Nicolai Technikus - ein Leben
II. Kapitel: Die Jugendjahre
eine ungewöhnliche Nacht
Am Abend schickte mich meine Mutter wie jeden Tag früh ins Bett, denn sie mochte es nicht, wenn wir abends die Kerzen brennen liesen, die das Zimmer verrußten. Allerdings schickte sie seltsamerweise nur mich zum Schlafen, währrend normalerweise wir alle zusammen ins Bett gingen. Als ich nachfragte, wieso Sophia denn aufbleiben sollte, meinte meine Mutter, dass ihr meine Schwester noch helfen musste. Ich wunderte mich zwar, aber ich hielt es für besser keine Nachforschungen anzustellen, hätte ich doch damit meine Mutter noch verärgert im schlimmsten Fall.
Deswegen legte ich mich brav hin und schloss die Augen, was mir nicht viel brachte, denn ich merkte schon ziemlich früh, dass einschlafen so gut wie unmöglich war. Zu sehr lies mich das, was ich heute mitbekommen hatte, grübeln. Worüber redeten hier alle? Weshalb regten sie sich so auf? Unruhig starrte ich an die Decke. Es schien gar ein Geheimnis zu sein, von welchem ich nichts mitbekommen sollte. Aber was konnte so geheim sein? Ach...es hatte ja doch keinen Sinn. Ich würde es wohl schon früh genug herausfinden. So gab ich das Grübeln also auf und widmete mich lieber meinen Büchern. Das war mir sinnvoller als wach im Bett zu liegen.
Irgendwann musste mich dann wohl doch der Schlaf übermannt haben, denn als ich aufwachte war die Kerze, welche ich mir heimlich angezündet hatte und die mir als Lichtquelle diente, schon fast ganz heruntergebrannt. Ich blickte in dem schwachen Licht herum...die Küche war, bis auf meine Wenigkeit, leer. Aber wieso? Wo befand sich meine Schwester? Und wo war die Mutter? Sie konnten doch nicht bis tief in die Nacht arbeiten. Ich streckte mich und gähnte leise. Vielleicht sollte ich nun doch schlafen gehen, nicht dass ich von Mutter oder Sophia überrascht und noch ausgescholten werden würde. Doch Gerade als ich die Kerze auspusten wollte, hörte ich Stimmen und das knarren von Holzdielen. Ich fuhr herum. War hier jemand in unserem Haus? Einbrecher? Nein, das hätte ich früher bemerkt, dann hätten die Tiere angeschlagen. Doch wenn es kein Einbrecher war, was dann? Geister? Dämonen?
"Ach was, Nicolai reis dich zusammen!", wies ich mich selbst streng zurecht,
"Sowas wie Geister gibt es doch garnicht. Das ist außerhalb jeglicher Ratio!" Aber was war es dann? Bildete ich mir die Stimmen etwa nur ein? Doch nein! Da waren die Stimmen schon wieder. Oder war es gar der Wind? Nein, der Wind konnte es nicht gewesen sein, denn die Worte waren klar und deutlich. Mit einer Mischung aus Neugierde und leichter Furcht nahm ich den Kerzenhalter und schlich leise die Treppe, versuchend nicht auf die knarrenden Stellen zu treten, hinauf, zu dem Schlafzimmer meiner Eltern, woher die Stimmen eindeutig zu kommen schienen. Ich legte eines meiner Ohren an die hölzerne Türe um besser verstehen zu können.
Es stellte sich zu meiner Überraschung heraus, dass die beiden Stimmen meiner Mutter und meiner Schwester gehörten. Mein Vater war anscheinend nicht zuhause, sonst hätte er sich an dem Gespräch beteiligt. Aber warum waren die beiden anderen so spät Nachts noch auf? Diese Umstände fachten meine Wissbegierde nun erst recht an. Ich lugte durch das Schlüsselloch um besser sehen zu können. Aber was ich dort sah warf noch mehr Fragen auf, als das es klären konnte.
