Draco lag schläfrig auf seinem Bett im noch leeren Schlafsaal der Slytherins. Mittlerweile waren beinahe drei Wochen vergangen, seit er Dumbledore kontaktiert hatte. Wenigstens auf die Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft des schrulligen Schulleiters war Verlass, Draco war sozusagen mit offenen Armen empfangen worden.
Eine ganze Woche hatte er im Krankenflügel verbracht und eine rund um die Uhr besorgte Madame Pomfrey hatte ihn wieder auf Vordermann gebracht, zumindest, soweit es überhaupt möglich war. Er würde wohl trotzdem nie wieder der alte Draco Malfoy sein - auch wenn ihm das jetzt, einsam und abgeschottet, bis auf das tägliche kurze Gespräch mit der Krankenschwester oder mit Dumbledore, einfach noch nicht bewusst war.
Doch auch wenn der Schulleiter ihn immer freundlich behandelte, Draco hatte den Blick in seinen leuchtend blauen Augen längst deuten können. Mitleid.
Und dann war da noch der Vorfall in der Winkelgasse vor ein paar Tagen... Er hatte Dumbledore versprochen, auf sich Acht zu geben, war vermummt per Flohnetzwerk in den Tropfenden Kessel gereist und hatte sich in der Winkelgasse seine Schulbücher von seinem letzten Geld gekauft. Seine Eltern hatten sein Gringotts-Verlies einfrieren lassen, als er auf keinen ihrer Briefe geantwortet hatte.
Der Verkäufer bei Flourish und Blotts hatte ihn mit einem seltsamen Blick abschätzend betrachtet, als ob er ihn erkannt hatte, was Draco dazu veranlasst hatte, seine Kapuze noch tiefer in sein Gesicht zu ziehen und mit auf den Boden gerichteten Blick zum Tropfenden Kessel zurück zu laufen.
Im Nachhinein betrachtet war das keine gute Idee gewesen, denn schon nach wenigen Metern war er in die Person hineingelaufen, die er – nach seinen Eltern oder dem Dunklen Lord – am wenigsten antreffen wollte. Harry-ich-weiß-nicht-was-eine-Bürste-ist-Potter.
Warum musste ausgerechnet der verdammte Goldjunge ihn so sehen? Seit etwa einer Woche sah der Slytherin immer mehr wie ein räudiger Köter und immer weniger wie ein Malfoyerbe aus. Sein Haar hing ihm platt auf die Stirn, seine Augen hatten etwas Animalisches in sich und seine Züge waren insgesamt wölfischer geworden.
Überhaupt veränderte sich sein Verhalten, jetzt, nur noch einen Tag vor Vollmond, gewaltig. Sein Hunger auf rohes Fleisch hatte zugenommen, beim bloßen Anblick von Gemüse bekam er mittlerweile regelrecht Brechreiz.
Und trotzdem hatte er es bis jetzt noch nicht richtig realisiert, was da in ihm und mit ihm vorging. Draco biss sich auf die Unterlippe, während er sich zwang, daran zu denken. Er war ein Werwolf. Er hatte sich in letzter Zeit immer wieder bei Gedanken an seine Eltern, an seine Freunde, an den neuesten Rennbesen und wie er seinen Vater dazu bringen konnte, ihm diesen zu kaufen oder andere ganz alltägliche Dinge ertappt. Doch seine Eltern durften nicht wissen, was mit ihm passiert war, seine Freunde würden nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen, sollten sie es erfahren – und das würden sie sicher, immerhin waren sie Slytherins. Und Slytherins konnte man nicht so leicht etwas verheimlichen. Außerdem würden sie ohnehin bereits wissen, dass irgendetwas mit ihm nicht in Ordnung war, ein Malfoy verschwand nicht einfach, ohne dass es bemerkt wurde.
Würden sie überhaupt mit einem Werwolf im gleichen Raum schlafen wollen? Noch dazu jetzt, wo Professor Snape unauffindbar war und es niemanden gab, der ihm den Wolfsbanntrank braute?
Angewidert blickte Draco auf eine beinahe leere Flasche auf seiner Kommode. Der letzte Vorrat an Wolfsbanntrank, den Professor Dumbledore auftreiben konnte – und es roch bestialisch, was natürlich auch mit seinen geschärften Sinnen zu tun haben könnte, doch dieses Zeug roch so extrem, dass auch ein normaler Mensch einen großen Bogen darum machen würde, dessen war sich Draco sicher. Noch schlimmer als der Geruch war jedoch der Geschmack, irgendetwas zwischen verrottetem Fisch und faulen Eiern. Doch Draco hatte schon die ganze Woche über täglich eine große Tasse davon zu sich nehmen müssen. Dumbledore hatte ihm versichert, dass dieser Trank dafür sorgen würde, dass die Verwandlung ohne größere Schmerzen vonstattengehen würde. Gerade bei der ersten Verwandlung war das eine große Erleichterung, denn sollte das stimmen, was der Slytherin in seiner tagelangen Recherche in der Bibliothek herausgefunden hatte, war die erste Verwandlung bei weitem die schlimmste.
Während Draco darüber nachdachte, was am nächsten Abend auf ihn zukommen sollte, machte sich ein flaues Gefühl in seiner Magengegend bemerkbar. Er fühlte sich so wahnsinnig einsam. Nur zu gerne hätte er jetzt jemanden bei ihm, mit dem er über all das reden konnte. So wie Anfang des fünften Schuljahres, als er mit Blaise mitten in der Nacht am Astronomieturm gesessen hatte und ihm davon erzählt hatte, dass die Gerüchte wahr waren, dass der Dunkle Lord wieder auferstanden war. Er hatte wahnsinnige Angst davor gehabt, vielleicht selbst in die Reihen des Dunklen Lords eintreten zu müssen, doch die Angst war unbegründet gewesen – seine Mutter hätte es nie zugelassen.
Doch was ihm die meiste Angst genommen hatte, waren Blaises beruhigende Worte gewesen. Und genau diese hätte er jetzt bitter nötig. Natürlich könnte er zu Dumbledore gehen, dieser hätte sicher ein offenes Ohr für ihn, doch er hegte gegen den Schulleiter eine gewisse Abneigung, die er einfach nicht überwinden konnte. Irgendetwas an seiner bizarren Art und seiner nervigen Allwissenheit machten es schwer, sich ihm gegenüber zu öffnen.
So blieb ihm nichts weiter übrig, als seine Gedanken so weit wie möglich abdriften zu lassen, sich abzulenken und zu versuchen, einzuschlafen, doch nicht ohne einen Trank für traumlosen Schlaf, dem Madame Pomfrey ihm gegen die Alpträume gegeben hatte, die ansonsten jede Nacht wiederkehren würden.
Am nächsten Morgen hatte Draco noch mehr als sonst das Gefühl, in einem seltsamen Traum zu stecken. Er hatte überall Schmerzen, welche ihn leicht benommen machten – seine Knochen fühlten sich an, als seien sie zu groß und schwer für seinen Körper, er war unglaublich müde und er hatte sich sogar dabei ertappt, den Hauselfen, der ihm das Frühstück brachte, hungrig anzuknurren. Den Rest des Tages döste er vor sich hin, schlief immer wieder ein, nur um kurz darauf wieder aufzuwachen. Die Tasse Wolfsbanntrank half auf nicht, seine Situation zu verbessern, er musste sich sehr beherrschen, den Zaubertrank nicht zu erbrechen, doch er hatte das Gefühl, der Trank machte ihn noch schläfriger
„Mr. Malfoy?"
Draco, der vor kurzen noch auf seinem Bett gelegen hatte, schreckte auf. Ein Hauself stand vor seinem Bett und blickte ihn bedauerlich an. „Winky wurde beauftragt, Mr. Malfoy zu holen! Winky muss Mr. Malfoy in den Krankenflügel bringen."
Der Slytherin nickte und schlurfte dem Hauselfen hinterher. Jetzt war es also soweit. Die Fenster in den oberen Stockwerken zeigten Draco, dass die Sonne nicht mehr lange am Himmel stehen würde, bald würde der Mond sichtbar werden und dann... daran wollte er gar nicht denken.
Im Krankenflügel angekommen, wurde er von Madame Pomfrey noch einmal durchgecheckt, bis er in den hinteren Raum des Krankenflügels geführt wurde. Es lagen einige Decken und Kissen am Boden, doch ansonsten war der Raum leer. Mehr würde er diese Nacht über auch nicht brauchen.
„Professor Dumbledore lässt sich entschuldigen. Er hat einige... Angelegenheiten, um die er sich kümmern muss. Er wünscht Ihnen eine erholsame Nacht."
Draco musste ob dieser Aussage gegen seinen Willen grinsen. Dumbledores Humor war doch sehr speziell. Oder meinte der schrullige Typ das ernst?
„Ich hoffe, der Wolfsbanntrank verfehlt seine Wirkung nicht. Andernfalls könnte diese Nacht sehr schmerzvoll für Sie enden. Und ich würde Ihnen raten, Ihre Kleidung und Ihren Zauberstab vor Ihrer Verwandlung abzulegen. Ansonsten, gute Nacht."
Draco wünschte ebenfalls eine gute Nacht und beobachtete die in die Jahre gekommene Krankenschwester beim Verlassen des Raumes. Er meinte, ein paar gemurmelte Worte zu hören und das Türschloss klackte, als ein Zauberspruch es verschloss. Nun war er endgültig auf sich allein gestellt.
Mit zitternden Fingern knöpfte er sein Hemd auf und zog seine Hose und Unterhose aus und legte seine Kleidung ordentlich gefaltet auf einen Stapel. Seinen Zauberstab legte er daneben. Die dicken Mauern des Schlosses ließen auch im Sommer kaum warme Luft in ihr Inneres, das merkte der Slytherin als seine Haut anfing zu kribbeln und er feststellen musste, dass sich alle Härchen seines Körpers aufgerichtet hatten. Schnell warf er sich eine der Decken über, setzte sich auf sein Feldbett und beobachtete den Himmel.
Er hatte Angst. Mit jeder Minute, die verstrich, wurde der Himmel ein klein wenig dunkler. Der Mond würde jeden Moment erscheinen. Doch... was wenn sie sich geirrt hatten? Was wenn Draco – aus welchem Grund auch immer – nicht zum Werwolf wurde? Ein paar Minuten blieben ihm noch Zeit, zu hoffen. Aber im Grunde wusste er ganz genau, dass diese Hoffnung unbegründet war – es gab die Vorzeichen. Der Hunger nach rohem Fleisch, die Müdigkeit und die Schmerzen, die geschärften Sinne... all das waren eindeutige Indizien dafür, dass er sich in wenigen Minuten in ein hungriges Raubtier verwandeln würde.
Trotzdem wollte ein Teil von ihm nicht wahrhaben, was gleich geschehen würde. Ein wenig Hoffnung bestand noch –
„AAAHRG!"
Eine Welle des Schmerzes durchfuhr Draco, als die ersten schwachen Strahlen des Vollmondes auf ihn trafen. Irgendetwas schnappte in ihm in zwei und ließ Draco kraftlos zu Boden sinken. Doch trotz des unheimlichen Schmerzes, der ihn zu übermannen drohte, verlor er sein Bewusstsein nicht sondern musste mit weit aufgerissenen Augen mit ansehen, wie sich seine Finger zu Klauen formten. Seine Fingernägel wuchsen und wurden zu messerscharfen Krallen, seine Fingerkuppen verdickten sich zu Pfoten und die Gelenke verkrümmten sich und verwuchsen ineinander.
Draco wusste nicht, ob er immer noch schrie, oder schon längst heiser war, als das Fell wie tausend und abertausende Messerspitzen aus seiner Haut wuchs und brannte wie Feuer. Der lodernde Schmerz breitete sich nun auf seine Wirbelsäule aus – sie wurde gebrochen, sein Hals wurde mit Brutalität nach vorne gerissen und seine Schultern und Hüften richteten sich neu aus. Draco musste sich schnell aufrappeln, seine Hinterläufe neu ausrichten, denn sie drohten in seiner jetzigen, noch sehr menschlichen Position zu brechen, doch er brach sofort wieder zusammen als sich seine Nase brach und sich verlängerte, seine Zähne zu Reißzähnen wurden, er erstickte fast, als seine Zunge länger wurde und seine Ohren sich aufstellten. Dann, als er dachte, es wäre vorbei, fing seine Wirbelsäule an sich zu verlängern, er fühlte ein Ziehen und Zerren und plötzlich besaß er die Kontrolle über völlig neue Muskeln.
Draco lag keuchend am Boden und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Der Schmerz war immer noch da, er fühlte sich an, als wäre er vom Hogwarts-Express überfahren worden, doch immerhin war das Feuer, das auf seiner Haut gebrannt hatte, mittlerweile erloschen.
Behutsam versuchte er, auf die Beine zu kommen, doch die ihm völlig fremde Körperhaltung musste er erst in den Griff bekommen. Nach einigen Minuten, die er verzweifelt damit verbracht hatte, seine Hinterläufe aufzurichten, stand er endlich, wenn auch wackelig, auf seinen vier Pfoten.
Er versuchte, sich daran zu erinnern, was Madame Pomfrey ihm vor ein paar Tagen erklärt hatte. Der Wolfsbanntrank linderte die Schmerzen der Verwandlung und machte es möglich, während und nach der Verwandlung völliges Bewusstsein zu behalten. Das mit dem Bewusstsein dürfte geklappt haben, doch wenn der Trank bei ihm tatsächlich die Schmerzen gelindert haben sollte, wollte er gar nicht wissen, welche unerträglichen Schmerzen eine Verwandlung ohne Wolfsbann bedeuten sollte.
Immer noch wackelig auf den Beinen versuchte er, sich in dem kleinen Raum zu orientieren. Die Farben, in denen er jetzt sah, waren ein wenig gedämpfte, jedoch wirkte der Himmel fast unrealistisch blau. Alles hatte eine etwas andere Farbgebung, bis er erkannte, dass er rot gar nicht mehr erkannte, dafür blau eine ungeheure Strahlkraft besaß. Doch was er sah, war nebensächlich. Wichtig war, was er roch. Er hatte sich im Verlauf der letzten Wochen über seinen gestärkten Geruchsinn gewundert, doch das war nur der Vorgeschmack gewesen. Er roch alles. Er nahm den Geruch der Heiltränke wahr, die Madame Pomfrey im Nebenzimmer aufbewahrte, ebenso den Geruch der Krankenschwester selbst – sie befand sich nahe der Tür zu dem Raum, in dem er sich befand. Er vernahm den Duft der Blumen und Bäume in den Ländereien, den schwachen Geruch eines jungen Rehs, verdammt, er konnte sogar die Kekse riechen, die Hagrid in seiner Hütte gebacken haben musste (Sie rochen grauenhaft.).
Er wusste nicht, wie lange er dasaß und seine Nase in die Luft streckte, doch als er wieder zum Himmel blickte, war es tiefste Nacht und er fühlte sich plötzlich wieder schlapp und müde. Langsam trottete er zu seinem provisorischen Schlafquartier, doch sein Schwanz, der mit jedem Schritt hin und herschaukelte, stieß etwas um.
Als Draco sich umdrehte, erkannte er einen Spiegel, alt und staubig, aber es ließ sich dennoch eine Reflexion ausmachen. Zaghaft und angespannt trat er einen Schritt näher, schloss kurz die Augen und starrte in den Spiegel.
Ein weißer Wolf starrte mit ungewöhnlich hellen Augen zurück. Hecktisch machte Draco ein paar Schritte rückwärts, riss dabei fast die Gardinen mit sich und setzte sich, als er eine Mauer berührte. Ja, er hatte es alles miterlebt – die Schmerzen, die Verwandlung, er hatte gefühlt, dass er nun auf vier anstatt zwei Beinen unterwegs war, doch es war etwas ganz anderes, diesen Körper auch noch zu sehen. Es war keine Einbildung gewesen. Er war ein Wolf.
Benommen stolperte Draco zu der Stelle, wo Madame Pomfrey sein Lager aufgeschlagen hatte. Wenn Wölfe weinen könnten – er würde jetzt wahrscheinlich unter Tränen dasitzen. Doch alleine die Tatsache, dass er eben das nicht konnte, machte alles noch schlimmer. Wieder und wieder ging eine Frage durch seinen Kopf: Warum? Warum war er in jener Nacht nicht auf seinem Zimmer geblieben? Warum war er stattdessen in den Wald gelaufen? Warum war Greyback überhaupt bei der Todesserversammlung dabei gewesen, wo doch Vollmond war? Warum er? Konnte es nicht jemand anderen treffen?
Nur zu gerne würde Draco jetzt zuhause sein, würde gelangweilt in seinem Himmelbett liegen und in einem Buch blättern oder einem seiner Freunde schreiben, oder mit seinem Vater am Feuer sitzen und dem Älteren dabei zuhören, wie er Geschichten von dessen glorreicher Vergangenheit erzählte. Wie gerne würde er jetzt seine Mutter umarmen, an Pansys Schulter lehnen oder einem der dummen Witze von Crabbe und Goyle lauschen. Oh, er würde sogar lieber eine Nacht im Gryffindor-Schlafsaal verbringen und Ron Weasley beim Schnarchen zuhören. Er würde sogar Potter den Waffenstillstand, nein, sogar die Freundschaft anbieten und versprechen, dass er seine kleinen Freunde nicht mehr beleidigte.
Doch Tatsache war, dass er zusammengerollt und in Wolfsgestalt auf dem Boden des Krankenflügels lag und wartete, bis die Nacht vorüber war. Und Tatsachen konnte man nicht ändern.
