Nicolai Technikus - ein Leben
II. Kapitel: Die Jugendjahre
Familliäre Unstimmigkeiten
"Sophia, es wird nun endlich zeit für dich, dein eigenes Leben zu beginnen ", hörte ich meinen Vater mit nachdruck sagen.
"Aber Vater, Mutter, Ich kann nicht gehen! ", die Stimme meiner Schwester klang ungewöhnlich verzweifelt.
So hatte ich sie noch nie erlebt. Normalerweise war sie doch, selbst meinen Eltern gegenüber, die Ruhe selbst und besaß für ein Mädchen ein schon fast unverschämtes hohes Selbstbewusstsein. Zumindest meinten das meine Eltern regelmäßig. Ich wunderte mich um was es denn eigentlich ging. Die Diskussion schien schon etwas länger im Gange gewesen zu sein.
"Natürlich kannst du das. Alle anderen in deinem Alter und sogar viel jüngere Mädchen als du können das auch!", unterbrachte Mutter meine Schwester harsch. Ich zuckte zusammen. So einen Ton war ich von Mutter nicht gewöhnt, von Vater schon. Ja, Vater...Vater sagte sowieso kaum ein gutes Wort zu uns. Aber Mutter? Langsam wurde mir die Sache unheimlich. Allein die Tatsache, dass sie von Sophias Auszug redeten verhinderte es, dass ich mich wieder beruhigen konnte, als Mutters Stimme wieder sanfter wurde:
"Selbst für die Hässlichen findet sich einer, und wenn es für diese möglich ist, dann für dich wohl erst recht. Für jede junge Frau kommt die Zeit und nun bist du dran. Wir haben einen sehr wohlhabenden...."
"Aber was wird dann aus dem Hof? Was wollt ihr ohne eure fleißige Tochter noch bewirken?", flehte meine Schwester.
"Wir haben immer noch deinen Bruder", antwortete Vater kühl. Ich schluckte als die Sprache auf mich kam., Was sollte das alles bedeuten und was hatte ich damit zu tun? Zitternd den boden anstarrend und das Bündel umklammernd folgte ich weiter dem Gespräch.
"Aber...aber...Nicolai wird euch nie etwas bringen...er sitz doch immer nur über seinen Büchern!", warf Sophia ein. Was?! Ich krallte meine Finger in das Getreide. Was fiel meiner Schwester ein mich nutzlos zu nennen?! Ich und nutzlos?! Na warte....nein...nein Nicolai du musst dich zusammenreisen. Sie dürfen nicht merken, dass du ihnen zuhörst.
"Sei endlich still du dummes Gör!", mein Vater hob drohend seine raue, grobe Hand und lies sie auf ihre Wange runtersausen. Das Klatsch und das aufschluchzen meiner Schwester lies mich zusammenfahren. Doch bevor er nochmal zuschlagen konnte hatte meine Mutter ihn besänftigt:
"Sie wird es schon verstehen. Sophia, wir wollen doch nur das Beste für dich, verstehst du?" Ich sah wie meine Schwester nickte. Eine klare durchsichtige Träne rann aus ihrem Auge und über ihre Wange.
Nachdem unsere Eltern das Feld verlassen hatten, fühlte ich mich sicher, lies mein Bündel stehen und ging langsam zu meiner Schwester hinüber. Als sie mich bemerkte meinte sie ärgerlich:
"Was willst du? Geh schnürr das Bündel."
"Ich hab gehört wie Mutter und Vater...mit dir etwas diskutiert haben...", antwortete ich etwas scheu. Ich wollte Sophia nicht noch mehr beunruhigen. Sie seufzte geknickte:
"Ach das. Bitte Nicolai lass mich damit in Ruhe. Ich will nicht darüber reden...und...es geht dich auch nichts an. Du verstehst sowas noch nicht", sie drehte sich um. Doch ich, in meiner Kindlichen neugierde, lies nicht locker, ich wollte umbedingt wissen was los war. Also bohrte ich weiter:
"Warum? Ist es etwas schlimmes?" Ich wartete einen Moment, aber Sophia reagierte nicht auf meine Frage, also schloss ich daraus, dass es sich tatsächlich um etwas schlimmes handeln musste. Sie seufzte, dann drehte sie sich wieder zu mir:
"Es wird Zeit nachhause zu gehen. Hilf mir das Getreide zu tragen."
