6.
Das Wochenende hatte Rokko zusammen mit Tim, Mandy, deren kleinem Sohn Ole und Joana, ihrer weiblichen Weihnachtsmannpostchefin, in Pinneberg verbracht. Sie waren viel in Hamburg unterwegs gewesen und seine Eltern waren so sehr mit anstandsgemäßer Gastfreundschaft beschäftigt, dass es auch sonst nicht zu den üblichen gefürchteten Grundsatzdiskussionen kam. Die Gedanken an Pias Post und Lisa hatte er recht erfolgreich verdrängt. Nur abends im Bett kreisten die immergleichen Fragen in seinem Kopf. Da sie tagsüber aber viel unternahmen, gewann der Schlaf den Kampf mit diesen Gedanken meist ziemlich schnell.
Nun war Rokko zurück in Berlin und er hatte gerade den PC angeschalten, um wenigstens noch ein Bisschen an dem Konzept zu arbeiten, dass Ende Januar fertig sein sollte. Ihm waren in Hamburg dazu ein paar Inspirationen gekommen, die er auf keinen Fall wieder aus dem Blick verlieren wollte. Plötzlich meldete sich sein Mailprogramm. Rokko sah auf die Uhr, kurz nach 11. ‚Nanu! Wer schickt mir denn so spät noch eine Mail?!' Neugierig öffnete er das Programm und staunte. Pia? Um diese Zeit? Schon hatte er die Mail aufgerufen und las atemlos:
Von: kleinpiakerima-moda.de
An: gaaaanz wichtig!
Hallo Weihnachtsmann,
bitte sei nicht sauer, dass ich dir schon wieder schreibe, ohne deine Antwort abzuwarten! Aber ich muss dir unbedingt schreiben, was ich herausgefunden hab! Ich weiß, ich war da nicht so ganz wirklich brav, Aber ich will doch, dass die Mama wieder lacht! Und ich weiß jetzt nämlich ganz genau, dass ich recht habe, du musst ihr den Rokko bringen. Sei mir bitte auch nicht bös, dass ich jetzt noch mal heimlich aufgestanden bin. Die Mama schläft aber ganz fest, und du musst das unbedingt ganz schnell wissen, nicht erst morgen Nachmittag!
Also, am Freitag war die Lydia bei uns zum Abendbrot. Die Mama hat wieder Fotos angeguckt und deshalb die Klingel nicht gehört. Also hab ich aufgemacht und als die Lydia in die Stube kam, hat die Mama noch geweint. Na und da hat die Lydia gesagt, dass sie endlich mal reden muss. Und die Mama meinte dann, sie macht das, wenn wir im Bett sind, also der Leon und ich. Und vorher hat sie noch zur Lydia gesagt, dass der Papa einer von ihren allerbesten Freunden ist, aber mehr nicht! Na ja, ich weiß ja, dass man nicht lauscht, aber ich will dir ja helfen, und wenn man dem Weihnachtsmann helfen will, dann darf man das doch mal, oder? Na ja, also, der Rokko der heißt Kowalski oder so! Und die Mama wollte den mal heiraten die hat aber dann doch den Papa geheiratet. Na ja, sie hat dann aber schnell gemerkt, dass das falsch war. Sie hat gesagt, das einzige Gute daran ist, dass ich jetzt da bin. Aber egal.
Jedenfalls hat sie den Rokko dann besucht, aber hat dann doch nicht geklingelt. Sie hat ihm mal ganz doll weh getan, hat sie gesagt. Bestimmt haben sie gekampelt und dann ist es passiert. Und da hatte die Mama Angst, dass der Rokko noch böse ist und hat sich nicht getraut. Sie ist dann noch mal hingefahren, aber da war der Rokko dann schon nicht mehr in Hamburg, also da brauchst du nicht zu suchen. Na und dann meinte Mama, sie muss damit jetzt leben. Ich bin noch klein, aber ich hab ganz schön Angst, das heißt, dass sie jetzt immer immer traurig ist. Also, du musst ihr den Rokko bringen, biiiiitte! Wenn ich dem Niko sein Spielzeug weggenommen habe, und ich sehe, dass der traurig ist, muss ich mich auch entschuldigen, sonst wein ich nämlich auch. Also, wenn die Mama dem Rokko weh getan hat, dann muss sie sich auch entschuldigen. Sonst bleibt sie ja traurig, weil sie ja weiß, dass sie Mist gebaut hat. Also bring ihr den Rokko, ja?! Sie traut sich ja nicht mehr, den zu suchen.
So, jetzt weißt du alles. Aber bitte sei nicht sauer weil ich heimlich gelauscht hab, ja?
Liebe Grüße von Deiner Pia.
Rokko seufzte und lehnte sich zurück. ‚Meine Güte, das ist ja echt harter Tobak!' Lisa hatte also vor seiner Tür in Hamburg gestanden und nicht geklingelt. Und so, wie Pia das geschrieben hat, fühlte sie sich ihm gegenüber immer noch schuldig. „Aber das musst du doch nicht, Lisa!", kam es ihm über die Lippen. Rokko staunte über sich selbst. Ihm wurde auf einmal etwas klar. Plötzlich wusste er, warum er es nie geschafft hatte, diese Frau zu hassen und so, als sei Lisa im Raum, sprach er weiter: „Du konntest nicht anders. Du bist deinem größten Traum gefolgt. So wie ich meinen Traum von der ersten wirklich großen Liebe eben auch nicht aufgeben konnte, was immer ich auch versucht habe. Dieser Traum der ersten Liebe in dir musste erst zerplatzen, damit dein Herz wirklich frei werden konnte, für das, was in ihm durch unsere Liebe schon ganz zart gewachsen war. Und so sehr ich dir das Glück mit David auch von ganzem herzen gewünscht habe - irgendetwas in mir muss immer gespürt haben, dass dieser Keim in deinem Herzen nicht eingegangen war. Und deshalb konnte ich mich wohl auch niemals ganz und gar auf jemanden anders einlassen!" Rokko strahlte. „Und der Keim scheint wohl in uns beiden sogar weitergewachsen zu sein."
Mit diesen Worten Wandte er sich wieder dem PC zu, klickte auf antworten und schrieb:
Von: kleinpiakerima-moda.de
Meine liebe Pia,
du bist zwar wirklich nicht immer ein braves Kind, und ich hoffe sehr für dich, dass das mit dem Leute Belauschen eine absolute Ausnahme bleibt!!! Aber Du bist wirklich sehr, sehr klug und eine wahnsinnig gute Beobachterin. Wer weiß, vielleicht wirst du Detektiv, Wenn du mal groß bist!
Okay, du hast mich überzeugt. Ich werde dafür sorgen, dass sich die Mama bei dem Rokko entschuldigen kann. Ich will aber die Mama nicht ganz so erschrecken und ich weiß ja auch nicht wirklich, was der Rokko dazu sagt. Ich werde den Rokko suchen, und mit ihm reden. Ich schreibe dir dann, wie er reagiert, okay?
Liebe Grüße vom Weihnachtsmann!
Rokko las die Zeilen noch einmal, lächelte vergnügt und klickte auf „senden". Ja, er wollte Lisa sehen. Er wollte ihr sagen, dass er ihr lange vergeben hatte und dass er immer für sie da sein würde, wenn sie ihn brauchte. Aber auf welche Weise genau er sich ihr zeigen würde, dass wollte er sich morgen überlegen.
