Lieber Harry,
ich hoffe, dieser Brief erreicht dich, bevor du zu Onkel und Tante kommst. Ich weiß nicht, ob sie an Eulenpost gewöhnt sind.
Seidenschnabel und ich haben ein Versteck gefunden. Ich sag dir nicht, wo es ist, falls diese Eule in die falschen Hände gerät. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie zuverlässig sie ist, aber sie ist die beste, die ich finden konnte und sie schien ganz scharf auf diesen Job.
Ich glaube, die Dementoren suchen immer noch nach mir, doch hier werden sie mich bestimmt nicht finden. Ich werde mich demnächst irgendwo ein paar Muggeln zeigen, weit weg von Hogwarts, so dass sie die Sicherheitsvorkehrungen im Schloss aufheben können.
Es gibt noch etwas, das ich dir bei unserem kurzen Zusammentreffen nicht erzählen konnte. Ich war es, der dir den Feuerblitz geschickt hat.
Krummbein brachte für mich die Bestellung zur Eulenpost. Ich habe deinen Namen verwendet, aber geschrieben, dass sie das Gold aus dem Gringotts-Verlies Nummer siebenhundertelf nehmen sollten- das mir gehört. Bitte betrachte den Feuerblitz als dreizehn Geburtstagsgeschenke auf einmal von deinem Paten.
Ich möchte mich auch dafür entschuldigen, dass ich dir im letzten Jahr offenbar so viel Angst bereitet habe, und zwar in der Nacht, als du das Haus deines Onkels verlassen hattest. Ich wollte nur kurz einen Blick auf dich werfen, bevor ich mich auf die Reise nach Norden begab, aber ich glaube, mein Anblick hat dir einen Schock verpasst.
Ich habe noch etwas für dich beigelegt, von dem ich glaube, dass es dein nächstes Jahr in Hogwarts vergnüglicher machen wird.
Wenn du mich je brauchst, schicke mir eine Nachricht.
Deine Eule wird mich finden.
Ich schreibe dir bald wieder,
Sirius

Harry las sich den alten Brief, den Sirius ihm am Ende des 3. Schuljahres geschickte hatte, wieder und wieder durch, bis er ihn auswendig konnte. Er begutachtete jedes Wort, jeden Kringel von Sirius unordentlicher Schrift, strich über das Pergament, versuchte, sich seinen Patenonkel vorzustellen, wie er ihn jetzt wohl auslachen würde.
Ohne es zu bemerken, kullerten dicke Tränen über seine Wangen. Sirius war tot. Er würde ihm nie wieder schreiben. Harry würde nie bei ihm wohnen können, nicht mit ihm sprechen, ihn nicht um Rat fragen können. Weil er, Harry, einen riesigen Fehler gemacht hatte. Er war schuld daran, dass sein Patenonkel nicht mehr lebte.

„Harry! Komm endlich und mach das verdammte Mittagessen!", schrie Tante Petunia und Harry schreckte aus seinen Gedanken auf. Schnell wischte er sich mit einer Hand die Augen trocken und trottete nach unten in die Küche – etwas anderes blieb ihm kaum übrig, er war, so wie es aussah, noch eine ganze Woche hier gefangen, bis ihn die Weasleys abholten.
In der Küche war ein grinsender Dudley anzutreffen, der seine neueste Errungenschaft, einen GameBoy, in den Händen hielt – war er denn nicht langsam zu alt für so etwas? – und ihn hämisch angrinste. Man konnte seinen Cousin buchstäblich beim Verfetten zusehen, da half es auch nichts, dass es nur noch halbe Portionen irgendeines fettarmen Gerichtes zu essen gab, denn Dudley hatte sich in seinem Zimmer ein Süßigkeitenimperium aufgebaut.
Harry verbrachte die nächste halbe Stunde damit, Hühnerbrust mit Gemüse zu kochen, während die Dursleys fern sahen.
Nach dem Mittagessen, von dem Harry ohnehin wieder nur die Hälfte abbekam, da „Dudders" ja ein großer Junge war und große Jungen von einer mickrigen Hähnchenbrust nicht genug hatten, verbrachte er den Nachmittag im Garten, um wie jeden Sommer das Unkraut zu jäten.
Nach drei Stunden die er geschuftet hatte, um Petunias Garten auf Vordermann zu bringen, wischte er sich den Schweiß von der Stirn und ließ sich auf den kühlen Rasen fallen. Es war harte, anstrengende Arbeit, den ganzen Tag in der Hocke zu verbringen und Pflanzen auszureißen, doch immerhin lenkte es ab und machte müde, sodass Harry nicht die ganze Nacht wach blieb und an Sirius denken musste.
Nach einem ganzen Tag voll Arbeit blieb er nur die halbe Nacht wach und holte sich zumindest ein paar Stunden Schlaf.
Doch selbst wenn er schlief träumte er von Sirius. Meistens träumte er davon, bei seinem Patenonkel zu wohnen, oder sein Unterbewusstsein zeigte ihm schöne Momente, er träumte davon, wie Sirius ihm von seinen Abenteuern mit Remus, seinem Dad und Pettigrew erzählte... Doch sobald er die Augen aufschlug empfing ihm jedes Mal aufs Neue diese Leere, die Gewissheit, dass Sirius nicht mehr da war und niemals mehr zurückkommen würde. Jeden Morgen kam er sich unglaublich einsam vor.
Da halfen nicht einmal die gelegentlichen Briefe von Ron und Hermine, die er so selten als möglich beantwortete, auch die Briefe die Remus ihm schrieb konnten ihn kaum erheitern.

Einzig und alleine half die tägliche Routine – Frühstück machen, duschen, aufräumen, Mittagessen kochen, Gartenarbeit, Abendbrot vorbereiten und ins Bett fallen. Er ließ sich so wenig Zeit wie möglich, um auf irgendwelche Gedanken zu kommen, er wiederholte mittlerweile sogar alles, was sie letztes Jahr gelernt hatten – die Hausaufgaben, die sie über den Sommer zu erledigen hatten, hatte er schon in der ersten Woche fertig gemacht.
Und so überraschte es Harry, als er eines Morgens mit Hedwig auf der Brust wach wurde, die ihm theatralisch ein Bein vor die Nase hielt, an dem ein Brief baumelte.

Harry,
Mach dich bereit, wir holen dich gegen 2 Uhr nachmittags ab.
Liebe Grüße
Ron

Harry hatte noch nicht einmal mit seiner Tante und seinem Onkel darüber gesprochen, dass er den Rest des Sommers bei den Weasleys verbringen würde, doch er konnte sich vorstellen, dass sie ihn kaum vermissen würden.
Nach dem Mittagessen herrschte wie immer, wenn Harry dabei war betretenes Schweigen, bis sich der Schwarzhaarige kurz räusperte. „Ich bin für den Rest des Sommers bei Freunden von mir. Sie holen mich später ab."
Onkel Vernon grunzte nur und Tante Petunia hatte immerhin den Anstand, ihm noch schöne Ferien zu wünschen, während Dudley Nachtisch in sich hineinfraß.
Um Punkt zwei Uhr läutete es an der Tür. Harry stürmte die Treppen hinunter und riss die Haustüre auf, nicht ohne Ron zu sagen, er könne den Finger von der Türklingel nehmen. Sie waren alle gekommen – Ron, Ginny, die Zwillinge und Mr. und Mrs. Weasley – und strahlten ihn an.
„Harry, du bist aber dünn geworden..." empfing ihn Molly Weasley und umarmte ihn so lange, bis ihm die Luft beinahe ausging.
Fred und George äfften die beiden nach, bis George luftringend am Boden lag und Ginny starrte betreten zu Boden, Harry meinte, dass ihre Wangen rot schimmerten.

Als Harry mit Rons Hilfe seinen Koffer und Hedwigs Käfig nach unten geschleppt hatte, hörte er schon das unverkennbare Motorengeräusch von Mr. Weasleys alten Ford Anglia. Ron grinste Harry wissend an. „Die alte Karre stand eines Tages vor der Tür, und mein Dad hat sie wieder zum Laufen gebracht." Der Ford hatte die letzten Jahre im Wald verbracht, nachdem er Ron und Harry in ihrem zweiten Schuljahr von Hagrids Riesenspinnen gerettet hatte.
„Mum hat sich wahnsinnig aufgeregt, sie findet es unverantwortlich, mit sowas zu fahren... Aber Dad meint, er funktioniert jetzt."
Mit einem mulmigen Gefühl stieg Harry ins Auto, daran denkend, dass der alte Ford ihn und Ron mitsamt ihrem Gepäck entladen hatte und sich gewissermaßen selbstständig gemacht hatte. Doch die Fahrt zum Fuchsbau, die übrigens auf der Straße und nicht in der Luft stattfand, überstanden sie alle, obwohl Molly Weasley immer noch leicht angesäuert aussah.
Molly stellte ein wahres Festmahl zusammen und lud Harry Unmengen auf seinen Teller, nach dem Essen hatte Harry das Gefühl an diesem Tag mehr gegessen zu haben als in den ganzen Wochen bei den Dursleys zusammen.
Als es später wurde und Ron auch noch die letzte Partie Zaubererschach gewann, war Harry dankbar, endlich zu Bett gehen zu können. Er war hundemüde, fühlte sich träge, doch irgendwie glücklich – zum ersten Mal seit Wochen.

„Wie geht es dir eigentlich?", flüsterte Ron ihm zu, als sie in ihre Betten geschlüpft waren. Harry schloss die Augen und versuchte, für ein paar Sekunden noch das glückliche Gefühl in ihm zu genießen, bevor er antwortete.
„Ich vermisse ihn. Ich... ich hatte endlich so etwas wie Familie und dann..." Er starrte Ron durch die Dunkelheit an, sein Rotschopf schien sogar in fast völliger Finsternis zu leuchten.
„Ich mache mir Vorwürfe. Ich hab keine Ahnung, wie ich mit dem Gefühl klarkommen soll, dass er noch leben könnte, wenn ich nicht so dumm gewesen wäre!" Die letzten Worte wurden fast von einem Schluchzer verschluckt und der Schwarzhaarige spürte abermals Tränen über seine Wangen kullern.
„Du bist nicht schuld, Harry! Voldemort hat dich in die Irre geführt, du kannst nichts dafür, du wusstest es nicht besser!" Ron klang aufgebracht, doch auch wenn Harry das noch so sehr glauben wollte, konnte er es nicht. „Ich hätte es wissen müssen... Ich hätte wissen müssen, dass Voldemort mich in die Irre führen wollte. Aber... ich möchte nicht mehr darüber sprechen, Ron. Gute Nacht."

Der nächste Morgen brachte wieder reichlich zu Essen und zwei völlig durchgedrehte Zwillinge mit sich, die es geschafft hatten, Ginny unbemerkt eine ihrer neuesten Kreationen in den Kürbissaft zu mischen. Die jüngste im Weasley-Clan saß jetzt puterrot und betreten dreinblickend am Küchentisch und statt einer Nase zierte ein riesiger, gelber Schnabel ihr Gesicht.
Über das Geschrei von Mrs. Weasley grinsten die Zwillinge nur hinweg. „Du hättest Ron letzte Woche sehen sollen", meinte Fred. „Wir haben ihm ein Bonbon unter seine Berty Botts Bohnen gemischt, er war einen ganzen Tag von Kopf bis Fuß knallrot gefiedert."
Obwohl er den finsteren Blick Rons nicht übersehen hatte, konnte sich Harry ein Grinsen nicht verkneifen. „Das hätte ich zu gerne gesehen", prustete er und ignorierte den Fußtritt von Ron gekonnt.
„Wann kommt Hermine eigentlich?", fiel ihm nach dem Frühstück und einer schnellen Partie Quidditch ein. „Wir treffen sie nächste Woche in der Winkelgasse", erwiderte Ron, der immer noch ein wenig sauer war.

Die Woche verging abermals wie im Flug und schon waren es nur noch zwei weitere Wochen bis zum Schulbeginn. Harry und Ron rätselten die ganze Woche, wer nun nach Umbridge der neue VgddK-Professor sein würde und Ron ärgerte sich über die ellenlange Bücherliste in Geschichte der Zauberei. Nun, „Trollkriege Nordschottlands Teil 1-5" hörte sich wirklich nicht spannend an.

Am nächsten Tag waren sie mit Hermine verabredet, die ihnen schon beinahe täglich überschwängliche Briefe schickte – sie hatte den Sommer abermals in Frankreich verbracht und schwärmte seitdem für einen Beauxbatons-Schüler, den sie an der Cote-d'Azur kennengelernt hatte. Harry hatte das leicht grünliche Geschicht von Ron bemerkt, nachdem er ihren letzten Brief gelesen hatte, doch sein einziger Kommentar war ein gemurmeltes „Ich mag keine Franzosen."

Die Winkelgasse war belebt wie immer zu dieser Jahreszeit, doch Hermines brauner Haarschopf stach aus der Menge hervor. „Oh Harry", schluchzte sie, als sie ihre Arme um ihn schlang, „Geht es dir gut?" Harry tätschelte ihr die Schulter und gestattete sich einen Seitenblick auf Ron, welcher immer noch ein wenig sauer aussah. „Es... wird besser", antwortete er zaghaft auf Hermines Frage.
Die drei Freunde bestellten sich Eisbecher bei Florean Fortescue und Ron schaufelte das Eis nur so in sich hinein, während Hermine von ihrem Frankreichaufenthalt erzählte.
Als sie den Beauxbatons-Schüler Pierre erwähnte, wurde Ron noch fresswütiger und machte sich sogar noch über Harrys Eisbecher her.
„Pierre meinte, er kommt mich vielleicht in den Weihnachtsferien besuchen...", schwärmte Hermine und bei Ron brannten entgültig die Sicherungen durch.
„Der macht WAS? Er kommt dich besuchen? Aber... zu Weihnachten bist du doch bei uns, das hast du versprochen und... was wenn dich dieser Pierre nur ausnutzen will? Ich meine, du kennst ihn garnicht? Der könnte gefährlich sein!"
Harry, der sich die ganze Zeit über zurückhalten musste, lachte nun entgültig drauf los, ebenso wie Hermine. „Ron, kann es sein, dass du eifersüchtig auf Pierre bist?", fragte sie unter Lachen, doch der Rotschopf errötete nur noch mehr und zog eine Schnute und auch Hermine wurde plötzlich still. Nachdem sie bezahlt hatten und die Situation immer noch nicht aufgelockert war, räusperte sich Harry und sprang auf.
„Hey, bevor wir die ganzen Bücher kaufen ...geh ich noch kurz zu „Qualität für Quidditch", ich brauche ein neues Besenpflegeset. Ihr.. könnt ja nachkommen, wenn ihr wollt, ansonsten treffen wir uns bei Flourish und Blotts?"
„Äh.. ja, ist gut", antwortete Ron, immer noch mit hochroter Miene.

Harry musste immer noch grinsen, als er die Winkelgasse entlangschlenderte. Die Situation war ja wirklich seltsam gewesen. Konnte es etwa sein, dass Ron –
Plötzlich stieß er mit einer Person zusammen, die wie aus dem Nichts aufgetaucht und mitten in ihn hineingerannt war. Sie war in einen schäbigen, alten Reiseumhang gehüllt, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen und wollte sich gerade aufrappeln.
„Vielleicht sollten Sie besser aufpassen", murmelte Harry, als die Person aufstand und dadurch ihre Kapuze ein Stück weit zurückgeschoben wurde.
Weit aufgerissene graue Augen sahen ihn an. „Malfoy...?", war alles, was Harry herausbrachte, doch dieser verschwand so schnell, wie er gekommen war und tauchte in der Menschenmenge unter.