ihr junges Leben völlig aus den Bahnen geworfen worden war. Die Autobombe, die ihr Leben zerstörte und ihr den geliebten Vater nahm; die lauten Rufe ihrer Mutter, die sie suchte. Über all waren Flammen. Eine unerträgliche Hitze, kaum Luft zum atmen. Es war die Hölle, für die damals achtjährige.
Gewaltsam riss sie sich aus den Erinnerungen. Dieser Ort war nun wirklich nicht der richtige Platz um in düsteren Erinnerungen zu schwelgen. Überhaupt dachte sie nur sehr selten daran. Sie hatte akzeptiert, dass ihr Vater tot war, doch sie wollte sich nicht mehr daran erinnern und schloss diese Erinnerung in den tiefsten Tiefen ihres Seins ein. Doch ausgerechnet heute und in diesem Coffee Shop brachen sie aus ihrem Gefängnis aus und überfluteten sie. Ihre Gefühle fuhren Achterbahn. Am liebsten hätte sie laut aufgeschrien und sich in die nächste Ecke verkrümelt, um mit ihrem Schmerz und ihrer Erinnerung allein zu sein. Doch sie konnte nicht, sie musste stark sein. Und so verbannte sie unter großer Kraftanstrengung die schreckliche Erinnerung wieder in ihr Gefängnis. Sie schloss die Augen und atmete einmal tief durch. Die Erinnerung war verdrängt, nur der tief sitzende Schmerz war weiterhin vorhanden.
Sie öffnete die Augen und stellte fest, dass sich die Schlange um einiges gelichtet hatte. Jetzt waren nur noch zwei vor ihr dran. Na das würde sie auch noch überstehen!
Susan hatte ihre Freundin beobachtet und an ihrem Gesichtsausdruck hatte sie erkannt, dass sie irgendetwas quälte. Wahrscheinlich die Erinnerung an den Schicksalhaften Tag an dem ihr Vater ums Leben kam. Kelly redete so oft von ihrem Vater, dass sie schon das Gefühl hatte eben diesen ganz genau zu kennen.
Sie seufzte. Leider konnte man keine Toten wieder zum Leben erwecken. Sie schaute wieder nach vorne. Na endlich, Kelly war an der Reihe. Das hatte auch lange genug gedauert.
Kelly bestellte sich gleich zwei große Kaffee schwarz, extra stark, schließlich hatte sie einiges nachzuholen. Die Bedienung starrte sie mit großen Augen an.
„Ist was?", fragte Kelly leicht genervt. Sie wollte nur ihren Kaffee und nicht so blöde angegafft werden. So was brachte sie immer auf die Palme.
Die Bedienung schüttelte den Kopf.
„Nein, es ist nur… Ach vergessen sie's!", unterbrach sie sich und machte sich daran den georderten Kaffee zu machen und den Gast schnellst möglich zu bedienen.
Nach einer halben Ewigkeit hielt Kelly endlich zwei Becher in der Hand. Ohne zu wissen warum, schaute sie nach links und was sie dort sah, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Das konnte nicht sein. Das durfte nicht sein! Jetzt sah sie schon Gespenster. Total verschreckt schloss sie die Augen. Sie atmete tief durch und öffnete sie dann wieder, doch ihre Erscheinung war verschwunden.
‚Mensch Kelly reiß dich zusammen!' schallt sie sich selbst. Sie redete sich selbst ein, dass es nur Wunschdenken gewesen war, doch das ungute Gefühl blieb.
Frustriert über sich selbst, drehte sie sich um und rempelte dabei jemanden an. Sie hatte Mühe ihren Kaffee im Becher zu behalten, was bei zwei großen Bechern nicht gerade einfach war. Doch sie schaffte es wundersamer Weise. Verärgert schaute sie auf und in die schönsten grünen Augen, die sie je gesehen hatte. Für einen Moment hielt sie die Luft an und verlor sich in den Augen. Bis eine sanfte, tiefe Stimme sie in die Realität zurückholte.
„Alles in Ordnung mit ihnen?", fragte die Stimme, die zu den grünen Augen gehörte, fast schon besorgt
Sie nickte schnell.
„Ja, ja, alles in Ordnung. Ich habe nur einen Moment nicht aufgepasst! Tut mir Leid!", antwortete sie, immer noch leicht verstört.
Der Fremde lächelte sie erleichtert an.
„Dann ist ja gut!", sagte er und grinste sie schelmisch an.
„DiNozzo!", rief jemand wütend.
‚Diese Stimme!', dachte sie, schüttelte aber schnell mit dem Kopf. Wurde sie jetzt schon langsam aber sicher verrückt?
„Ich muss gehen! Mein Boss wartet nicht gern!", entschuldigte sich der Fremde, lächelte sie noch mal charmant an und verschwand dann schnellen Schrittes. „Komme, Boss!"
Susan hatte ihr verstörtes Verhalten bemerkt. Fürsorglich legte sie ihrer Freundin eine Hand auf die Schulter, welche sie dann sanft drückte. Dankbar für diese Geste, lächelte Kelly sie an.
„Süße was ist los?", fragte Susan und war besorgt über ihre Erscheinung.
Kelly war leichenblass und zitterte leicht, als hätte sie einen Geist gesehen.
„Nicht hier!", flüsterte Kelly.
„Zurück ins Hotel?"
Kelly nickte nur. Susan legte einen Arm um ihre Schulter und führte sie hinaus auf das geschäftige Treiben der Großstadt. Mit langsamen Schritten, gingen sie den Weg zurück zum Hotel in der Wisconsin Ave.
Dort angekommen, gingen sie ohne große Umschweife hoch auf ihr Zimmer. Die beiden großen Kaffeebecher waren schon längst leer getrunken. Susan führte Kelly zu einer Couch und drückte sie sanft in die weichen Kissen. Mit einem schweren Seufzer, setzte sie sich neben ihr hin. Kelly starrte geistesabwesend auf die gegenüberliegende Wand. Nervös rieb sie ihre Hände aneinander. Behutsam legte Susan ihre eigene Hand auf die von Kelly.
Sie schwiegen.
Susan würde warten bis Kelly von alleine anfing zu sprechen. Was oder wen auch immer sie in dem Coffee Shop gesehen hatte, es hatte sie mächtig aus der Bahn geworfen.
Kelly versuchte ihre Gedanken zu ordnen und in die richtige Bahn zu lenken, doch das fiel ihr unglaublich schwer. So viel schwirrte ihr durch den Kopf. Langsam bekam sie Kopfschmerzen. Sie musste schnell etwas Ruhe in ihre aufgebrachten Gefühle bringen, sonst würde sie noch verrückt werden.
Nach schier unendlich langer Zeit gelang es ihr endlich etwas Ordnung in ihre Gedanken zu bringen und realisierte, dass sie mittlerweile in ihrem Hotelzimmer saß und neben ihr saß ihre beste Freundin. Sie hatte gar nicht mitbekommen, dass sie schon wieder im Hotel waren, geschweige denn, dass sie auf der Couch saß.
Sie schaute Susan an.
„Ich… ich… Susi, er war es. Er war da. In dem Coffee Shop.", krächzte sie.
Verwirrt über die Worte von Kelly, zog Susan die Augenbrauen zusammen. Was wollte sie denn damit sagen?
„Wen meinst du, Süße?", fragte sie und schaute sie eindringlich an.
„Dad!", antworte sie ihr mit einem Wort. Ein Wort was so mächtig war.
„Aber ich dachte dein Dad…!", fing Susan an, wurde aber schroff unterbrochen.
„VERDAMMT, das weiß ich doch selbst. Sag mir wie ist es möglich, dass mein Vater tot ist und ich ihn doch heute gesehen habe! Werde ich verrückt?", mit jeder Silbe wurde Kelly immer leiser und verzweifelter.
„Nein, du bist nicht verrückt!", versuchte Susan sie zu trösten. Es schien ihr so unwirklich und doch schien es wahr zu sein. Sie zweifelte nicht an den Worten ihrer Freundin. Wenn sie sagte, sie habe ihn gesehen, dann war es auch so, obwohl es ihr eigentlich unlogisch erschien. Vielleicht gab es dafür einfach nur eine ganz logische Erklärung.
„Wieso glaubst du mir, wenn ich mir nicht mal selber glauben kann?", fragte Kelly und war kurz davor durch zu drehen. „Wie kann das sein?"
Kelly wusste nicht mehr was sie denken oder glauben sollte.
„Hör mal, Kelly. Vielleicht gibt es eine ganz einfache Erklärung dafür. Es kann doch gut möglich sein, dass es jemanden da draußen gibt, der deinem Vater zum verwechseln ähnlich sieht.", sagte Susan und schaute in Kellys wässrige Augen.
Ja, das musste es sein. Doch ihr Herz glaubte ihr kein Wort. Sie blendete ihr Herz so gut es ging aus.
„Wahrscheinlich hast du recht!", gab Kelly klein bei und lächelte zaghaft.
Susan lächelte erleichtert.
„Aber sag mal, wer war denn der unverschämt gut aussehende Kerl, den du angerempelt hast? Man war der heiß!", sagte Susan in so einem ernsten Tonfall, dass Kelly anfing zu lachen.
Froh darüber, ihre Freundin aus den trübseligen Gedanken gerissen zu haben, lachte sie mit ihr.
„Ach der! Keine Ahnung, aber heiß war er! Und dann diese Augen… oh Mann ich hätte ihm stundenlang in die Augen sehen können!", antwortete Kelly schließlich und seufzte.
Susan kicherte.
„Wenn ich's nicht besser wüsste, würde ich sagen: ‚ Das war Liebe auf dem ersten Blick!'", grinste Susan.
Entsetzt schaute Kelly sie an.
„Bist du verrückt! Ich glaube nicht an so was!", schmollte sie und verschränkte die Arme vor ihrer Brust.
Susan grinste wissend.
„Na, was meinst du? Wollen wir heute Abend die Stadt unsicher machen?", fragte Susan und Kelly nickte.
NCIS, Hauptquartier
Gedankenverloren saß Tony an seinem Schreibtisch. Dieses Mädchen ging ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf. Sie hatte so verloren da gestanden, dass er sie am liebsten in den Arm genommen hätte!
Er seufzte. Er schaute zwar auf den Bildschirm, doch sehen tat er nur ihr Gesicht. Sie war hübsch ohne Zweifel, aber sie hatte auch noch so etwas Magisches an sich, was ihn wie einen Magneten zu ihr hinzog. Und das hatte er bei noch keiner anderen Frau – außer ihr – gespürt.
Er musste sie einfach wieder sehen, nur wie er das anstellen wollte, wusste er noch nicht. Er hatte ja noch nicht einmal ihren Namen und Washington war nicht gerade klein. Und so konnte er nur hoffen, dass das Schicksal es gut mit ihm meinte und er sie wieder sehen würde.
