9.
Die Zeit war viel schneller vergangen, als es Rokko lieb sein konnte. Die kurze Briefvariante hatte er gleich am nächsten Tag aufgesetzt. Sie war witzig und aufheiternd geschrieben und es war ihm überhaupt nicht schwer gefallen, Worte dafür zu finden. Der lange Brief aber bereitete Rokko Kowalski, dem wortgewandten Werbeprofi, ernsthaft große Sorgen. Tausende entwürfe hatte er begonnen und nach einigen Zeilen sofort wieder zerrissen. Alles klang irgendwie furchtbar gestelzt. Und nun war es schon 23.35 Uhr, und morgen war heilig Abend. Sollte er doch nur den kurzen Brief mitnehmen? Nein! Rokko riss entschlossen ein weiteres Blatt vom Notizblock ab und schrieb. Ohne die Zeilen noch einmal zu lesen, faltete er nach zwei Stunden sein Werk und steckte es zusammen mit einigen frisch ausgedruckten Seiten und einer Visitenkarte von sich in einen Briefumschlag, auf den er „An Lisa" schrieb. Dann legte er sich ins Bett. Schließlich hatte er heute Abend eine große Runde zu bewältigen.
Zu seiner eigenen Verwunderung ging Rokko auch den Morgen des 24.12 ganz entspannt an. Er genoss ein weihnachtliches Frühstück zu den Klängen des Boena Vista social club, der verrücktesten Weihnachtsplatte, die er besaß, erledigte dann einige traditionelle Heiligabend-Anrufe, checkte Mails, ja arbeitete sogar noch eine Stunde an seinem Auftrag. Dann zog er sich pfeifend um und machte sich auf den Weg zur Weihnachtsmannrunde. Es schnieselte leicht und es sah ganz so aus, als würde sich dieses Schnieseln bald in richtigen Schnee verwandeln.
Rokko machte seine Runde, spielte voller Begeisterung den Kindern mal den guten, tröstenden, mal den strengen, wissenden Weihnachtsmann und hatte wie jedes Jahr eine Menge Spaß. Er konzentrierte sich ganz auf jedes einzelne Kind und vermochte so seine kaum vorstellbare Aufregung vor der letzten Station der Runde in einen unerschöpflichen Tatendrang, gepaart mit der phantasievollsten Kreativität zu verwandeln. Wahrscheinlich hatte es in Berlin niemals vorher und auch nie mehr danach einen so authentischen Weihnachtsmann gegeben, wie an diesem heiligen Abend.
Kurz vor Sieben hatte er das vorletzte Haus verlassen. Draußen stürmte es jetzt und die Schneeflocken wirbelten, wie es eigentlich nur in den Weihnachtsmärchen vorkommt. Innerhalb weniger Stunden war die ganze Stadt in weißen Zauber gehüllt worden. Rokko hatte sein Auto ein paar Straßen vom Haus der Seidels entfernt geparkt, um sich noch einen kurzen Moment zum durchatmen zu gönnen. Nun stapfte er durch die wunderbar beleuchteten Häuserzeilen. So still und verträumt hatte er diese Stadt noch nie erlebt. Gleich würde es also so weit sein. Nach mehr als 10 Jahren würde er Lisa wiedersehen und wahrscheinlich auch David. Er fasste noch einmal in seine Manteltasche. Die Briefe waren gut verstaut und durch eine geknickte Ecke ohne hinschauen von einander zu unterscheiden. Hausnummer 26. Rokko blieb stehen. Hier wohnten sie also, in einem wunderschön verzierten Altbau inmitten von Berlin.
Wie auf dem Auftrag vermerkt klingelte Rokko zuerst bei Schulze. Im Erdgeschoss ging ein Fenster auf. Eine alte Frau schaute hinaus, sah ihn und drückte kurz darauf auf den Summer. „Die Geschenke von den Seidels stehen gleich rechts hinter der Haustür!", rief die Alte noch durch die Sprechanlage. Rokko fand den Sack sofort. Auch Pias Geschenk hatte er schnell ausgemacht. Es war mit einem Zettel versehen, der größer war, als das Paket selbst. Das mit dem Brief würde also auf jeden Fall klappen. Rokko schulterte den Geschenksack, fuhr in die dritte Etage und klopfte heftig gegen die Tür! Heftiger als bei den anderen Familien, denn schließlich musste das Klopfen ja lauter sein, als das seines Herzens.
Von innen wurde die Tür geöffnet und vor ihm stand ein kleiner Knirps von etwa 6 Jahren. „Der Weihnachtsmann!" rief der ganz erschrocken und rannte zurück ins Wohnzimmer, nicht wirklich sicher, was er davon halten sollte. „Ho ho ho!" rief Rokko zur Antwort und kam ihm langsam hinterher. Die Stube war herrlich weihnachtlich hergerichtet. Eine große Tanne, sehr edel in Rot und Gold geschmückt stand links neben der Tür auf einem großen Tisch. Es duftete nach Räucherkerzen und Lebkuchen. Gegenüber der Tür stand ein großes Ecksofa. Friedrich, Laura, ihr Fitnesstrainer, der jetzt scheinbar ihr Partner war, Helga und Bernd Plenske, eine junge braunhaarige Frau, auf deren Schoß sich der Knirps geflüchtet hatte und David Seidel hatten eng aneinander gezwängt darauf platzgenommen. Auf einem Sessel saß ein neunjähriges Mädchen, mit strahlenden blauen Augen und pechschwarzen Haaren auf dem Schoß ihrer Mutter – Pia auf Lisas Schoß. Rokko erhaschte einen Blick in Lisas Augen, sie waren tatsächlich tief traurig, genau, wie es Pia beschrieben hatte. Er sah Lisa wie sie da saß, zusammengesunken, hoffnungslos. Und da wusste Rokko, dass er den langen Brief hier lassen würde. Ja, da saß Lisa, seine Lisa. Sonst hatte sie sich kaum verändert. Er sah all die anderen, ihm zum großen Teil so vertrauten Gesichter und fühlte sich, das erste mal seit ewigen Zeiten, zu Hause.
Beinahe überwältigten Rokko die Emotionen, aber er riss sich zusammen. Das Gefühl, sich bezüglich Pias Brief richtig entschieden zu haben, beflügelte ihn. „Liebe Leute! Es ist heiliger Abend, draußen schneit es, wie schon lange nicht mehr! Höchste Zeit also für die Weihnachtsbescherung!" Lisa zuckte bei den ersten Worten des Weihnachtsmannes unmerklich zusammen. Diese Stimme. – Der Weihnachtsmann hatte Rokkos Stimme! ‚Lisa, du bist schon völlig neben der Spur!', fuhr sie sich heftig selbst an. ‚Wann wirst du diese Gedanken an Rokko endlich los! Du hast ihn weggestoßen und nun akzeptier auch, dass er fort ist!' Der Weihnachtsmann hatte inzwischen weitergesprochen: „Aber nichts im Leben ist umsonst! Ich bin weit gegangen und muss erst einmal ausruhen! Könnt ihr denn ein schönes Weihnachtslied singen, damit ich wieder zu Kräften komme?" „Aber natürlich, Weihnachtsmann!", kam prompt die Reaktion von Helga. Heimlich musterte diese den Besuch von Kopf bis Fuß. Wen hatte Lisa nur engagiert? An irgend jemanden erinnerte dieser Weihnachtsmann sie doch!
„Bald nun ist Weihnachtszeit, fröhliche Zeit…" sangen nun alle. Rokko sah dabei in die Runde und fing auf einmal Davids Blick auf. Der strahlte übers ganze Gesicht. Als er bemerkte, dass der Weihnachtsmann ihn ansah, strahlte er noch mehr und zwinkerte ihm unauffällig zu. ‚Kowalski kommt als Weihnachtsmann!', dachte David dabei schmunzelnd. Er hatte Rokko sofort ohne jeden Zweifel erkannt. Zwar konnte er sich nicht erklären, wie sein ehemaliger PR-Chef und ärgster Konkurrent um Lisas Gunst plötzlich hierher kam, aber er fühlte genau, dass es kein Zufall war. Lisa war ihm, trotz oder gerade wegen ihrer gescheiterten Ehe immer noch sehr wichtig. Sie war und blieb seine beste Freundin und David hatte immer daran zu kauen, dass sie im Gegensatz zu ihm, nie das Glück gefunden hatte. So oft hatte er sich gewünscht, sie auf dem Polterabend nicht geküsst zu haben. Ihm war schon ziemlich schnell nach der Hochzeit klar geworden, dass er und Lisa zusammen niemals wirklich glücklich werden konnten, und dass diese wunderbare Frau für ihn und den Traum ihrer Liebe wohl mit Rokko ihr wahres Glück zurückgestoßen hatte. Ein paar mal hatte er sogar mit dem Gedanken gespielt, Rokko aufzusuchen und ihm all das zu erzählen, er ließ es aber sein unter dem Vorwand, sich nicht mehr in Lisas Leben einmischen zu wollen. Tief im innern wusste David jedoch, dass es eigentlich Feigheit und Eitelkeit waren, die ihn wirklich zurückhielten. Und jetzt tauchte Rokko Kowalski in Lisas Wohnung auf, als Weihnachtsmann zum Fest der Liebe! Wenn das kein Zeichen war! David seufzte innerlich. Vielleicht würde Lisa trotz seines Fehlers doch noch glücklich werden können, mit dem, zu dem sie wirklich gehörte.
Inzwischen war das Lied verklungen, und nach und nach wurde jeder zur Bescherung zum Weihnachtsmann zitiert. Im Sack hatte Rokko auch ein kleines Büchlein gefunden, in dem er in Lisas schöner Handschrift geschrieben, zu jedem ein paar Notizen fand. Als vorletztes kam Pia an die Reihe. „Pia, Du bist ein sehr kluges Kind!", sagte der Weihnachtsmann zu ihr, nachdem sie das Gedicht vom Pfefferkuchenmann in herrlichster Betonung aufgesagt hatte. „Auch, wenn du manchmal so einige Dinge heimlich machst, die sich nicht gehören!" Bei diesen Worten grinste der Weihnachtsmann die kleine verschwörerisch an. Diese lächelte kurz zurück und senkte dann schnell schuldbewusst den Blick. ‚Hä? Das habe ich doch gar nicht aufgeschrieben!' dachte derweil Lisa verdutzt und David durchfuhr eine leise Ahnung, wer dem Zufall mit Rokko als Weihnachtsmann wohl zu Hilfe gekommen war. ‚Wer von Kerima hat ihr wohl die Adresse gegeben?! Wer stand noch mit Kowalski in Kontakt?' fragte er sich heimlich. Pia bekam ihr Geschenk, hielt es triumphierend hoch und sprang vor Vergnügen jubelnd in die Luft. Sie freute sich unbändig, denn sie hatte wirklich gedacht, sie bekäme nichts weiter, weil sie sich ja vom Weihnachtsmann nichts gewünscht hatte, außer ihre Mama lachen zu sehen.
Diese Zeit nutzte Rokko, um schnell den Brief aus der Manteltasche zu ziehen und mit der Hand in den Sack zu greifen. Er schob den Brief unter Pias großen Zettel. „Nun fehlt nur noch die Mama!", sagte er dann und Lisa stand auf und trat vor ihn. Rokko sah ihr jetzt ganz tief in die Augen, und Lisa lief, ohne dass sie den Grund dafür hätte deuten können, ein seltsam wohliger Schauer über den ganzen Körper. „Kannst Du denn auch ein Gedicht oder ein Lied?" „Ich, Ääääh, na ja! Also, ich hab jetzt nicht wirklich geübt…." Die Kinder lachten. Pia klatschte rhythmisch in die Hände und rief „singen! Singen! Singen!" Schon stimmte die ganze Gästeschar in das klatschen und rufen ein. „Ist ja schon gut! Ich sing ja schon!", rief Lisa und hob beschwichtigend die Hände. „Aber ihr müsst mir alle helfen!" Dann begann sie mit „Schneheeflöckchen Weißröckchen…" und alle sangen mit. „Na, eigentlich dürfte ich das ja nicht gelten lassen!", meinte der Weihnachtsmann kritisch und grinste Lisa dabei verschmitzt an. ‚Hoffentlich ist das hier bald vorbei!', ging es dieser durch den Kopf. ‚Dieser Mensch erinnert mich so verdammt sehr an Rokko, dass ich es fast nicht mehr ertragen kann' „Aber weil heute Weihnachten ist, wollen wir mal nicht so sein!", hatte Rokko inzwischen weitergesprochen. Dann nahm er Lisas Hand in seine und drückte sie fest. Lisa senkte ungewollt verlegen den Blick. „Über Mama Lisa Seidel weiß ich, dass sie eine sehr gute Mama ist!", begann der Weihnachtsmann, wobei er ihre Hand nicht losließ. „Sie ist auch eine sehr gute Lieblingstante für den Leon, und eine gute Tochter! Sie schimpft selten und wenn doch, dann berechtigt!" Pia grinste. Sie hatte zwei Tage zuvor zufällig das kleine Notizbuch gefunden, in dem Lisa über jeden etwas geschrieben hatte und heimlich ein paar Zeilen über ihre Mutter hinzugefügt. Schließlich wusste sie inzwischen, dass der Weihnachtsmann auf keinen Fall alles sehen konnte. „Aber alle sind traurig, dass Mama Lisa so selten lacht!" Rokko drückte bei diesen Worten Lisas Hand. Die errötete und senkte den Blick! „Das musst du im nächsten Jahr noch üben! Okay?!" „Äääh, also, äääh, ja, ich werd es versuchen!" Der Weihnachtsmann übergab Lisa das Geschenk und ließ ihre Hand los. ‚Endlich, dieser Mensch soll weggehen, sonst fange ich noch an zu heulen!', dachte Lisa.
„So! Nun hat jeder seine Geschenke und ich will nun weiterziehen!", hatte der Weihnachtsmann inzwischen kundgetan und den Sack wieder geschultert. „Also! Macht's gut, bis zum nächsten Jahr!" „Auf Wiedersehen, Weihnachtsmann!" Damit verließ Rokko die Stube. Pia begleitete ihn noch zur Haustür. „Mach's gut Pia!", flüsterte Rokko ihr noch einmal zu. „Und der Brief von Rokko ist an Mamas Geschenk! Den Rest müssen wir den beiden schon selber überlassen!" „Danke!", flüsterte Pia leise zurück.
