Weit konnte man von hier aus blicken. Die Weiße Stadt zu ihren Füßen hatte Dûma von den hohen Fenstern ihres Gemachs einen guten Blick auf den Anduin und die Emyn Arnen im Süden. Oft richtete sich ihr Blick in den Süden in den letzten Tagen. So nahe war sie ihrer Heimat und doch so fern. Seufzend wandte sie sich vom Fenster und überlegte, wie sie der Langeweile entgegen wirken könnte, die sich langsam in ihr ausbreitete. Doch ein Klopfen an der Tür bewahrte sie vor solcherlei Gedanken.
„Tretet ein!", rief sie.
Ihre Gesichtszüge erhellten sich, als sie Déorwine erkannte, der milde lächelnd um Einlass bat.
„Nanu, wohin hat es die Wachen vor meiner Tür verschlagen?", fragte Dûma.
„Ihr solltet besser auf sie aufpassen, mein Kind, aber vielleicht trieb sie nur der Hunger in die Gaststube.", antwortete er und trat in das Zimmer.
„So wird es sein.", lachte sie und nahm zur Begrüßung seine Hände in ihre. „Welch Freude euch zu sehen, Déorwine." Sie freute sich wirklich über seine Gesellschaft, denn er war ihr ein guter Freund geworden.
Noch immer lächelte er gütig.
„Setzt euch, bitte.", bat sie ihn. Langsam setzte er sich auf einen der zwei massiven Holzstühle.
„Wie geht es Euch heute, Dûma?", fragte er und beugte sich vor.
Sie lächelte. „Danke.. schon viel besser, wenn ihr mich fragt. Die Heilerinnen machen sich viel zu große Sorgen. Sie lassen mich kaum aus den Augen und glauben wohl jede Minute, ich könne mir selbst etwas antun." Sie schnaubte belustigt.
„Nun ja.. aber wie kommt es, dass ihr nicht an dem Rat teilnehmt, den Aragorn einberief?"
„Oh, dieser ist nur einem ausgewählten Kreise vorbehalten. Doch viel lieber leiste ich Gesellschaft einer so.. bezaubernden jungen Frau."
Bei seinen letzten Worten erstarb sein Lächeln.
Seine Gesichtszüge wurden kalt.
Verwirrt lächelte Dûma trotzdem. „Ihr bringt mich in Verlegenheit."
Plötzlich erhob er sich von seinem Stuhl.
„Das war keinesfalls meine Absicht."
Seine Augen wandten sich kurz ab. Er verstummte, als ob er über etwas nachdächte.
Dann erhob er sich und richtete sich in voller Größe auf. Er sah auf sie herab und sein Blick war noch kälter. Obgleich er alt war und auf manchen beizeiten gebrechlich und schwach wirkte, so war er in diesem Augenblick das Gegenteil. Stolz blitzte in seinen Augen und seine Statur war noch immer beeindruckend.
So schritt er auf sie zu, auf sie hinabblickend und schweigend.
In diesem Moment erstarb auch ihr Lächeln. „Déorwine.. verzeiht, habe ich euch beleidigt?" Dabei schüttelte sie sachte mit dem Kopf. Nie hatte sie Angst vor diesem Manne gehabt, noch sich je unwohl gefühlt in seiner Gegenwart.
Noch eine Sekunde stand die Luft still zwischen beiden.
Dann stießen seine Hände hervor und packten sie an den Schultern. Ein einzelner Schrei kam aus ihrem Munde, aber ihr Körper war vor Schreck unfähig, sich zu regen.
Er riss sie von ihrem Stuhl auf den harten Steinboden hinunter. Mit seinem gesamten Körpergewicht zwang er sie dazu, liegen zu bleiben. Sein Blick war eisern und starr. Die Muskeln angespannt, seine Lippen zu einem fürchterlichen Grinsen verzerrt, legten sich seine großen Hände um ihren Hals. Ihre Augen weiteten sich und füllten sich mit Tränen. „Déorwine, was..?!"
Sie kam nie dazu, ihre Frage zu beenden, denn in diesem Moment drückten seine Hände so fest zu, dass sie glaubte, schon diesem Schmerz erliegen zu müssen.
„Vorbei ist es, Hure.", sprach in einer Tonfall, von dem sie nicht geglaubt hätte, dass er aus seinem Munde stammen könne.
„Du hast geglaubt, den Marschall bezirzen zu können? Dich in das Haus Eorls einheiraten willst du? Eine Haradan auf dem Throne Rohans?!"
Die letzten Worte brüllte er ihr ins Gesicht, während sein Griff um ihren Hals in keiner Sekunde nachließ. Ihre Lippen formten Worte der Erklärung, Verteidigung.. oder Gnade, doch kein Laut drang nach außen.
„Lange habe ich auf diesen Moment gewartet.."
Seine Augen waren nicht mehr die seinen. Vor Hass quollen sie aus seinem Schädel, die Adern an Armen und Händen traten hervor.
"Auf dem Schlachtfelde wolltest du nicht sterben, weder vor der Hornburg noch durch das Schwert deines eigenen Volkes auf dem Pellennor..."
Verzweifelt versuchte Dûma zu atmen. Ihr Körper wandte sich unter ihm und sie kämpfte mit der Kraft eines Menschen, der Todesangst hat. Ihre Lungen schrieen nach Sauerstoff, in ihrem Kopf hämmerte es. Ihre Augen wurden dunkel.
„Stirb, Abschaum..", raunte er und grinste wie wahnsinnig.
Ihre letzten Kräfte verließen sie.
Ihre Gedanken wurden wirr und sie begriff kaum, warum sie plötzlich wieder einen Atemzug tun konnte. Der Mann über ihr war weggerissen worden. Rasselnd sog sie die Luft um sich herum ein und es war, als ob es der erste ihres Lebens war. Ihr war so schwindelig.. Hustend rollte sie sich auf die Seite.
Unterdessen war in dem Gemach ein erbitterter Kampf zwischen Déorwine und dem rohirrischen Soldaten, der plötzlich aufgetaucht war, entfacht. Er wurde auf dem Steinboden ausgetragen, denn keiner von beiden trug eine Waffe. Fäusten trafen auf Schläfen und Mägen, Blut spritzte und Schreie drangen aus dem Zimmer. Und es war in jedem Moment, in dem der Soldat Déorwine niederwarf und dessen Kopf mit einem fürchterlichen Geräusch auf die Kante des Holzbettes aufschlug. Noch ein Schrei drang aus seinem Munde, dann sackte er tot zusammen.
Der andere ging mit schnellen Schritten zu der noch immer am Boden liegenden Dûma, deren Atem nun schnell ging.
„Dûma..", flüsterte der Mann und kniete sich neben den zitternden Körper.
„Atmet ruhig. Ruhig.." Er versuchte ihr mit leisen Worten die Angst zu nehmen und legte sie wieder sanft auf den Rücken um ihren Lungen mehr Platz zu geben. Seine rauen Hände nahmen ihr Gesicht und er raunte: „Dûma, habt keine Angst mehr, ihr müsst langsam atmen, bitte." Kaum merklich kam sie seiner Aufforderung nach, trotzdem war ihr Gesicht noch immer kreidebleich und ihr Atem ging unnatürlich laut. Ihre Brust hob und senkte sich unregelmäßig. Erst jetzt wagte sie die Augen zu öffnen. Jegliches Wort blieb ihr im Halse stecken, stattdessen rann ihr eine einzige Träne über die Wange. Sie sah ihn weiter nur an und sah ihn zum ersten Mal seit sie ihn kannte, lächeln. Die Welt schien verdreht. Es war Fréaláf.
Beide starrten sich noch immer unentwegt an, als mehrere Personen im Laufschritt das Zimmer betraten. Einen kurzen, geschockten Moment hielt der Marschall inne, um im nächsten auf die am Boden liegende Frau zuzugehen.
„Was zur Hölle ist hier passiert?" Der Marschall traute seinen Augen kaum. Er sah Dûma ins Gesicht und stellte erleichtert fest, dass es ihr gut ging. Dann kniete er sich neben seinen Waffenmeister, dessen erstarrtes Antlitz die Decke fixierte. Es schien unerklärbar, was vorgefallen sein mag. Mit einer leichten Bewegung seiner Hand schloss er die Augen des Toten und sah nun Fréaláf in die Augen. Dieser legte Dûmas Hals kurz frei und deutete auf die offensichtlichen Würgemale.
„Ich kam gerade noch zur rechten Zeit.", sagte er kurz.
„Unmöglich.", flüsterte Éomer und schüttelte den Kopf. „Unmöglich.", wiederholte er eindringlicher. Dann hob er Dûmas kleinen Körper auf seine Arme und trug sie aus dem Zimmer, in dem sich rasch eine furchterregende Blutlache ausgebreitet hatte. Seine Begleiter, die noch immer im Türrahmen standen, sahen ihn vorsichtig an, als erwarteten sie einen Befehl. Doch Éomer ging wortlos an ihnen vorbei und drückte Dûma nur noch fester an sich.
Es war ein weiterer Weg von den Krankengemächern zu denen der Edelleute aus Rohan und Gondor. Viele Gesichter sahen den Marschall fragend an, doch dieser setzte seinen Weg schweigend fort.
„Lass' mich runter, Éomer.", murmelte Dûma, die ihre Augen geöffnet hatte und langsam zu verstehen begann, was geschehen war. „Wirklich, ich kann allein gehen.", wiederholte sie.
„Nein.", antwortete Éomer schlicht und ging an den Wachen vorbei zu seinem Gemach. Erst als man die Tür hinter ihm geschlossen hatte, ließ er sie auf ihren eigenen Füßen stehen.
