Nicolai Technikus - ein Leben
II. Kapitel: die Jugendjahre
Der erste innere Bruch
Die Tage der Hochzeitsfeier waren Tage der Befremdheit. Obwohl alles so ausgelassen und fröhlich schien schaffte ich es nicht mich mit der ganzen Stimmung zu indentifizieren. So sehr ich auch versuchte mich dem Verhalten meiner Familie und dem der Gäste anzupasen, sah ich in dieser Feier ja doch keinen Sinn. Es war ein falsches Spiel! Eine Komödie! Keiner schien wirklich glücklich zu sein, und wenn sie es doch waren, dann dachten sie dabei nicht wirklich an die Gefühle der Braut oder an die der Familie. Nein, es ging den Gästen doch nur um das Fest, um das Essen und die Musik. Dass hierbei ein enges soziales Bündnis zerissen wurde, das interessierte keinen.
Und dann auch noch Sophias Ehemann. Ich begnete ihm mit Schrecken, und ich bin mir sicher meine Schwester musste noch mehr Ängste durchgestanden haben. Ich konnte nicht viel von ihm Erkennen, wirkte er doch mehr wie ein Schrank als wie ein Mensch. Aber seine Stimme, so tief und rau, so...grob. Die donnerte noch länger in meinen Ohren. Arme Sophia. Meine arme Sophia! Was hatte man ihr da nur angetan!
Doch nicht nur ihr. Ich, ich selber hätte auch nie gedacht, dass es jemals so weit mit mir kommen konnte, doch nachdem meine Schwester weggezogen war, war ich nicht mehr ich selber. Wir waren uns zwar ständig in den Haaren gelegen, von Kindesbeinen auf, war ich schon verschiedener Meinung mit ihr gewesen, aber dennoch fehlte sie mir, denn sie war meine Schwester. Sie war mein Ein und Alles. Und dies hatte ich nun verloren. Diese unerträgliche Traurigkeit in mir wuchs und wuchs, und legte sich wie ein Schloss um mein Selbst. Mittlerweile war mein Kummer über den Verlust meiner Schwester so groß, dass ich mich ganz in meine Bücher zurückgezogen hatte. Nichts mehr gab es um mich herum, keine Familie, keine Natur, und sogar jegliche Form der Nahrungsaufnahme konnte ich nur noch verweigern.
Meine Eltern waren über meinen Zustand, auch seelischer Natur, sehr besorgt. Sie versuchten mit allen Mitteln mir zu helfen über die Situation hinwegzukommen, doch nichts von dem was sie taten konnte bis zu mir vordringen. Ich hatte mich abgekapselt. Selbst dem Arzt fiel es schwer an den mittlerweilen 12 jährigen Jungen, der ich war, heranzukommen. Doch meiner Verkapselung zum trotz verlangten meine Eltern von mir, ihnen bei der Arbeit zu helfen. Doch ihre Bitten, ihre Befehle lies ich nicht einmal bis zu mir vordringen. Was nütze mir der Hof? Was nützten mir meine Eltern? Was war übrig geblieben von dieser Familie, wenn doch sowieso niemand hier war, der mich zumindest etwas verstand und zu dem ich sprechen konnte.
Das einzige was mich etwas von meinem Kummer ablenken, der einzigen Sache der ich mich hingeben und öffnen konnte war meine Bildung. Jetzt da ich erkennen musste, dass jedem aus meiner Familie die gleiche Zukunft entgegenblickte, hatte ich mich fest entschlossen das zumindest was mich betraff zu ändern. Und dafür musste ich mich auf meine, schon immer in meinem Gehirn wie ein Keil festsitzende, Berufung konzentrieren.
Dies bedeutete die Schule abzuschließen und zu studieren, koste es was es wolle. Und ich wusste dies würde sehr viel Kosten. Womögliche würde ich ein Stipendium nötigen haben oder eine sonstige finanzielle unterstützung. Meine ganzen Gedanken kreisten 24 Stunden um das Gleiche: Bildung und Kummer, Bildung und Kummer. Lebenswichtige Tätigkeiten wie Schlafen, Essen und sogar soziale Kontakte kamen mir dabei als Zeitverschwendung vor und mussten umbedingt so oft es ging vermieden werden.
Meine Eltern beobachteten meine Entwicklung immer kritischer und drohten mir schließlich:
"Wenn du so weitermachst, Nicolai wirst du keine Zukunft mehr haben!"
Doch ich ignorierte sie. Diese Narren! Was wussten sie schon von meiner Zukunft? Sie hatten mir schon meine Schwester genommen, nun sollten sie nicht auch noch meine Träume bekommen. Meine Träume die mir alles verbliende waren. Diese Besessenheit in Form von Bildung und Isolation meine Schmerzen zu kompensieren war das einzige welches mir noch half mir selber nicht nach meinem noch jungen Leben zu trachten. Manchmal machte mich der Gedanke daran krank. Dann blieb ich oft tagelang im Bett, unfähig mich aufzurappeln, starr, nur innerlich weinend aus Furcht vor meinen eigenen Gedanken.
So zog ein Jahr an mir vorbei. Es verstrich ein weiteres. Und selbst nach dem dritten Jahr war meine Trauer und die Wut auf meine Eltern nicht verflogen. Die einzigen Orte an denen ich mich noch aufhielt war meine Ecke in der Küche und die Schule. Und es wäre wohl schon so früh zuende gegangen wenn....ja wenn nicht dieser verhängnisvollen Tag im Juli 1897 gewesen wäre. Denn an diesem Tag hatte ich die Begegnung die mein bisheriges Leben völlig verändern, fast sogar auf den Kopf stellen würde, die Begegnung mit meiner ersten Liebe.
