Die Nacht legte sich bereits über das Land, als unser werter Thorin schließlich erwachte. Natürlich wusste er davon nichts, schließlich lag sein Zimmer ja unter der Oberfläche.
Nachdem er sich ausgiebig gestreckt hatte, stand er auf und ging hinüber zu der edlen, großen Wasserschale, die an der gegenüberliegenden Wand befestigt war. Rasch wusch er sich, eine wahre Wohltat nach der langen Reise und den Ereignissen des letzten Tages. Das Wasser duftete wie der frische Morgentau, der sich über Wälder und Wiesen legte.
Nachdem er sich gerichtet hatte, dauerte es nicht lange bis er das Schloss erneut knacken hörte und die Türe aufschwang.
„Gut, ihr seid bereits wach.", eine blonde, lächelnde Frau trat ein, Thorin war sich nicht sicher, ob sie auch eine der beiden gewesen war, die ihn bereits hierher begleitet hatten. Über ihrem rechten Arm hingen dunkelgrüne Kleider, die sie auf dem Bett ausbreitete. „Dies ist ein Geschenk der neuen Weisen Aire. Sie hofft, ihr werdet sie zum Fest tragen."
Thorin nickte nur, als er den edlen Stoff mit seinen Fingern berührte. Aire. War das die junge Blonde, die ihr Aussehen verändert hatte, als sie auf ihn zu geschritten war? Er würde es wohl noch an diesem Abend erfahren.
„Wenn ihr euch umgezogen habt, dann kommt heraus. Ich warte vor der Türe auf euch." Mit diesen Worten ließ sie Thorin wieder alleine.
Rasch zog er sich um. Erstaunlicherweise passten die neuen Kleider wie angegossen.
Er schnürte seine alte dunkelblaue Robe zu einem kleinen Bündel und hängte es sich über die Schulter. Vielleicht würde sich ja eine Möglichkeit ergeben, sich während dem Fest davonzuschleichen. Wenn er wirklich mit 14 Begleitern nach Erebor ziehen sollte, dann sollte er bald mit der Suche nach ihnen beginnen. Und zudem war ihm die ganze Gesellschaft der hübschen Frauen nicht geheuer. Er wusste ja noch nicht einmal, wo er sich so eben befand.
Zudem steckte er einige Äpfel, die in einer Schale in seinem Zimmer standen in sein Bündel. Das war besser als gar nichts zu essen, wenn er es wirklich schaffen würde heute Nacht zu gehen.
Darauf ging er entschlossen zur Türe und öffnete sie. Wie die junge Frau es gesagt hatte, hatte sie dort auf ihn gewartet. „Die Robe steht euch sehr gut.", sie kicherte leise und wurde rot, als sie zu ihm hinunterblickte, „Wir werden bereits erwartet." Dann ergriff sie Thorins Hand, was ihm um ehrlich zu sein ein wenig unangenehm war, und zog ihn den Gang entlang wieder nach oben zur Oberfläche.
Schon von weitem konnte er Harfenklänge hören, die die Treppe, auf die sie zu gingen, herunter drangen.
Das Fest war anscheinend schon in vollem Gange. An der ersten Treppenstufe angelangt, ließ seine Begleiterin seine Hand los und bedeutete Thorin er solle vor ihr nach oben gehen. „Ich komme gleich nach."
Thorin atmete einmal tief ein und aus und setzte seine königliche Miene auf, die er sich nur für offizielle Ansprachen und Anlässe aufhob. Dann wollen wir mal, dachte er sich, und stieg Stufe um Stufe nach oben.

Das Fest hatte tatsächlich schon begonnen. Der Pavillon selbst war zwar leer, doch außen auf der Wiese, die sich um ihn befand waren niedrige Tische aufgebaut auf denen weiße Tücher lagen und sich Speisen in unglaublicher Menge türmten. Um auf ihnen zu essen mussten alle auf dem Boden sitzen, was allerdings der ausgelassenen Stimmung keinen Abbruch tat. Von allen Seiten ertönte Gelächter, Kichern und Musik. Wenn man nicht aß, dann tanzte man und wenn man nicht lachte, dann wurde erzählt.
Doch so sehr er sich anstrengte, er konnte keinen Mann entdecken. Nur Frauen, allesamt in weiche, lange Kleider gehüllt.
Thorin stand auf der obersten Stufe zum Eingang des Pavillons, jeder konnte ihn sehen, aber niemand schien sich für ihn zu interessieren. Das wird ja ein Kinderspiel, von hier zu verschwinden, dachte er so bei sich.
Aber – oh – roch das Essen köstlich. Wie lange hatte er keine so guten Speisen mehr vor sich gesehen. Und sein Verlangen zu bleiben und nur einen Bissen von dem köstlichen Braten dort auf dem Tisch zu kosten wurde beinahe unerträglich.
„Ihr seid mein Gast, Thorin, ihr dürft euch an allen Speisen bedienen, wie es euch beliebt.", eine glockenhelle Stimme sprach zu ihm mit einem Lachen, als hätte sie seine Gedanken gelesen. Sie kam aus dem Pavillon. Als er sich um wandte sah er die junge Frau, die nach der Verbrennung der alten Dame auf ihn zugekommen war.
„Und die Kleider die ich für euch aussuchte, stehen euch wahrlich ausgezeichnet. Es wäre schade, wenn ihr sie den Frauen nicht zeigen würdet."
Dort stand sie, an der oberen Schwelle der Treppe. Ihre Haare waren nun dunkelblond gefärbt und hingen glatt über ihre Schultern. Ihr Gesicht wirkte fast noch schöner als zur früheren Stunde. Dass sie so überrascht aufgetaucht war und auch noch zu wissen schien, was er dachte, brachte Thorin ein wenig aus der Fassung und er suchte verzweifelt nach Worten. Doch alles was er vermochte zu sagen, war: „Ja, eine wahre Schande." Was er sofort, kaum hatten die Worte seinen Mund verlassen, schon bereute.
Wenn sie diejenige war, die die Kleider für ihn gewählt hatte, dann musste sie Aire sein. Die neue Weise. Hatte die Frau, die ihn abgeholt hatte sie nicht so genannt? Thorin war sich nicht mehr sicher.
Mit einem breiten Lächeln trat sie auf ihn zu und wiederum veränderte sich ihre Größe, sodass sie auf Augenhöhe mit ihm war. Sie schien ihre Gestalt variieren zu können, wie es ihr beliebte. Er wollte sie gerade nach ihrem Namen Fragen, da sprach sie: „Mein Name ist Aire, ich bin Auserwählte des Gottes Eru, entstamme der Blutlinie der Seher, Heilige im Walde Fanggorn.", sie strahlte Thorin entgegen, der wiederum nicht wusste wie ihm geschah.
„Es ist bereits alles für euren Aufbruch vorbereitet. Doch es wäre wahrlich schade, wenn ihr uns heute bei unserem heiligen Fest nicht länger beehren würdet und euch entschließt uns nun schon zu verlassen – ohne euch zu verabschieden.", sie schenkte ihm einen vielsagenden und strengen Blick und Thorin wurde klar, dass sie wusste, was er vorgehabt hatte, bis er den köstlichen Geruch des Essens wahrgenommen hatte. Deshalb schüttelte er nur den Kopf und bekam ein leicht schlechtes Gewissen. „Natürlich werde ich bleiben.", sagte er deshalb schnell. Das schien Aire zu freuen. Elegant sprang sie auf ihn zu, hakte sich bei ihm unter (Thorin fühlte sich davon recht überrumpelt) und lachte wie ein kleines Mädchen. Dass sie gerade noch so ernst gewesen war, war ihr in keinster Weise mehr anzusehen.
„Dann lasst uns gehen!", aufgeregt sprang sie auf und nieder und zog unseren Zwerg an seinem Arm, „Wir müssen meine Geburt feiern!"
Ein launisches Wesen, dachte sich Thorin nur, in was ich da nur hineingeraten bin.
Da wandte sich Aire abrupt um, blieb stehen und flüsterte Thorin leicht verschwörerisch zu: „Ihr werdet heute Abend noch sehen, wie launisch das Schicksal manchmal spielt, junger Krieger Eichenschild!"
Dann zog sie ihn lachend und fröhlich weiter und Thorin stapfte nur verwirrt hinterdrein.

Die Stimmung war sehr ausgelassen, der Wein schmeckte köstlich, die Speisen waren exzellent. Aire lachte und tanzte, sprach mit Frauen die ständig zu ihr kamen und wieder gingen, zeigte eigentlich keinerlei weiteres Interesse an Thorin und ließ ihn schließlich nach dem Essen schnell mit einigen Frauen alleine am Tisch, die allesamt durcheinander schnatterten und kicherten.
Eine mit kurzen braunen Haaren saß direkt neben ihm und schielte immer wieder zu ihm herüber. Allerdings traute sie sich anscheinend nicht ihn anzusprechen. Thorin ergriff das Wort: „Mein Name ist Thorin Eichenschild, König unter dem Berge.", er fand es nötig sich offiziell vorzustellen, „Sagt, könnt ihr mir erklären, was heute geschehen ist? Mir wurde noch nicht einmal genau erzählt, weshalb wir eigentlich feiern." Seine Nachbarin konnte ein Lachen nicht verkneifen. „Ich weiß, wer ihr seid , werter König unter dem Berge,", sie fand seine Art sich vorzustellen äußerst amüsant, „Mein Name ist Nurh, ich bin Dienerin im Tempel der Weisen und ja, ich möchte es euch gerne erklären."
Und darauf erläuterte sie ihm, dass der Mord an der alten Dame, deren Name 'Ist' Wissen bedeutete und die Aire ihr Leben geschenkt hatte, ein heiliges Ritual gewesen war. „Denn nur durch den Stich ins Herz mit dem Dolch aus der Urzeit, kann die Fähigkeit in die Zukunft und Herzen zu blicken und dieses Wissen zu tragen, weitergegeben werden." Dabei stupste sie beim Wort 'Herz' Thorin mit ihrem Zeigefinger auf seine rechte Brust, „Wir feiern heute also Neugeburt und Abschied. Von letzterem allerdings mehr als einen." Verschwörerisch blickte sie Thorin entgegen und er verstand, dass seine eigene Weiterreise gemeint war.
„Und Ist war Aires Mutter?"
„Ja, das war sie.", sie kicherte erneut, allerdings nicht, weil Thorin sie belustigte, sondern weil sie schon zu viel vom Wein getrunken hatte, „Ihr Tod war für den heutigen Tage vorherbestimmt. So hatte sie es gesehen, so ist es passiert. Möge sie in die Ewigkeit eingehen."
Sie hob ihr Glas und prostete Thorin zu, der darauf auch einen großen Schluck aus seinem nahm.
„Sagt, König Thorin, ich weiß nicht ob es mir gestattet ist zu fragen,", sie senkte ihre Stimme und beugte sich zu ihm herüber, niemand außer ihm konnte sie hören, „Warum seid ihr hierher gekom– "
„Es ist euch nicht gestattet.", Aire war von hinten an die beiden herangetreten und unterbrach Nurh harsch, „Es ist nichts, was eine Dienerin zu wissen hat."
Nurh erstarrte, warf sich vor der neuen Weisen zu Boden und bat um Vergebung. Die Musik verstummte für einen kurzen Augenblick und alle Aufmerksamkeit war auf die drei gerichtet.
„Wie konntet ihr sie denn hören?", fragte Thorin verwundert, sie hatte doch so leise gesprochen.
„Ich wusste was sie fragen wird, bevor sie selbst daran dachte.", war ihre wunderliche Antwort. Noch einen Moment war alles still, doch dann löste sich das Schweigen um sie und alles kehrte zur ausgelassenen Stimmung zurück.
„Thorin, ihr habt gegessen und getrunken.", sprach sie, was mehr eine Feststellung war, als eine Frage. Mit einem prüfenden Blick sah sie auf ihn hinab..
„Ja, das habe ich. Ich danke für eure Gastfreundschaft", erwiderte Thorin. Nurh kroch indes von ihrem Platz hinfort und versteckte sich hinter einer der Frauen, die am nächsten Tisch saßen.
„Dann wird es Zeit zu Bett zu gehen, bevor ihr morgen weiterreist.", ein Lächeln legte sich wieder auf ihre Züge. Ihr Blick war leicht verschwörerisch, ließ aber keinen Widerspruch zu.
Thorin nickte, brummte etwas unzufrieden und erhob sich. Diese Frau war so launisch, mit ihr wollte er sich nicht anlegen.
Aire klatschte und das blonde Mädchen, das Thorin bereits die Kleider gebracht hatte, erschien neben ihr.
„Bring ihn zurück in sein Zimmer. Morgen wird er aufbrechen, bis dahin soll er sich ausruhen."
Die Blonde ergriff seine Hand und kicherte, auch sie hatte anscheinend schon zu viel Wein getrunken. Dann zog sie ihn zurück in den Pavillon und die Treppe hinunter.
„Ist es bei euch üblich, die Gäste vom Fest zu verweisen?", Thorin war durchaus nicht glücklich darüber, den ganzen guten Wein und die Speisen dort oben alleine zu lassen.
„Die Weise Aire will nur das Beste für euch. - Und ihr bringt die anderen Frauen auf falsche Gedanken.", sie zwinkerte ihm zu.
„Falsche Gedanken also...", Thorin fühlte sich geschmeichelt und begann zu grinsen.
Sie waren am Zimmer angekommen und die Blonde zog wiederum den Schlüssel aus der Tasche.
„Ihr werdet mich wieder einsperren?"
„Die heiligen Hallen sind nicht weit von diesem Zimmer, wir wollen nicht, dass ihr sie betretet. Es ist eine Anweisung der hohen Aire.", wiederum kicherte sie, „Sie weiß mehr über euch und was ihr vielleicht zu tun gedenkt, wenn ihr alleine seid, als ihr es für möglich halten würdet."
Thorin brummte mürrisch. Sollte Aire doch denken, was sie wollte.
Er hatte sich so sehr nach Gesellschaft gesehnt, bevor er hier angekommen war, aber nun war er wirklich froh, dass er morgen den Wald wieder alleine verlassen würde.

~SOOOOO! Ich hoffe euch gefällts! Würde mich über Feedback freuen und hoffe, dass ich bald wieder mehr Zeit zum Schreiben habe! *Fingers crossed* Bis ganz bald!3 ~