Nach der Schlacht
Viele Wochen später.
Auf dem Vorplatz vor der Hornburg herrschte ein großes Durcheinander. Frauen und Kinder waren aus den Höhlen gekommen, um sich unter die Soldaten zu mischen. Sie alle waren auf der Suche nach ihren Söhnen, Ehemännern und Brüdern. Heiler eilten hinaus, um den Schwerstverletzten zu helfen.
Vor dem Eingang zur Burg sammelten sich die hohen Herren Rohans nach der Schlacht. Auch Legolas, Gimli und Aragorn waren darunter. Aus einiger Entfernung beobachtete Dûma die Szene. Der Morgen war sonnig, aber sehr kühl. Also zog sie einen rohirrischen Umhang enger um ihren Körper. Nachdem der Zorn der Schlacht aus ihren Körper gewichen war, spürte sie den aufkommenden Schmerz in den Gliedern immer deutlicher. Doch es ging ihr vergleichsweise gut. Die Leichenberge aus Elben, Menschen und Ukuk-Hai verströmten den Geruch des Todes, viele Körper waren grausam zugerichtet, einige Glieder zuckten noch. Vielen rohirrischen Kindern wich das Blut aus den Gesichtern beim Anblick der zerstückelten Leichen.
Einen Moment verharrte sie noch und wollte fast umkehren, um sich in den Höhlen mit Wasser, Brot und vielleicht einigen Heilkräutern zu versorgen, als sie das wilde Antlitz von Éomer erblickte. Er schritt gerade mit seinem müden Hengst durch das zweite Tor gut 30 Schritte von ihr entfernt.
Der Hauptmann Erkenbrand war der erste, der ihn in mit einer Siegergeste begrüßte und in diesem Augenblick trafen sich Éomers Blick und ihrer. Wie auch sie erstarrte er in seiner Bewegung und schaute sie ungläubig an. Es bestand kein Zweifel, dass er sie trotz der weiten Kapuze und des Umhangs erkannte. Gerade als er eine jähe Bewegung auf sie zumachte, kam Frau Éowyn auf ihren Bruder zugelaufen und umarmte ihn liebevoll. König Theoden bedeutete Éomer, ihm in die große Halle der Hornburg zu folgen und da verlor Dûma ihn aus den Augen.
Das Fest für die Verteidigung der Hornburg war bereits in vollem Gange, als Dûma in den Saal schritt. Die Gesellschaft war ausgelassen, es wurde Bier gezapft, gesungen und getanzt. Sie fühlte sich etwas verloren und schritt langsam auf eine Gruppe der Gäste zu, die etwas abseits vom Getümmel stand und sich leise unterhielt.
Als sie sie erreichte, reichte Aragorn ihr seine Hand und deutete einen Handkuss an.
„Keine Förmlichkeiten, Herr Aragorn.", lächelte sie und er fragte: „Eine Feierlichkeit nach eurem Geschmack?" Sie lachte und sah sich um: Zwei Halblinge hatten ein Lied aus ihrer Heimat angestimmt und tanzten auf einem Tisch, umjubelt von rohirrischen Männern und Frauen.
Am Nebentisch schmiegten sich üppige Blondinen mit tiefen Dekolletés an siegreiche Soldaten und einer davon war Éomer. Mit einem merkwürdigen Gefühl im Magen wand sie sich wieder an Aragorn: „Ich erinnere mich an ähnliche große Feste in den Hallen meines Vaters. Die Musik war eine andere, die Sinne verführende Getränke gab dort nicht und die Frauen...", sie hielt kurz inne und wagte einen weiteren Blick nach Éomers Tisch und eine der Frauen hatte nun ganz offensichtlich eine Hand auf seinem Oberschenkel gelegt, während er einem seiner Hauptmänner zuprostete. Sie fuhr fort: „Aber die Freude der Menschen klingt gleich. Das Lachen, das Jubeln, Herr Aragorn, unterscheidet sich nicht von jenem der Menschen des Westens."
Er nickte nachdenklich und sagte: „Ich sah die Ländereien des Südens einst. Aber es ist lange her und schon damals war der alte Glanz der Hafenstadt fast gänzlich verblüht. Die Haradrim haben schon immer im Schatten Mordors gelebt. Und doch gab es in der Vergangenheit immer wieder Herrscher, die sich gegen ein Bündnis mit Sauron entschieden haben."
„Sie alle haben dafür mit ihrem Leben bezahlt.", unterbrach sie ihn.
„Warum schließt ihr euch uns dann an?", fragte er sie.
Dûma zögerte.
„Zuerst dachte ich, ich hätte keine andere Wahl. Aber der Gedanke, dass das Vorhaben des Halblings tatsächlich Erfolg haben könnte.. der Gedanke, Sauron könne besiegt und mein Volk zukünftig frei über seine Bande entscheiden können.. Lieber möchte ich Teil dieser kleinen Hoffnung sein, als mich an dunklen Orten zu verstecken. Vor meinem Vater und vor meiner Angst." Aragorn nickte und nahm einen Schluck vom Bier als eine Stimme das Gespräch unterbrach:
- „Verzeiht, meine Herrin, wer seid ihr?" Dûma blickte nach unten und sah einen der Halblinge, der gerade noch ein fröhliches Lied für die Kriegerschar angestimmt hatte und sie nun neugierig betrachtete.
„Mein Name ist Dûma, Tochter des Angamaite II. von Umbar, einem Land fern von hier in der Haradwaith.", sagte sie und sah zu ihm hinunter.
„Ich heiße Meriadoc. Meriadoc Brandybock aus dem Auenland. Ich hörte von einem Land mit dem Namen Harad. Wir Hobbits pflegen es aber die Sonnenlande zu nennen."
„Sonnenlande", murmelte Dûma nachdenklich, „das gefällt mir.", und lächelte.
Es war spät geworden auf dem Fest, viele der Gäste hatten sich in ihre Gemächer verabschiedet. Gimli Gloinssohn war an Ort und Stelle in einen tiefen Schlaf gefallen. Dûma hatte ein langes Gespräch mit Incánus, dem weißen Zauberer, den man im Westen wohl unter dem Namen Gandalf kannte, geführt. Auch der sanfte Elb Legolas war an der Geschichte Dûmas interessiert.
Es war spät geworden und schließlich stand Éomer wie aus dem Nichts neben Dûma. „Auf ein Gespräch, meine Herrin?", fragte er erstaunlich nüchtern und bot ihr seinen Arm an. Von dieser Sitte verstand sie jedoch nichts, blickte ihn irritiert an und sagte nur kurz: „Gern, Herr Éomer."
