1. Kapitel

Ach, es ist so dunkel in des Todes Kammer,
Tönt so traurig, wenn er sich bewegt
Und nun aufhebt seinen schweren Hammer
Und die Stunde schlägt.
Matthias Claudius (1740-1815)

Das Herbstlaub begann dieses Jahr besonders früh. Die Natur schien zu ahnen was geschehen war. Als ob Mutter Natur teilhaben wollte an dem Schicksal der Menschen, besonders jenen die selbst an diesem herrlichen Spätsommernachmittag kein Lächeln auf ihre Gesichter bringen konnten.

An jenem späten Nachmittag der erfüllt war von Vogelgesang und Blätterrauschen, fand sich eine kleine Menschenansammlung am örtlichen Friedhof ein um zwei Menschen aus ihrer Mitte ihr letztes Geleit zu geben.

Bevor man Nathan und Francine Kennedy der kühlen Sanftheit der Erde übergab, waren ihre Särge in der kleinen Kapelle aufgebahrt damit sich noch jeder der es wollte, sich von ihnen verabschieden wollte.

Es war drückend schwül in der Kapelle. Trotzdem konnte man immer noch kleine Staubpartikel sehen die im herrlichen Sonnenschein, welcher durch große Glasfenster herein kam mit jeden weiteren Luftzug herumgewirbelt wurden.
Die Särge der beiden Verstorbenen lagen nebeneinander vor dem Altar aufgebahrt und erlaubten einen letzten Blick auf die beiden Menschen die so früh diese wunderschöne Welt verlassen mussten.

„Einfach unfassbar." Hörte man Stimmen murmeln. „Einfach so in ermordet, in ihren eigenen vier Wänden. Jetzt ist man nicht mal mehr zu Hause sicher."
„Ja, wirklich furchtbar so etwas." Brummelte eine andere Stimme. „Ich hab gehört das die Polizei auf der Suche nach den Verantwortlichen noch immer im Dunkeln tappt."
„Dabei war Mr. Kennedy immer so ein freundlicher und aufmerksamer Mensch und seine Frau hat mir immer mit den Kindern geholfen wenn ich mal mit den Stunden nicht hinkam."
„Feinde hatten sie ja nicht wirklich."
„Die Kennedys und Feinde? Hier ganz bestimmt nicht!" Die Stimmen wurden schon etwas lauter. „Das kann keiner aus unserer Stadt gewesen sein! Hier in Raccoon tut keiner so etwas!"
„Das sagst du!" Mischte sich eine dritte Stimme mit ein. „Aber seitdem dieser Megakonzern hier seine Zelte aufgeschlagen hat ist auch so manch anderes Gesindel in die Stadt gekommen. Kann schon sein das einer von denen auf dumme Gedanken gekommen ist."
„Meinst du?" Tuschelte die Stimme zurück. „Und dann haben sie den armen Mr. Kennedy und seine Frau einfach so ermordet?"
„Keine Ahnung." Brummelte die Stimme zurück. „Aber nach allem was ich gehört habe konnte man einen Raubmord schon ausschließen weil Wertgegenstände und Bargeld unverschlossen im Haus zu finden war."
„Du meine Güte... Die armen Leute... Was ist eigentlich jetzt mit dem Jungen? Sie hatten doch einen Sohn oder? Wie war sein Name doch gleich..."

„Leon? Leon Kennedy?"

Der kleine Junge mit den aschblonden, leicht bräunlich schimmernden Haaren drehte sich um als er die tiefe Stimme hinter sich hörte. Seine graublauen Augen sahen an zwei langen Beinen entlang die in dunklen Hosen gesteckt waren. Dazu kam ein grauer Regenmantel und ein weißer langer Schal der bis runter auf die Schenkel fiel.

Leon musste sich weit nach oben beugen damit er das Gesicht des Fremden erkennen konnte der ihn von hinten angesprochen hatte.

Der fremde Mann hatte ebenfalls graues Haar, nur das sein Mantel einen tick dunkler war und seine Augen waren hinter einer dunklen Fliegersonnenbrille verborgen so das er nur dessen markante, gerade Nase und die hohe Stirn erkennen konnte. Seine Lippen waren fest aufeinander gepresst während er zu ihm hinunter blickte. Leon kannte den Fremden nicht und war ihm zuvor noch nie begegnet.

Leon stand im schwarzen Smoking neben dem Sarg in dem seine Mutter lag und hatte gerade an einer Lilie gezupft die ihren unvergesslichen Geruch in der Welt verstreute und Leon fast benebelt hätte.

„Bist du der Sohn von Nathan und Francine Kennedy?" Fragte der Mann mit den fast schulterlangen, grau gewellten Haaren weiter und bekam dafür von dem Jungen ein zaghaftes Nicken.

„Gut." Sagte der Mann und reichte dem Jungen seine Hand die in schwarzen Lederhandschuhen steckte. „Ich bin Zacharias J. C. Deiján und ein alter Freund deines Vaters, tut mir leid wegen dem Verlust." Leon sah ihn noch eine Minute schweigend an und nickte dann schließlich. Ihm war nicht nach groß Reden zu schwingen. Er wollte einfach nur in Frieden um seine Eltern trauern.

Der Mann nickte ihm dann ebenfalls zu und verschwand zwischen den Sitzreihen der Kirche. Er nahm sich einen der hintersten Plätze und verschwand so aus dem Sichtfeld des Zwölfjährigen.

Leon hatte ihn noch nie bei seinem Vater gesehen noch hatte sein Dad jemanden erwähnt der so hieß und wie ein Familienmensch sah er nun nicht gerade aus. Zumindest aber hatte Leon nicht den Eindruck gehabt das dieser Mr. Deiján hier war um Ärger zu machen. Das wäre aber noch schöner! Hier auf der Beerdigung seiner Eltern. Leon verbiss sich die Zähne und drehte sich zu den Särgen zurück und ballte seine kleinen Fäuste zusammen.

Eigentlich hätte es ihn auch erwischen sollen! Nur der Zufall wollte es das Leon doch noch die Erlaubnis von seinen Eltern bekam mit einem Schulfreund und dessen Eltern campen zu fahren. Fast eine ganze Woche waren sie weg gewesen als der Anruf der Polizei eintraf und man Leon die schreckliche Nachricht vom Verlust seiner Eltern mitteilen musste.

Sofort wurde er zu Bekannten in der Stadt gebracht die verhindern wollten das man den Jungen in eine öffentliche Einrichtung gab, bis man Leons Onkel, den älteren Bruder seines Vaters in New Orleans ausfindig gemacht hatte. Als Brandon Kennedy wieder geheiratet hatte, nachdem er sich von seiner ersten Frau getrennt hatte, musste er einsehen das seine erwählte Zukünftige und sein kleiner Bruder überhaupt nichts aneinander fanden, dass den anderen in irgendeiner Weise sympathisch machte. Nach einem Riesenstreit der Anfang des Jahres von vor drei Jahren in einem Polizeieinsatz endete, musste Brandon einsehen das er und sein Bruder in ihren Wertvorstellungen weit auseinander gingen und so hatte man sich einvernehmlich getrennt, in der vagen Hoffnung irgendwann wieder zusammen zu finden.

Das dieses erneute Zusammentreffen in einer Kirche stattfand hatte sich wohl keiner von beiden gewünscht.

Brandon Kennedy war natürlich sofort mit seiner neuen Frau und deren zwei Kinder nach Raccoon gereist um der Trauerfeier beizuwohnen.

Nun wartete Leons neue Familie in erster Reihe der Kirche darauf das der Pfarrer damit begann die Zeremonie zu eröffnen. Seine beiden neuen Geschwister waren beides Mädchen und jünger als er. Joanne und Hannah Kennedy waren beide ein Ebenbild ihrer Mutter, Susannah. Sein Onkel hingegen stach völlig aus der Reihe heraus. Er war viel größer als die meisten hier in der Stadt und allein schon an seiner Art zu gehen und zu sprechen konnte man ihm ansehen das er in der Armee lange gedient haben musste.

Leon sah traurig zu seinem Onkel zurück den der Tod seines Bruders und seiner Schwägerin noch immer völlig mitgenommen hatte. Seine Augen waren rot angelaufen vom vielen weinen und noch immer war seine Frau damit beschäftigt ihrem völlig aufgelöstem Mann Taschentücher aus ihrer kleinen, schwarzen Handtasche zu reichen.

Leon selbst hatte noch nicht geweint. Er hatte es wirklich versucht aber gelungen war es ihm noch nicht. Erklären konnte er es sich nicht. Immerhin waren es seine Eltern die hier zu Grabe getragen werden sollten aber aus unerfindlichen Gründen hatte er noch keine Träne deswegen vergossen. Der kleine Junge mit den kurzgeschnittenen Haaren seufzte schwer und ging zum Platz an der Seite seines Onkels zurück wo er sich hinsetzte und von dort aus dem Anfang der Trauerfeier beiwohnte.

Die ganze Zeit während der Pastor seine Rede hielt dachte Leon an die beiden Menschen zurück die dort in ihren beiden Eichenholzsärgen darauf warteten das man sie zu ihrer letzten Ruhestätte führte. Sie hatten nichts getan das es verdient hätte so zu enden, dass war schon mal klar. Leon hatte seine Eltern geliebt und sie hatten ihn immer gut behandelt. Sein Vater hatte ihn zu allen Baseballspielen der Schule gefahren, ihn abgeholt wenn es mal etwas später wurde und mit ihm immer Ringkämpfe im Garten veranstaltet bis seine Mutter zur Tür hinaus gerufen hatte das es Zeit wurde für das Abendessen. Ja, Leon konnte sich nicht wirklich daran erinnern das seine Eltern mal böse mit ihm waren. Natürlich gab es Streit wegen seinem unordentlichem Zimmer oder Ärger wegen der Schule, dann entweder weil seine Noten aus dem Keller gehoben werden mussten oder weil er es mal wieder nicht lassen konnte sich mit den größeren Kindern aus seiner Schule anzulegen die ihre jüngeren Mitschüler ärgerten. Begeistert war seine Mutter nicht als sie ihn vor dem Rektorzimmer auf einem kleinen blauen Plastikstuhl sitzend vorfand weil es mal wieder ordentlich Ärger gehagelt hatte aber geschimpft und ihn angeschrieen hatte sie ihn nicht. Sicher war sie wütend und hatte ihm dafür als Strafe zwei Wochen Hausarrest aufgebrummt. Eine Tatsache die ein kleiner Wirbelsturm wie Leon es war, der es sogar dann schaffte schmutzig zu werden wenn er nur auf einer gepflasterten Straße entlang ging und der in Raccoon eigentlich jeden Baum auswendig kannte, schwer traumatisieren konnte.

Leon schnaufte schwer und verschränkte seine Hände ineinander während der Pastor fortfuhr eine Rede über die Verblichenen zu halten. Anschließend hielt noch sein Onkel und eine Cousine seiner Mutter eine Rede über die beiden damit man endlich fortfahren konnte den Verstorbenen ihre letzte Ehre zu erteilen.

Auf dem Weg zu den Gräbern fiel Leon dann wieder dieser Mann im grauen Regenmantel auf. Er ging auffällig entfernt von der Gruppe als würde er eine ganz bestimmte Sache nicht mehr aus den Augen lassen wollten und für einen winzigen Moment kam sich Leon fast schon verfolgt vor, dabei wusste er nicht mal ob der Mann auch wirklich ihn beobachtete. Leon schüttelte einfach schnell seinen Schopf und drückte sich fest in den Arm seines Onkels und folgte dem Pastor.

Leon Kennedy stand als erster vor den beiden Gruben die nun das letzte Ruhebett für seine Eltern sein sollten und war auch der letzte der von ihnen lassen wollte als man die schweren Eichenkästen hinabgelassen hatte. Sein Onkel wollte noch etwas sagen, wurde dann aber von Leons Tante Susannah davon abgehalten.
„Er hat seine Eltern verloren. Lass ihn in Ruhe trauern wenn er mag."
Zuerst hatte Brandon etwas sagen wollen aber ein Blick auf das versteinerte Gesicht des Jungen hatte ihm verdeutlicht das es wohl so richtig war und am Ende wurde Leons Kopf zärtlich getätschelt. „Wird schon alles wieder, Kumpel." Hörte er seinen Onkel sagen. „Wir warten dahinten auf dich, ja?"

Leon blickte nicht auf als sein Onkel von ihm fortging. Er beachtete ihn einfach nicht, genauso wenig wie er auf die anderen Männer und Frauen achtete die um die Gruben herumstanden oder sich gegenseitig verabschiedeten. Leon starrte einzig und allein auf die beiden Erdlöcher in denen wohl die wichtigsten Menschen in seinem noch so jungem Leben lagen. Was war von ihrem Leben geblieben? Würden sich die Menschen wirklich so lange an sie erinnern wie sie es immer behaupteten?

Auf einmal drang eine tiefe Stimme an sein Ohr die einen leisen Singsang anhob und Leon musste sich erst kurz orientieren bis er erkannte, dass dieser fremde Mann mit dem grauen Regenmantel und der Fliegersonnenbrille nun an die beiden Gräber getreten war und einen Vers aufsagte.

„...Ich fühle mehr und mehr die Kräfte schwinden;
Das ist der Tod, der mir am Herzen nagt,
Ich weiß es schon und, was ihr immer sagt,
Ihr werdet mir die Augen nicht verbinden."

Leon sah den Mann an und wusste im ersten Moment nicht was er dazu sagen sollte. Doch der Mann fuhr leise fort.

„Ich werde müd und müder so mich winden,
Bis endlich der verhängte Morgen tagt,
Dann sinkt der Abend und, wer nach mir fragt,
Der wird nur einen stillen Mann noch finden."

Leon S. Kennedy lauschte jetzt ganz genau dem Gedicht das der Mann wie einen Abschiedsgruß vortrug, dass sogar die Totengräber andächtig schwiegen während sie der dunklen, rauen Stimme lauschten.

„Dass so vom Tod ich sprechen mag und Sterben,
Und doch sich meine Wangen nicht entfärben,
Es dünkt euch mutig, übermutig fast.
Der Tod! – der Tod? Das Wort erschreckt mich nicht,
Doch hab ich im Gemüt ihn nicht erfasst,
Und noch ihm nicht geschaut ins Angesicht."

Nachdem der letzte Vers verklungen war schwiegen alle noch verbliebenen Personen am Grab, gedachten derer die verstorben, gedachten derer die zurückbleiben mussten oder an was auch immer sie jetzt denken mussten.

Der Mann, Zacharias Deiján, rückte seine Sonnenbrille zurecht und räusperte sich kurz bevor er ein paar Schritte zur Seite tat, damit die Männer ihre Arbeit verrichten konnten.

„Komm Kleiner, gehen wir zu deiner Familie." Zacharias legte seine behandschuhte Hand auf den Rücken des Zwölfjährigen und führte ihn langsam in die Richtung der Bank wo sein Onkel mit einigen anderen Menschen von der Trauerfeier zu sprechen schien. Leons Cousinen unterdessen hingen an ihrer Mutter und quengelten schon das sie wieder gehen wollten.

„Meine Eltern... wurden ermordet." Flüsterte Leon leise. „Jemand hat meine Eltern umgebracht."
„Kommt leider oft vor in der heutigen Welt." Sagte Zacharias weiter und führte Leon zu seiner Familie. „Früher oder später müssen wir alle mal sterben kleiner Kennedy. Wir haben nur das eine Leben das durch unsere Herzen fließt. Du allein entscheidest was du mit diesem Leben anfangen willst. Mach was draus, dein Vater hätte es auch so getan." Damit reichte er ihm auch wieder die Hand. „Ich muss weiter aber wir bleiben in Kontakt. Machs gut, Leon!"
„Auf Wiedersehen." Sagte Leon und schüttelte die Hand des Fremden der sich kurz danach schon wieder umdrehte und dabei war den Friedhof zu verlassen.

„Kanntest du den Mann, Leon?" Fragte sogleich seine jüngere Cousine Joanne die den Fremden die ganze Zeit argwöhnisch gemustert hatte. Leon aber schüttelte den Kopf. „Er ist ein alter Freund meines Vaters- sagt er."
„Aha..." Joanne fing damit nicht viel an aber was sie wusste war, dass sie Angst vor dem Mann hatte der in ihren Augen so groß wie ein Berg war.
Der Ruf seiner Tante, ließ ihn dann herumfahren. Sein Onkel und seine Tante wollten nun ebenfalls langsam diesen Ort verlassen.

Gemeinsam mit seiner neuen Familie machte sich Leon daran zurück zum Parkplatz zu kommen. Langsam gingen sie unter dem bereits zu verwelken beginnendem Laub zurück, ließen die stummen Gräber die von so vielen Leben erzählten hinter sich, ohne darauf zu achten was hinter ihnen geschah.

Zacharias J. C. Deiján war nur einige Meter von dem Platz entfernt an dem man gerade Leons Eltern vergrub. Die kleine Familie die jetzt für den Überlebenden Kennedy sorgen würde, war eine gute Familie. Sie würden ihn wohl von hier fortschaffen, raus aus Raccoon und in eine neue Stadt, vielleicht sogar in einen neuen Bundesstaat. Zu hoffen blieb es und der kleine Kerl hatte es verdient in Frieden aufzuwachsen. Trotzdem verdunkelten sich Zacharias Gesichtszüge etwas als er an den Zwölfjährigen dachte.

„Früher oder später... Werden wir uns bestimmt wiedersehen." Sprach er wie einen Schwur in den Wind als die kleine Familie dabei war den Heimweg anzutreten. „Und wenn es soweit ist... Kannst du versuchen deine Eltern zu rächen.." Damit drehte sich der Mann im grauen Regenmantel um und fuhr mit der Hand nach innen zu seiner geladenen Waffe die er wie immer griffbereit im Schulterhalfter versteckt hatte. „Aber glaub mir, einfach machen werde ich es dir nicht."