Zwei Hände packten ihre Oberarme und deren Finger griffen so tief in ihr Fleisch, dass sie leise aufschreien musste. Gerade noch war sie in einen dämmrigen Schlaf gefallen und nun wurden ihre Arme wurden jäh nach hinten zusammen gerissen und an den Handgelenken gefesselt. Sie unterdrückte einen weiteren Laut; stattdessen senkte sie ihren Kopf und biss die Zähne zusammen. Der Rohirrim, der sie gefesselt hatte, zwang sie nun dazu, voran zu gehen, während er sich in einer fremden Sprache kommandoartige Laute von sich gab. Widerwillig setzte die Frau einen Fuß vor den anderen. Bedrohlich blitzte das Langschwert des Soldaten neben ihr.

Was war geschehen?

Das Lachen und das laute Schmatzen der Rohirrim an den Lagerfeuern verstummten jäh, als sich die kleine Gruppe mit der Gefesselten näherte.

„Was habt Ihr denn da ans Tageslicht befördert, Herr Fréaláf?", höhnte einer der Soldaten und verschüttete einiges seines Bieres, während er dem Angesprochenen zuprostete.

„Der Marschall wird es schon herausbekommen!", gab dieser lachend zurück und schubste sie unsanft vorwärts.

Kurze Zeit später erreichten sie eines der Zelte, vor dem die Gruppe halt machte. Fréaláf steckte seinen Kopf durch den Außenvorhang und rief: „Herr Éomer, wir haben eine interessante Entdeckung gemacht." Dabei wand er seinen Kopf zurück zur Gefangenen und grinste wiederum breit. Sie hob den Kopf kaum und starrte ihn nur aus ihren schwarzen Augen aus an. Sofort trat der Marschall aus seinem Zelt und betrachtete die Gefangene stirnrunzelnd. Er war hochgewachsen, kräftig und durchaus respekteinflößend, doch die Gefesselte zeigte keinerlei Reaktion. „Was soll das bedeuten?", fragte er seine Mitstreiter. In diesem Moment stieß der Rohirrim mit Namen Fastred, der sie die ganze Zeit an den Armen geführt hatte mit einem gewaltsamen Hieb nach unten, wodurch sie auf den Knien landete. Gleichzeitig riss er ihr die Kapuze vom Gesicht und entblößte schwarze, lange Haare, die wirr zu einem Knoten zusammengebunden waren.

Keuchend sah sie auf und sah in das entsetzte Gesicht des Marschalls, dem es für einen Moment die Sprache verschlug. „Eine vom Südvolk", sprach Fréaláf verächtlich, „oder eine aus dem Osten. Ich vermag diesen abtrünnigen Menschenschlag nicht auf das genaueste zu unterscheiden." Dies rief die erste Regung von ihr hervor. Sie fixierte ihn mit ihren Augen, die nun voller Hass waren.

Fastred warf dem Marschall nun den feuerroten Köcher und den Bogen, sowie einen Säbel vor die Füße und sprach: „Wir fanden sie in dem kleinen Wäldchen auf dem Hügel, als wir Jagd auf einen Hirsch machten. Diese Waffen hatte sie bei sich. Die Möglichkeit, sie sei eine unbehellichte Wanderin ist also nahezu auszuschließen."

Der Marschall unterdessen musterte die Unbekannte mit einem undefinierbaren Blick. Fréaláf hatte natürlich Recht; das Mädchen war klein gewachsen und von gedrungener Statur und wies nicht nur die schwarzen Haare und die dunkle Haut des Südvolkes auf, sondern war auch mit dem typischen Gewand der Wüstenbewohner gekleidet. Der Stoff mag einmal edel gewesen sein, doch war er nun zerschlissen und schmutzig. Ebenso wie ihre Haare wirkte das Mädchen im Ganzen ungepflegt und wild. Ihre Hände waren klamm und blaugefroren, ebenso wie ihre Füße, die lange keine Seife mehr gesehen hatten. Der Marschall hätte womöglich Mitleid mit ihr gehabt, hätte sie ihn nicht aus ihren schwarzen Augen mit solch bebendem Zorn angestarrt.

Ein Moment des Schweigens verging, dann setzte der Marschall den Hauch eines Lächelns auf und sagte: „Nun, ich will höflich mit unserem Gast sein, Fréaláf. Ich will mich vorstellen; ich bin Éomer, Éomunds Sohn, dritter Marschall der Mark und Gebieter über diese Scharr Éored. Théoden, Thengels Sohn ist unser König und ihr seid in sein Reich eingedrungen. Nennt mir euren Namen und euer Anliegen, Mädchen!"

Schweigen.

Die Angesprochene hatte unterdessen den Blick gesenkt und starrte auf ihren Bogen, der nur wenige Meter von ihr entfernt lag, aber doch unerreichbar war. Fastred lockerte seinen Griff um ihre Hände und Arme für keinen Augenblick.

Verächtlich sagte er: „Wahrscheinlich versteht sie kein Wort von dem, was ihr sagt, mein Herr. Die Sprache der Südlinge klingt wie das falsche Zischen der Schlangen, die bei ihnen leben."

Das Mädchen kniff bei dieser Bemerkung ihre Augen zusammen und spuckte dem Soldaten vor die Füße.

Fréaláfs Hand schoss hervor; sie griff unter das Kinn des Mädchens und zwang sie, ihn anzusehen. „Ihr tätet gut daran, euch freundlich mit uns zu stellen, wenn euch Euer Leben teuer ist." Sein Gesicht war ihr so nah, dass sie seinen Atem spüren konnte. „Verwahrloste Gestalt.", raunte er.

„Genug, Fréaláf.", unterbrach ihn sein Marschall und endlich ließ er widerwillig von ihr ab. Sie starrte ihn weiterhin mutig aus zitternden Augen an, ohne ihm eine Antwort zu geben. Sie schwieg auch noch, als der Soldat das Zelt des Marschalls wütend verließ.

„Bindet sie abseits vor den Zelten fest. Vielleicht wird sie Rohans kalte Nacht morgen früh zum reden bringen.", entschied der Marschall und wand sich mit einer Handbewegung von ihr ab.