10.
Nachdem die Kinder im Bett und die anderen Gäste gegangen waren, zog Lisa den Brief aus ihrer Hosentasche. Sie hatte ihn beim öffnen von Pias Geschenk, einer mit Velourpapier selbst beklebten Dose aus Holz, sofort entdeckt. „An Lisa", war darauf geschrieben, in sauberer Druckschrift. Mit zitternden Händen öffnete sie den Brief. Von Pia konnte er nicht sein, aber wo sollte er sonst herkommen? War der Weihnachtsmann etwa doch… Sie zögerte einen Augenblick, um den Gedanken wegzuschieben. Dann faltete sie den Brief auf. Er bestand aus mehreren Blättern. Sie nahm die erste Seite und las:
Berlin, den 23.12.2016, 23.35 Uhr
Liebe Lisa,
ich weiß nicht, wie ich anfangen soll. Tausende male habe ich mit diesem Brief angefangen und immer wieder habe ich die Anfänge für nicht gut genug befunden. Jetzt rennt mir die Zeit davon, denn morgen werde ich Dir diesen Brief überbringen. Wenn du ihn liest, ja, vielleicht hast du mich ja erkannt. Euer Weihnachtsmann in diesem Jahr heißt im sonstigen Leben Rokko Kowalski!…"
Lisa ließ kurz den Brief sinken, denn jetzt brauchte sie einen Moment, um den Schock zu verdauen und sich zu fassen. Sie hatte also doch nicht halluziniert! Der Weihnachtsmann war Rokko! Ja, ihr Rokko, an den sie in den letzten Jahren so verdammt oft, viel zu oft, gedacht hatte, stand vor ein paar Stunden in ihrem Wohnzimmer und hatte ihr einen Brief hinterlassen. Woher kannte er ihre Adresse? Wieso schrieb er ihr jetzt, nach all der Zeit? Beinahe atemlos und mit zitternden Händen nahm sie das Blatt wieder auf und las weiter:
„…Eigentlich ist dieser Brief ein Geschenk Deiner Tochter Pia. Oder noch genauer, ein Geschenk an sie. Ich habe Dir ihren Wunschzettel, den sie ende Oktober per Post an den Weihnachtsmann geschickt hat, mit in diesen Brief gelegt. Lies ihn am besten gleich, dann wird der Rest leichter verständlich…"
Wieder legte Lisa Rokkos Brief bei Seite. Sie fand Pias mit Hand geschriebenen Wunschbrief schnell. Nach dem sie diesen gelesen hatte, brauchte sie erst einmal eine ganze Weile, bis sie ihre Tränen wieder unter Kontrolle hatte. Die arme kleine Pia. Sie sollte doch am allerwenigsten von Lisas Traurigkeit mitbekommen. Wie sensibel und aufmerksam ihre Tochter doch war. Sie las den Wunschzettel noch einmal, bevor sie sich wieder Rokkos Brief zuwenden konnte:
„…Bitte sei Deiner kleinen Pia nicht böse. Sie hat es gut gemeint und sie darf natürlich nicht wissen, dass ich Dir das alles verraten habe. Schließlich wollen wir ihr doch den Glauben an den Weihnachtsmann noch eine Weile bewahren…"
Lisa lächelte. ‚Nein, ich bin ihr nicht böse, Rokko. Und von mir erfährt sie kein Sterbenswort.' Sagte sie in Gedanken laut zu sich selbst. Dann las sie weiter:
„…Du fragst dich jetzt sicher, wie mich der Wunschzettel Deiner Tochter erreichen konnte. Ich kann mir richtig gut vorstellen, wie du jetzt mit rauchendem Kopf und ratlosem Blick dasitzt…"
Wieder lächelte Lisa. ‚Wie gut du mich doch immer noch kennst!', dachte sie.
„…Nun, seit fünf Jahren bin ich einer der ehrenamtlichen Weihnachtsmänner, die im Weihnachtsmannpostamt auf der Schönhauser Allee die Wunschpost der Kinder beantworten. Manche Menschen behaupten, es gibt keine Zufälle. Ich habe das nie erforscht, ist auch egal. Jedenfalls landete der Brief Deiner Tochter ausgerechnet auf meinem Schreibtisch. Zuerst war ich ratlos. Ich habe gezögert. Wie sollte ich reagieren? Aber dann habe ich einfach auf meinen Bauch und meine Neugier gehört. Ich habe mir einen Weihnachtsmann-Account eingerichtet und Deiner Tochter, so, wie sie es wollte, zurückgemailt. Auch unsere Mailkorrespondenz habe ich diesem Brief beigefügt und ich bitte dich nun auch diesbezüglich um Nachsicht und um Schweigsamkeit gegenüber deinem Kind…"
Erneut unterbrach Lisa die Lektüre von Rokkos Zeilen, und las nun, völlig verblüfft die Mailkorrespondenz durch. Dabei schwankte sie ständig zwischen Tränen der Rührung und völlig freudiger Fassungslosigkeit über die Klugheit und Sensibilität ihrer Tochter! Drei mal las sie sich die Mails durch, bevor sie sich endlich wieder Rokkos Brief zu widmen vermochte.
„…Der Anruf von der Weihnachtsmannagentur bei Kerima war dann auch nicht ganz zufällig. Ich habe unsere Chefin beauftragt, euch für die Runde zu werben, damit ich auch wirklich adäquat reagieren konnte. Ich hatte zwei Briefe vorbereitet. Dies hier ist der Ausführliche. Ich wollte ihn wählen, wenn ich sähe, dass Pia nicht entscheidend übertrieben hatte. Du liest ihn nun, also hat der Weihnachtsmann dich wohl tatsächlich traurig und melancholisch vorgefunden. Beide Briefe hatten jedenfalls eine Botschaft gemeinsam, nämlich, dass ich keinen Groll gegen dich hege, Lisa. Ich habe nie Groll auf dich gehabt, geschweige denn dich gehasst. Ich habe nur immer gehofft, dass du glücklich bist. Und durch den Kontakt mit deiner Tochter ist mir bewusst geworden, dass ich sogar noch weitergehen muss in meiner Aussage, und das stand nicht in dem kurzen Brief. Lisa, Ich habe nie aufgehört, dein Freund zu sein, und selbst meine Liebe zu dir ist niemals ganz gestorben…"
Lisas Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Wie so oft in den letzten Jahren holte sie ihr Fotoalbum heraus und weinte bitterlich. Aber dieses mal waren es keine bitteren, traurigen Tränen der Verzweiflung, sondern Tränen tiefster Rührung und unermesslichen Glücks. Nach etwa einer halben Stunde las sie endlich den letzten Absatz von Rokkos Brief:
„…Wenn Pia sich das alles nur eingebildet hat, liebe Lisa, und der Grund Deiner Melancholie in etwas ganz anderem liegt, dann verzeih ihr und mir diese Zeilen. Wirf sie weg und vergiss sie, aber bitte bestrafe Pia nicht! Tu was Du kannst, um den Grund zu beseitigen, damit sich der sehnlichste Wunsch Deiner Tochter bald erfüllt und du aus tiefstem Herzen mit ihr lachst! Gerne kannst Du auch mein Ohr und meine Schulter für die Beseitigung der Gründe ausleihen. Meld dich einfach, du findest meine Visitenkarte ebenfalls in dem Briefumschlag.
Wenn aber doch etwas an der Vermutung deiner Tochter dran sein sollte, dann sei am 29.12. um 17.30 Uhr vor dem Eingang des Fernsehturmes. Lass uns zusammen hinauf fahren in die Kugel und dort im Café gemeinsam von oben auf die herrlich beleuchtete Stadt und auf unsere Leben hinabschauen. Sollte es Dir Zeitlich nicht möglich sein, sei so nett und schick mir eine SMS.
Herzliche Grüße schickt und frohe Weihnacht wünscht dir
Dein Rokko!"
Lisa legte den Brief beiseite und blieb eine Weile schweigend sitzen. Dann stand sie auf und schlich sich zu Pia ins Zimmer. Draußen war alles verschneit und eine Straßenlaterne leuchtete genau in Pias Kinderzimmerfenster hinein, sodass Lisa das Gesicht ihrer schlafenden Tochter deutlich sehen konnte. Sanft strich sie der Kleinen übers Haar und eine Träne rann ihre Wange hinab. „Danke, Pia! Das ist das allerallerschönste Weihnachtsgeschenk, dass ich je bekommen habe!", flüsterte sie fast unhörbar, bevor sie das Zimmer wieder verließ und selbst zu Bett ging.
