11.
Ganz Berlin versank im Schnee. Rokko stand vor dem Fernsehturm und war einfach nur aufgeregt wie ein Teenager. Lisa hatte ihm zumindest keine SMS geschrieben, aber das sollte sie ja auch nur, wenn es aus zeitlichen Gründen nicht klappen würde. Wenn sie ihn nun doch gar nicht treffen wollte? Hatte er sich da nicht doch in etwas hineingesteigert, was überhaupt nicht der Realität entsprach – wieder einmal? Inzwischen hatte es wieder zu schneien angefangen. Dicke flocken tanzten durch die Luft. Nervös und von zweifeln geplagt sah Rokko auf seine Uhr. Es war bereits 17.45. Das akademische Viertel war also verstrichen.
Rokko seufzte. Ein Klos schnürte ihm die Kehle zu. Wie hatte er nur auf Lisas Erscheinen hoffen können? Seine Emotionen hatten ihn mal wieder genarrt. Er war der Seifenblase eines Traumes gefolgt, die nun, wie schon so oft in seinem Leben, einfach so zerplatzte. Nichts blieb. Da war ihm ein winziger Strohhalm gereicht worden und er hatte ihn für einen Baumstamm gehalten und tatsächlich geglaubt, sich damit an Land retten zu können. ‚Rokko, du wirst wohl niemals Realist!' resümierte er in Gedanken traurig. Resigniert drehte er sich um und trottete mit gesenktem Blick zurück in Richtung S-Bahnstation. ‚Es hat halt doch nicht sollen sein.'
Da sah er auf einmal jemanden rennen, direkt auf sich zu. Der Mensch winkte im laufen heftig! Rokko sah genauer hin und erkannte Lisa! Jetzt hörte er auch ihre Stimme: „Rokko! Rokko warte! Ich bin gleich da!" Kurz darauf war Lisa am Eingang des Fernsehturms angelangt. Erschöpft fiel sie Rokko in die Arme. „Rokko! Rokko! Entschuldigung! Entschuldigung!" Rokko spürte heiße Tränen! Auch seine Augen waren feucht geworden. „Du bist doch gekommen!", flüsterte er beinahe atemlos. „Gerade wollte ich schon…" „Ich wollte schon viel eher da sein, Rokko, aber Pia hat Fieber. Ich konnte sie nicht alleine lassen und die S-Bahn aus Göberitz hatte Verspätung und meine dann auch! Ach Rokko, ich konnte Dir nicht mal einen Strauß Blumen holen! Ich… ich…" „Schschschschsch!", unterbrach Rokko sie liebevoll! „Alles ist gut, du bist ja jetzt da!"
So, als hätten sie sich niemals aus den Augen verloren, liefen sie nun Hand in Hand auf den Eingang des Fernsehturms zu. Rokko hatte die Karten schon gekauft. Sie bestiegen schweigend den Lift und waren schon bald auf der Aussichtsplattform angelangt. Im Café suchten sie sich einen Tisch am Fenster. Rokko bestellte für beide eine heiße Schokolade und sie sahen schweigend auf das verschneite Berlin, das noch immer herrlich weihnachtlich beleuchtet war. „Rokko, es tut mir so leid was…" Lisa schluckte. „was damals passiert ist! Ich habe eigentlich nicht das Recht Dich um Verzeihung zu bitten, aber…" „Das stimmt!", unterbrach sie Rokko und warf ihr ein verschmitztes Lächeln zu. Lisa bemerkte es nicht, sie blickte traurig und bedrückt zurück. „Schließlich weißt Du doch schon, dass ich Dir längst verziehen habe!" fügte Rokko an und nahm ihre Hand. Lisa lächelte erleichtert: „Danke!"
„Stimmt es, was Pia mir geschrieben hat?", nahm Rokko nach einer Weile das Gespräch wieder auf. Lisa schluckte. „Ja, jedes Wort!", flüsterte sie fast atemlos. Sie schluckte noch einmal. „Die arme kleine Pia! Ich habe ihr immer die fröhliche Mutter vorgespielt, und sie hat es mir keine Sekunde lang abgenommen!" Rokko schmunzelte. „Die Intuition hat sie wohl von ihrer Mutter!" Lisa erwiderte sein Lächeln. „Es tut mir so leid, dass sie so darunter leidet." „Dann ändere etwas daran!", gab Rokko aufmunternd zurück. Lisa seufzte. Wie hatte er das wohl gemeint?
„Erzähl!", wechselte sie das Thema um die innere Frage schnell beiseite zu schieben. „Wie lebst du jetzt? Und was hast du so in den letzten 10 Jahren angestellt?" „Na ja!", begann Rokko. „nachdem ich bei Kerima gekündigt hatte, habe ich glücklicherweise ziemlich schnell einen Job in Hamburg gefunden. Ich Blödian habe mich dann auch gleich in die erstbeste Beziehung gestürzt! Zwei Jahre haben wir es miteinander ausgehalten, dann ging's nicht mehr. Tja und dann hatte ich wieder mehr Glück als Verstand und habe Lora aus London kennen gelernt. Sie hat mir einen sehr lukrativen Job in einer Werbeagentur an Land gezogen, Ich bin zu ihr nach London übergesiedelt und wir haben halb WG halb Beziehung gelebt. Aber das Experiment ging auch schief." Lisa lachte: „Auf solche Ideen kannst auch nur du kommen!", kommentierte sie die Erzählung. „Tja, da hast du wohl Recht!", pflichtete ihr Rokko lachend bei! „na ja, und dann habe ich eine Art freie Mitarbeiterschaft bei einem Verlag hier in Berlin angetreten und lebe seit 5 Jahren wieder hier. Hab mich mit meinem Single-Dasein abgefunden!"
„Entschuldigung!", unterbrach sie die Kellnerin plötzlich. „Wir haben eine Havarie in der Küche und müssen eher schließen." „Oh, dann zahlen wir mal!", antwortete Rokko und wollte schon die Geldbörse aus der Tasche ziehen, doch die Kellnerin winkte ab. „Lassen sie mal, geht aufs haus! Sie konnten ja gar nicht in Ruhe austrinken. Hier haben sie noch zwei Gutscheine für den Glühweinstand auf der Aussichtsplattform. Es tut mir wirklich leid, dass ich sie rausschmeißen muss!" „Oh, vielen Dank!" Lisa nahm die Gutscheine und Hand in hand gingen sie hinaus auf die Plattform. Sie war fast menschenleer. Es schneite kräftig und der Glühweinverkäufer war sehr froh über die beiden Kunden. Mit ihren Bechern in der Hand standen sie nun an der Brüstung und sahen schweigend auf das winterlich/weihnachtliche Berlin hinab. „Es tut mir leid!", sagte Lisa plötzlich leise in die Stille hinein. „Was tut dir Leid, Lisa?" Rokko sah sie liebevoll fragend an. „Dass du Dein Glück nicht gefunden hast.", entgegnete die Angesprochene traurig. Rokko lächelte ihr zu. „Du hast es doch auch nicht gefunden, also sind wir doch Quitt!" Beide lachten. „Lisa, ich…" Rokko atmete tief durch. Sollte er es wagen? Er hatte in dieser Angelegenheit schon einmal auf sein herz gehört, warum also nicht ein zweites mal? „Was?", diesmal war es an Lisa, fragend zu blicken. „ich wollte mit dir anstoßen!", gab Rokko zurück. Der Zusammenstoß der Becher gab ein Klirrgeräusch. „Auf Pia und unser Wiedersehen!", meinte Lisa. „Auf Pia, unser wiedersehen und…" Noch einmal atmete Rokko tief durch. Lisa wagte kaum zu atmen. Es konnte doch nicht wirklich sein, dass er sie noch liebte und zurückwollte, trotz allem, was sie ihm angetan hatte? „unsere zweite Chance auf ein gemeinsames Glück?", beendete Rokko da endlich in fragendem Ton seinen Satz. Er hatte Lisa bei diesen Worten nicht angesehen. Schon begannen sich Selbstzweifel laut in ihm zu Wort zu melden. Das war bestimmt zu forsch! Wahrscheinlich Hatte er sich damit wieder einmal alles vermasselt, selbst, ein Wiederaufleben ihrer Freundschaft. Mit Angstvoller Spannung wagte er nun einen Blick in Lisas Gesicht. Sie sah ihn unsicher, aber mit strahlenden Augen und einem ungläubigen Lächeln an. „Rokko, willst du das wirklich? Willst Du uns noch eine Chance geben?", fragte sie leise, als sie seinen Blick bemerkte. „Wenn du genau so für mich fühlst wie ich für dich…" „Rokko!" Lisa legte den freien Arm um Rokko und schmiegte sich an ihn. „Ich habe David leidenschaftlich geliebt. Aber so tief von innen heraus wie ich dich liebe…" Rokko zog sie näher. „David war Deine erste Liebe, Lisa, Du musstest diesem Traum folgen." „Aber das mit uns war größer.", beendete Lisa den Satz. „Ich habe gedacht, ich liebe nur die Erinnerung an den Rokko, den ich kannte und der mich geliebt hat, so wie ich eben bin. Aber diesen Rokko gibt es noch, und ich liebe nicht die Erinnerung, ich liebe ihn! Das weiß ich, seit ich vor dem Weihnachtsmann stand! Natürlich habe ich mir eingeredet, ich hätte Halluzinationen. Ich konnte die Nähe kaum ertragen, diese - Ähnlichkeit! Da wusste ich, dass ich Rokko Kowalski noch liebe, und wohl immer lieben werde!" „Und ich Liebe Lisa!", entgegnete Rokko zärtlich! „Was immer auch war, ist und sein wird. Meine Lisa! Meine große Liebe!" Bei diesen Worten war Rokko Lisas Gesicht so nahe gekommen, dass sie seinen Atem spüren konnte. Und dann folgte der zärtlichste, leidenschaftlichste und bewegendste Kuss in ihrem bisherigen Leben.
