Policedepartement
Detective Monroe, der den Fall Susan Richards übernommen hatte, saß in seinem Büro im Police Departement. Der Autopsiebericht lag vor ihm auf dem Tisch.
‚Wieder so ein junges Ding, was das Leben noch vor sich hatte!', dachte er betrübt und fuhr sich mit der rechten Hand durch sein graues, schüttes Haar. Er seufzte schwer. Ihm stand noch die schwerste Sache bevor, die Eltern des jungen Mädchens zu benachrichtigen, dass ihre Tochter nicht mehr aus den Semesterferien zurückkehren würde.
Er brauchte dringend eine Zigarette, um seine Nerven etwas zu beruhigen. Er hasste diese Aufgabe als Detective. So sehr er seinen Job auch liebte, doch das war ihm zu wider. Er zog die unterste Schublade seines Schreibtisches auf und zum Vorschein kam eine Packung Zigaretten. Sein Blick heftete sich nachdenklich darauf. Eigentlich hatte er vor fast über zwei Monaten mit der Qualmerei aufgehört, doch in so einer Situation sehnte er sich regelrecht nach einem Glimmstängel. Erneut seufzte er und haderte mit sich selbst. Sollte er oder sollte er nicht?
‚Ach, zum Teufel damit!', dachte er und schloss die Schublade wieder. Er wandte sich nun dem Telefon zu. Mit zittriger Hand, griff er nach dem Telefonhörer, holte tief Luft und wählte die Nummer der Familie Richards.
Nach mehrmaligem Läuten, wurde am anderen Ende der Leitung abgehoben und eine freundliche, weibliche Stimme meldete sich.
„Mrs. Richards, hier spricht Detective Monroe vom Washington Police Department. Ich möchte Sie um ein Treffen bitten. Es geht um ihre Tochter Susan Richards. Bitte lassen sie uns das nicht am Telefon besprechen… Gut, ich werde sie morgen Mittag erwarten. Herzlichen Dank, Ma'am. Auf wieder sehen!", beendete er sein Gespräch und seufzte schwer.
‚So das war schon mal erledigt!' Doch der schwerste Gang stand ihm noch bevor, wenn Mrs. Richards morgen Mittag ins Police Departement kam und ihre Tochter identifizieren musste. Er stützte seinen Kopf in die Handflächen und schloss für einen Moment die Augen. Das war wirklich nicht das Schönste in seinem Job.
Die Tür zu seinem Büro wurde einen Spalt breit geöffnet und das Gesicht einer jungen, hübschen Frau mit blonden Haaren erschien.
„Detective?", fragte sie zögerlich, als befürchte sie ihn in irgendeiner Weise zu stören.
„Was gibt es, Marge?", fragend schaute er sie an und hob eine Augenbraue.
„Hier ist eine junge Frau, die ihre Freundin als vermisst melden möchte!", erklärte sie.
Monroe zuckte mit den Schultern. Was hatte er damit zu tun?
Sie schien seine Gedanken gelesen zu haben, denn sie antwortete auf seine stumme Frage.
„Ihre vermisste Freundin heißt Susan Richards!"
Entsetzt schaute der Detective seine Sekretärin an. Das konnte doch wohl nicht wahr sein, wieso musste ausgerechnet an diesem Tag das Schicksal so unbarmherzig zu schlagen? Er seufzte. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als mit der jungen Frau sprechen zu müssen.
„Schicken Sie sie rein!", sagte er und wappnete sich innerlich, auf das, was kommen würde.
Seine Sekretärin öffnete die Tür nun ganz und schickte die junge Frau in das Büro des Detectives. Monroe stand von seinem Stuhl hinter dem Schreibtisch auf, ging um diesen herum und trat auf die junge Frau zu, die sich etwas irritiert umschaute. Anscheinend hatte sie nicht damit gerechnet, dass so schnell unternommen werden würde. Normalerweise war das ja auch nicht der Fall, denn erst nach 24 Stunden konnten sie etwas unternehmen. Er reichte ihr die Hand, die sie erst zögerlich nahm und zudrückte.
Er deutete ihr an sich auf einen Stuhl vor seinem Schreibtisch platz zunehmen, was sie auch dankbar an nahm und sich setzte. Nervös faltete sie die Hände zusammen und legte sie auf ihren Schoß.
Ängstlich schaute sie den Detective an und wartete.
Dieser hatte sich derweil wieder auf seinen Stuhl gesetzt und legte die Arme, Hände ineinander verschränkt, auf den Tisch.
„Miss…", fing er an, doch da fiel ihm ein, dass er nicht mal ihren Namen kante.
„Gibbson, Kelly Gibbson!", half sie ihm mit einem scheuen Lächeln weiter.
Er nickte ihr dankbar zu und lächelte.
„Miss Gibbson! Ich fürchte, ich muss ihnen eine unerfreuliche Nachricht überbringen!", begann er und beobachtete die junge Frau, ihm gegenüber ganz genau.
Kelly hörte die Worte des Detectives und Angst machte sich in ihr breit. Ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen und heiße Tränen schossen ihr in die Augen. ‚Gott, lass das nicht wahr sein!', dachte sie und drückte ihre Hände so fest sie nur konnte zusammen.
Doch der Blick in die Augen von Detective Monroe bestätigte ihre Befürchtungen. Unbarmherzig flossen nun die Tränen über ihre leicht geröteten Wangen. Wie ein Häufchen Elend sackte sie in sich zusammen und begann zu schluchzen.
Detective Monroe schmerzte der Anblick der jungen Frau. Er hatte selbst eine Tochter, die in ihrem Alter sein musste. Seufzend stand er auf und ging auf sie zu. Vor ihr ging er in die Hocke und legte seine Hand auf die zierliche von Kelly. Mit verweinten, geröteten Augen schaute sie auf und blickte in mitfühlende Braune Augen.
„Wieso?", schluchzte sie verzweifelt.
Detective Monroe schüttelte traurig den Kopf.
„Das kann ich ihnen leider nicht sagen!", sagte er leise.
„Wie… wie …" sie schluckte trocken. „Wie ist es passiert?", fragte sie, während die Tränen unablässig ihre Wangen hinab liefen.
„Das darf ich ihnen noch nicht sagen. Erst wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind, darf ich ihnen darüber Auskunft erteilen!", antwortete er ihr.
Er würde ihr so gerne mehr sagen, aber er durfte es nicht. Schwer fällig nickte sie und erhob sich.
„Danke, dass sie ehrlich zu mir waren!", sagte sie und wandte sich zur Tür um. Wie in Trance verließ sie das Police Departement und zurück zu ihrem Hotel.
Philadelphia
Shannon war gerade dabei den Abwasch vom Vortag zu bewältigen, als es an der Haustür klingelte. Sie streifte sich ihre Handschuhe, die sie zum Abwaschen trug, ab, legte sie über die Spüle und ging zur Haustür. Als sie die Haustür öffnete, erblickte sie eine völlig aufgelöste Andrea Richard.
Sofort zog sie die verweinte, verzweifelte Frau ins Haus, schloss die Tür hinter sich und führte Andrea ins Wohnzimmer. Sanft drückte sie sie auf die Couch und setzte sich neben sie.
„Mein Gott Andrea, was ist denn nur passiert?", fragte sie ihre langjährige Freundin.
Andrea schaute sie an und Shannon sah ganz deutlich die Angst, die sich in ihren Augen spiegelte.
„Ein Detective Monroe hat mich heute Mittag angerufen, er will irgendetwas mit mir besprechen. Es geht um Susan. Shannon, ich habe solche Angst!", erklärte sie ihr und fing an zu weinen.
Wortlos schloss Shannon ihre Freundin in die Arme und wiegte sie hin und her. Beruhigend rieb sie ihr über den Rücken. Während Andrea schluchzte, war Shannon in ihren eigenen düsteren Gedanken gefangen. Doch eines stand für sie fest. Sie würde ihre Freundin nach Washington begleiten und für sie da sein, egal was kommen mochte.
„Ich komme morgen mit, Andrea. Ich bin für dich da!", sagte sie fest entschlossen.
Andrea schaute sie an und nickte dankbar.
„Danke, Shannon!", flüsterte sie verzweifelt.
So saßen sie noch einige Stunden da, bevor sie sich ins Bett begaben. Andrea würde die Nacht in Shannons Haus verbringen.
