Nicolai Technikus - ein Leben

I. Kapitel: Unbeschwerte Kindheit

Zwei Geschwister - zwei Weltbilder

Ich musste zugeben, dass ich meine Schwester ein wenig dafür beneidete, dass sie schon 12 Jahre älter als ich war. Nein um ehrlich zu sein war ich sogar erstaunt, was meine Schwester alles wusste. Und das sogar obwohl sie mit zwölf Jahren aus der Schule gegangen war, kurz bevor ich geboren wurden. Dieser Entschluss war mir ein Rätsel…obwohl ich natürlich wusste, dass unsere finanzielle Lage nur ein Kind auf die Schule schicken konnte. Der Vater hatte es ja auch nur allzu oft erwähnt.

Wenn ich meine Schwester fragte wieso sie das zugelassen hatte, erklärte sie mir voller Überzeugung, dass man sein Leben nicht mit, ihrer Meinung nach, unnützen Wissen vergeuden sollte, sondern damit, die Familie zu versorgen. Ich war zwar erst seit ein paar Jahren in der Schule, aber ich hatte, im Gegensatz zu ihr, nicht vor auf meine Bildung zu verzichten. Ich wollte lernen, lernen, lernen, Zusammenhänge begreifen und eigene Ideen entwickeln, auch wenn meine Schwester immer versuchte mich auf die, ihrer Meinung, rechte Bahn zu bringen.

Immer wenn sie sah, wie ich nach der Schule über meinen wenigen Büchern saß, anstatt auf dem Hof zu helfen, schimpfte sie:

„Nicolai, du wirst unserer Familie nie etwas nützen wenn du nur Bücher liest!" Es mag wohl für mein damals junges Alter eine etwas ungewöhnliche Einstellung gewesen sein, doch ich war fest davon überzeugt, dass die Arbeit an Haus und Hof eine Nebensächlichkeit im Vergleich zu der scheinbaren Unendlichkeit des Wissens war.

„Das siehst du ganz falsch. Nur durch Bildung erreicht man etwas!", erwiderte ich jedesmal. Sophia blickte mich nur unverständlich an:

„Als ich zehn war, habe ich mit meinen Freunden draußen gespielt. Ach Brüderchen…du bist schon ein seltsames Kind…anstatt hier rum zu hocken solltest du diese Zeit wirklich genießen, solange du sie noch hast. Was nützt dir schon Mathematik und Fremdsprachen? Das einzige Wissen, das ich brauche, Nicolai, ist wie man möglichst viel Ertrag erzielt und das Vieh großzieht." Ich seufzte, es hatte keinen Sinn mit meiner Schwester zu diskutieren.

Zu meinem Leid unterschied sich auch die Meinung meiner Eltern sich nicht von der meiner Schwester. Abgesehen von der Tatsache, dass mein Großvater, Alexander Tekhika wollte, dass der älteste,…in meinem Fall einzige, Sohn seines Sohnes, eine gute Ausbildung bekommt, sollte nach der Vorstellung meiner Eltern mein Leben genauso ablaufen wie das meiner Schwester.