2 Wochen später

Dûma sah aus dem hohen runden Fenster des kleinen Raumes, welcher ihr zugewiesen worden war. Der Raum lag weiter oberhalb. Die Westemnet lag zu ihren Füßen und die Sonne am Horizont verschwand gerade hinter den kleinen Hügeln der Mark.

Sie trug ein weiches Gewand der Rohirrim, welches sich merkwürdig anfühlte auf der Haut.

Eine Bedienstete der Goldenen Hallen hatte ihr eine warme Mahlzeit gebracht, die inzwischen kalt war. Auch die Wanne warmen Wassers mit den wohltuenden Heilkräutern, mit welchem sie ihre Narben abspülen sollte, hatte sie nicht angerührt.

Es erschien ihr sinnlos.
Sie hatte aufgehört, die Tage zu zählen und den Schmerz in ihren Gliedern fühlte sie nur noch dumpf, obwohl die Wunden an Rücken, Armen und Beinen noch lange nicht verheilt sein würden. Langsam erhob sie sich aus ihrem Bett und schleppte sich ans Fenster.

Als sie vor einigen Tagen das erste Mal erwacht war, saß eine ältere Heilerin an ihrem Bett und war schnarchend über einem Buch eingeschlafen. Die greise Dame hatte einen solchen Frieden ausgestrahlt, dass sie wusste, dass sie in Sicherheit war. Ihr Zimmer war in allen Ecken Pferdemotiven geschmückt und verziert und es war nicht schwer zu erraten gewesen, wo sie sich befand. Dies lag auch an den wenigen Worten, die die Heilerinnen in der gemeinen Sprache zu sprechen vermochten. Sie verhielten sich nicht herzlich, jedoch höflich und zuvorkommend.

Einen Tag nach ihrem ersten Erwachen hatte sie hohen Besuch empfangen und mit einem Stich in ihrem Herzen dachte sie an das Gespräch mit Éomer zurück.

Leise und unsicher hatte es an der Tür ihres Gemachs geklopft. Sie war gerade in einen dösigen Mittagsschlaf gefallen und hatte wie im Traum erst in der Sprache ihres Volkes um Eintritt gebeten. Etwas fahrig richtete sie ihre Bekleidung und schritt dann ans Fenster, bevor ihr Gast das Zimmer betrat. Natürlich erkannte sie ihn sofort. Wie zuvor waren seine Gedanken unlesbar und sein Antlitz ernst.

„Ihr seid aufgewacht.", begann er leise.

„Gestern das erste Mal in euren hohen Hallen, Herr Éomer.", antwortete sie und richtete ihren Blick unsicher aus dem Fenster.

„Ich habe Fragen, Dûma.", fuhr er fort. Es war das erste Mal, dass er ihren Namen nannte und sein rohirrischer Dialekt ließ das û ein wenig zu lang und das m ein wenig zu kurz erklingen und doch hinterließ dies einen kurzen undefinierbar wohligen Schauer über ihrem Rücken.

„Ich habe keine Antworten.", antwortete sie traurig und schüttelte mit dem Kopf.

„Wer hat euch vor den Grenzen Edoras' in diesem Zustand hinterlassen? Es müssen Barbaren gewesen sein und somit Feinde Rohans.", fuhr er fort.

„Dann habt ihr also auch keine Erklärung hierfür?", fragte er und reichte ihr den Fetzen Papier, der bei ihr gelegen hatte, als man sie fand.

TOD allen Menschen des Westens UND IHRER VERBÜNDETEN.

Sie starrte das Schriftstück an und dann ihn und zögerte.

„Ich kam, um ein Bündnis im Namen meines Vaters zu schließen. Seit langer Zeit existiert ein weitestgehend geheimes Bündnis zwischen Umbar und Minhiriat.

Schon seit vielen Jahren stehe ich in der Schuld meines Vaters, denn nicht immer war ich ihm eine Tochter, wie ich es hätte sein sollen. Eine strategische Heirat mit einem Fürstensohn eines verbündeten Stammes habe ich ausgeschlagen und meine ganze Familie enttäuscht. Ich habe nur einen Bruder und dieser ist letztes Jahr Nahe Gondor gefallen. Die Reise nach Minhiriat war die letzte Chance, den Namen meiner Familie reinzuwaschen. Aber es war aussichtslos, das Bündnis schon lange nicht mehr gültig. Die Menschen von Minhiriat sind schlecht. Sie hielten mich für eine Spionin Rohans, machten mir Vorwürfe und lachten über den Vorschlag meines Vaters. Sie nannten ihn einen Schwächling und Verräter. Und dann wurden Sie zu Tieren."

Sie pausierte. Éomer machte eine jähe Bewegung, doch sie fuhr fort: „Mein Vater hat mich in den Tod geschickt und vielleicht wusste er es. In letzter Zeit sind seine Gedanken dunkel geworden. Mein Vater ist kein Kriegsherr. Stets hat er versucht, sich neutral zu verhalten, doch in dem Krieg, der herauf zieht, gibt es keine Neutralität mehr. Sauron wird seine Jünger fordern und kein Fürstentum in Nah- oder Fern-Harad mehr frei sein.

Er stand nun direkt bei ihr.

„Etwas in mir sagt mir, dass ich euch trauen kann und dass diese Geschichte durch und durch der Wahrheit entspricht.", sagte er. „Wie kann ich euch helfen, wenn mein eigenes Königreich im Dunkeln versinkt." Bei diesen Worten berührte er sanft ihre Wange und eine noch nicht ganz verheilte Schnittwunde. Sie sah ihn an und hätte sie etwas sagen wollen, sie konnte nicht.

Selbst überrascht von seiner Tat zuckte er zurück und murmelte: „Verzeiht. Es stand mir nicht zu." Unsicher wich er noch weiter zurück und sammelte sich kurz. Ganz staatsmännisch schloss er: „Ich werde die nächsten Tage an den Grenzen Rohans unterwegs sein. Habt ihr meine Schwester Éowyn schon kennen gelernt? Sie ist ganz gespannt darauf, von eurer Heimat zu erfahren.", und mit einem kurzen Nicken verließ er ihr Zimmer.

In den letzten Tagen erschien es Dûma angenehmer ihr Zimmer nur am späten Abend zu verlassen. So wenig mochte sie die Gesellschaft von Menschen, dass sie nur ein paar Schritte durch die langen Flure der Hallen lief, um sich die Füße zu vertreten.

Noch nie hatte sie solche Architektur von innen gesehen und die Hallen der alten Könige der Rohirrim waren besonders prachtvoll. Zwar kühl und unpersönlich, aber doch erzählten sie von einer längst vergangenen, glorreichen Zeit. Einmal mehr wurde ihr bewusst wie fern sie ihrer Heimat und ihrer gewohnten Umwelt war.

Seufzend und in ein weites Gewand gehüllt, welches ihren ganzen Körper bedeckte, trat sie in eine der weiter unten gelegenen Hallen ein. Es schien eine Art Waffenkammer zu sein, denn über an den Wänden hingen prachtvolle Schwerter und Bögen. An der Wand prasselte ein Kaminfeuer und mit Erschrecken stellte sie fest, dass dort einer der Soldaten saß und sein Schwert an einem Schleifstein schärfte. Schnell wollte sie sich wieder zum gehen wenden, doch der Mann rief leise: „Wartet doch!" Zögerlich hielt sie inne und schritt in die Halle. Der Mann war aufgestanden. Er war groß und recht stattlich, doch an seinem wettergegerbten Gesicht erkannte Dûma, dass er schon recht viele Winter erlebt haben musste. Seine Augen blickten sie gütig und voller Weisheit an.

„Mein Name ist Déorwine, Waffenmeister Edoras' und Lehrmeister der Éored im Kampfe."

Er lächelte.

Sie starrte ihn an und sagte nichts.

Er lächelte immer noch.

Erschreckt stellte sie fest, dass er ihre hässliche Narbe in ihrem Gesicht sehen konnte und senkte den Blick.

Er reichte ihr das Schwert, welches er gerade geschärft hatte. Sie sah in wieder an und nahm das Schwert. Es war außergewöhnlich gearbeitet und lag völlig anders in der Hand, als die Säbel der Haradrim. Unsicher umschloss sie den Griff und schwang es ein paar Mal in der Luft. Sie war nie eine besonders gute Schwertkämpferin gewesen, was wohl daran lag, dass sie nie eine Ausbildung bekommen hatte und der Schwertkampf an sich nicht gerade die Primärdisziplin der Haradrim war. Man verstand sich unter ihres Gleichen eher auf das Bogenschießen oder das Speerwerfen.

Déorwine unterdessen ging ein paar Schritte zur Mitte des Raumes,

„Versucht es!", forderte er sie auf und zog sein eigenes Schwert.

Unbeholfen tat sie ein paar Schritte vorwärts und schwang das Schwert. Déorwine parierte dies mit Leichtigkeit und griff seinerseits behände an, sodass sie nun mit ihrer Klinge seine abwehren musste und dabei einige schnelle Schritte tun musste.

So ging das eine Weile, währenddessen Déorwine ihr rasche Befehle zurief, die sie versuchte umzusetzen. Sie war nicht schnell und wendig genug und es fehlte ihr einige Kraft in den Armen. Trotzdem gewöhnte sie sich schnell an das neue Schwert und lernte einiges in dieser kurzen Zeit.

Schließlich hielt Déorwine inne und lächelte sie wieder an: „Genug für heute. Spät ist die Stunde, doch wenn ihr ein andermal wieder üben möchtet, zögert nicht, nach mir zu fragen." Sie reichte ihm das Schwert, doch er wich zurück. „Oh nein, behaltet es. Es heißt Arnarùth und gehörte einem der tapfersten Éored in der Scharr Elfhelms. Sein Besitzer fiel vor wenigen Tagen in der Westfold und er hinterließ keine Söhne. Ich möchte, dass ihr es tragt, mein Kind." Sie starrte ihn ungläubig an. Was um alles in der Welt veranlasste diesen Rohirrim so freundlich zu ihr zu sein?

Sie versuchte zu lächeln, doch ihre Gesichtszüge vermochten dies nicht. Also nickte sie nur, umschloss den Griff des Schwertes fest und verließ die Waffenkammer zu ihrem Gemach.