Es war kaum eine Stunde vergangen, dass die Haradan endlich Schlaf gefunden hatte, da begann es zunächst sachte, dann immer stärker, zu regnen. Wieder wurde sie aus dem Reich der Träume gerissen. Für einen Moment fragte sie sich, wo sie hier war, dies wurde ihr aber schnell klar, als sie ihrer festen Fesseln um Hände und Füße gewahr wurde. Kalte Tropfen rannen ihr über das Gesicht und benetzten den dunklen Stoff ihres Gewands. Zitternd begab sie sich in eine sitzende Position und zog die Knie nah an den Körper. Trotzdem war sie bald bis auf die Haut durchnässt und an Schlaf war nun nicht mehr zu denken. Mit wütendem Blick sah sie zu den Zelten der Rohirrim hinüber, die von innen heraus durch warme Lichter erhellt waren. Die qualmenden Lagerfeuer zeugten noch von einem reichhaltigen Abendschmaus.

Hilflos legte sie den Kopf auf die nassen Knie und schloss die Augen.

Wieder wurde sie aus ihrem Dämmerschlaf gerissen, als eine große Hand in ihre Schulter griff und sie so weckte. Sie sah auf und sah in die blauen Augen Éomers, der sie ernst ansah. Wortlos griff er zu ihren Fesseln und trennte ihr Fuß- nicht jedoch ihre Handgelenkfesseln mit einem Dolch auf. „Folgt mir.", befahl er kurz und ging voran. Sie wankte kurz und blieb stehen. Ihre eiskalten Füße vermochten sie kaum zu tragen. Er wandte sich noch einmal um. „Wenn ihr klug seid, werdet ihr nicht versuchen zu fliehen."

Noch einen Moment zögerte sie, dann folgte sie ihm zu dem Zelt, vor dem sie am Abend befragt worden war. Schließlich traten beide ein und sofort umfing sie ein wohliger Schauer. Die Kerzen und das kleine Feuer spendeten wenig, aber genug Wärme um ihrem steifgefrorenen Körper gut zu tun. Der Marschall unterdessen setzte sich auf den Boden des Zeltes und zündete sich eine Pfeife mit wohlriechendem Kraut. Mit einem Blick gab er ihr zu verstehen, dass sie sich setzen solle.

Langsam ließ sie sich ihm gegenüber nieder und starrte in die milde Feuersglut.

Beide sagten nichts.

Noch einmal musterte er das Mädchen. Es sah nun noch kläglicher aus als ein paar Stunden zuvor. Seine Kleidung klebte an seinem geschundenen Körper, seine Augen waren trüb und sein Blick noch starrer. Mitleid für eine Haradan?

Er sah sie eindringlich an, ohne dass sie seinen Blick erwiderte.

„Sagt mir euren Namen." ,sprach er sie leise, aber bestimmt an.
Fast hätte er gedacht, sie würde wieder nichts sagen, doch dann hob sie ihren Kopf und blickte ihm direkt in die Augen. Der feurige Lodern in ihnen war zurück gekehrt.

„Ich heiße Dûma, Tochter des Angamaite II. von Umbar, dem größten und mächtigsten Fürst in der Haradwaith. Ich habe einen Auftrag und dieser führt mich unglücklicherweise durch diese Landen. Doch seid gewiss, Herr Marrschall, ich bin nicht hier eurem Volke oder eurem König zu schaden." Sie sprach ruhig, aber ein bitterer Unterton war nicht zu leugnen. „..obwohl dies durchaus im Sinne meines Volkes wäre."

Ihre Stimme war tief und ein ungewöhnlicher Akzent begleitete ihre Sprache. Éomer behielt seine Fassung, obwohl er solch genaue Auskünfte nicht erwartet hatte.

Er nahm einen tiefen Zug aus seiner Pfeife. Tiefe Denkfalten erschienen zwischen seinen Augen.

„Nun, Dûma, welche Wichtigkeit kann ein Auftrag haben, dass ein Mädchen einen solch weiten Weg von seiner Heimat geht.. durch die Gestade des Feindes?"

„Dies liegt nicht in eurem Interesse, Herr Éomer.", antwortete sie rasch.

„Ihr befindet euch hier in meinem Machtgebiet.", sagte er eindringlich.

„Ich habe nichts Unrechtes getan." Sie verengte ihre Augen zu Schlitzen.

Er nickte hochmütig und lehnte sich wieder etwas zurück. Wieder verströmte das Kraut aus seiner Pfeife seinen Duft im Zelt.

Draußen hatte es aufgehört zu regnen.

„Ihr seid stolz, Dûma.", bemerkte er.

Sie blinzelte.

„..doch ich frage mich, worauf.", sagte er und sah sie provozierend an. „Auf das Bündnis mit dem mächtigen Herrscher Sauron? Oder die Unruhen die ihr in Gondor stiftet? Oder etwa die unzähligen Kriege und die Menschen des Westens, die durch eure Speere den Tod fanden?" Seine Stimme bebte ein wenig.

Schweigen trat ein, bis sie sagte: „Bündnisse werden geschmiedet und Bündnisse werden wieder aufgelöst. Die Welt ist im Wandel. Ich weiß, dass euer Königreich leidet, Herr Éomer. Es gibt trotzdem keinen Grund, mich festzuhalten, auch wenn ich so aussehe, wie alle Menschen des Ostens und Südens, die ihr hasst." Mit noch bitterem Unterton fügte sie hinzu: „Und mit euch eure ganze weiße Sippe." Sie standen sich gegenüber. Verbittert sah er sie an und schien sprachlos.

Plötzlich schallten Laute von außerhalb des Zeltes in das Innere, die ungewohnt waren. Zu dem Lachen und Singen der Soldaten gesellten sich erst einzelne Schreie dann das Brüllen unmenschlicher Kreaturen und dann aufgeregte Schritte. Éomer horchte auf, wandte seinen Blick aber nicht von ihr. Ein Angriff? Mitten in der Westemnet?

Da. Ein Dolch auf dem Brotkorb. Er liegt einfach da. Ein unbemerkter Augenblick und die Fesseln sind entzwei. Nur schnell wie ein Schatten. Dies ist die eine Gelegenheit zur Flucht.

Dann stürmte Fréaláf in das Zelt und rief: „Herr Éomer! Ein Hinterhalt! Wir werden angegriffen! Orks!" Seine Augen waren vor Entsetzen geweitet.

Erschrocken blickte Éomer ihn an. „Zu den Waffen! Kämpft!", befahl er und wandte sich dann wieder zu Dûma, die unberührt vor ihm stand und die Szenerie still beobachtete. „Diese Scharr Orks verfolgt euch schon seit zwei Tagen quer über die Westemnet. Nur ein Narr hätte sie übersehen können.", sagte sie mit dem Anflug eines Lächelns. Éomer schritt auf sie zu und drückte sie mit beiden Armen zu Boden. „Ihr rührt euch nicht!", befahl er und schritt von dannen.

Sie wollte noch empört aufschreien doch es war zu spät. So schnell wie es ging, rappelte sie sich auf und schritt zu dem Brotkorb hinüber. Sie stellte sich mit dem Rücken zu ihm und ging leicht in die Knie. Die gefesselten Hände versuchten nun den Dolch zu greifen. Sie schloss zitternd die Augen. Zeit. Nur einen Augenblick Zeit.

Éomer stolperte in das Zelt. Er erblickte Dûma, die jäh in diesem Moment den Dolch schellend zu Boden fallen ließ und ihn erschrocken ansah.

Der Marschall hielt inne. Dann schritt er wütend auf sie zu. Er packt sie und brüllte: „Du verlogener Schwärzling! Ich hätte es wissen müssen!" Er warf sie auf die Seite und zog sein Schwert und hatte sie fast an ihre Kehle angesetzt, doch in diesem Moment erklang ein fürchterliches Gebrüll vor dem Zelte und eine Orkklinge zerspaltete den Stoff. Der Marschall ließ von ihr ab und flüsterte hasserfüllt: „Zur Hölle mit dir." Dann rannte er zu dem brüllenden Ork, warf ihn nieder und kämpfte mit seinen Soldaten vor dem Zelte.

Er hatte in aller Eile völlig vergessen, den Dolch mitzunehmen. Noch einmal stand sie unter großer Anstrengung auf, nahm die Waffe und zerschnitt ihre Fesseln. Draußen tobte ein erbitterter zwischen den Orks und den zahlenmäßig unterlegenen Rohirrim.

Sie griff nach einem der rohirrischen Mäntel, warf ihn sich über und zurrte ihn mit ihrem eigenen Gürtel fest. Sie erblickte auch ihre eigenen Waffen; so warf sie sich Köcher und Bögen um und packte den Säbel.

Dies war der eine Augenblick der Flucht.

Sie war bereits einige Meter unbemerkt durch das Getümmel der Schlacht gelaufen, als einer der grausigen Kreaturen auf sie aufmerksam wurde. Der Ork rannte brüllend auf sie zu. Sie warf die Kapuze nach hinten und offenbarte der Kreatur ihre Herkunft. Der Ork hielt inne und sah dümmlich drein; einen Verbündeten aus dem Volke der Haradrim hatte er hier wahrlich nicht erwartet. Das dumme Wesen wusste beileibe nicht viel, aber wer Freund und Feind war, das hatte ihm sein Herr einst beigebracht. Sie lächelte triumphierend und lief weiter so schnell sie ihre geschundenen Füße trugen. Sie sah sich nicht um, doch durchfuhr sie ein markerschütternder Schrei eines Rohirrims ganz in ihrer Nähe. Sie blieb doch stehen, wohl wissend, dass dies ein Fehler war und erblickte Éomer, der von einer Orkklinge niedergestreckt zu Boden ging und sich doch verzweifelt weiter verteidigte.

Ihr stockte der Atem. Sie sollte weiter laufen. Weg von dieser Scharr Feinde, die sie behandelt hatte, wie lästiges Getier. Ohne zu wissen, was sie tat, lief sie mit erhobenem Säbel zu den zwei Orks und Éomer und bohrte einem Ork noch gerade rechtzeitig eine Klinge in den Wanst, bevor dieser sein Schwert in Éomers Brust versenken konnte. Mit einer schnellen Wendung durchschnitt sie auch dem zweiten Ork die Kehle und hielt dann ein. Éomer starrte sie ungläubig an. Sie? Sie?

Ohne Zweifel hatte sie ihm gerade das Leben gerettet. Er stand in der Schuld einer Haradan. Einen Augenblick noch konnte er diese Tatsache nicht fassen, dann aber überkam ihn der Schmerz, der ihn der Ork zugefügt hatte, und er hielt sich mit verzerrtem Gesichtsausdruck die linke Schulter.

Noch immer stand sie da und hielt die blutverschmierte Klinge in ihrer Hand. Was war nur in sie gefahren?

Wie in Trance fixierte sie seine blutende Wunde, die aufgrund einer schwachen Stelle seiner Rüstung tief in sein Fleisch gedrungen war.

Dûma ließ den Säbel fallen und kniete sich vor den Marschall. Sie versuchte die klaffende Wunde vom Stoff freizulegen und begann dann an ihrem eigenen Stoff zu zerren. Mit einem lauten Riss ließ das Textil nach. Sie drückte es auf die Verletzung an seiner Schulter, um die Blutung zu stoppen. Gleichzeitig stöhnte der Marschall vor Schmerz auf und atmete scharf ein. Der Stofffetzen durchtränkte sich mit seinem dunkelroten Blut.

Schweiß rann von seiner Stirn und sein Gesicht verzerrte sich vor Pein.

Hektisch sah sie sich um. Sie waren etwas abseits der Schlacht; erleichtert stellte sie fest, dass die Zahl der Orks, teils durch Flucht oder Niederstreckung, abgenommen hatte.

Erleichtert?

Schnell sah sie ihm ins Gesicht. Seine Augen waren geschlossen und er war kreidebleich.

Da haben wir ihn. Den stolzen, furchtlosen Rohirrim. Niedergestreckt von einer kleinen Bande Orks.

Sie presste den Stoff noch stärker auf seine Wunde. Mittlerweile waren ihre eigenen Hände, Unterarme und der Saum ihres Gewands rot vor Blut.

„Warum tut ihr das?" Er sprach so plötzlich, dass sie erschrak. Erstaunt sah sie zu ihm hoch. Es war nur ein schwaches Flüstern gewesen, doch seine Augen erblickten sie nun klar und deutlich.

Doch bevor sie antworten konnte, packten sie zwei grobe Hände von hinten und warfen sie so grob zu Seite, dass sie mit dem Gesicht auf dem Boden landete und ein stechender Schmerz über ihre Stirn fuhr. Alles um sie herum begann sich zu drehen. Ein Seitenblick verriet ihr, dass es sich um Fréaláf handelte, der sich bestürzt vor seinen Marschall kniete.

„Was ist hier passiert?", fuhr er sie an und warf einen Blick auf den zusammen gesunkenen Éomer.

„Herr, ihr seid stark verletzt. Aldor, schnell, bring Arznei!", sagte er nun wesentlich sanfter. Der angesprochene Éored wandte sich sofort im Laufschritt ab.

Éomer sah keuchend auf und flüsterte kaum hörbar: „Lass sie, Fréaláf. Ich stehe in ihrer Schuld."

Entsetzt starrte Fréaláf seinen Marschall an. Er bedachte sie mit einem hasserfüllten Blick bevor er sich wieder seinen Mitstreitern zuwandte. „Baut eines der Zelte provisorisch wieder auf. Bringt die Verletzten hinein und verbrennt die Orks. Im Morgengrauen verschwinden wir von hier."

Im gleichen Moment erschien Aldor, der sofort neben seinem Herrn kniete und seine Schulter sanft anhob, um sie dann fester zu verbinden.

Dûma unterdessen hatte sich etwas aufgesetzt. Sie strich sich mit dem Arm über die Stirn und diesmal spürte sie ihr eigenes warmes Blut. Sie griff nach ihrem verschmierten Säbel und sah zu den Rohirrim. Niemand kümmerte sich mehr um sie.

„Wenn ich mich nicht irre, seid ihr eine Gefangene des Marschalls.", ertönte es hinter ihr im schroffen Ton. Sie hatte einen Moment zu lange gezögert und ehe sie sich versah, hatten sie die Pferdeherren ein zweites Mal überwältigt und gefesselt.

Im Morgengrauen fand sich Dûma in Éomers Zelt wieder. Man hatte ihr ihren Bogen wiedergegeben und nun betrachtete sie ihn stirnrunzelnd.
Was war hier geschehen?

Éomer stand in kleiner Entfernung bei ihr und beobachtete sie schweigend. Er aß ein paar Happen seines Brotes, das ihm Frealaf gebracht hatte. Er sah nachdenklich aus.

„Mein Leben gegen eures. Ich will euch nicht mehr gefangen halten. Geht, wohin es euch auch verschlagen mag. Geht einfach." Seine Worte klangen endgültig und übertrieben gleichgültig. Er wollte keine großen Worte des Dankes an sie geben, noch eine gute Reise wünschen. Trotz aller nächtlichen Ereignisse blieb diese Frau eine Haradan.

Sie blickte auf und nickte kaum merklich. Beide Mienen waren versteinert. Sie zurrte ihr Gewand enger, warf sich Köcher und Bogen über die Schulter und steckte den gefährlich blitzenden Säbel in die Scheide an ihrem Gürtel. Die Kapuze zog sie weit in das Gesicht hinein und bedeckte auch Nase und Mund mit dem Stoff von unterhalb.

Sie wollte sich gerade zum gehen wenden, als der Marschall eine jähe Bewegung machte und sie zögerte.

„Nehmt das hier." Er bot ihr ein Laib Brot an.

Drei Schritte und sie stand vor ihm. Sie nahm das Brot an sich und sah ihm ins Gesicht.

„Ich danke euch." Ihre Gesichtszüge wurden weicher.

Vier Sekunden noch, dann war sie aus dem Zelte Éomers verschwunden und bald darauf im kargen Dickicht der Westemnet.

Zurück blieb der Marschall. Tiefe Sorgenfalten legten sich über seine Stirn.

Er bemerkte kaum, wie Fréaláf in das Zelt stürmte.

„Herr Éomer! Ihr habt sie gehen lassen?! Woher könnt ihr wissen, dass sie Gutes im Schilde führt? Am Ende ist sie noch Schuld am Untergang Rohans."

„Fréaláf, das ist doch Unsinn.", antwortete Éomer, „was soll denn ein einzelnes Mädchen schon ausrichten gegen ein ganzes Land?"

Und doch..

Er wusste nicht, wer sie war. Jedes einzelne ihrer Worte vermochte eine Lüge zu sein.

Etwas kam unaufhaltsam auf sie zu.

Die Haradan und der Angriff der Orks. Wie konnten dies noch Zufälle sein?

Ein Schatten wuchs heran über seinem Heimatlande. Größer und mächtiger als je zuvor.

Dieser Gedanke gab ihm einen Stich.