4.

Am Abend des nächsten Tages stand die kleine Pia heimlich an der Wohnzimmertür und lauschte angestrengt. Etwa zwei Stunden zuvor war Lydia mit Leon zu ihnen zum Abendessen gekommen. David war auf Geschäftsreise in Johannesburg und in solchen Zeiten kamen Lydia und Leon öfter zu ihnen. Lisa hatte mal wieder die Fotos angesehen und war so in Gedanken vertieft, dass sie die Klingel nicht gehört hatte. Also hatte Pia den beiden geöffnet und sie waren in die Stube gegangen. „Hey, was ist denn mit Dir los!" Lydia war sofort aufgefallen, dass ihre Freundin geweint hatte. „Oh, ihr seid ja schon da. Ach Gott, ich hab wohl die Zeit verpasst! Ääääh, ich geh mal in die Küche!" „Lisa, du musst endlich mal reden." Lydia war ihrer Freundin in die Küche gefolgt. „Ey, kann ich an deinen PC?" Leon war neben Pia getreten, die mit großen Ohren versteckt in einer Ecke zwischen Stuben- und Küchentür stand. „Klar!", antwortete diese erfreut, denn so konnte sie dort bleiben und heimlich weiter lauschen und musste nicht stattdessen ihren kleinen Halbbruder bei Laune halten. „Aber du darfst es der Mama nicht sagen?", Leon sah sie erwartungsvoll an. „Ehrenwort! Hau schon ab!" Ja, lauschen war verboten, das machte man nicht. Und Leon am PC spielen lassen, ohne dass Lydia einverstanden war, durfte man auch nicht. Aber damit ihre Mama wieder lachen konnte, musste Pia diese Verbote einfach ignorieren. Sie würde es auch Montag gleich dem Weihnachtsmann beichten. Der würde schon nicht böse sein, schließlich tat sie es ja für ihn. Der Weihnachtsmann schien auch langsam alt zu werden und seine Augen nicht mehr überall haben zu können. Also musste sie ihm helfen, wenn sie ihm schon eine so schwierige Aufgabe zudachte.

„Du siehst immer traurig und ernst aus, aber niemals erzählst du was!", hörte Pia Lydias Stimme aus der Küche. „Hey, ich bin deine beste Freundin, willst Du nicht irgendwann aufhören, die Geheimnisvolle zu spielen?" „Ach Lydia!", Pia hörte ihre Mutter seufzen. „Das ist… das… das…" „ist es, dass du David immer noch liebst? Bitte, Lisa. Sei ehrlich!" „Nein!" antwortete Lisa. „Ganz bestimmt nicht, keine Sorge! David ist einer meiner allerbesten Freunde, nicht weniger, aber auch auf keinen Fall mehr! Aber…" „Was aber! Lisa, diesmal lasse ich mich nicht mit billigen Ausreden wie Stress auf Arbeit oder so abspeisen!" „Aber es hat mit der Zeit zu tun, als wir geheiratet haben!" schloss Lisa ihren Satz. „glaubst du nicht, es… es… Es könnte dich verletzen, wenn ich Dir die ganze Geschichte erzähle?" „Ach Lisa! Hey! Ich habe David lange nach Eurer Trennung kennen gelernt, und dich ganz unabhängig davon auf dienstlichem Wege. Nämlich in meinem Friseursalon, falls du dich erinnerst!" Lisa lächelte. „Na gut! Vielleicht hast du recht!" In ihrer Lauschecke machte Pia innerlich einen Luftsprung. Jetzt würde Mama erzählen und sie würde alles dem Weihnachtsmann weitergeben können. „Wenn die Kinder im Bett sind, zeige ich Dir die Fotos und erzähl dir die ganze Geschichte!" ‚Mist!' dachte Pia ärgerlich. ‚Da muss ich warten bis Leon schläft und dann heimlich wieder aufstehen! Das ist ganz schön gefährlich! Wenn Mama mich erwischt, krieg ich ganz bestimmt richtig Ärger! Aber es ist ja nur gut gemeint. Weihnachten hat man eben Heimlichkeiten!' „Pia, Leon! Helft ihr uns den Tisch decken?" rief da plötzlich Lydia! „Klar, ich helfe!" Pia lief schnell in die Küche. Vorher klappte sie noch mit der Kinderzimmertür, damit niemand bemerkte, dass sie im Flur gestanden und gelauscht hatte. „Leon kommt auch gleich, er hört nur schnell die CD zu Ende!"

Nach dem Essen hatte Pia zu Lisas großem Erstaunen ganz schnell ins Bett gewollt. Leon hatte protestiert, aber Pia wusste sofort Rat und versprach ihm schnell, etwas aus der Sportzeitung vorzulesen. „Da sind Bilder von den neusten Rennwagen drin und Michael Schuhmacher hat drüber geschrieben!" Leon grinste glücklich. „Kind, was ist denn mit Dir los!", kommentierte Lisa das ungewöhnliche Verhalten ihrer Tochter belustigt!" willst Du den Weihnachtsmann beeindrucken?", „Hm, vielleicht!", kam die Antwort verschmitzt von ihrer kleinen Tochter! „Na dann versuch mal dein bestes!" Liebevoll strich die Mutter ihr kurz übers Haar.

Pia hatte eine ganze Weile gebraucht, bis Leon endlich eingeschlafen war. Nun aber hatte sie ihre Position vor der Wohnzimmertür eingenommen und lauschte gespannt dem Gespräch der beiden Frauen. Da sie so lange mit Leons Einschlaftherapie beschäftigt gewesen war, hatte sie natürlich schon eine ganze Menge verpasst. Ihre Mama schien tatsächlich schon am Ende der Geschichte zu sein. Sie hörte wohl gerade noch den letzten Satz, wie sie befürchtete.