2.

‚Ein schönes Ehrenamt, kein Chefposten und doch Verantwortungsvoll!' schoss es Rokko durch den Kopf, als er den Umschlag an den kleinen Erik adressierte. Er hatte ihm geschrieben, dass in großen Städten doch auch alles ganz eng beieinander lag, und das es doch viel spannender und kniffliger wäre, in seinem kleinen Zimmer eine tolle Stadt zu organisieren, als viel Platz für ein einfach zu erbauendes Land zu haben. Rokko legte den fertig adressierten Brief zu den anderen, um sich dann aus dem großen Stapel der unbeantworteten Weihnachtsmannpost die nächste Aufgabe zu ziehen. Dieses mal erwischte er ein besonders dickes Exemplar. Auf einem dunkelroten Briefumschlag war mit großen Buchstaben „An den Weihnachtsmann!" geschrieben. 2,20 Euro klebten als Marken darauf. ‚Oh je, da wollte aber einer unbedingt dass sein Brief ankommt!', dachte Rokko. ‚Hm, aber ich werde wohl gar nicht antworten können, steht ja kein Absender drauf.' Er nahm den Brieföffner und schlitzte den Umschlag auf. ‚Vielleicht steht die Adresse ja drin.' Damit entnahm er das Papier, faltete es auf und begann zu lesen.

Rokko schmunzelte noch über den ersten Absatz. doch Mit jeder weiteren Zeile, die er las, wurde er blasser. Immer mehr Stockte ihm der Atem. Mit zitternden Händen legte er das Papier schließlich halb gelesen zur Seite und stahl sich leise hinaus, an Tim vorbei. Der schrieb zu seinem Glück gerade fleißig und war so vertieft und konzentriert, dass er seinen blassen Weihnachtsmannpostkollegen gar nicht bemerkte. Draußen angekommen atmete Rokko erst einmal ganz tief durch. Er brauchte dringend kurz frische Luft, um nach diesem Schock irgendwie wieder einen klaren Gedanken zu fassen. ‚Das kann doch nicht sein! Wieso jetzt? Wieso in meinem Stapel? Warum konnte dieser Brief nicht in einem anderen Weihnachtsmannpostamt ankommen, oder wenigstens bei Tim auf dem Schreibtisch landen?' Tausende Fragen schossen Rokko durch den Kopf. Nachdem sich sein Herzschlag wieder etwas beruhigt hatte, ging er ins Postamt zurück, nahm den Brief wieder zur Hand und begann ihn noch einmal zu lesen. Leise sprach er die Worte mit, um sich nicht wieder von den Emotionen die Konzentration rauben zu lassen:

Berlin, den 29.10.2016

Lieber Weihnachtsmann,

die in meiner Klasse sagen, dich gibt es gar nicht. Aber ich glaub das nicht, obwohl ich letztes Jahr auch fast gedacht hätte der Weihnachtsmann war der Opa Friedrich. Aber das stimmt nicht! Dich gibt es wohl und deshalb muss ich Dir schreiben. Du sollst mir nämlich dieses Jahr kein Spielzeug bringen, davon hab ich schon ganz viel und ich weiß gar nicht, mit was ich zuerst spielen soll. Ich will bitte auch keine Sachen haben, die krieg ich sowieso immer mal, weil ich ja so wachse. Ich hab einen ganz anderen Wunsch und bitte, bitte, bitte, mach das der wahr wird!!!!!!!!!!

Ach so, ich hab ja ganz vergessen, zu schreiben, wer ich bin! Also, ich bin Pia Seidel. Ich wohne mit meiner Mama Lisa Seidel in Berlin. Mein Papa David wohnt mit Lydia und dem kleinen Leon auch in Berlin. Aber es ist ganz schön weit dort hin. Man fährt bestimmt eine Stunde mit der S-Bahn, aber das kann ich schon alleine, ich bin ja auch schon neun! Bitte

denk jetzt nicht, dass ich mir wünsche, dass Mama und Papa zusammenleben. Ich weiß, der Niko wünscht sich das aus meiner Klasse, aber ich nicht. Papa hat noch nie mit uns gelebt, und außerdem hat er die Lydia, und die hab ich auch gaaaanz dolle lieb!!! Na und den Leon auch, obwohl der manchmal ganz schön nervt mit seinen blöden Rennautos! Trotzdem, die sollen zusammen bleiben!!!

Aber ich wünsche mir, Weihnachtsmann, das meine Mama einmal lacht! Ich meine, so richtig! Die Mamas von den anderen Kindern, die lachen ganz oft, und meine Mama die ist immer ganz ernst, und ich glaube auch traurig. Weißt du, die denkt ja, ich bin doof und krieg das nicht mit, aber fast jeden Abend sitzt sie in unserer Stube und weint! Sie guckt sich dann immer ein altes Fotoalbum an. Das hat sie schon gehabt bevor ich da war. Einmal hat das Telefon geklingelt und da bin ich nämlich heimlich in die Stube gelaufen und hab mir die Fotos angeguckt. Ich weiß, das macht man nicht, bitte sei nicht böse, Weihnachtsmann, ich mach's auch nicht wieder, versprochen! Aber ich hab auf den Fotos was gaaanz wichtiges entdeckt, die Mama kann nämlich lachen. Ich hab nämlich immer gedacht, die kann das nicht, so wie ich eben nicht so gut malen kann! Aber die kann das! Die kann das richtig gut und ich will das sooooooo gerne mal ohne Foto sehen, kannst du das machen?

Ich bin natürlich schlau und hab schon mal rausgefunden, wie du das machen könntest. In dem Fotoalbum, dass sie sich immer anguckt, lacht sie nämlich am meisten auf den Bildern mit einem Mann, und der heißt Rokko. Das hab ich gelesen, weil sie hat ja auch immer was zu den Bildern geschrieben. Also, wenn du ihr den bringen könntest, dann lacht sie bestimmt! Und ich versprech dir, nächstes Jahr wünsche ich mir gaaaar nix! Hauptsache meine Mama lacht wieder, wenigstens einmal, ein einziges mal!

So, jetzt hab ich aber ganz viel geschrieben, und ich wünsch mir ganz, ganz, ganz dolle, dass du den bringst, ja? Du machst das doch!!! Ich glaub ganz fest dran.

Es grüßt dich ganz lieb und mit einem dicken Schmatz

Deine Pia.

PS: wenn Du noch Fragen hast, schreib mir ne Mail. Die Adresse ist kleinpiakerima-moda.de. Die Post holt nämlich immer die Mama hoch, und die darf ja nicht wissen, dass ich dir geschrieben habe! Meine E-Mails liest sie aber nicht, das hat sie mir versprochen, als ich dieses Jahr zum Geburtstag die Adresse gekriegt hab!

‚Mein Gott, warum konnte dieser Brief nicht in Tims Stapel liegen!' Rokko seufzte innerlich. Seine Gedanken drehten sich schon wieder! Wie sollte er reagieren? Vielleicht Sollte er Tim bitten, sich um diesen Brief zu kümmern? Er nahm das Papier noch einmal in die Hände und überflog es erneut, dieses mal um sich den Inhalt richtig bewusst zu machen und die Informationen herauszufiltern, die er über Lisa enthielt, seine große, verlorene Liebe. Lisa hatte also eine Tochter, scheinbar ein wunderbares Kind, sehr sensibel und intelligent. ‚Das muss sie von der Mutter haben!' Rokko versuchte, sich die kleine Pia bildlich vorzustellen. Ob sie wohl Lisas herrliche Augen hat? Ein bittersüßer Schmerz durchfuhr seine Seele. ‚Sie könnte meine Tochter sein wenn Lisa damals…' Rokko verbot sich das Weiterdenken und konzentrierte sich wieder auf den Inhalt des Briefes. Was hatte die Kleine geschrieben? David hat noch nie mit ihnen gelebt und sie ist neun? Dann muss Lisa noch während der Hochzeitsreise schwanger geworden sein, und sie müssen sich sofort danach getrennt haben. Und David hat eine andere Frau und einen Sohn? ‚Das kann ich mir gar nicht vorstellen! Der unstete David! Mit Lisa hat er es wohl kein Jahr ausgehalten und mit einer anderen schon?' Rokko zuckte innerlich verächtlich die Schultern. ‚Ach David! Du wusstest diese Klasse Frau eben noch nie wirklich zu schätzen' Ja, und Lisa? Lisa konnte nicht mehr lachen? Dieser Gedanke tat Rokko in der Seele weh. Gerade ihr Lachen, ihr herzliches, natürliches Lachen hatte er so sehr an ihr geliebt. Ihre strahlenden Augen, die ehrliche Freude, die darin lag! Das alles sollte dahin sein? Diese wunderbare Frau sitzt fast jeden Abend vor den alten Fotos und weint? ‚Sicher weint sie um das verlorene Glück mit David!' rief ihm die innere Stimme der Vernunft zu. Rokko seufzte. Er hatte ihr so sehr, von ganzem Herzen, dieses Glück gewünscht. Nun zu erfahren, dass sie es nicht gefunden hatte, tat ihm selbst im Herzen weh. Ihm fiel wieder einmal auf, dass er keinen Groll gegen Lisa in sich hegte. So oft hatte er versucht, sie zu hassen oder wenigstens wütend auf sie zu sein - es gelang nicht. Für Rokko blieb Lisa immer die wunderbare, absolut liebenswerte Frau, andere Gefühle gelangten, was sie betraf, einfach nicht in sein herz. ‚Und wenn sie doch nicht um David weint? Wenn Lisa mich nun wirklich vermisst?'

„Hey, Erde an Rokko!" Tim klopfte ihm auf die Schulter und Rokko drehte sich erschrocken um. „Willst Du auch ‚nen Ka… Hey! Du hast ja Tränen in den Augen! Wieder mal ein Scheidungskind?" „Hm! Äääh, ja! Ich nehm auch ‚n Kaffee!" Nein, Rokko würde den Brief nicht an Tim übergeben. Vielleicht konnte er Pia helfen, Lisa zum lachen zu bringen. Okay, Lisa hatte ihn nicht fair behandelt, aber weder sie noch die kleine Pia hatten diese Situation verdient. Er musste etwas tun.