Nicolai Technikus - ein Leben
: Unbeschwerte Kindheit
Der Klapperstorch
Meine Schwester erstarrte in ihrer Häkelarbeit und warf mir einen giftigen Blick zu, als hätte ich etwas teuflisch heraufbeschworen. Erschrocken kauerte ich mich auf meinem Stuhl zusammen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass solch eine Frage solch eine Reaktion bei ihr auslösen würde. Sophia öffnete den Mund um etwas zu sagen, doch dann lies sie es bleiben und schüttelte nur langsam den Kopf. Verwundert beobachtete ich die junge Frau:
„Sophia, was hast du?"
„Nichts, Nicolai, nichts...", murmelte sie und führte ihr Häkelwerk fort.
„Warum antwortest du mir dann nicht?", fragte ich wie ein Kind eben fragt.
„Weil es auf diese Frage keine Antwort gibt", meinte sie kurz und trocken ohne aufzuschauen.
"Aber es kann doch keine Fragen ohne Antworten geben! Eine Frage kann nicht ohne Antwort existieren und eine Antwort nicht ohne Frage. Und selbst wenn die Antwort nicht unbedingt die Richtige ist, kann sie existieren indem sie ausgesprochen wird", ich war verwirrt, die Aussage meine Schwester erschien mir unlogisch und wirkte gar so, als wollte sie mir keine Antwort geben.
Sophia nahm ihr Häkelzeug und legt es auf dem Tisch ab. Augenrollend seufzte sie genervt, lehnte sich gegen den Tisch an und schaute auf mich herunter:
„Eigentlich sollte es dich auch gar nicht interessieren in deinem jungen Alter. Aber ich kenn ja den kleinen Kolja… Nagut, Da du mich ja sowieso nicht in Ruhe lassen wirst bis ich es dir sage..."
„Ja?", ich setzte mich vor auf die Stuhlkante und erwartete voller Spannung die Antwort.
„Also als du noch nicht auf der Welt warst, da...warst du in dem Bauch von Mutter", ich merkte, dass sie leicht gezögert hatte. Dies machte mich skeptisch und so beschloss ich tiefer zu bohren.
„Warst du auch dort?"
„Ja, ich war lange vor dir auch dort. Und jetzt Schluss damit!", Sophia versuchte das Thema abzubrechen.
„Und wie bin ich da hingekommen?", ich ließ nicht locker. Das war eine Angewohnheit von mir, wenn ich etwas wissen wollte, dann musste es genau sein.
„Ach! Mey mey mey was bist du nur für ein Kind, dass du solche Fragen stellst!", Sophia fegte vor Wut ihre Häkelnadeln vom Tisch.
Ich schrak zusammen. Was war denn so falsch an dieser Frage? Mit großen Augen sah ich erschrocken zu meiner wutentbrannten Schwester auf. Doch diese seufzte nur und nahm die Nadeln wieder in die Hände. Etwas nervös daran rumspielend überlegte kurz, dann erzählte sie:
„Es ist so….Bevor eine Frau ein Kind bekommt, besucht sie der Klapperstorch. Du weist schon, dieser schwarzweise, große Vogel auf den Dächern. Er zwickt dann also die Frau mit seinem langen roten Schnabel. Wenn er sie in die rechte Wade zwickt, bekommt die Frau ein Mädchen, wenn er in die linke Wade zwickt einen Jungen. So nun weist du alles." Ich dachte über Sophias Worte nach. Wie konnte ein Storch meiner Mutter zwei Kinder geben? Vielleicht sollte ich mal nach Zwickspuren an ihrer Wade Ausschau halten…ob wohl die Kühe im Stall auch von dem Storch gezwickt wurden bevor sie Kälber bekamen?
„Woher weist du das?", fragte ich misstrauisch. Meine Schwester schaute böse zu mir hinüber:
„Weil ich ihn damals gesehen hab, wie er bei Mutter war und jetzt hör auf zu fragen!"
Ich nickte, dann wand ich mich wieder meinen Kartoffeln zu. Vielleicht, wenn ich ganz gut aufpassen würde, würde ich auch mal sehen, wie der Storch unsere Mutter besuchte.
„Meinst du der Storch besucht dich auch bald? Schließlich war Mutter auch zweiundzwanzig als sie dich bekommen hat", fragte ich und kicherte bei dem Gedanken, wie meine Schwester von dem Storch gejagt wird.
„Weist du nicht jede Frau bekommt ein Kind…, sie muss auch mit einem Mann in einem Bett schlafen", Sophia lachte. Doch dann blickte sie hastig zur Seite und sprach schnell weiter:
"Sonst würde ja jede Frau ein Kind haben, aber keinen Mann der die Familie versorgt. Und darum bringt der Storch nur Frauen ein Kind, bei denen ein Mann liegt…"
