Nicolai Technikus - ein Leben

II. Kapitel: die Jugendjahre

Hochzeitsvorbereitung

Durch den engen Türspalt, in welchem heute Nacht anscheinend zufällig kein Schlüssel zum Absperren des Zimmers steckte, konnte ich die Silhoutten meiner Mutter und meiner Schwester in dem flackernden Kerzenschein beleuchteten Raum erkennen. Ich kniff etwas meine Augen zu um besser sehen zu können. Mutter hatte ein langes Band in der Hand und hielt es um diverse Körperteile Sophias. Es schien gar als würde sie ihre Maße nehmen. Tatsächlich, meine Annahme bestätigte sich, denn als nächsten Schritt steckte Mutter mit Nadeln die gemessenen Abstände an einem fein verzierten weißen Kleid absteckte. Als nächstes nahm sie eine Haube mit einem Schleier und probierte sie meiner Schwester an.

Ich fragte mich was das alles sollte. Woher kam dieses Kleid? Warum musste meine Schwester es anprobieren? Ich konnte mich nicht erinnern, jemals ein Familienmitglied es tragend gesehen zu haben. Aber es musste ein besonderes Gewand sein, denn, wie mir schon aufgefallen war, schien aus einem viel feineren Stoff gefertigt zu sein, als die Kleider welche die Leute unseres Standes für gewöhnlich trugen.

Erneut begann ich mich auf das Gesehen im Schlafzimmer zu konzentrieren. Ich konnte vernehmen wie Mutter zu Sophia sprach:

"Schatz, ich erinner mich noch genau wie du als kleines Mädchen, vor beinahe 10 Jahren mich batest dir von meiner Hochzeit zu erzählen. Und nun mein geliebtes, reizendes Töchterchen wird für dich alles war, was ich dir damals auch über mich erzählt habe. Ach, du wirst wunderbar in diesem Kleid aussehen. Glaub mir, die anderen Mädchen werden vor Neid erblassen und sich wünschen bei ihrer Hochzeit ein genauso hübsches Kleid zu tragen."

Mutter lächelte. Meine Schwester hingegen senkte nur ihren Kopf. Es schien mir gar als würde sie betrübt sein. Als wäre ihr das Herz ausgerissen worden blickte sie starr und leer vor sich hin. Ich verstand zunächst den unbeholfenen Ausdruck ihrer Braunen Augen nicht. Hochzeit, wieso redete Mutter von...doch da dämmerte es mir! Plötzlich verstand ich all diese Verborgenheit. Nun erkannte ich was es mit dem nächtlichen Aufbleiben auf sich hatte!

Erschrocken fuhr ich von der Tür zurück. Hatte sie wirklich gesagt Hochzeit? Hat sich mein übermüdeter und von kindlicher Neugierde geplagter Geist nicht nur verhört? Sollte das etwa wirklich heißen Sophia, mein herzallerliebstes Schwesterchen, weilches mir bei soviel beigestanden hatte, sollte heiraten und von hier wegziehen? Das war nicht möglich. Das war auf keinen Fall möglich! Nein ich musste etwas falsch verstanden haben. Und so lauschte ich angestrengt weiter.

Sophias Stimme hörte sich richtig kläglich an, als sie jammerte:

"Mutter verzeih mir diese schändlichen Worte doch...",in Ihren Worten lag ein Zittern,

"Ich kann nicht verstehen wie ihr mich loshaben wollen könnt! Ich kann nicht ohne euch sein. Diese Leere wird mich in mein Verderben stürzen. Mich, ich mich alleine der rauen Gewalt eines mir fremden Mannes hingeben. Ich...ich werde die ganze Zeit über weinen und klagen, bis ihr euch besinnt und mich wieder zurückholt! Und werdet ihr das nicht tun dann werde ich meines Lebens nicht mehr glücklich und meinem Mann, selbst wenn er noch so gütig ist, keine Freude machen."

"Nein hört man denn sowas!", meine Mutter schlug entsetzt über die Worte ihrer Tochter die Hände über den Kopf zusammen, "Kind! Weinen sollst du doch vor deinem neuen Leben..."

"Ohja das werde ich. Ich werde weinen bis ich vergehe!", unterbrach Sophia sie teils schluchzend, teils grämend. Mutter klang verzweifelt was sie mit der Sturrheit ihrer Tochter denn noch anstellen sollte. Schließlich ermahnte sie sie:

"Kind so kann das nicht weitergehen. Du weist doch was die Leute von jungen unverheiraten Frauen halten!"

Eine lange Zeit der Stille folgte. Meine Schwester war auf einen Stuhl gesunken und weinte leise. Mutter nahm ihre kleine, zarte Hand. Eine Weile schwieg auch sie. Doch dann flüsterte sie, sodass ich es kaum vernehmen konnte:

"Nun sei doch nicht traurig Sophia. Deine Hochzeit wird ein wunderbares Fest, bei dem die Klezmorim und Badchen zum Tanz aufspielen werden. So viel tanzen wirst du nie wieder in deinem Leben", ja meine Mutter versuchte sie zu trösten. Aber was sollte das schon für ein Trost sein? Musikanten gab es auch anderswo. Doch ganz gegenteilig zu was ich erwartet hab schien meine Schwester in Resignation zu ihrem bisherigen Wesen zu fallen:

"Du hast recht Mutter. Ich sollte nicht trübsal blasen. Ich will euch eine Freude machen und eine artige Tochter sein"

Ich erschrak. Meine Schwester musste sich wehren sie konnte das doch nicht zulassen! Sie durfte doch uns nicht verlassen um zu jemanden zu gehen den sie noch nicht einmal kannte! Aber doch..., sie lies es zu. Ich fühlte mich am Boden zerstört. Wie konnte sie das nur tun? Wie konnte sie mich, ihren Bruder, nur so im Stich lassen? Doch die Stimme meiner Mutter unterbrach meine Gedanken:

"Genau tu dies Kind. Und lass dir von mir noch ein paar gute Ratschläge geben", dann begann sie aufzuzählen. Meine Ohren nahmen nur noch den Brei der Wörter auf ohne wirklich zuzuhören. Zu sehr brannte mir noch der Gedanke, dass Sophia bald weg war im Kopf.

"Vergiss nicht dem Rabbi genau zuzuhören. Er wird dich lehren wie du eine gute Ehe zu führen hast." Ich zuckte zusammen bei diesen Worten. Meine Mutter hörte ja immer auf den Rabbi! Niemals, aber auch wirklich niemals hätte jemand aus unserer Familie gewagt seinen Worten zu widersprechen. Niemals!

Doch um ehrlich zu sein war Rabbi kein weiser Mann. Ich war fest davon überzeugt. Und ich wusste, er redete nur das nach, was ihm andere gesagt hatten oder er in der Tora gelesen hatte. Seine Ratschläge waren auch mehr lästige Regeln anstatt Lebenshilfen. Man konnte sich doch nie im Leben an so viele Regeln halten. Uns wurde gelehrt und gelehrt und gelehrt, und doch schaffte es kaum einer von uns alles einzuhalten.

Währrend ich so dachte, redete meine Mutter in einem endloss scheinenden Wortfluss weiter:

"Und wenn du und dein Bräutigam unter der Chupe stehen, vergiss nicht dich angemessen zu verhalten.", Die Chupe, das war eine Art Wandloses Dach, dass das spätere Haus der Verheirateten darstellen sollte. Das wusste ich, denn ich war schonmal auf einer Hochzeit gewesen. Damals hatte die Tochter eines Freundes meines Vaters geheiratet und unsere Familie war eingeladen.

"Auch später", so fuhr Mutter fort, "wenn du mit deinem Mann allein bist, rede nur wenn er dich etwas fragt. Und wehe dir wenn du dich nicht von ihm fernhältst", Der Ton ihrer Stimme als sie auf meine Schwester einredete hatte beinahe etwas bedrochliches.

Doch diese, die bis jetzt alles schweigend mitangehört hatte, lachte beinahe empörtz auf:

"Ach Mutter bitte. Davor brauchst du mich nun wirklich nicht ermahnen. Du weist doch, ich bin anständig und würde auch nie daran denken so etwas schändliches zu tun." Mutter seufzte:

"Ich weis mein Kind, ich weis. Aber man muss eben sicher gehen. Doch ich kenne dich ja und kann dir vetrauen. Doch eines noch, Liebling, das Wichtigste. Nach dem Essen wirst du allein der Mittelpunkt eines jeden Blickes sein, denn dann wirst du den Mitswe-tants ausführen. Und wenn der dir nicht gelingt, weis der Herr wie sich euer Schicksal jemals wieder zum Guten wenden soll"

Augenrollend hatte ich Mutters letzten Satz wahrgenommen. Wie ja auch so viele der Erwachsenen war meine Mutter schrecklich abergläubisch. So glaubte sie, dass wenn bei diesem Tanz der Tänzer in Kontak mit der Braut gerät, die Hochzeit verdorbein wäre und das Brautpaar nie ein glückliches Leben erwarten würde. Natürlich war mir klar, dass es sich dabei um Unsinn handelte. Obwohl ich zugeben musste, dass ich bei dem gedanken daran dennoch ein mulmiges Gefühl hattei und meiner Schwester wünschte, dass sie dieses wirklich schwierige Ritual bestehen würde.

Doch was nützen mir diese Wünsche noch? Nun war doch sowieso jeglicher Hopfen und Malz verloren. Sie würde uns verlassen und es würde nichts geben was sie davon abhalten konnte! Betrübt schlich ich zurück in mein Bett. Das Schicksal der Familie war also besiegelt. Meine Schwester würde tatsächlich von hier weggehen müssen. Aber warum nur? Wieso konnte sie denn nicht hierbleiben? Wieso musste sie heiraten? Sie schien ihren Ehemann nicht einmal zu kennen. Aber wenn sie dann weg war, was sollte dann nur aus mir werden? Sie war die einzige Person, an die ich mich wenden konnte, wenn ich Probleme hatte. Zu meinen Eltern hätte ich damit doch nie gehen können. Ich verstand die Gründe für Sophias Gehen nicht, ich verstand sie wirklich nicht.