2. Kapitel
Der
Sinn des Todes war allen klar
Ein Auftrag zum Mord, wirklich
rar
Denn der Sichelmörder, ihm ist es recht
Bringt den Tod
nur, wenn es ist gerecht
Wie immer war es bereits Herbst wenn er an diesen einen Ort zurück kehrte.
Wie immer lagen schon die ersten herabgefallenen Blätter auf dem sonst so gerade geschnittenem Rasen und ein kühler Wind wehte um die Steine die aus dem erdigen Boden ragten.
Die Sonne wurde fast gänzlich von schweren Wolken verdeckt die es unmöglich machten die warmen Sonnenstrahlen auf die Erde kommen zu lassen. Nur ab und zu, wenn ein kräftiger Wind wehte und die Wolkenfetzen voran trug, brach ein heller Lichtschein durch. Trotzdem half das nicht sonderlich viel um Leons Stimmung zu haben als er vor den beiden grauen Grabsteinen stand, auf denen die Namen seiner Eltern eingemeißelt standen.
Wie immer hatte er ihnen Blumen ans Grab gebracht und wie immer, seit mehr als zwanzig Jahren kehrte er an ihren Todestag hierher zurück. leistete ihnen Gesellschaft und ertappte sich von Zeit zu Zeit dabei wie er mit den beiden marmornen Blöcken sprach als könnten sie ihm eine Antwort geben.
Natürlich konnten sie ihm keine Antwort geben auch wenn er sich das manchmal gewünscht hätte.
Leon seufzte tief und vergrub seine Hände tiefer in die warmen Taschen seiner Wildlederjacke die ihm bis zu den Schultern ging. Ein kalter Wind wehte um diese Uhrzeit weswegen Leon seine Jacke bis oben zugemacht hatte. Er kannte die kühle Luft um diese Jahreszeit nur zu gut und wusste wie schnell man sich hier etwas einfangen konnte.
Ihm war schon die ganze Woche nicht gut und alle im Headquarter hatten es spätestens vor zwei Tagen mitbekommen als er sich seinen ersten großen Streit mit seinem direkten Vorgesetzten lieferte. Sogar Hunnigan kannte das nicht von ihrem Teamkollegen der sonst eher die ruhige Schiene fuhr und selten die Stimme erhob, besonders nicht wenn eine höher gestellte Amtsperson in der Nähe war.
Was besonders schwer lastete war die Tatsache das es eigentlich eine Nichtigkeit war wegen der sich Leon und sein Chef in die Wolle bekommen hatten aber das war inzwischen nicht mehr zu ändern. Erst als einer der älteren Agenten noch einmal ein Wort dem Abteilungsleiter wechselte wurde die im Raum stehende Suspendierung zurück gezogen.
Leon erinnerte sich noch gut an das Gesicht das Kevin Ryman gemacht hatte als plötzlich Ingrid Hunnigan im Raum stand und Leon erklärte das sein Boss von der Suspendierung absah.
„Aber das nächste Mal bist du fällig." Sagte Ingrid im mahnendem Tonfall der deutlich werden ließ was sie eigentlich davon hielt man im unpassenden Ton mit Vorgesetzten sprach. „Der alte Stinkstiefel zieht den Schwanz ein?" Fragte Kevin mit hochgezogener Augenbraue und kratzte sich am wachsendem Drei-Tage-Bart- man sah ihm einfach zu gut an wann er den Griff zum Rasierer vergessen hatte und wann nicht. „Was ist denn da los, das ´Attila-im-Frack´ plötzlich klein bei gibt?" Der ältere Agent sah abwechselnd von Leon und dann zu Ingrid. Leon saß wie immer an seinem Schreibtisch und tat so als müsse er dringend Akten einsortieren und Ingrid wollte wohl dazu kein Kommentar abgeben.
"Ihr wisst etwas und wollt es mir nur nicht sagen, oder?"
Fragte Kevin dann weiter mit gekränkter Stimme. „Was soll das? Ich
sag euch doch auch immer gleich bescheid wenn´s neuen Tratsch in der
Kantine gibt- oder nicht? Ist das der Dank für meine Hilfe?"
„Ja
Kevin, weil es uns so interessiert was die Damen aus der Verwaltung
alles so zu erzählen haben." Gab Leon trocken seinen Senf ab bevor
er in seiner Arbeit fortfuhr. Kevin aber schnappte ein. „Kann ich
da was für das die Damen noch kein gutes Wort über dich haben
fallen lassen? Geh doch mal mit einer von den Mädels öfters aus,
Leon! Wirst sehen- das fördert dein Image hier ungemein!" Kevin
schien wieder besser gelaunt denn er grinste Leon wieder an der hier
beim CIA und beim Secret Service zwar einen Namen hatte – aber eher
das Bild eines Einsiedlers und Eigenbrötlers führte.
„Ich
kann darauf verzichten mit einen von denen mein kostbare Zeit zu
vertrödeln, aber trotzdem danke für den Hinweis." winkte Leon ab
und hielt das Gespräch schon für beendet aber wer Kevin kannte,
wusste das dieser nicht so schnell aufgab.
„Vielleicht
solltest du aber noch mal versuchen Miller zu erreichen?" bohrte
der dunkelhaarige Mann weiter nach und erntete daraufhin einen
vernichtenden Blick von dem jüngeren, blondhaarigen Mann der am
Schreibtisch saß.
„Ich mein ja nur!" winkte Kevin dann
händeringend ab. „Mit der scheinst du ja noch recht klar zu
kommen- warum auch immer- ich hab dir jedenfalls nichts getan und
alle anderen hier auch nicht und trotzdem wird jeder angeblafft der
dich auch nur schief ansieht." Erneut bekam er einen Blick
geschenkt der MORDEN könnte.
„Das geht dich überhaupt nichts
an Ryman!" schnarrte Leon finster zurück der über das Thema nicht
sprechen wollte.
Ingrid indessen konnte sich schon denken woher Leons schlechte Laune herrührte. Immerhin kannte sie ihn schon seit mehr als vier Jahren und je näher der besagte Tag rückte, desto tiefer rutschte die Laune des sonst so gut gelaunten Agenten in den Keller. Kevin wusste davon nichts obwohl er selbst schon seit fast mehr als dreieinhalb Jahren fest mit Leon zusammen arbeitete und sie seit den Vorkommnissen in Harvardville oft gemeinsam auf Missionen geschickt wurden. Trotzdem hatte ihm Leon noch nichts erzählt und würde das wahrscheinlich auch nie tun- außer man las sehr gründlich die Personalakten durch die man über Leon im Archiv hatte. Las man dann allerdings wirklich in den Akten nach und hielt es Leon unter die Nase wurde dieser noch wütender und unterstellte das man ihm nicht vertraute und ihm hinterherspioniert wurde. Ansonsten war Leon einfach gestrickt außer wenn es um ihn persönlich oder um sein Leben VOR Raccoon ging.
„Meine Güte.."
Seufzte Kevin schwer und schüttelte seinen schwarzen Schopf schwer
während er sich am Hinterkopf kratzte. „Sind wir heute
empfindlich."
„Lass mich einfach in Frieden, okay?" Maulte
Leon zurück dem jetzt schon wieder nach Feierabend war.
„Aber
du hast nicht vergessen was am Wochenende ist, oder?" Fragte Kevin
dann in einem Versuch startend nach.
Leon schwieg dazu erst. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen und seine Stirn legte sich in Falten als er darüber nachdenken musste was sein Teamkollege meinte.
„Wochenende...." Dann aber verneinte Leon und winkte
Kevin wieder ab. „Könnt ihr vergessen! Ich bin nicht zu
sprechen!"
„Du bist unmöglich..." Seufzte Kevin schwer.
„Bist du immer noch sauer wegen dem letzten Mal? Himmel! Chris hat
sich doch schon mindestens hundert Mal deswegen entschuldigt!"
„Wegen
dem letzten Mal?" Ingrid trat nun näher an Kevin heran und warf
ihm einen fragenden Blick zu. „Von was sprichst du eigentlich
Kevin, wenn man das mal fragen dürfte?"
Kevin zuckte mit den
Achseln. „Hin und wieder treffen sich ein paar von uns und stecken
die Köpfe zusammen. Nichts Großes, einfach nur zusammen
rumhängen. Jill Valentine ist auf die Idee gekommen weil wir doch
irgendwo ziemlich viel gemeinsam haben und wir so unser
´Gemeinschaftsgefühl´ stärken können. Immerhin sind wir alle
Feinde von Umbrella – waren wir jedenfalls." Das stimmte. Auch
Kevin Ryman neben einigen anderen Einwohner von Raccoon hatten es
damals mit den biologischen Auswüchsen eines Konzerns zu tun
bekommen, dem seine eigene Macht schon zu Kopf gestiegen war.
„Jedenfalls," Fuhr Kevin dann weiter fort zu
erzählen ohne wirklich auf den Giftblick zu achten der ihm von Leon
zugeworfen wurde. „Hat es da vor einigen Jahren eine üble Sache
zwischen Chris Redfield und unserem Leon hier gegeben. Seitdem gehen
die beiden sich aus dem Weg und meiden sich wo sie nur können."
„Ich
kann ihn nicht ausstehen – er kann mich nicht ausstehen." Gab
Leon zu Protokoll. „Keine Ahnung warum aber es ist so."
„Und
jetzt will er nirgends hin wo er auf seinen alten Erzfeind treffen
könnte." Feixte Kevin amüsiert. „Dabei hat sich Cbris längst
bei dir entschuldigt."
„Aber nur weil ihm seine ´kleine
Schwester´ auf´s Dach gestiegen ist und du auch später zur
Regierung gegangen bist- auch wenn ich noch immer behaupte das sie
dich nur genommen haben weil kein anderer den Job haben
wollte."
„Vielen Dank Leon- du mich auch!" Grinste Kevin
böse und zeigte Leon eine böse Geste mit dem Mittelfinger.
„Hast
du eigentlich nichts mehr zu tun, Kevin?" Fragte Ingrid dann auf
einmal und warf dann dem anderen Agenten ebenfalls einen mahnenden
Blick zu. „Ich dachte du bist in dieser Task-Force mit dabei die
diese Serienmorde untersuchen soll?"
Kevin Ryman klopfte sich
spielerisch auf den Nacken und lächelte Hunnigan amüsiert zu. „Mein
Hals macht mir in letzter Zeit so viele Schwierigkeiten weißt du,
Hunnigan! Ich muss hin und wieder einfach eine Pause machen! Aber
ansonsten stimmt alles. Agent Heathland hat mich in diese
´Sonderermittlung´ mit einbezogen- gefragt habe ich aber extra
nicht! Ich bin doch nicht verrückt und halse mir noch mehr Arbeit
auf als ich eh schon habe."
„Natürlich," Gab Leon spöttisch
hinzu. „Am Ende holst du dir noch eine Sehnenscheidenentzündung
weil du mal ´nen Kugelschreiber zur Hand nimmst."
„Kugelschreiber?"
Kevin legte seinen Kopf schief. „Wozu gibt es scharfe
Sekretärinnen?"
„Kevin!" Kam es von Ingrid und Leon wie
aus einem Mund geschossen.
Das sorgte dafür da sich die Personen im Raum eine Weile anschwiegen bevor sie zu lachen anfingen. Lachen tat der Seele gut und es trug auch dazu bei das die erhitzte Stimmung gelockert wurde die zwischen den dreien hing.
Dieses Thema hatte vor nicht mehr als drei Tagen stattgefunden und heute war Samstag. Leon würde den Teufel tun und zu dieser Wochenendveranstaltung gehen. Nicht nur das er dafür keinen Nerv hatte, er würde es zeitlich sowieso nicht einrichten können.
Den Grund wusste ja sowieso kaum jemand- außer vielleicht seine Familie die irgendwo oben in Ohio lebte. Leon wusste es nicht mehr genau wo genau überhaupt da er den Familientreffen die alljährlich stattfand auch keine sonderlich große Begeisterung mehr zugestand.
Das alljährliche Familientreffen der Kennedys wurde von Jahr zu Jahr anstrengender für den jungen Mann mit den ozeanblauen Augen. Auch wenn sich alle Mühe gaben mit ihm, hatte er immer das Gefühl als Außenstehender irgendwo reinzuplatzen. Vielleicht aber lag das auch nur daran das seine Cousine Joanne ihn das immer wieder glauben ließ in dem sie jede Chance nutzte einen Streit mit ihm zu suchen.
Leon hatte zwar schon mehr als einmal versucht- auch über andere Familienmitglieder- herauszufinden warum sie ihm denn ihre offensichtliche Abneigung so stark zeigte, war dabei aber nie wirklich auf einen grünen Zweig gekommen.
„Vielleicht weil
du immer von unseren Eltern besonders behandelt worden bist?" Hatte
Hannah Kennedy vor langer Zeit mal die Vermutung aufgestellt. „Paps
und Ma haben kaum was zu meckern bei dir gehabt. Du warst einfach zu
brav in deiner Jugend."
Leon hatte sich damit immer
gerechtfertigt das er seinen neuen Ersatzeltern kein Klotz am Bein
sein wollte und außerdem war er noch nie ein sonderlich aufsässiges
Kind gewesen, ganz im Gegensatz zu Hannahs älterer Schwester. Joanne
hatte die Kunst, Eltern in Nanosekunden auf die Palme zu bringen zu
einer olympischen Disziplin gemacht. Der Bemerkung das er immer
als etwas besonderes behandelt wurde, konnte er jetzt nichts wirklich
positives abgewinnen.
Klar, er war der einzige Junge in der Familie und von daher der wahrgewordene Traum eines entnervten Vaters dessen Frau nicht mehr als zwei Kinder zur Welt bringen wollte weil sie sonst in der Hüfte so breit wurde das sie in keines ihrer kostbaren Kostüme mehr passen würde. Brandon Kennedy hatte es ziemlich genossen endlich einen Jungen zu haben mit dem er beim allabendlichem Pokerspiel angeben konnte und die Tatsache das Leon auch noch ein Adoptivkind war sorgte dafür das der gute Eindruck von ihm verstärkt wurde.
Als Leon dann auch noch mit der Nachricht nach Hause kam das man ihn an der Polizeiakademie genommen hatte war sein Stiefvater endgültig aus dem Häuschen- ganz anders als der Rest seiner Familie. Susannah Kennedy fiel fast vom Sessel vor Schock und anschließend schloss sie sich mit ihrer jüngsten Tochter Hannah zusammen die einen Heidenangst um ihren Adoptivbruder schob der bald weit weg gehen würde nur um sich irgendwann dann (nach Hannahs Meinung) von einer Kugel umnieten zu lassen. Joanne hingegen wünschte ihm insgeheim vielleicht sogar das er irgendwann als lebende Zielscheibe endete, so etwas entnahm er jedenfalls ihren Zischlauten die sie immer machte und einer Aussage die sie vom Stapel ließ als er in den Ferien bei seiner Familie reinschaute.
„Glaubst
du wirklich das man nicht längst alles getan hat um den Mörder
deiner Eltern zu finden? Komm schon Leon! Wir sind hier nicht in
eines von deinen Comicbüchern wo der Held am Ende herausfindet wer
seine Eltern ermordet hat und ihre Mörder zur Strecke bringt!"
„Ich
will niemanden ´zur Strecke bringen´, Cousine." Sagte Leon leise
und sah sie dabei finster an. Das Thema Eltern war bei ihm schon
immer schwierig gewesen und vor allem mochte er es nicht wenn jemand
wie Joanne darüber sprach als wüsste sie worum es ging und wie er
sich fühlte wenn sie mit ihren Eltern darüber stritt ob er nun
´ihr´ Bruder war oder nicht.
„Was willst du denn dann?"
Schnappte Joanne dann pikiert zurück und stemmte in einer
unmöglichen Haltung die Hände in die Hüften.
„Das würdest
du nicht verstehen." Seufzte Leon und tat für sich eine Aktennotiz
das er das nächste Mal vorher anrief und fragte ob seine
Halbschwester ebenfalls zu Hause war oder nicht.
Okay, am Anfang hatte Leon Kennedy wirklich noch die Hoffnung gehabt das er etwas finden könnte bei der Mordakte die seinen Eltern zugeteilt war, das den anderen Beamten vielleicht entgangen war aber nach langen Recherchen kam Leon eigentlich auf die völlig gleichen Ergebnisse: Raubmord ausgeschlossen. Selbstmord ebenfalls genauso wie Unfall.
Aber zu glauben das jemand wirklich und wahrhaftig seine Eltern umbringen wollte, aus welchen Gründen auch immer erschien Leon von allen Möglichkeiten am unwahrscheinlichsten. Die Nachbarn die er damals befragt hatte, hatten ihm auch nicht dabei helfen können ein mögliches Motiv zu entdecken das diesen ganzen Vorfall aufklären könnte.
Einzig und allein die Aussage einer Frau und eines Joggers hatten ihm bis heute keine Ruhe gelassen: Eine alte Dame die immer um die selbe Zeit einen Spaziergang durch das Viertel gemacht hatte, hatte sich daran erinnert einen unbekannten grauen Mercedes gesehen zu haben der in die kleine Straße eingebogen war. Sie hatte sich noch gewundert was so ein Edelschlitten hier verloren hatte da sämtliche Scheiben abgedunkelt waren und der Jogger erzählte von einem Mann der ebenfalls in Grau gekleidet war, der die Auffahrt der Kennedys hinauf ging. Er musste der letzte gewesen sein der seine Eltern noch lebend gesehen hatte- wenn er nicht sogar der Mörder eben dieser war.
Von dem Mann in Grau aber fehlte jegliche Spur und die alte Dame die vielleicht noch etwas zu dem Wagen hätte sagen können war zwei Jahre gestorben bevor Leon an der Polizeiakademie angenommen wurde. Vom Jogger allerdings hatte er auch keine wirklichen Lebenszeichen mehr gehört.
Leon verstand die Vorgehensweise dieses Mannes einfach nicht der seine Eltern kaltblütig erschossen hatte. Soviel stand traurigerweise fest: er war einzig und allein zu dem Haus gegangen um Menschen umzubringen. Seine Mutter hatte im Garten gearbeitet da sie noch eine mit Erde verdreckte Schürze trug in deren Seitentasche eine Rosenschere gesteckt war mit Blumendraht. Ihre Leiche fand man ausgestreckt auf der Veranda, sie hatte wohl zu fliehen versucht während sein Vater ebenfalls zusammen gebrochen im Flur lag. Es war eine eiskalt geplante Hinrichtung- beide in den Hinterkopf und beide hatten keine wirkliche Chance gehabt. Das einzige was Leon sich noch dazu fragte war: Hätte es ihn auch erwischt, wäre er damals zu Hause geblieben? Er wusste es nicht und so wirklich wollte er das auch nicht wissen.
Fast noch ganze zwei Stunden blieb Leon vor den beiden Grabsteinen sitzen und kümmerte sich nicht um das Gerede der wenigen Menschen die ebenfalls auf dem Friedhof ihre Lieben besuchten.
Zwei Stunden lang in denen Leon es sich erlaubte mal nicht den starken Agenten raushängen zu lassen. Hier draußen brauchte er das nicht. Hier war er allein- so wie es oft in seinem Leben der Fall war. Hier vor seinen Eltern musste er sich nicht verstecken.
Er genoss die Stille die an diesem Ort herrschte ungemein die einzig und allein von weit entferntem Straßenlärm übertönt wurde. Der Freeway war nicht weit entfernt aber die Bäume die um den letzten Ruheplatz der Toten gepflanzt wurden, dämpften das Geräusch ziemlich. Manchmal überkam ihn der Gedanke über das Friedhofstor in eine andere Welt einzutauchen die völlig von der Zivilisation abgeschottet war. Nicht umsonst nannte man den Friedhof in manchen Teilen der Erde auch „Stadt der Toten".
Früher hatte er immer Angst vor Friedhöfen gehabt, besonders als es bei einigen Mutproben darum ging von einem bestimmten Grab ein paar Blumen oder etwas ähnliches zu holen. Leon hatte so ziemlich jeden Scheiß mitgemacht in seiner Kindheit aber Friedhofsspaziergänge bei nacht waren ihm schon immer ein Gräuel gewesen gegen das er sich gewehrt hatte. Vielleicht aber lag das daran das seine Klassenkameraden es so gut verstanden hatten ihm immer mit ihren ganzen Gruselgeschichten Angst einzujagen. Heute lachte er über so etwas aber damals hing ihm das Herz in den Kniekehlen und freiwillig hätte er wohl sowieso keinen Schritt getan. Der Tod war kein besonders guter Spielgefährte, daran glaubte Leon noch heute, wo der Tod so nahe wie noch in seinem Leben war.
Leon seufzte schwer und erhob sich langsam wieder von seinem Platz, klopfte sich das viele Gras und die Erde ab und stand dann wieder senkrecht.
„Also Mom und Dad, macht's gut. Ich muss wieder weiter." Verabschiedete sich Leon kurz von den beiden und ging wie immer den gleichen Weg zurück zum Ausgang. Für ihn war es an der Zeit zurück in die Zivilisation zu gehen.
Der Parkplatz, wo er seinen Jeep abgestellt hatte, war noch von den Schatten überzogen die von Bäumen geworfen wurden die sich gänzlich der aufsteigenden Sonne entgegen streckten. Hier wurde der Straßenlärm schon wieder deutlichst lauter Leon fand die Geräusche die von vorbeifahrenden Autos und Lastwägen gemacht wurden für den ersten Moment erschreckend.
„Mach dich nicht lächerlich." Rügte Leon sich selbst. „Du hörst schon die Ratten in den Löchern."
Er fummelte aus seiner Manteltasche seine Wagenschlüssel heraus und fast wäre ihm dabei sein PDA samt Handy herunter gefallen. Zum Glück konnte er sie gerade noch so fangen und dabei bemerkte er das ihn jemand versucht hatte zu erreichen.
„Gleich zwei Leute." Dachte sich Leon als er die Namen auf dem eingeblendeten Display sah. „Was bin ich heute gefragt..."
Leon setzte sich erst mal in den Jeep und verstaute seine Jacke auf dem Beifahrersitz bevor er das Zündschloss umdrehte und den Motor startete.
Er würde jetzt wieder in Richtung Heimat fahren: Washington war zwar mehr als acht Autofahrtstunden von hier entfernt und es würde eine stressige Heimfahrt werden. Leon konnte von Glück sagen das sein unmittelbarer Vorgesetzter ihm frei gegeben hatte. Immerhin hatte er genügend Urlaub und Überstunden angesammelt. Typisch also für jemanden der wie Leon keine wirklich nennenswerten Hobbies hatte denen er nachgehen konnte oder eine Familie die umsorgt werden wollte.
Allerdings stand er im regen Kontakt mit seiner damaligen Teamkollegin Angela Miller, die ihn vor fast mehr als einem Jahr in Harvardville zur Seite stand als es darum ging, ein weiteres Raccoon zu verhindern.
Angela hatte eben auch versucht ihn zu erreichen und ihm daraufhin eine Nachricht auf die Mailbox gesprochen in der sie ihm mitteilte, dass alles wegen der Untersuchungskommission glatt ging die noch immer über die Sache in Harvardville tagte. Leon hatte sie nicht wirklich darum gebeten aber immerhin hörte er gerne das man langsam zu einem guten Ende mit den Verhandlungen kam. Offenbar wurde die dortige Firma von Willpharma von Tricell aufgekauft, ein Umstand von dem Leon sich noch nicht so sicher war ob er sich freuen sollte oder nicht.
Seine Erfahrungen mit großen Pharmaunternehmen ermöglichten ihm aber eine sehr eingeschränkte Sichtweise der Dinge und das Gefühl das ihn dabei beschlich wenn er genauer darüber nachdachte stimmte ihn ebenso nicht sehr fröhlich. Etwas ging vor in den Reihen der großen Mächte- er wusste nur noch nicht was es war.
Leon stellte sein Telefon und seinen PDA wieder an um ankommende Telefonanrufe annehmen zu können. Jetzt war er wieder der Agent der er sein sollte und für alle Welt zugänglich.
Es dauerte auch nicht mal eine Stunde als sein Handy wieder zu klingeln anfing und er erneut Angela Millers warme Stimme von der anderen Ende der Leitung hörte.
„Bist du im Wagen unterwegs Leon?" Fragte sie ihn gleich
als sie laute Autogeräusche vernehmen konnte.
„Ja, ich hab den
Freisprecher an, keine Sorge. Was gibt es?" Fragte Leon weiter und
achtete ungeniert auf die Straße und den Verkehr vor ihm.
„Hast
du meine Nachricht erhalten? Ich meine das mit Tricell. Sie haben
Willpharma gänzlichst aufgekauft und zu einem Teil ihrer Firma
gemacht. Sie wollen sogar Forschungen am T-Virus weiter betreiben um
das Gegenmittel zu vervollständigen- so jedenfalls die öffentliche
Darstellung."
„Und? Glaubst du es ihnen nicht?" Fragte Leon
zurück obwohl er die Antwort schon längst kannte. Er hörte Angela
auch am Telefon erbost Luft ausatmen.
„Nach allem was ich weiß,
ist meine Antwort ein deutliches Nein aber was sollen wir machen?
Nicht einmal Menschenrechtsorganisationen wie TerraSafe oder Amnesty
hatten da wirklich eine Chance." Sie klang verbittert darüber.
Leon kannte das schon wenn Menschen erfahren mussten das ihre Pläne
nicht aufgehen würden.
„Was hast du erwartet Angela?"
Fragte Leon amüsiert zurück der das ganze Theater mit übermächtigen
Firmen schon kannte und lieber aus dem Weg ging als sich mittenrein
zu stürzen. Er war eher der Mann fürs Grobe als das er sich gut in
Diskussionen über den Weltwirtschaftswandel machte.
„Ich sage
nur das man alle Proben von diesem verdammten Virus zerstören sollte
anstelle ihn zu erforschen!" zischte Angela wütend die noch immer
mit den Auswirkungen in Harvardville zu kämpfen hatte. „Die sind
auch noch so frech und gestehen das sie Proben des T-Virus haben und
das sie damit herumforschen wollen- was kommt den als nächstes? Will
einer von denen den G-Virus auch noch verbessern?"
„Soweit ich
das verstanden habe wollten sie damit den Terrorzellen im mittleren
Osten einen Trumpf aus der Hand nehmen." Versuchte Leon das ganze
noch abzuschwächen. „Ich bin auch nicht begeistert davon aber der
Gedanke das irgendein durchgeknallter Terrorführer den T-Virus in
den Händen hält und damit auf Unschuldige losgeht, gefällt mir
genauso wenig."
„Ist ja gut aber du weißt was ich
meine!"
Letzen Endes konnte Leon nicht mehr tun als das was er
schon sowieso schon tat: Gegen den Terror in der Welt vorgehen,
seinem Land dienen und es schützen und alles daran zu setzen
den Virus aus der Welt verschwinden zu lassen. Vorerst aber
existierte der T-Virus noch und nach wie vor forschte man an ihm.
Sofern es darum ging ein geeignetes Serum gegen ihn zu finden war
Leon sogar dafür das man ihn erforschte. Männer wie Angelas Bruder
eben hatten es nicht so gesehen und am Ende versuchten sie auf ihre
Art und Weise die Wahrheit ans Licht zu bringen.
Leon erlaubte sich kein Urteil aber nach wie vor war er davon überzeugt das Curtis auch einen anderen Weg hätte finden können, der Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen, als sich einen Virus zu spritzen von dem er gerade mal so viel wusste, dass er unkontrollierbar war und ihn niemand aufhalten konnte, sollte es zu einem Ausbruch kommen. Curtis hatte so genauso wenig erreicht wie er es als Mensch vermutlich hätte tun können. Das einzige was ihn von seiner Zombiegestalt war die Tatsache das er als Mensch wohl noch davon überzeugt war das man unschuldige Menschen wie auch eigenen Familienmitglieder nicht schaden durfte. In Leons Augen war das kein großer Gewinn und Angela tat ihm von daher noch mehr leid vor allem als man Curtis eine Mitschuld an den Vorfällen im Airdome gab. Downing war eine Sache aber Curtis wurde ebenfalls nicht vergeben.
„Leon..."
Hörte er nach einer Minute des Schweigens Angela zu ihm sprechen.
Die Stimme von seiner ehemaligen Teamkollegin hörte sich
eigenartig brüchig an, fast schon traurig. Sie musste geweint haben.
Immerhin war es keine Woche her als man Curtis im Internet offiziell
als verdammten Terroristen ´der bekam was er verdiente´ verschrieen
wurde. Angela selbst geriet dadurch leider ebenfalls ins Schussfeld
besonders als die Reporter herausfanden das sie gegen ihren eigenen
Bruder gekämpft hatte.
Es war nur mehr als selbstverständlich das Leon Angela erlaubte bei sich eine Zeit lang unterzutauchen bis Gras über die Sache gewachsen war. Jedenfalls bis die allgemeine Meinung sich ein anderes Opfer gesucht hatte auf dem sie herumhacken konnte.
Kinder waren nicht grausamer als Erwachsene. Vielmehr nahmen sie das mit was sie mal in der Kindheit gelernt hatten- so jedenfalls dachte Leon darüber wenn er an die ganzen Blogs im Internet dachte die einem wirklich den Schuh ausziehen konnte und an die Homepages bei denen sich seine Nackenhaare aufgestellt hatten. Seitdem ignorierte er seinen eigenen Computer und dankte Gott im stillen das er mehr als eine Emailadresse hatte.
„Wir sollten mal wieder was zusammen unternehmen."
Sagte Angela dann mit einem mal viel besser aufgelegt das Leon schon
etwas komisch wurde als er dachte was sie wohl mit diesem „zusammen
unternehmen" meinen könnte. „Wie wäre es mit
Thanksgiving? Das ist immerhin ein gesetzlicher Feiertag und du jetzt
komm mir nicht mit ´Ich hab soviel zu tun´! Auch du musst dich mal
entspannen, Leon!"
„Ich entspanne mich eben auf andere Weise
als es der gewöhnliche Mensch tut." Rechtfertigte sich Leon als er
auf den Highway fuhr und seine lange Heimreise antrat. „Außerdem
dauert es noch lange bis Thanksgiving und ich weiß nicht ob meine
Familie mich da nicht sehen will."
„Deine Familie? Leon, eine
bessere Ausrede fällt dir dazu nicht ein?" Feixte Angela und
lachte amüsiert. „Vergiss es! Ich weiß das du seit mehr als fünf
Jahren keinen Kontakt mehr zu deiner Familie hast, also was spricht
dagegen das wir uns wieder sehen?"
Woher wusste sie das er kein
Familienmensch war? Vor allem stimmte die Zeit haargenau. Angela
machte ihm irgendwie Angst. Frauen waren für solche emotionalen
Sachen sowieso viel empfänglicher als Männer. Konnte aber auch gut
sein das er da mal was beim letzten Mal fallen gelassen hatte warum
er Weihnachten nicht zu seiner Familie fuhr.
„Du bist echt unmöglich." Seufzte Angela schweren Herzens. „Lebst du eigentlich noch?"
Der blondhaarige Agent seufzte schwer. Natürlich hatte er ein Leben nur Maß er dem nicht so viel Bedeutung bei wenn er irgendwelchen Schmugglerringen auf der Spur war oder er einen terroristischen Akt verhindern musste. Sein Privatleben kam da vielleicht schon etwas zu kurz aber dafür konnte er abends immer gut einschlafen.
„Also schön..." Seufzte Leon dann
schließlich ergeben. „Hast mich überredet... Ich werde-" Weiter
kam er nicht denn im nächsten Augenblick krachte etwas von hinten in
seinen Wagen hinein so das Leon förmlich aus seinem Sitz gehoben
wurde und er dabei für einen kurzen Moment die Kontrolle über den
Wagen verlor.
„SO EINE VERDAMTE..." Brüllte Leon als er ein
zweites Mal von hinten gerammt wurde. Dieses Mal aber krallte er sich
fest und steuerte den Wagen sicher zurück auf die Fahrbahn. Im
Rückspiegel sah er einen schwarzen amerikanischen Wagen erneut auf
sich zufahren! Die Schweine wollten ihn wohl umbringen!
Leon
passte den Moment gut ab und zog mit seinem eigenen Jeep auf die
andere Fahrbahn sodass er einen besseren Blick auf seine Verfolger
hatte.
„LEON!!? Verdammt noch mal!! Antworte gefälligst!!
Leon!!" Schrie Angela in Panik auf die noch immer an der anderen
Seite mitanhörte wie Leon hier um sein Leben kämpfte.
„Scheiße..."
knurrte der Agent und sah erneut in den Rückspiegel. Verdunkelte
Scheiben machten es unmöglich etwas zu erkennen.
„Leon!"
Angela war in heller Aufregung da sie noch immer keine Ahnung hatte
was los war.
„Ich kann jetzt nicht sprechen Angela! Da ist so
ein Riesenarschloch hinter mir und hat meinen Wagen gerammt!"
„WAS?
Dann musst du die Polizei rufen!"
„Haha!! Ich lach da später
drüber!" Bellte Leon als er sah wie seine Verfolger jetzt
ebenfalls die Spur wechselten und in heller Aufregung trat er das Gas
gänzlich durch. „Zuerst mal muss ich zusehen das die mich nicht
von der Straße drängen! Ich meld mich später bei dir!"
Angela starrte den Hörer an aus dem das Geräusch des Freizeichens klang. Leon hatte wirklich aufgelegt und sie konnte absolut nichts tun um ihm zu helfen!
Doch, etwas konnte sie tun – sie würde auf der Stelle nach Washington reisen und dort nicht nur auf Leons sichere Heimkehr warten sondern auch sämtliche Alarmglocken läuten!
Leon unterdessen hatte schwerste Probleme damit die Kontrolle über den Wagen zu behalten da der Verfolger sich als äußerst hartnäckig erwies. Bereits mehrmals hatte Leon die Spuren gewechselt und wäre dabei fast dem Gegenverkehr zu nahe aufgerückt aber es half nichts. Seine Verfolger warteten nach wie vor hinter ihm auf eine sichtbare Chance ihn von der Straße zu kicken.
Zu allem Übel erkannte Leon auch noch einen weiteren dunklen Wagen vom selben Bautyp als der, der ihm sowieso schon ständig auf die Pelle rückte. Die hatten ihn wirklich ins Visier genommen! Die Frage die er sich dabei stellte war: Wer und vor allem warum?
Langsam zog der dunkle Wagen durch der die ganze Zeit
neben ihm gefahren war und versuchte sich vor Leons Wagen zu stellen
aber das er von diesen Arschlöchern ausgebremst wurde kam überhaupt
nicht in Frage! Er biss sich fest auf die Unterlippe das Blut
hervortrat und krampfte seine Hände fest um das Lenkrad.
„Das
bereut ihr..." Plötzlich knallte es hinter ihm und Leon schrak
zusammen seine Windschutzscheibe in ein Spinnennetzartiges Muster
zerbrach während er den starken Fahrtwind hinter sich spürte. Die
Schweine hatten von hinten angefangen auf ihn zu schießen! Na Prost
Mahlzeit!
Leon hätte sich keinen schlechteren Zeitpunkt ausmalen können und an seine eigene Waffe kam er gerade nicht heran wenn er beide Hände für das Lenkrad brauchte da er in dieser wahnsinnigen Geschwindigkeit sein ganzes Können für das lenken aufbringen musste.
Immer wieder wurden Schüsse auf seinen Wagen abgeben aber Leon erkannte schnell das ihn die Schüsse nur ablenken sollten damit er seine Konzentration verlor und der anderen Wagen ihn ausbremsen konnte.
Wie vom Teufel gewollt drehte sich Leon langsam um und blickte zum Fenster des Beifahrers hinaus. Er war jetzt auf der gleichen Höhe mit dem ersten dunklen Wagen und ganz langsam, als hätte man alle Zeit der Welt wurde ein Fenster von dort herunter gelassen.
Leon erkannte einen Mann mit dunkler Sonnenbrille am Steuer sitzen der seelenruhig bei der Sache zu sein schien. Fast schon als wäre es alltäglich das er so gefährlich in den Straßenverkehr eingriff. Neben dem Mann der ebenfalls wie Leon blond zu sein schien und sich seine Haare kurz geschnitten hatte, hob der Beifahrer seinen Arm den Leon von seiner Sicht aus nicht wirklich gut erkennen konnte aber was er da in der Hand hatte ließ Leon schlucken.
„Die wollen mich wirklich umbringen..." Waren seine letzten Gedanken als er in die Mündung einer 45er Magnum blickte die direkt auf ihn zielte.
„Scheiße..." War das letzte was Leon Kennedy noch denken konnte bevor er einen ohrenbetäubenden Knall hörte der ihm die Besinnung und die Orientierung nahm, bevor alles gänzlich um ihn herum schwarz und still wurde.
