Kapitel I oder Lass uns mal hier dran ziehen!

Da die Götter von Cori Celesti nicht an solch profane Kleinigkeiten wie Kausalität oder das Raum-Zeit-Kontinuum gebunden sind, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob die nachfolgend beschriebenen Ereignisse vor oder nach dem zuvor beschriebenen Brettspiel stattfanden. Wichtig ist auch nur, dass sie stattfanden, also gehen wir mal der Einfachheit halber – und um unsere Gehirnwindungen vor Überhitzung zu bewahren – davon aus, dass sie nach dem ominösen Spiel anzusiedeln sind…

Langsam aber sicher fielen Ponder Stibbons die Haare aus, obwohl er vor kurzem gerade mal das dreißigste Lebensjahr erfolgreich vollendet hatte. Er konnte sich denken, wie sein Vorgesetzter Mustrum Ridcully diesen unschönen Vorgang erklären würde. Nach Meinung des Erzkanzlers ereilte jeden, der nicht mindestens zweimal täglich joggen oder Fasanen jagen ging – oder joggend auf Fasanenjagd – spätestens mit dreißig Haarausfall, Impotenz oder Debilität. Abgesehen davon, dass er nicht wusste, was zwei der drei Dinge bedeuteten, hegte der junge Zauberer jedoch den Verdacht, dass seine lichter werdende Haarpracht eine ganz andere Ursache hatte. Namentlich den Dienst unter einem gewissen Erzkanzler mit Namen Mustrum Ridcully, der ihm mehr als einmal den letzten Nerv geraubt hatte.

"Äh, Erzkanzler, Du solltest nicht…", begann der junge Ponder Stibbons.

Ridcully brachte ihn mit einer wegwerfenden Handbewegung zum Schweigen. Er hatte den typischen, roten Zaubererumhang gegen eine dunkelgraue Latzhose und sogar den obligatorischen Hut gegen einen pragmatischen Schutzhelm eingetauscht. Flecken aus Schmieröl, Ruß und anderen Dingen, von denen man lieber nicht wissen wollte, was sie darstellten, überzogen den Blaumann. Der Erzkanzler sah aus, als hätte er gerade eine Kutsche repariert – oder kaputt gemacht. Ridcully winkte mit einem exorbitant großen Schraubenschlüssel wie mit einem Zauberstab und meinte kategorisch:

"Misch Dich da nicht ein, Stibbons! Ich weiß, was ich tue."

Nun, mindestens das durfte bezweifelt werden. Und genau das taten die anderen Zauberer auch – wenn auch nur im Stillen. Die versammelte Fakultät der Unsichtbaren Universität befand sich im Großen Saal und starrte auf eine gewaltige Apparatur, die etwa fünf Meter lang und vielleicht halb so hoch sein mochte. Das zylinderförmige Ding lag auf fünf mächtigen Gestellen aufgebockt, die trotz ihrer stabilen Bauweise den Eindruck erweckten, jeden Augenblick unter dem zugemuteten Gewicht zusammenbrechen zu wollen. Es knarzte und ächzte bedrohlich. Unzählige kleine und große Hebel ragten aus der Gerätschaft hervor wie Spinnenbeine.

"Das ist ein thaumaturgischer Teilchenbeschleuniger! Es könnte weitreichende…", versuchte Ponder es noch einmal, jedoch ohne große Hoffnung.

Ridcully beachtete ihn gar nicht, sondern zog an einem x-beliebigen Hebel. Die anderen anwesenden Zauberer – allen voran Ponder Stibbons – hielten kollektiv den Atem an. Die Apparatur begann, zu vibrieren. Die Zauberer retteten sich in bemerkenswerter Geschwindigkeit hinter einen der Tische aus massivem Eichenholz, auf denen täglich fünf Hauptmahlzeiten und mehrere kleine Häppchen eingenommen wurden. Wobei klein in diesem Fall relativ war. Dann schwollen die Vibrationen an, bis man sie getrost als Rattern bezeichnen konnte. Die Böcke, auf denen der Teilchenbeschleuniger ruhte, bogen sich gefährlich durch. Der Große Saal der Unsichtbaren Universität besaß eine hervorragende Akustik, was zur Folge hatte, dass er mittlerweile von einem ohrenbetäubenden Scheppern erfüllt war, das von den Wänden widerhallte.

"Was geschieht jetzt?", wollte der Dekan wissen, der nicht wagte, den Kopf zu heben und selbst nachzusehen.

Er musste schreien, um den Radau zu übertönen. Ridcully zuckte nur mit den Schultern und auch Ponder wusste diesmal keine Antwort. Von einem geöffneten Durchgang zu den Kerkerdimensionen über schnell wachsende Kohlköpfe bis hin zu sprechenden Katzen war alles denkbar. Oktarine Funken glühten im Zentrum der Apparatur auf, hüpften wie gefangene Tänzer auf der Stelle und stoben schließlich in alle Richtungen davon. Dann herrschte plötzlich Stille. Eine allumfassende, samtene Stille, die sowohl Furcht als auch Hoffnung verschluckte. Nichts explodierte, nichts verwandelte sich in ein schreckliches, tentakelbewährtes Ungeheuer, es machte nicht einmal irgendetwas Plopp. Es geschah einfach gar nichts, abgesehen natürlich von dem eben verstummten Lärm. Ridcully fasste als erster Mut und verließ sein Versteck. Er kratzte sich mit dem Schraubenschlüssel am Kopf, schabte dabei über den Sturzhelm und verursachte ein metallisches Kreischen, das einem die Fußnägel aufrollte. Der Erzkanzler ließ einen prüfenden Blick über die zylindrische Anordnung gleiten.

"Das Ding funktioniert nicht.", stellte der Fachmann für technische Angelegenheiten fest.

Nun wagten sich auch die anderen Mitglieder der Fakultät aus der Deckung. In der anschließenden Diskussion einigte man sich schließlich darauf, dass der Prototyp des thaumaturgischen Teilchenbeschleunigers verbesserungsbedürftig war. Sie sollten Recht behalten, doch nicht etwa, weil er nicht funktionierte. Im Gegenteil…

Mumm war eindeutig zu alt für so etwas. Schon nach hundertfünfzig Metern ging ihm die Puste aus und nach weiteren hundert Metern spürte er jeden Muskel im Leib; sogar die, von denen er gar nicht wusste, dass er sie besaß. Oh ja, er sollte solche kräftezehrenden Verfolgungsjagden wirklich jüngeren – oder auch nur schlankeren – Wächtern überlassen! Allerdings sahen seine Füße das wie immer ganz anders. So wie ein Hund seinen Instinkten folgte und fliehender Beute hinterher hetzte, so nahmen seine Füße bei flüchtenden Kriminellen ganz automatisch die Verfolgung auf. Das Gehirn hatte dann nichts mehr zu melden. Und der inzwischen mit Mängeln behaftete Körper, der spätestens am nächsten Morgen die Zeche für den Dauerlauf würde zahlen müssen, schon gleich gar nicht. Vetinaris Terrier, so nannten ihn seine Feinde abschätzig; und zumindest in Bezug auf diese ellenlangen Verfolgungsjagden hatten sie recht. Mumm bog dem davon spurtenden Jüngling folgend nach links in eine kurze Gasse ab und wagte bei der Gelegenheit einen Blick über die Schulter. Angua und Karotte folgten ihrem Vorgesetzten jeweils leicht seitlich nach links beziehungsweise rechts versetzt, was den Eindruck eines durch tiefes Fahrwasser manövrierenden Schiffs erweckte. Der Kommandeur wusste, dass sie ihn jederzeit und mit Leichtigkeit hätten überholen können – allen voran natürlich die Werwölfin –, sich aber zurückhielten und etwa einem Meter hinter ihm durch die Straßen Ankh-Morporks eilten. Konstant einen Meter! Einerseits fand er diese Geste lobenswert und irgendwie einfach nett, andererseits erinnerte sie ihn auf schmerzliche Weise daran, dass er sich mittlerweile im fünften Lebensjahrzehnt befand. Er würde nicht mehr allzu oft lizenzlosen Dieben hinterher hetzen; zumindest bemühte er sich, seine Füße von derartigen Eskapaden abzuhalten. An einer Kreuzung schien der Flüchtende von der Pfirsichblütenstraße in die abzweigende Holofernesstraße abbiegen zu wollen. Dann aber überlegte er es sich anders, schlug einen Haken und spurtete weiter geradeaus. Mumm sah die Chance gekommen, sowohl sein Gesicht zu wahren, als auch den Dieb zu erwischen und zischte seinen Begleitern zu:

"Nehmt die Seitenstraße und schneidet ihm den Weg ab!"

Die beiden Wächter nickten knapp und verschwanden in der Holofernesstraße. Mumm lächelte grimmig und spurtete mittlerweile mit Seitenstechen und nunmehr allein weiter dem Flüchtenden hinterher. Er malte sich in Gedanken aus, wie Angua und Karotte einen Sprint anzogen, zunächst ihn und dann den Dieb auf der Parallelstraße überholten und schließlich – ganz Hüter des Gesetzes – aus dem Schatten einer Gasse zurück auf die Straße traten. Spätestens auf Höhe der Unsichtbaren Universität würden sie ihn gestellt haben. Und genau so kam es auch. Mumm blieb stehen und stützte sich keuchend auf die Oberschenkel. Etwa fünfzig Meter vor ihm bauten sich Karotte und Angua auf und verschränkten demonstrativ die Arme. Und dazwischen… ja, dazwischen befand sich ein mittlerweile ziemlich nervös wirkender Dieb und suchte die Umgebung fieberhaft nach einem Fluchtweg ab. Eigentlich konnte er froh sein, dass ihn die zuerst die Wache und nicht die Diebesgilde in die Finger bekam. Die würden ihm mehr abnehmen als nur seine Freiheit. Trotzdem versuchte er selbst jetzt noch, eine Fluchtmöglichkeit zu finden. Die gab es ohnehin nicht. Auf der linken Seite wurde die Straße durch eine gewaltige Mauer zur Universität hin abgegrenzt und auf der rechten Seite gab es nichts als Wohnhäuser und kleine, verwinkelte Läden, die allerlei magische Utensilien feilboten.

"Das Spiel ist aus!", rief Karotte, was Mumm nur mit den Augen rollen ließ.

Dann, und zwar genau dann, zog Erzkanzler Mustrum Ridcully im Inneren der Unsichtbaren Universität an einem Hebel des thaumaturgischen Teilchenbeschleunigers. Und das Schicksal entleerte den Würfelbecher auf dem Spielbrett und grinste.


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