3.

Zu Hause angekommen eröffnete er ein neues E-Mailkonto und antwortete:

Von: kleinpiakerima-moda.de

Betreff: Dein Brief

Liebe Pia,

vielen Dank für deinen ganz besonderen Wunsch. Da hast du mich ja vor eine schwere Aufgabe gestellt. Weißt du, ich bin ja der Weihnachtsmann und kein Detektiv aus dem Fernsehen. Einen Rokko für Deine Mama zu finden, ist deshalb nicht einfach für mich. Na ja, und dann ist das ja auch nur so deine Vermutung, dass der sie zum Lachen bringen könnte.

Weißt Du, Dein Papa hat zwar nicht mit Euch beiden gelebt, aber mit der Mama schon. Bestimmt möchte sie ihn gerne zurück und weint, weil der jetzt die Lydia hat. Die Mama muss das lernen, und das wird sie auch. Gib ihr Zeit und hilf ihr oft in der Küche, dann wird sie bestimmt bald wieder lachen! Du kannst ihr auch etwas vorsingen, und gute Noten in der Schule helfen in solchen Fällen auch oft!

Liebe Grüße der Weihnachtsmann!

Nachdem Rokko auf „senden" geklickt hatte, bereute er seinen Schritt schon wieder. Wie konnte er bloß versuchen, einer neun-jährigen zu erklären, dass ihre Mama Liebeskummer wegen ihres Vaters hatte, dessen neue Frau und deren Sohn die kleine von Herzen gerne mochte? ‚Oh je, in solchen Situationen merke ich dann doch, dass ich keine Kinder habe!'

Während er noch so in Gedanken war, meldete sich sein PC. Eine E-Mail war eingegangen. ‚Was? Nach 20 Minuten schon Antwort?" Er öffnete die Mail und las:

Von: kleinpiakerima-moda.de

An: Re: Dein Brief

Hallo Weihnachtsmann,

also, ich hab ja immer gedacht, du weißt alles, aber jetzt seh ich, du hast echt null Ahnung! Lydia und Papa und Mama, die machen ganz oft was zusammen, auch mit uns Kindern! Lydia und Mama telefonieren mindestens drei mal die Woche und weniger als eine Stunde ist das nie! Also, dass Mama will, dass Papa die Lydia und den Leon alleine lässt, damit er mit uns lebt, das ist Megaquatsch, ehrlich!

Als ich die Fotos angeguckt habe, wo Mama zum Telefon ist, da hat übrigens die Lydia angerufen, da war ein Foto aufgeschlagen, wo sie mit dem Rokko lacht! Und das Foto war nass, also hat sie draufgeweint! Und auf den anderen Bildern war auch der Papa gar nicht drauf!

Weihnachtsmann, Du musst ihr den Rokko bringen, auch wenn du kein Detektiv bist, bitte! Keine dummen Ausreden mehr, ja?

Liebe Grüße Pia!

PS: Morgen nach der Schule fahr ich zu Tante Kim, ich kann also erst Montag wieder mailen!

‚Ganz schön frech, dieses Kind!' Rokko schmunzelte. ‚Die weiß wirklich, was sie will! Das hat sie wohl vom Vater!' Rokko schaltete den PC aus und holte aus der hintersten Ecke seiner Abstellkammer den Pappkarton mit all den Souvenirs und Erinnerungen an seine Zeit bei Kerima heraus. Auch er hatte einige Fotografien und die betrachtete er jetzt nachdenklich. Lisa hatte in dem Album also keine Bilder von David. Rokko lächelte ein Foto von Lisa an ihrem Schreibtisch bei Kerima an und seufzte. Konnte es tatsächlich sein, das sein Herz nicht nur einfach für andere irgendwie blockiert war, sondern dass er Lisa wirklich noch liebte, trotz allem, was zwischen ihnen geschehen war? Okay, er hatte sich damit abgefunden, dass er niemals wütend auf sie sein, oder sie gar hassen könnte. Aber jetzt wusste er auf einmal mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, dass Lisa ihn nicht vergessen hatte, das Gegenteil schien der Fall zu sein. Angesichts dieser Gewissheit machte sich eine unbändige Freude in ihm breit. Und das war nicht etwa Schadenfreude darüber, dass Lisa doch nicht das Glück mit David gefunden hatte, wie er sich zuerst selbstkritisch vorwerfen wollte. Nein, es war die Freude eines lange zurückgestoßenen Liebenden, der auf einmal erfuhr, dass seine Liebe doch eine Chance hatte. Rokko seufzte tief! Wie konnte das sein? Gab es wirklich jene grenzenlose und alles verzeihende Liebe, und er durfte sie erleben? Das Pias Brief an den Weihnachtsmann ausgerechnet ihm in die Hände gefallen war, bedeutete das, das Schicksal gab ihnen eine zweite Chance? Konnte so etwas tatsächlich passieren? Eigentlich gab es solche Geschichten doch nur in Hollywood-Filmen und Märchen!