Kapitel 8

Kelly schaute ihm tief in die Augen und versuchte so ihre Verunsicherung zu überspielen. Ihre Handinnenflächen waren nass geschwitzt und ihr Körper zitterte leicht. Ihre Körpersprache sagte jedem im Umkreis von ein paar Metern, dass sie hoch angespannt war. Die Luft zwischen den beiden knisterte vor Anspannung und Nervosität, aber auch Hoffnung und Freude waren zu spüren, jedenfalls bei Kelly.

Gibbs sah so aus, als würde ihm das alles nichts angehen, doch wer ihn etwas besser kannte, sah die Wahrheit aus seinen Augen sprechen. Er war genauso aufgeregt, angespannt und nervös, doch er überspielte seine Gefühle sehr gut. Seine Hände waren zu Fäusten geballt und sein Blick starr auf die junge Frau fixiert, die immer näher kam – gefährlich nahe.

„Was spielen Sie für ein Spiel, Miss?", flüsterte Gibbs aufgebracht. Seine Stimme zitterte vor unterdrückter Wut.

Kelly schüttelte sachte den Kopf.

„Ich spiele keine Spiele!", erklärte sie ebenso leise und führte ihren Weg weiter fort.

Gibbs schüttelte ungläubig den Kopf. Er konnte und wollte ihr nicht glauben.

„Meine Tochter ist tot!", flüsterte er und sein Blick verschleierte sich.

Kelly senkte kurz bestürzt den Blick. Sie war sich nun mehr immer sicherer, dass dies ihr geliebter Vater war, sie musste ihn nur noch davon überzeugen, dass sie die war, die sie vorgab zu sein. Fieberhaft überlegte sie, wie sie es anstellen sollte ihn zu überzeugen. Da fiel ihr plötzlich wieder eine Erinnerung ein, wo sie wusste, dass nur ihr Vater, ihre Mutter und sie davon wussten. Der Gedanke an die Erinnerung brachte sie fast zum lachen, was sie nur schwer unterdrücken konnte. Sie wollte es einfach nicht riskieren, wo sie nun schon so weit war, dass er sich jetzt vor ihr verschloss. Instinktiv wusste sie, dass dies der richtige Zeitpunkt war, solche Gelegenheit würde sich ihr wohl nicht mehr bieten.

Schließlich blieb sie dicht vor ihm stehen und sah ihm direkt in die harten Augen. Sie schluckte trocken. Jetzt oder nie.

„Erinnerst du dich noch, als wir den Ausflug zum Strand machten? Wir haben mein Pferd Domino getauft, weil der Wallach dir die Dominosteine, aus deiner Tasche geklaut hatte und sie genüsslich verzehrt hatte. Du warst den ganzen Tag mürrisch gegenüber dem Pferd.", flüsterte sie, aufmerksam beobachtete sie seine Reaktion.

Vor Schreck riss er seine Augen auf. Konnte es wirklich sein, dass sie seine Kelly war? Es gab nur drei Personen die davon wussten. Niemand hätte es wissen können. Die Realisierung traf ihn hart, wie eine Faust ins Gesicht. Wie in Trance hob er seine Arme. Kelly lächelte zaghaft und kam der Aufforderung nur zu gerne nach. Gibbs zog die junge Frau in seine Arme und drückte sie fest an sich. Mit einer Hand strich er ihr durchs Haar.

„Bist du's wirklich, Kel?", flüsterte er immer wieder ungläubig, mit zittriger Stimme. Kelly nickte und drückte ihren Kopf dichter an seine Brust.

Tony beobachtete Kelly und Gibbs ganz genau und das erste Mal, seit er seinen Boss kannte, sah er Tränen in den Augen des sonst so mürrischen, koffeinsüchtigen Chefermittlers. Das Bild bewegte ihn und trieb selbst ihm Tränen in die Augen, doch er unterdrückte sie erfolgreich und schluckte denn Kloß herunter. Ein sanftes Lächeln legte sich über seine Gesichtszüge. Er verschränkte die Arme vor der Brust und genoss das Bild was sich ihm dort vorne bot.

Ziva stand mit offenem Mund daneben und konnte nicht glauben was sie da sah. Ziva hatte zwar gewusst, dass er früher Tochter und Ehefrau gehabt hatte, bevor er die anderen drei Ehefrauen geehelicht hatte, doch hatte sie weder geglaubt noch daran gedacht, dass seine Tochter vielleicht noch leben könnte.

Kelly schluchzte an der Brust ihres Vaters. Übermächtige Freude trieb ihr die Tränen ins Gesicht. All die Hoffnungslosigkeit, die Ängste und der tiefe Schmerz lösten sich in diesem Moment von ihr, heilten ihre tiefen Wunden der Vergangenheit. Sie konnte dieses Gefühl nicht beschreiben, Freude wäre ein zu schwaches Wort um dieses mächtige Gefühl zu beschreiben. Zum ersten Mal, seit Jahren, war sie frei von all dem Kummer und Schmerz. Ihre Knie knickten unter der schweren Last ein. Ihr Vater hielt sie weiterhin fest und hielt sie somit aufrecht.

In Gibbs herrschte ein Tumult der Gefühle. Noch konnte er nicht verstehen, was gerade geschehen war. Nicht begreifen, dass seine Tochter noch am Leben war. Er hielt seine Tochter und lächelte glücklich, dass erste Mal nach 15 Jahren voller Schmerz und Sehnsucht nach seiner Familie. Er war endlich heimgekehrt.
Sanft streichelte er Kelly übers Haar, die schluchzend an seiner Brust lehnte.

Er hörte hinter sich das bekannte ‚Pling' des Fahrstuhls. Dann wäre sein Team nun komplett und es störte ihn auch nicht – jetzt jedenfalls noch nicht – dass sein Team etwas aus seiner Vergangenheit erfuhr.

Ducky, McGee und Abby traten aus dem Fahrstuhl ins Großraumbüro und erstarrten erstaunt zu Salzsäulen, als sie ihren Kollegen und Freund in einer innigen Umarmung mit einer jungen Frau sahen.
Ducky schüttelte grinsend den Kopf und ging einfach weiter, als wäre das das normalste der Welt. Normalerweise wäre es das ja auch, aber bei Gibbs? Genau eher unwahrscheinlich, je solch eine Gefühlsregung zu sehen!
Das war es auch, was McGee so erstarren ließ und die Kontrolle über seine Kiefermuskulatur verlor und nun mit offenen Mund und starrem Blick das stand, wie hin bestellt und nicht abgeholt. Er konnte nicht begreifen, was er da sah und verstehen schon mal gar nicht.
Abby, die neben ihm stand und ihn musterte, kicherte sich eins ins Fäustchen.

„McGeek, Mund zu, Milch wird sauer!", flüsterte sie ihm zu, bevor sie zu den anderen ging und sich neben Tony stellte.

Tony, der bemerkt hatte, dass sich jemand genähert hatte, schaute Abby an und lächelte. Abby lächelte zurück und schaute dann zu Gibbs. Sie kräuselte die Stirn. Wer war diese Person, die so eng an ihrem Silber Fuchs lehnte? Ein kleines Stechen der Eifersucht entflammte in ihr. Sie verstand nicht, wie er das erlauben konnte, sonst war es doch ihr vorbehalten gewesen ihn so umarmen zu dürfen?
Innerlich verpasste Abby sich selbst eine Ohrfeige. Warum dachte sie nur so? In der Zeit, in der sie schon bei Gibbs im Team arbeitete, war er so was wie eine Vaterfigur für sie geworden.
Tony hatte bemerkt, dass Abby sich neben ihn versteifte, so legte er sanft einen Arm um ihre Schulter und als hätte er ihre Gedanken gelesen, flüsterte er ihr ins Ohr: „Keine Sorge Abs! Sie wird ihm gut tun!" Sie schaute auf und blickte ihn ehrliche Augen, die sie anstrahlten. Sie seufzte leise und nickte verstehend.

Langsam lösten sich Gibbs und Kelly aus der innigen und warmen Umarmung. Er nahm ihr Gesicht in seine Hände und schaute sie an. Sie sah aus wie ihre Mutter, die gleichen Gesichtszüge! Warum war ihm das bloß nicht schon früher aufgefallen? Oder war es ihm aufgefallen und er wollte es nur nicht wahr haben? Er konnte sich in dem Moment keine Antwort darauf geben, er war nur überglücklich. Kelly schloss die Augen und genoss die warme Berührung seiner Hände an ihren Wangen, die heiß glühten vor Freude. Wieder bahnten sich Tränen aus ihren Augen, hinab übers Gesicht. Gibbs lächelte, ein befreites Lächeln und strich ihr mit dem Daumen die einsame Träne weg.

„Wie ist das bloß möglich?", flüsterte er immer noch ungläubig.

Kelly schüttelte sacht den Kopf. „Ich weiß es nicht!"

Gibbs schluckte trocken. Wenn seine Tochter noch lebte, hieß das, dass seine geliebte Frau auch noch leben könnte. Er konnte sich gar nicht vorstellen, dass es so war. Allein der Gedanke daran, dass seine Frau auch noch leben könnte, jagte ihm Schmetterlinge in den Bauch und seine Knie wurden weich wie Wackelpudding. Konnte es sein?

„Shannon?", fragte er leise und wollte gar nicht erst die Hoffnung aufkeimen lassen, doch er konnte sich einfach nicht verkneifen, diese Frage zu stellen, sie brannte ihm auf der Seele und wollte beantwortet werden, damit der Schmerz gänzlich verschwand.

Kelly lächelte und nickte.

„Sie lebt in Philli!", erklärte sie ihm ebenso leise.

Er konnte gar nicht beschreiben, was er gerade genau fühlte, als er Kellys Bestätigung erhielt. Seine Frau lebte auch! Freude, Erleichterung, Angst gar Wut, übertroffen noch von der unglaublich starken Liebe, stiegen gleichzeitig in ihm auf und verursachten ein regelrechtes Chaos, dass ihm schwindelig wurde.

„DAD!", fuhr Kelly entsetzt auf, als er anfing bedrohlich zu wanken.

Ducky war bereits an seiner Seite und stützte ihn, während er sich auf einen Stuhl fallen ließ. Wo war der nur hergekommen?
Kelly wich nicht von seiner Seite, während Ducky Puls und Blutdruck überprüfte.

„Dein Blutdruck ist etwas zu hoch, Jethro, doch wenn ich die Umstände bedenke, ist das ganz natürlich!", erklärte Ducky und drückte Gibbs Schulter. Er lächelte wissend. So so, dass war also Gibbs Kelly. Er konnte sich noch gut an das Bild von der achtjährigen Kelly erinnern, doch 15 Jahre später übertraf sie die Schönheit um ein vielfaches. Er schaute zu Tony und sah, zwar nur kurz, aber sie war da, die Liebe. Eine zarte Liebe, die gerade erst angefangen hatte und erst noch wachsen musste. Ducky musste schmunzeln. Na das konnte ja noch heiter werden.

Detective Monroe verstand von allen anderen von ihnen am aller wenigsten, was hier vor sich ging und wurde langsam ungeduldig.

„Ich unterbreche ja nur zu ungern ihre Wiedersehensfreude, aber wir haben einen Fall aufzuklären, falls ihnen das entgangen sein sollte!", schnaufte Monroe und klopfte mit den Fingern auf der Tischplatte herum.
‚Taktlos!', war das eine Wort, welches fast jedem in dem Großraumbüro durch den Kopf schoss. Entgeistert starrten alle ihn an. Gibbs eher mürrisch und angesäuert.

„Was?", Monroe hob abwehrend die Hände. „Ist doch so!", murrte er klein laut.

Ducky schüttelte nur verständnislos den Kopf, nahm seine Tasche, klopfte seinem langjährigen Freund noch mal auf die Schulter und verschwand wieder nach unten in sein Gebiet. Abby folgte ihm so leise wie sie gekommen war, im Moment fühlte sie sich etwas fehl am Platze und Gibbs – der sie sehr wohl bemerkt hatte - spürte, dass er ihr einiges erklären musste… später.

Langsam erhob sich Gibbs wieder – Kelly eilte sofort zu ihm hin und stütze ihn, er lächelte ihr dankbar zu – und baute sich vor seinem Team auf. Sein Blick richtete sich auf Tony.

„Wir unterhalten uns später noch!", sagte er zu Tony fast drohend, bevor er weiter sprach.

Tony schluckte trocken, als ihm wieder einfiel, wer der Vater von der jungen Frau war, in der er sich verliebt hatte. ‚Oh oh!', dachte er nur und machte sich innerlich schon mal bereit. Man konnte ja nie wissen.

Kelly lächelte ihm aufmunternd zu und Tony nickte. Er entspannte sich wieder und konzentrierte sich wieder auf den Fall.

„McGee, du und Ziva, ihr findet heraus, wer der echte Joseph Michaels war und wer der falsche!", befahl Gibbs.

McGee und Ziva nickten und machten sich sofort an die Arbeit.

Kelly kräuselte verwirrt die Stirn.

„DiNozzo, Monroe, mitkommen!", befahl er mit einer leichten Kopfbewegung in Richtung der Verhörräume. Kelly blieb wie angewurzelt stehen. Was sollte sie denn jetzt bloß tun? Sie war immer noch völlig aufgelöst und es dauerte etwas, bis sie sich gesammelt hatte. Tony stand nun neben ihr, legte eine Hand auf ihren Rücken und streichelte in kreisenden Bewegungen beruhigend darüber.

„Er meinte auch dich!", flüsterte er ihr zu und lächelte.

„Ah, okay!", brachte sie leise hervor. An die neue Situation musste sie sich erst noch gewöhnen.

„Na, komm!", lächelte er ihr zu und nahm ihre Hand wie selbstverständlich. Dankbar lächelte sie zurück und zusammen gingen sie zum Verhörraum, in dem Gibbs schon Ungeduldig stand und auf sie wartete.