Ein Lederwams, ein Harnisch aus solidem Material, ein Helm und derselbe blecherne Schutz für Beine und Arme, gefertigt aus den traditionellen rohirrischen Materialien. Sorgsam aufgereiht fand Dûma die Rüstung für die kommende Schlacht in ihrer einfachen Unterkunft vor. Eine kurze Notiz mit der Unterschrift Déorwines verriet ihr, wem sie diese Aufmerksamkeit zu verdanken hatte. Mit einem neugierigen Lächeln auf den Lippen legte sie die Schichten an. Würde die Rüstung passen? Der Lederrock schmiegte sich tadellos an ihren Körper. Langsam strich sie sie über den festen Stoff: Er schien nagelneu zu sein.

In eben diesem Augenblick rief einer Knappen von draußen nach ihr: „Frau Dûma, verzeiht ihr einen Augenblick der Störung?"

Sie ging zum Zelteingang, steckte ihren Kopf durch den Eingang und blickte in das Gesicht von Éomer, dessen Augen blitzschnell und kaum merklich ihren Hals und ihre nackten Arme und Schultern fanden.
„Herr Éomer?"
„Verzeiht, falls ich einen ungünstigen Zeitpunkt traf, ich..", murmelte er.

„Nein, keineswegs. Tretet ein. Ihr werdet staunen, was Déorwine aus Edoras' Waffenkammer hervorzauberte.", sprach sie sanft und hielt ihm den Eingang zum Zelt wie zur Einladung offen.

Nur etwas zögerlich trat er ein, sah sich kurz um und blieb dann vor dem Eingang stehen.
Dûma füllte ein Glas Wasser aus einer Karaffe ab und überreichte ihm das Getränk mit einem freundlichen Kopfnicken.

„Das Wams passt ausgezeichnet und auch die Rüstung scheint wie für einen Frauenkörper gemacht." Sie deutete auf die bereitgelegten Gegenstände und sah ihn dann fragend an.

„Die Rüstung ward geschmiedet für eine Schildmaid Rohans. Sie erfüllt jedoch eher, nunja, repräsentative Zwecke und war bisher nicht im Kampfgeschehen im Einsatz.", erklärte Éomer.
Dûma lachte: „Dann wird es Zeit, denkt ihr nicht?" Sie zwirbelte ihre langen schwarzen Haare über eine ihrer Schultern und wand Éomer den Rücken zu. „Helft ihr mir, das Lederwams festzuschnüren?"
Sie wartete in dieser Position einige Sekunden, doch er rührte sich nicht. Langsam blickte sie sich um. Ihr Gesichtsausdruck wurde härter. Leise fragte sie: „Ihr seid nicht zum plaudern gekommen, habe ich Recht?"

Sie schaute zu ihm auf und wartete, was er zu sagen hatte und endlich rührte er sich aus seiner Starre, stellte das Glas beiseite und senkte seinen Blick.

„Dûma, ich werde euch nur dieses eine Mal bitten. Ich bitte um sonst nichts. Ich muss." Er sah ihr ins Gesicht. Als sie nicht reagierte, fuhr er fort: „Ich bitte euch, morgen bei Anbruch des Tageslichts mit Éowyn und den anderen Frauen nach Edoras zurückzukehren. In die Sicherheit." Sie atmete einmal merklich laut aus. „Es wird euch an nichts fehlen. Ihr steht weiterhin unter meinem Schutz. Was sagt ihr?" Er blickte sie an, sein Gesicht noch immer starr vor Emotion.

Dann tat sie etwas, womit er nicht rechnete; sie lächelte gütig. „Éomer, ich glaube, ihr kennt meine Antwort. Ich wurde aus meiner Heimat verbannt und habe daher keinerlei politischen Einfluss mehr auf die Geschicke von Mittelerde. Alles, was ich kann, ist kämpfen. Und ich werde kämpfen und diese scheußlichen Kreaturen aus Mordor in den Abgrund schicken, so viele, wie mir eben möglich." Er hob die Hand, als ob er etwas sagen wollte, aber sie unterband das: „Eure Entscheidung ist einfach. Euer Lebensweg ist voraus bestimmt, seit eurer Geburt. Versteht mich oder versteht mich nicht. Ich bitte euch nur um eure Güte."

Er sah nachdenklich aus, aber blieb schweigsam. Dann sah er ihr fest in die Augen und es fiel ihr schwer, seinem Blick standzuhalten. Ihr Herz klopfte plötzlich etwas schneller, als er einen Schritt auf sie zu kam und sein Hand an ihre Taille legte. Sie zuckte kurz zusammen, doch er machte lediglich eine Bewegung, die sie dazu zwang, sich umzudrehen. Sein Blick wurde traurig, als er begann, ihr Lederwams festzubinden.

Als er fertig war, ließ er von ihr ab, jedoch nicht ohne kurz ihren nackten Arm zu berühren. Sie wusste nicht, ob zufällig oder nicht.

Er wand sich zum Ausgang und hielt kurz inne. „Die Hüter seien mit dir." Dann verschwand er und sie sah ihn erst zu Beginn der Schlacht auf dem Pelennor vor Minas Tirith wieder nach einem langen Ritt in den Reihen der Rohirrim. Ihrer Heimat wieder näher als lange zuvor.

Ihr Herz raste. Ihr Atem rasselte.

Ihre Brust hob und senkte sich unter der Last der Scharniere. Schnaufend sah sie um sich. Zu ihren Füßen war das Gras besudelt mit dem Blut der Leichen. In der Luft lag der Geruch von Tod und Fleisch.

Als der Rausch der Schlacht plötzlich nachließ und der ein oder andere klare Gedanke in Dûma aufkam, lockerte sie erst den Griff um ihr Schwert. Noch vereinzelt kämpften einige der Rohirrim und Gondorianer gegen verzweifelte Orks, doch der jähe Sieg war unbestreitbar: Die Reihen der Feinde waren durchbrochen.

Ein Schauer lief ihr über den Rücken. In ihrem Magen breitete sich ein unwohles Gefühl aus.

Neben ihr kam schnaubend ein Pferd zum stehen. Sie sah zum Reiter hoch, der ihr seine Hand entgegenstreckte. Es war Éomer, der sie mit einem kräftigen Zug auf hinter sich auf sein Ross hob.

Mit einem Ruck befreite Dûma sich aus der Enge des rohirrischen Helms und sog die Luft in ihre Lungen. Ihre Haare lagen ihr verklebt auf der Stirn. Ihr Zopf hatte sich in einen verfilzten Knoten verwandelt.

Éomer ritt in eiligem Trab über das Schlachtfeld und sammelte seine verbliebenen Éored um sich und rief einige Befehle in der rohirrischen Sprache aus.

Dûma hatte inzwischen hatte die Augen geschlossen und atmete ruhiger. Ein verzerrtes Lächeln lag auf ihrem Antlitz. Sie lauschte. Orks brüllten und ebenso Ritter der Éored. Pferdehufe scharrte. Doch da war noch etwas anderes..

Trommeln.

Vertraute Töne. Bekannte Töne. Töne, die sie so lange nicht mehr gehört hatte.

„Hna-sostà, Éomer-pke.", flüsterte sie. Sie fühlte sich in einen längst vergessenen Traum versetzt.

Und die Trommeln wurden lauter.

Ein unsanfter Ruck löste sie aus ihrer Trance. Éadig lief nun im schnellen Galopp über den Pelennor. Worte im alten Rohirrisch aber auch einige aus der gemeinen Sprache schallten über das Schlachtfeld.

Sie öffnete die Augen. Um sie herum wieherten die Reiter Rohans. Vor ihr erkannte sie Théoden, tiefe Furchen über seiner Stirn.

Die Trommeln.

Mûmakil.

In der Ferne Haradrim.

Die alten Kriegsverse, gesungen in einer alten Sprache der Südländer, als die Völker noch vereint waren. Der Wind wehte die Töne herbei, wie ein tausendfach entfachter Sandsturm.

„Dûma!"

Das Stampfen der riesigen Tiere.

Angriffslinie bilden!"

Blut an ihren Händen.

„DÛMA!"

Sie wurde unsanft geschüttelt. „Dûma, du musst hier nicht töten." Éomer zog sie näher an sich. Seine Worte klangen hilflos. „Ich verlange das nicht von dir."

Sie sah ihn an und konnte nichts sagen.

Théoden führte sein Pferd nervös auf und ab und wartete darauf, dass sich seine Soldaten um ihn scharrten.

ANGRIFFSLINIE BILDEN!"

Dûma sah nicht, wie Éomer einen seiner Éored heranwinkte. „Bringe sie hinein nach Minas Tirith. Finde Gandalf Graurock. Sie soll hier nicht kämpfen.", befahl er diesem und bewegte sie dazu, auf das Ross seines Soldaten zu wechseln. Sie tat es ohne Gegenwehr.

Das Stampfen war nun ganz nah.

Blast zum Angriff! Nehmt sie an der Spitze! VORWÄRTS!"

Der Éored galoppierte, so schnell das erschöpfte Pferd noch im Stande war, über das Schlachtfeld und kam der weißen Stadt näher und näher.

Nur langsam kam sie wieder zu Sinnen.

Sie sah sich um und erschrak. Es war Fréalaf, der den Befehl erhalten hatte, sie zu schützen.

Der Soldat trieb seinen Hengst eilig vorwärts. Nicht nur einmal stolperte das Ross über die Unzahl von leblosen Körpern, die über den verdorrten Pelennor verstreut waren. Noch immer kämpften Rohirrim an der Seite von Gondorianern gegen Orks und Uruk-hai, die ihre Stellungen noch nicht aufgegeben hatten. Gleichzeitig entfernten sich die Kriegsgesänge der Haradrim wieder und desto näher erschienen die weißen Mauern der Königsstadt.

Dûma musste sich an den Zügeln des Pferdes festkrallen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, denn hinter ihr verteilte Fréalaf Hiebe an die Untiere am Erdboden. Sie hörte das unwirsche Schnauben des Rosses, dessen Kräfte zur Neige gingen und trotzdem weitergaloppierte, angetrieben von seinem Herrn. Dûma erblickte schon den weißen Turm Ecthelions, als plötzlich etwas geschah. Erst hörte sie den schmerzvollen Aufschrei Fréalafs hinter ihr und im gleichen Augenblick verriss er die Zügel des Tieres, welches sich panisch wandte und sich aufbäumte. Der schwere Reiter glitt seitlich vom Sattel und riss Dûma und sein Ross mit sich, das sich nicht mehr länger auf den Hufen halten konnte. Dûmas Augen weiteten sich vor Schreck. Das letzte das sie sah, war der weiße Turm, welcher den grauen Rauchschwaden der brennenden Stadt eisern trotzte. Dann ein dumpfer Aufschlag und ein stechender Schmerz in ihrem Kopf und alles wurde dunkel.

Es war noch immer zur gleichen Tageszeit, als Dûma erwachte und in das Licht blinzelte. Den hämmernden Schmerz in ihrem Kopf ignorierend wandte sie ihren Kopf und setzte sich mit einem Ruck auf. Sie sah sich um und erkannte in einiger Entfernung Frealaf und sein Ross, blutend stilliegend. Ganz in ihrer Nähe sah sie auch die riesigen Fußstapfen eines Mûmak, welches am Boden lag. Sie stand auf und betrachtete den Rest des massigen Körpers. Das riesige Tier atmete noch unregelmäßig und bei jedem Atemzug bebte sein Torso auf und ab. Niemand hatte sich freilich darum gekümmert, das Leid des Tieres zu beenden.

Sie war gleichzeitig fasziniert und beängstigt von dessen Anblick, obschon sie früher in enger Nachbarschaft mit den eigentlich friedliebenden Mûmak-Herden gelebt hatte.

Ungeachtet der immer noch andauernden Kämpfe stand sie eine Weile nur da und atmete die Luft ein.

Sie bemerkte nicht wie sich eine gebeugte Gestalt von hinten näherte und mit einem markerschütternden Schrei auf sie los sprintete, mit gezogenem Schwert und verzweifelter Geste.

Aus einem Reflex heraus zog sie den Dolch, drehte sich im selben Augenblick um die eigene Achse und stieß dem Angreifer mit einem festen Stoß die Waffe in den Körper. Dieser sog scharf die Luft um sich ein und starrte Dûma aus dunklen Augen an. Entsetzen und Unverständnis drang aus ihnen. Sein übriges Gesicht war mit Stoff bedeckt und dunkelblau. Er ließ seinen Säbel fallen und fiel.

Dûma erstarrt im gleichen Augenblick, in welchem sie das Gesicht ihres Feindes gesehen hatte. Zitternd ließ sie ihre Hand sinken. Blut an ihren Händen.

Sie ließ das Schwert fallen und sank auf die Knie. Zitternd beugte sie sich über den Soldat, dessen Kleidung sich nun rasch rot vor Blut färbte. Sein Atem rasselte und er stöhnte vor Schmerzen.

„Yal'e.. Kheif halak.. assif.", flüsterte sie und Tränen vernebelten ihr ihren Blick. Wie von Sinnen entzweite sie den Stoff ihres Umhangs und presste ihn auf die Wunde des Mannes.

„Kam il khasem?" Seine Worte waren nur noch ein heiseres Flüstern. Ungläubig betrachtete er die Frau, die ihm so ähnlich war und ihn doch in den Kleidern des Feindes nahezu getötet hatte.

„Assif.. assif..", schluchzte sie, verzweifelt die Blutung stoppen wollend. Tränen rannen ihr über das schmutzige Gesicht, vermischten sich mit seinem und ihrem Blut. „Assif."

Sie wusste, dass es zu spät war und dass sie ihm nicht mehr helfen konnte, doch ihre Seele schmerzte vor Schuld und Wut. Verzweifelt brach sie über seinem Körper zusammen. Ihre Arme bis zu den Ellen mit Blut durchtränkt. Die Welt schien still zu stehen. Assif. Verzeih.

Dann wurde sie von hinten gepackt. Einen wirren Moment hoffte sie, es sei ein Feind, der sie niederstrecken und von dieser Welt erlösen würde, doch es war Éomer.

Éomer?

Er zog sie von dem Manne weg und wollte sie aufrichten, doch sie wehrte sich und wollte nicht zulassen, dass man sie von ihm fortbrachte.
"Dar al yassar shar'e!", schrie sie ihn an, „ER IST NICHT TOT!"

Sie beugte sich wieder über den Soldaten und rüttelte ihn heftig. „Assif, fadlak-ki."

Doch Éomer wurde ungeduldig und bedeutete ihr sie endlich zu begleiten.
„Dûma, komm zu dir.", sagte er eindringlich, „Er ist gefallen, du kannst nichts mehr für ihn tun." Noch immer wehrte sie sich.

Mit einem kraftvollen Ruck zog er sie an sich und nahm ihr Gesicht in die Hände. „Hör auf mit dem Wahnsinn!" Zornig blickte sie ihn an und dann beiseite. Éomer wandte sich kurz von ihr ab und blickte zu seinen Soldaten, die ihn begleitet hatten und die Szenerie stumm beobachtet hatten.

„Fastred, sieh, was du für Fréaláf tun kannst.", und deutete in die Richtung, in der sein bester Soldat still lag.

Der Marschall legte wie so oft die Stirn in Falten und stand auf. Er nahm ihr schmutzige Hand in seine und lief zu einer Gruppe Rohirrim, bei der auch einige Pferde bereitstanden.

Leise schritt Fastred heran.

„Mein Herr, es steht nicht gut um Fréaláf. Rasch müssen wir die Häuser der Heilung erreichen."