Sein Blick strich über die Weite von Rohan. Hinter ihm lag die Hornburg, in der er glücklicherweise seine Vorräte aufstocken konnte, als er sie gestern zu recht später Stunde auf seinem Pony erreichte. Thorins langen, braunen Haare wehten in der warmen Sommerbrise. Der Himmel war strahlend blau, die Wiesen erstreckten sich weit und am Horizont konnte er bereits den Wald Fangorn erkennen. Verglichen mit dem Weg den er schon zurückgelegt hatte, kam ihm das Stück, das vor ihm lag fast lächerlich kurz vor. Schließlich hatte er wahrlich bereits die größte Strecke hinter sich gelassen. Seine weite Reise hatte ihn bereits von Ered Luin, durch das Auenland, die Stadt Bree und durch Dunland geführt. Nun hatte er nach all der Zeit, während der er aufgehört hatte die Tage zu zählen, am Abend zuvor endlich Rohan erreicht. Wenigstens hatte er bis Bree noch einen Begleiter an seiner Seite.
Als der graue Zauberer damals bei ihm in seinem kleinen Haus in Ered Luin auf der Schwelle stand, sich quasi selbst einlud und unter dem niedrigen Dach leicht gebückt an Thorins Tisch Platz nahm, da waren dem Zwerg fast die Augen aus dem Kopf gefallen. Einen Zauberer erkannte jeder sofort, doch hierher verirrten sie sich eigentlich nur selten. Eigentlich überhaupt nicht. Und als sich dieser als Gandalf der Graue vorstellte und Thorin auch noch von seinem Vater berichtete, von seiner Gefangenschaft und wie dieser schließlich ums Leben gekommen war, wusste Thorin überhaupt nicht mehr, was eigentlich gerade passierte. Bis Gandalf ihm erklärt hatte, wie er zu ihm gelangt war verging gut eine weitere Stunde. Es war einfach schwer zu glauben, was dieser Mann getan hatte, der da vor ihm saß. Aber er wirkte durchaus vertrauenswürdig. Thorin hatte eine gute Menschenkenntnis, darauf konnte er sich immer verlassen, also ließ er den Fremden sprechen.
„Ich verkleidete mich also und tarnte mich in den Tiefen dieses schrecklichen Höllenlochs.", Gandalf sprach von dem kalten Gefängnis in den Saurons Brut Thorins Vater Thráin verschleppt hatten, „Und es dauerte nicht sonderlich lange, bis ich deinen Vater vorfand. Sein Zustand war wirklich schlimm. Er war verwahrlost und die Folter, die er bereits über sich ergehen lassen musste, hatte ihn bereits gezeichnet." Der Zauberer senkte seinen Blick auf den – für ihn - recht kleinen Humpen Meth, welchen Thorin ihm, gastfreundlich, wie er war, angeboten hatte.
„Was hat euch dazu bewogen ihn dort aufzusuchen?", gespannt wartete Thorin auf die Antwort auf diese Frage. Sie brannte ihm, schon seit der unangekündigte Besucher angefangen hatte zu erzählen, unter den Fingernägeln.
„Mein lieber Freund Thorin Eichenschild.", eine leichte Belustigung war in Gandalfs Gesicht zu entdecken, „Ich bin ein Freund der Zwerge jeher. Als ich von Thráins schrecklichem Schicksal erfuhr wusste ich, dass ich eingreifen muss." Da sein Gegenüber darauf einen kräftigen Schluck Meth nahm und schwieg, konnte Thorin davon ausgehen, dass das anscheinend Antwort genug auf seine Frage sein musste. Eigentlich nicht zufriedenstellend.
„Und was macht ihr nun hier? Mir die Botschaft seines Todes überbringen?" Dass unser werter 'Gastgeber' dieses Treffens, wie wir Thorin nun auch nennen wollen, so harsch fragte, muss man ihm verzeihen. Der Tod seines Vaters war nach Zwergenrecht schon seit einiger Zeit verkündet worden und es kam ihm recht unhöflich vor, solche Wunden wieder aufzureißen.
Der Zauberer hob bei dieser Aussage nur eine Augenbraue und amüsierte sich ein wenig über die Gefühlsregungen des Zwerges. Ohne Zweifel, ein wahrer stolzer König, der da, wenn auch in keinem Schloss oder Palast, vor ihm saß, sondern viel mehr in einer kleinen Hütte mit gut gedecktem Strohdach.
„Ich bin auf alle Fälle nicht den weiten Weg hierher gekommen, um euch zu beleidigen.", sagte Gandalf beruhigend, als er merkte, dass auch die Geduld eines Zwerges nicht unendlich zu sein schien, „Ich werde mich erklären."
„Ich bitte darum.", Thorins Nerven waren zum zerreißen gespannt. Solche Nachrichten waren wirklich aufreibend.
„Thorin, ich rate euch Ruhe zu bewahren, egal was ich euch nun darlegen werde.", sagte der Zauberer langsam, da er sah, wie sich Thorin bemühte noch höflich zu bleiben.
„Ich werde es versuchen."
Was Gandalf ihm darauf erzählte verschlug unserem Zwergenkönig die Sprache. Dieser hatte sich nämlich wahrlich in das Gefängnis von Saurons Schergen geschlagen und war bis in die tiefsten Tiefen vorgedrungen – so weit wissen wir es ja auch schon aus seinen Schilderungen. Eigentlich war er mit dem Vorsatz Thráin zu befreien dorthin gekommen, doch ihn in solch einem schlechten Zustand zu finden, damit hatte er nicht gerechnet. Der Zwerg hatte seit seiner Gefangenschaft nicht mehr gesprochen, was ihm die schlimme Folter einbrachte. Die Wunden an seinem Körper klafften tief.
Mit seiner letzten Kraft übergab er Gandalf einen Fetzen Pergament und flüsterte ihm eine Botschaft zu:
„Tief sitzt der Schmerz, die Heimat weit,
ganz schwer das Herz, zu schnell die Zeit,
Nur das Orakel weist den Weg,
ehe das Reich zu Ende geht.
Im tiefen Walde, schwarz und dunkel,
du findest deinen Rat im Licht.
Und scheint die Heimat dir zu weit,
Dann sag' ich dir, verzage nicht.
Du kommst allein und gehst zu zweit."
Thorins Augen weiteten sich, während Gandalf diese Verse sorgsam aufsagte, die ihm Thráin vor seinem Tode eingeschärft hatte. Bei jeder Zeile war er darauf bedacht keinen Fehler zu machen.
„Allerdings kann ich dir nicht sagen, was dein Vater damit beabsichtigte zu sagen, junger Krieger Eichenschild. Ich kenne weder ein Orakel, noch einen Wald in dem es warten könnte.", damit endete Gandalf und wartete auf eine Reaktion von Thorin.
„Es gibt bei uns Zwergen eine Legende. Doch, dass sie wahr sein soll, kann ich mir nicht vorstellen. Ein Krieger fiel vom Himmel und kam nicht mehr zurück zu seiner Heimat. Stets blickte er hinauf in die Wolken und litt unter großem Schmerz, wenn er an all die Freuden dachte, die dort auf ihn warteten. Den Blick nach oben gewandt wandelte er durch die Welt, bis er an einem Wald ankam. Er ging einfach hinein, an nichts mehr glaubend, er hatte nichts mehr zu verlieren. Erst umhüllte ihn Dunkelheit, dann umhüllte ihn Licht und er kehrte auf wundersame Weise wieder zurück in seine Heimat.
Aus diesem Märchen stammen auch diese Zeilen, die ihr zitiert habt. Früher sangen wir oft Lieder darüber, als unsere Leben noch fröhlich waren."
Gandalf brummte nachdenklich und nahm den letzten Schluck Meth aus seinem Humpen: „Wo liegt das Orakel laut der Legende?"
„In den Tiefen eines der letzten Urwälder. Den Ort den jeder seiner Macht und Hüter wegen meidet."
„Fangorn...", sprach Gandalf nickend und schien Gedanken nachzuhängen.
„Ja, Fangorn.", fügte Thorin noch hinzu und da er meinte es würde der Aussage noch stärkeren Nachdruck verleihen, sagte er auch: „Der schwarze Wald der Ents." Denn er mochte es, das letzte Wort zu haben.
Dann saßen sie sich einige Zeit einfach schweigend gegenüber. Gandalf sinnierte brummend vor sich hin. Thorin verarbeitete die Flut an Informationen, die Gandalf gerade über ihn hinweggespült hatte.
Ein leises Lachen tönte in die Stille.
„Wenn ihr nichts dagegen hättet würde ich noch einen Humpen des vorzüglichen Meths trinken.", sprach Gandalf und brachte damit wieder Leben in Thorin, der bis zu diesem Augenblick regungslos am Tischende gesessen hatte. „Oh ja, natürlich.", sprach dieser, sprang auf, besann sich seiner gastgeberischen Pflichten und verschwand schnell in der Küche, um den vollen Krug zu holen, der dort auf dem Tresen stand. Als er Gandalf den Humpen wieder und nun auch einen Becher für sich mit der köstlichen Flüssigkeit füllte, fixierte dieser ihn mit einem starken Blick: „Ihr glaubt nicht, dass das Orakel existiert, nicht wahr, Thorin?" Etwas erschrocken, dass er noch einmal darauf angesprochen wurde, antwortete er nicht gleich und nahm erst einmal selbst einen Schluck.
„Dass ihr zögert zeigt, dass ihr euch nicht sicher seid."
„Dass ich zögere, hat mehr damit zu tun, dass ich nicht mit so einer Frage gerechnet habe.", entgegnete Thorin entrüstet, „Ich finde das alles etwas lächerlich. Es sind doch nur Märchen aus alter Zeit."
„Lächerlich, junger Eichenschild?", Gandalf hob eine Augenbraue, „Sind Märchen nicht das, was eigentlich einmal der Wahrheit entsprach?"
„Kann man nicht ebenso sagen, dass Märchen die Worte eines verwirrten alten Mannes sind? Was wollt ihr mir sagen, Grauer? Ihr sprecht stehts in Rätseln.", etwas mürrisch, aber entschlossen blickte Thorin seinem Gast in die Augen.
„Will sagen, dass man nichts weiß, so lange man es nicht mit eigenen Augen gesehen hat.", er schenkte Thorin einen vielsagenden Blick. „Und, dass euer Vater diese Worte bestimmt nicht ohne Grund als die Letzten seines Lebens gewählt hat."
Darauf schwiegen sich die beiden wieder an, bis Gandalf stumm nickte, sich schließlich erhob, rasch mit einem gebrummten „Bis bald." verabschiedete und Thorin alleine zurückließ.
Die Nacht legte sich darauf schnell über die Stadt und der Zwergenkönig ging auch bald zu Bett, wo er in einen unruhigen Schlaf sank. Stets das Lied im Kopf, dessen Verse Gandalf von seinem Vater vorgetragen bekommen hatte.
Selbst am nächsten Morgen gingen ihm die Reime nicht aus dem Sinn. Leise summte er die Melodie (obwohl man es bei Thorins dunklem Barriton wohl eher als ein Brummen bezeichnen sollte). „Tief sitzt der Schmerz, die Heimat weit...", ein Rumpeln an der Tür ließ ihn verstummen. Als der Zwerg sie öffnete, war er eigentlich nicht überrascht Gandalf davor stehen zu sehen.
„Junger Eichenschild. Ich bin froh euch zu sehen. Lasst uns ein paar Schritte tun und die Beine vertreten." Da Thorin sich wahrscheinlich ohnehin nicht dagegen hätte wehren können, trat er hinaus in die Sonne und begann neben dem großen Zauberer herzugehen.
„Thorin, ich werde nicht lange um das herumreden, was ich vorhabe. Du bist der Träger einer Bürde", das Gandalf ihn duzte kam unerwartet, „Und diese Bürde betrifft dein ganzes Volk – auch wenn es nicht mehr so vereint ist, wie zu früheren Zeiten."
„Wohl wahr.", sagte Thorin, leicht verdutzt, denn er wusste nicht worauf Gandalf eigentlich hinaus wollte.
„Ich bin froh, dass du auch so denkst.", ein Lächeln spielte um die Züge des Zauberers.
Die beiden waren auf einer kleinen Anhöhe angekommen und überblickten einige Felder die in der hellen Morgensonne bewirtschaftet wurden.
„Thorin, es ist Zeit den Weg in Richtung Erebor zu beschreiten."
Thorins Augen weiteten sich und ihm blieben glatt die Worte im Halse stecken. Erebor? Er traute seinen Ohren nicht. Da aber Gandalf keine Miene verzog, war er sich sicher, dass der Mann, der ihm gegenüber stand, nicht scherzte. Wenn er ehrlich war, dann hätte er sich aber genau das in diesem Moment gewünscht.
„Stolzer König Thorin, scheust du dich vor deiner Heimat?"
„Meine Heimat ist nicht mehr die meine. Sie beherbergt nur das Böse."
„Ein guter Anführer bist du!", leichter Spott schwang in Gandalfs Stimme mit, „Man könnte meinen du willst nur der störrischen Seite deines Volkes nachhängen und nicht der hoffnungsvollen."
Das traf Thorin zutiefst und der große Stolz seines Zwergenblutes bekam dadurch durchaus einen leichten Knacks.
„Ich würde nach Erebor ziehen, wenn es nicht in den sicheren Tod führen würde. Wir können nicht noch mehr Verluste verkraften. Mein Volk hat bereits zu viel gelitten."
„Und doch reicht dir das Schicksal in diesen Tagen die Hand und du ergreifst sie nicht!", dies stimmte Thorin nachdenklich, „Ich werde heute Nacht aufbrechen. Es liegt an dir, junger Eichenschild, ob du mit mir kommst und deinem Volk einen wahrlich nötigen Dienst erweisen willst, oder eben nicht. Doch du solltest es als deine Pflicht ansehen. Sohn des Thráin. Sohn des Thrór."
Kurze Zeit stand Schweigen zwischen ihnen, dann ergriff Thorin das Wort: „Erläutere mir, was du meinst, was zu tun ist."
Und Gandalf begann zu erklären:
„Es ist kein Zufall, dass dein Vater mir jene Zeilen als letzte Botschaft überbrachte. Ich bin sogar vielmehr zu der Überzeugung gelangt, dass das Orakel über das wir gestern für kurze Zeit sprachen wahrlich existiert. Es muss einen Grund geben, weswegen Fangorn noch immer unberührt ist und seine Hüter so streng über den Wald wachen. Es wäre durchaus möglich, dass dort ein Orakel haust, von dem wir noch nichts ahnen."
Thorins Blick schweifte wiederum in die Ferne, dort konnte man bei der klaren Luft die Spitzen der Berge von Anmar erkennen.
„Würdest du die Chance nicht nutzen, dorthin reiten und sehen was dort auf dich wartet, könntest du die letzte Hoffnung für das stolze Volk der Zwerge vertun. Eigentlich ist dies gar kein Umstand der es zu Fragen bedürfte, ob du nun willst oder nicht, Thorin.", wiederum schwang Belustigung in Gandalfs Stimme mit.
Wie wir bereits aus meinen Schilderungen am Anfang dieses Kapitels wissen, hatte Thorin sich durchaus auf den Weg zu dem Ent-Wald gemacht. Es waren einige Wochen die bei dieser Reise vergingen und Gandalf begleitete ihn nur bis Bree. Doch die Heimat Erebors vor seinem geistigen Auge, kam ihm jeder Ritt, egal durch welche Witterung, äußerst kurzweilig vor. Nun den schwarzen Wald Fangorns vor sich, kamen ihm allerdings die ersten Zweifel. Wenn er diesen Wald betrat, den sonst jedes vernünftige Wesen mied und dort nichts als tiefste Düsternis vorfand, dann war alles umsonst gewesen und sein Volk weiterhin verloren. Alles stand auf Messers Schneide. Und hätte Thorin gewusst, welches Abenteuer ihn am Ende dieser Reise erwartete, dann bin ich mir nicht sicher, ob er entschlosseneren Schrittes seinen Weg fortgesetzt hätte.
