Kapitel 7

Endlich erreichte sie den dritten Stock. Mit einem ‚Pling' ging die Fahrstuhltür auf und Kelly trat nervös in das Großraumbüro des NCIS. Sie schaute sich kurz um und erblickte schließlich Detective Monroe. Mit schweren Schritten ging sie auf ihn zu. Zwei weitere Männer und eine junge Frau standen bei ihm.

„Detective?", machte sie sich, mit leiser, zerbrechlicher Stimme bemerkbar.

Aller Aufmerksamkeit hatte sich nun auf sie gerichtet. Und da erkannte sie auch Tony. Wahnsinn das ist er also, schoss es ihr durch den Kopf und sie lächelte ihn zaghaft an. Er lächelte zurück und trat auf sie zu. Er strich mit seinen Händen zärtlich ihre Arme entlang und schaute ihr mitfühlend in die Augen. Sie lehnte sich in diese Berührung, die ihr wieder halt gab.

„Wie geht's dir?", fragte er behutsam.

Sie zuckte hilflos mit den Schultern. Ja wie fühlte sie sich überhaupt. Kalt und leer. So fühlte sie sich. Tony schien sie verstanden zu haben und zog sie sanft in eine Umarmung. Wärme floss durch ihren durchnässten Körper. Sie fühlte sich geborgen. Dieses Gefühl der Geborgenheit ließ sie auf schluchzen und erneut flossen ihr Tränen über die Wangen. Mit kreisenden Bewegungen strich er ihr liebevoll über den Rücken.

Tony bemerkte ihr zittern und drückte sie nur noch fester an sich ran, er hoffte ihr somit halt vermitteln zu können, den sie momentan dringend benötigte. Er seufzte leise. Kelly tat ihm unglaublich Leid. Er konnte nicht im Geringsten erahnen, wie sie sich fühlen musste. Am Abend zuvor, hatte sie den Tot ihres geliebten Vaters erwähnt und nun auch noch ihre beste Freundin. Das musste das schlimmste sein, was einem passieren konnte. Am liebsten hätte er all ihren Schmerz genommen, und auf sich geladen, doch er war nicht Gott. Selbst Gott könnte ihr den Schmerz nicht nehmen.

Behutsam und sanft drückte er sie etwas von sich. Sie hatte ihren Kopf gesenkt und schaute gen Fußboden. Mit seinem Zeigefinger hob er sachte ihr Kinn an. Liebevoll schaute er in die trüben und so unendlich traurigen Augen.

„Hey Kleines, alles wird wieder gut!", flüsterte er ihr zu. „Wir werden diesen Bastard kriegen, das verspreche ich dir!", versprach er ihr und schaute sie fest entschlossen an.

Sie blickte ihm einige Sekunden in die Augen und erkannte darin eine feste Entschlossenheit und sie wusste, dass er sein Versprechen auch halten würde. Er würde den Bastard der Susan das angetan hatte kriegen und ihn zur Verantwortung ziehen. Zaghaft lächelte sie und nickte. Er lächelte zufrieden, dass sie ihm glaubte, zurück. Um weiterhin den Halt und die Wärme von Tony zu spüren, ergriff sie seine Hand. Er lächelte und drückte sanft zu. Kelly war froh darüber, dass er nicht seine Hand weggezogen hatte.

Ein Außenstehender hätte vermutlich bei dem Anblick geglaubt, die beiden wären ein verliebtes Pärchen. Der Gedanke schoss ihr durch den Kopf und augenblicklich färbten sich ihre Wangen rosa. Sie wollte schon seine Hand wieder loslassen, da lächelte er ihr aufmunternd zu, als hätte er ihre Gedanken gelesen. Etwas schüchtern – sie erkannte sich selbst nicht mehr, denn normalerweise war sie selbst Männern gegenüber nicht so schüchtern – lächelte sie zurück.

Detective Monroe lief nervös vor den Schreibtischen auf und ab. Wo blieb dieser Gibbs denn nun schon wieder? Kurz nach seinem Telefonat mit Kelly, war Gibbs verschwunden, und bis jetzt nicht wieder aufgetaucht. Er schaute sich die anderen Agents aus Gibbs Team an.

„Wo bleibt er denn?", murmelte er zu sich selbst, doch so laut, dass die anderen sehr gut hören konnten.

„Kaffee holen!", antwortete McGee ihm und grinste.

Monroe rollte mit den Augen. Obwohl er eigentlich auch grad sehr gut einen starken Kaffee gebrauchen könnte.

Das ‚Pling' des Fahrstuhl kündigte ihnen die Ankunft einer weiteren Person an. Wie nicht anders zu erwarten, trat Gibbs aus dem Fahrstuhl – mit einem Styroporbecher Kaffee in der Hand – und ging eiligen Schrittes auf sein Team und dem Detective zu. Ohne auf die junge Frau zu achten, die sich mittlerweile an Tony gelehnt hatte – der fürsorglich seinen Arm um sie gelegt hatte.

„Miss Gibbson schon da?", knurrte er.

‚Diese Stimme!', schoss ihr durch den Kopf und sie erbleichte augenblicklich. ‚Nein.. Das kann nicht sein! Das darf NICHT sein!' Sie drückte sich immer enger an Tony und kniff gewaltsam die Augen zusammen, dass ihre Augenlider schmerzten, doch das war unwichtig im Moment.

„Klar Boss!", ertönte die sanfte Stimme von Tony.

Ein unkontrolliertes Zittern ging durch ihren Körper. ‚Ganz ruhig! Dreh jetzt bloß nicht durch!', versuchte sie sich selber Mut zu zusprechen.

„Und wo ist Miss Gibbson?", fragte Gibbs genervt.
Kelly traute sich nicht zu rühren. Sie fühlte sich wie in einem Traum gefangen. Albtraum? Nein, ein Traum in dem ihr Vater lebte, war kein Albtraum. Aber wieso fühlte sich alles so echt an, wenn sie träumte?

Tony stupste sie sachte an. Fragend schaute sie auf. Sein Gesicht war etwas verschwommen, durch das gewaltvolle zusammen kneifen ihrer Augen. Sie rieb sich ihre Augen und löste somit etwas die Spannung, doch nicht ganz. Er lächelte und sie versank in seinen Augen.

„DiNozzo!", rief Gibbs verärgert.

Kelly zuckte zusammen. Da war sie wieder die Stimme ihres Vaters. Aber was machte er hier, er war nur ein Gebilde ihrer Fantasie, oder etwa nicht? Sie wagte es nicht zu hoffen. Vor fünfzehn Jahren, ja da hatte sie noch gehofft, dass ihr Dad quicklebendig wieder vor ihr stehen würde, doch schon sehr bald hatte sie es aufgegeben, es war einfach zu schmerzhaft, wenn sich herausstellte, das ihre Hoffnungen nur Schall und Rauch waren, und nun sollte es wieder so sein? Nein, diesen zusätzlichen Schmerz wollte sie sich nicht antun.

Besorgt schaute Tony zu Kelly hinab, die mit qualvollem Gesichtsausdruck neben ihm stand und verzweifelt die Augen zusammen kniff.

„Kelly, alles in Ordnung?", fragte er besorgt.

Kelly nickte nur und ließ aber die Augen geschlossen.

Langsam war Gibbs mit der Geduld am Ende, von der er ja bekanntlich nie viel hatte. Mit großen Schritten trat er auf DiNozzo und dem jungen Mädchen zu. Abrupt blieb er vor den beiden stehen. Plötzlich erschien das Gesicht eines achtjährigen Mädchens vor seinem inneren Auge. Sein Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen. Warum musste er ausgerechnet jetzt an sie, seine geliebte Tochter, denken? Diese junge Frau brachte alte Erinnerungen in ihm hervor, die er in die hinterste Kammer seines Herzens verbannt hatte. Er würgte den Kloß, der sich augenblicklich gebildet hatte, herunter. Er wollte nicht daran denken, nicht hier und auch nicht jetzt. Er hatte schließlich einen Fall zu lösen und dies war oberste Priorität. Doch er konnte nicht umhin zu denken, dass sie Kelly wohl sehr ähnlich war und auch in ihrem Alter. Er schüttelte seine Gedanken ab und konzentrierte sich wieder auf seine Aufgabe. Eben voll der Profi. Doch allzu lange sollte dies nicht anhalten.

„Miss Gibbson!", ertönte erneut die Stimme ihres Vaters. Warum tat er das, warum quälte er sie so? Sie wusste keine Antwort darauf. Sie atmete tief durch und öffnete die Augen. Sie schaute direkt in das Gesicht ihres Vaters, zwar um fünfzehn Jahre gealtert, aber es war sein Gesicht. War das ein schlechter Schmerz? Verzweifelt löste sie sich von Tony und schritt mit weit aufgerissenen Augen rückwärts.

Erschrocken über ihr plötzliches Verhalten und fragend schaute Tony sie an. Was war denn nur los mit ihr? Sie verhielt sich grad so, als stünde der Leibhaftige vor ihr.

Mürrisch hob Gibbs seine Augenbrauen und kräuselte die Stirn. Was sollte das Verhalten der jungen Frau?

Jedes Augenmerk war nun auf Kelly gerichtet. Sie versuchte immer weiter zu fliehen, doch dummerweise stand direkt hinter ihr ein Schreibtisch, der ihr den Weg versperrte. Immer noch mit weit aufgerissenen Augen starrte sie auf den grauhaarigen Mann, der so aussah wie ihr Vater.

„Leroy Jethro Gibbs?", flüsterte sie zaghaft und fassungslos.

Tony schaute verwirrt zwischen Gibbs und Kelly hin und her. Was war hier los?

Gibbs schnaubte.

Kelly schüttelte den Kopf.

„Nein, das kann nicht sein?", sagte sie etwas fester und schaute Hilfe suchend zu Tony.

Ohne weiter darüber nachzudenken, ging er zu ihr rüber und hielt sie am Arm fest.

„Kelly, was ist los mit dir?", fragte er einfühlsam. Er bemerkt das sie unter einem Schock stehen musste und er wandte sich an McGee.

„McGee, hol bitte Ducky, Kelly steht unter Schock!", bat Tony seinen Teamkollegen.

Verdattert, ob der bitte, nickte dieser nur und verschwand um Ducky zu holen.

„Das kann nicht sein!", wiederholte sie immer wieder. Erneut flossen Tränen über ihr immerhin schon verweintes Gesicht. Wieso tat er ihr das an?

Ohne wirklich zu wissen wieso, kam Gibbs ihr immer näher. Er schaute ihr direkt in die Augen und sie hatte das Gefühl, er würde ihr bis tief in ihre Seele blicken.

„Geh weg! Du bist nicht real!", sagte sie verstört und hob abwehrend die Hände. Fragend schaute Gibbs sie an, blieb aber stehen. Er konnte sich einfach keinen Reim daraus machen, was hier gerade los war.

„Geh weg!", sagte sie wieder, diesmal etwas lauter, so dass die anderen Agents aus dem Großraumbüro sich dem Szenario umdrehten und neugierig beobachteten, was da vor sich ging.
Doch Gibbs ging nicht weg, er blieb stehen und dachte gar nicht daran sich wegzubewegen. Er wollte jetzt endlich wissen, was zum Geier hier gespielt wurde.

Unten in der Pathologie bei Ducky

Abby, die sich gerade Gewebeproben von Ducky abgeholt hatte, stieß frontal mit McGee zusammen.

„Autsch!", stöhnte sie und rieb sich ihren Ellenbogen, mit dem sie beim Aufprall gegen den Türrahmen.

„Oh Entschuldige Abby!", entschuldigte er sich hastig, schob sie sanft beiseite und setzte seinen Weg zu Ducky fort.

„Ducky?", fragte er den Pathologen.

Ducky schaute auf, der gerade über Papieren auf seinem Tisch gebeugt war.

„Ja mein Junge?", fragte er.

„Ähm.. Tony bat mich dich zu holen. Wir haben Miss Gibbson oben und es scheint als stünde sie unter Schock!", erklärte McGee und schaute in ein fassungsloses Gesicht.

Hatte Ducky da grad richtig gehört? Anthony hatte McGee gebeten? Das schien ernst zu sein. Und so nickte Ducky, nahm seine Arzttasche vom Fußboden auf und ging mit McGee und Abby, die neugierig stehen geblieben war und gelauscht hatte, nach oben ins Großraumbüro.

Kelly schaute immer noch verstört auf Gibbs und rührte sich nicht. Gibbs wollte wieder auf sie zu gehen, doch Kelly zuckte zusammen und schluchzte laut auf.

„Hört auf!", schrie sie und schlug sich die Hände vors Gesicht. Warum mussten sie sie so quälen?

„Womit sollen wir aufhören, Kel?", fragte Tony besorgt.

„Das kann nicht sein! Du bist tot!", schluchzte sie auf und weinte bitterlich.

Erschrocken schaute Tony sie an, reagierte sofort und zog sie an sich ran.
Beruhigend streichelte er ihr durchs Haar.

„Wer ist tot?", fragte Gibbs nun völlig verwirrt.

„Mein Dad!", schluchzte sie erneut.

Langsam dämmerte es Tony. Er zählte eins und eins zusammen. Konnte es sein, dass die junge Frau Gibbs Tochter war? Ihrer Reaktion zufolge, konnte es hinkommen. Tony schaute ernst zu seinem Boss.

„Boss? Hattest du eine Tochter!", fragte er und fiel gleich mit der Tür ins Haus. Er fand es richtiger direkt zu sein, als um den heißen Brei zu reden, schließlich war diese hier einfach zu ernst.

Gibbs Gesichtsausruck verhärtete sich.

„Was soll das DiNozzo?", knurrte er.

Kelly schaute auf. Hoffnungsvoll blickte sie zu Tony auf. Konnte es wirklich sein, dass ihr Dad wirklich noch lebte? Tony schaute sie liebevoll an und nickte aufmunternd.
Ja sie würde es wagen sich der Hoffnung zu stellen, der Gefahr hin, dass diese Hoffnung wieder zerplatzte wie eine Seifenblase. Sie straffte sich und drehte sich mutig um. Mit ihrem Ärmel wischte sie sich die Tränen aus Gesicht und Augen um besser sehen zu können. Mit Vorsichtigen und langsamen Schritten ging sie auf den Chefermittler zu, der sie verärgert aber auch verwirrt anschaute.

„Bist du's wirklich?", fragte sie zaghaft.

Nun war es an ihm einen Schritt zurück zu weichen. Wütend auf sich selbst, das er Schwäche zeigte und auf diese unverschämte junge Frau die sich erdreistete so was zu sagen. Nein, sie war nicht seine Tochter! Zumindest redete er sich dies immer wieder ein, doch sein Herz kannte bereits die Wahrheit. Dies war seine tot geglaubte Tochter Kelly.