Es war ein grauer Morgen über Edoras. Grübelnd machte sich Dûma auf den Weg zur Waffenkammer. Völlig in Gedanken versunken schreckte sie auf, als eine aufgelöste Frau an ihr vorbei den Flur hinunterlief.
„Frau Éowyn..!"
Dûmas dünne Stimme schallte hundertfach wieder in Hallen, so dass sich die hohe Frau umwand und sie weinend ansah.
„Was ist geschehen?", fragte Duma sie sanft.
„Mein Bruder und seine Scharr wurden verbannt. Nun sind wir alle verloren." Sie war den Tränen nah.
„Verbannt? Von wem.. warum?", Duma konnte nicht fassen, was sie da hörte.
Éowyn seufzte noch einmal.
„Grìma.", antwortete sie nur schlicht und lief davon durch die Halle.
Als sie durch das große Eingangstor lief, wurde ihr mit einem Mal fast schwindlig. So lange hatte sie keine frische Luft mehr eingeatmet, dass sie vergessen hatte, wie sie roch. Es war windig und kühl und doch schien die Sonne durch die Wolken.
Sie hielt nicht inne, sondern suchte die Stadt nach einem Zeichen von den verbannten Eored ab. Sie entdeckte eine Herde scharrender Pferde nahe der Stadttore und die gerüsteten Soldaten, die nervös einiges an Ausrüstung zusammen sammelten.
Sie sah nicht zurück und bemerkte auch kaum die Stadtbewohner, die sie aus sicherer Entfernung anstarrten. Solch rabenschwarze Haare trug hier sonst niemand.
Suchend blickte sie sich um, als sie bei den Ställen angekommen war.
Éadig schnaubte in seiner Box, was bedeuten musste, dass Éomer noch nicht fort war. Vorsichtig näherte sie sich dem Pferd und streichelte ihm vorsichtig die Nüstern.
Dann trat jemand ein. Es war Éomer. Er legte ein Bündel mit Reiseutensilien zur Seite.
„Was tut ihr hier?", fragte er erstaunt und nahm einen Sattel von der Wand.
„Ich hörte, was geschehen ist und konnte es nicht glauben. Es sind seltsame Sitten in diesem Lande, königstreue Soldaten vom Hofe zu schicken, wenn sich Krieg nähert."
Sie beobachtete ihn genau. Tiefe Sorgenfalten zogen sich über seine Stirn. Er sah gehetzt aus und doch gleichzeitig müde.
„Und was tut ihr hier?, fragte er noch einmal, während er begann, Éadig zu satteln.
„Ich – ", begann sie, „ich wollte nur.." Nervös sah sie zur Seite und brach ab.
Schweigend zurrte er währenddessen den Sattel scharf fest, weshalb das Ross empört aufschnaubte. Leise raunte er ihm Worte der Beruhigung zu.
„Ich werde euch begleiten, Éomer.", sie sprach kaum hörbar und fixierte einen Punkt an den Holzwänden.
Éomer antwortete nichts.
Er begann die mitgebrachte Ausrüstung an Éadigs Sattel festzuschnüren. Er hatte es offensichtlich eilig.
Zögernd sah Dûma ihn an. Sie verstand gar nichts.
Als er fertig war und die Zügel des Pferdes nahm, um den Stall zu verlassen, blieb er doch bei ihr stehen, als hätte er sie erst jetzt bemerkt.
„Haltet Euch an meine Schwester, und – ", er zögerte, „Ich weiß nicht, was geschehen wird. Nichts ist mehr gewiss. Ich wünschte, ich könnte Euch helfen, doch es gibt Dinge, die liegen jenseits meiner Kräfte." Er sah ihr ernst in die Augen.
„Vielleicht ist es das Beste, ihr versucht in Eure Heimat zurückzukehren. Diese Gefilde sind nicht mehr sicher." Bei diesen seinen Worten riss sie empört die Augen auf.
„Ich kann nicht mehr zurück. Éomer.."
„Verzeiht."
Er wollte sich gerade zum Gehen wenden, als sie eine jähe Bewegung machte.
„..."
Er sagte darauf nichts, sah sie an und schien das eilige Treiben draußen vergessen zu haben. Er hielt noch einen Augenblick inne. Sein Antlitz war ernst, aber etwas Warmes schien in seinen Augen zu liegen.
„Lebt wohl.", sagte er und verließ den Stall. Erst langsam, dann immer eiliger.
Sie hörte ihn aufsteigen und dann die Hufe Éadigs, die sich allmählich entfernten.
„Lebt wohl.", murmelte sie.
