2 Monate später
Nur ein Tag war vergangen seit der Rückkehr von den Isenfurten und Éomer striegelte gedankenverloren sein Pferd Éadig, welches gutmütig in seiner Box schnaubte. In den letzten Wochen hatten sich die Ereignisse überschlagen. Die Westfold war nun verloren und ein Krieg unabwendbar. Wie konnte das zugelassen werden? Sein Gefühl sagte ihm, dass ihm noch viel weniger Gutes bevor stand.
Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als einer der Éored in den Stall herein lief und sagte: „Herr Éomer, draußen spielt sich Merkwürdiges ab."
Sofort verließ der Marschall den Stall und folgte seinem Untergebenen hinaus in die Ebene. Schon von weitem erkannte er einen Rappen, der auf dem gelben Gras stand und seinen Kopf nach etwas nach unten wand, was im hohen Gras lag. Ohne zu zögern nahm er die Zügel eines nahestehenden Pferdes und stieg auf. In schnellem Galopp bewegte er sich auf das Pferd zu, bei dem bereits Fastred, einer seiner treuesten Gefährten angekommen war, und im Begriff war abzusteigen.
Kaum später erkannte Éomer, dass es sich um eine menschliche Gestalt handelte, die im Gras verborgen war. Schweigend stieg er von Éadig und sah Fastred an, der die Gestalt, die auf dem Bauch lag, auf den Rücken drehte.
Éomer stockte der Atem.
Als erstes erkannte er, dass es Dûma war, die dort vor ihm lag. Sie war klein und in ein ähnliches Gewand gekleidet, wie bei ihrer letzten Begegnung. Ihre Haare waren noch wilder und ungekämmter, ihre Haut beschmutzt, ihre Augen geschlossen und ihr Gesicht zu einer furchterregenden Grimasse erstarrt. Der Bogen lag bei ihr, doch fehlten jegliche andere Waffen.
Doch dies war lange nicht das erschütternste an diesem Wiedersehen.
Fastred stieß einen Laut des Entsetzens aus. „Herr.. wer kann so etwas.." Er fand keine Worte.
Die halb zerfetzte Kleidung brachte nackte Haut zum Vorschein. An den Stoff- und Hautfetzen klebte halb flüssiges, halb getrocknetes Blut, gemischt mit Dreck und Strähnen ihrer schwarzen Haare. Tiefe Einschnitte zeigten sich an allen erdenklichen Körperteilen; Arme, Beine und Torso waren unmenschlich zugerichtet. Ihre Hände waren auf ein neues gefesselt. Das grobe Seil hatte fast ebenso tiefe Schürfwunden hinterlassen, wie die Klinge, die auf ihren Körper angesetzt worden war. Ihre Lippen waren porös und aufgerissen, ihre staubigen, blutverklebten Haare in ganzen Strähnen abgeschnitten. Ein langer Schnitt zog sich von ihrer Stirn, an der linken Schläfe, neben ihr Ohr bis zu ihrem Hals. Ihre Fingernägel waren dreckig und zu Éomers Entsetzen fehlten mehrere.
Dieses Mädchen war so übel gefoltert worden, dass es selbst dem erfahrenen Kriegsherrn jeglichen Atem verschlug.
Unmöglich konnte Leben in ihr sein.
„Herr, sie atmet." Fastred hatte ihren Kopf sachte angehoben.
Inzwischen waren andere Éored auf ihren Rössern angekommen und jedem von ihnen wich etwas Farbe aus dem Gesicht.
Es dauerte noch einige Augenblicke bis der Marschall seine Fassung wiedererrang.
„In den Palast, schnell. Schickt nach den Heilern.", stotterte er.
Niemand regte sich.
„Rasch jetzt!", fuhr er seine Soldaten an; Fastred und ein anderer Soldat hoben den kleinen Körper sanft an und hievten ihn auf Éomers Pferd. In sanften Trab machte dieser sich auf zu den goldenen Hallen Meduseld.
Alles wurde immer rätselhafter.
