Kapitel II oder Wo bitte geht's nach Ankh-Morpork?
Ein dröhnender Kopfschmerz riss Mumm aus der gnädigen Bewusstlosigkeit. Was war geschehen? Hatte der gestellte Dieb etwa doch noch seine nicht vorhandene Chance ergriffen und ihn k.o. geschlagen? Das konnte aber eigentlich nicht möglich, schließlich waren Karotte und Angua auch noch da gewesen. Er wagte es nicht, die Augen zu öffnen, denn er spürte deutlich die Sonne auf der Haut und befürchtete, ihr greller Schein würde die Schmerzen verschlimmern. Das Sonnenlicht filterte durch die geschlossenen Lider und bereits das verursachte ein Brennen im Augapfel. Mumm stöhnte gequält und tastete vorsichtig die Umgebung ab. Er befand sich mehr oder weniger waagerecht auf einer recht weichen Unterlage; zumindest weicher als so mancher Rinnstein. Seine Finger glitten über Grashalme, bevor er die Hände hob und seinen Körper nach Verletzungen abtastete. Erst der Torso, dann der Kopf – die beiden Teile waren schließlich die wichtigsten, bei den meisten jedenfalls. Er konnte keine offenen Wunden oder Ähnliches feststellen, den Göttern sei Dank! Danach kamen die Extremitäten an die Reihe, zuerst die… Moment mal, GRAS?! Mumm vergaß seine Bedenken das grelle Sonnenlicht betreffend und riss erschrocken die Augen auf. Wo zum Teufel gab es in Ankh-Morpork Gras? Von einem Augenblick zum nächsten schoss er kerzengrade in die Höhe und sah sich entgeistert um, was seine arg beanspruchte Muskulatur ihm mit einem protestierenden Ziehen heimzahlte. Doch der Kommandeur ignorierte den Schmerz, was ihm nun nicht weiter schwer fiel, da eine schwindelerregende Dosis Adrenalin durch seine Blutbahn raste. Er befand sich tatsächlich auf einer Wiese, deren Grashalme irgendwo zwischen saftig grün und trocken gelb changierten. Etwa hundert Meter vor Mumm brach die Wiese plötzlich ab und Dunstschwaden waberten in die Höhe. Ein Fluss; und den Geräuschen nach zu urteilen, müsste sich hinter ihm ebenfalls einer befinden. Wo in der Nähe von Ankh-Morpork gab es zwei fast parallel verlaufende Flüsse? Er konnte sich nicht an ein derartiges Landschaftsprofil erinnern. Der Kommandeur kämpfte sich auf die Beine und begann, sich um die eigene Achse zu drehen. Mit zusammengekniffenen Augen suchte er den Horizont nach dem markantesten Gebäude der Scheibenwelt ab, dem Kunstturm der Unsichtbaren Universität. Bei strahlendem Sonnenschein, wie er heute herrschte, war der Kunstturm in einem Umkreis von dreißig Meilen zu erkennen und zeigte verirrten Wanderern – oder nach einer Bewusstlosigkeit erwachten Offizieren – den Weg zurück zur Stadt. Mumm hatte inzwischen einen kompletten Kreis beschrieben und stutzte irritiert. Er musste ihn übersehen haben. Noch einmal drehte er sich ganz langsam um die eigene Achse und achtete dabei auf jedes Detail. Nacheinander zogen ein Fluss, einige bewaldete Hügel, noch ein Fluss und jede Menge Wiese durch sein Sichtfeld. Weit und breit keine Spur von einem exorbitant hohen Gebäude. Genaugenommen keine Spur von irgendeinem Gebäude!
"Bei den Göttern!", raunte Mumm.
Er konnte unmöglich weiter als zwanzig Meilen von Ankh-Morpork entfernt sein, ganz abgesehen davon, dass er sich nicht erinnern konnte, die Stadt überhaupt verlassen zu haben. Aber gut, angenommen er wäre entführt worden oder so; mit einem schnellen Pferd wäre das immer noch ein Tagesritt, und so lange konnte er nicht bewusstlos gewesen sein. Dann würde er jetzt Hunger oder mindestens Durst verspüren oder er müsste mal für kleine Kommandeure. Doch nichts davon war der Fall! Er stand einfach mutterseelenallein auf irgendeiner Wiese, als hätte der Himmel selbst ihn hier ausgespuckt. Diese Gegend hier war ihm völlig unbekannt. Er wusste nicht einmal, wie der verdammte Fluss hieß, der hinter ihm munter vor sich hin plätscherte. Mumm schauderte. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht.
"Bist Du in Ordnung, Kommandeur?"
Mumm zuckte zusammen und wirbelte herum.
"Bei den Göttern, Hauptmann, erschreck mich nie wieder so!", versetzte er und bekam sofort ein schlechtes Gewissen, als Karotte eine schuldbewusste Miene aufsetzte.
Mumm massierte sich die Schläfen, um Schmerzen und Furcht zu vertreiben. Seine Nerven vibrierten wie zum Zerreißen gespannte Bogensehnen.
"Ja, ich bin in Ordnung, abgesehen davon, dass gleich mein Schädel explodiert."
Als er sah, dass der Zwerg entsetzt die Augen aufriss, winkte er hastig ab.
"War ein Scherz, Hauptmann! Weißt Du, wo zur Hölle wir hier sind?"
Karotte schüttelte den Kopf.
"Nein, Herr. Ich muss bewusstlos gewesen sein oder so und als ich aufwachte, lag ich an dem Fluss dort."
Er deutete in die entsprechende Richtung.
"Und ich lag im Fluss.", ertönte eine mürrische Stimme aus den Dunstschwaden des Flusses.
Die Beiden drehten synchron die Köpfe und sahen eine klatschnasse Angua zu sich herüber stapfen. Ihr langes, rotbraunes Haar klebte an Schultern und Rücken und die vollgelaufenen Stiefel quietschten bei jedem Schritt. Während Mumm sich ein Grinsen verkneifen musste, stürzte Karotte sofort zu seiner Kollegin, um ihr irgendwie zu helfen. Ein Vorhaben, das deutlich durch die Tatsache erschwert wurde, dass sie nichts bei sich hatten außer den Uniformen an ihren Leibern und in Mumms Fall ein Schwert. Das einzig Positive an der Situation war die Tatsache, dass eine warme Sonne vom Himmel strahlte und die Werwölfin schnell trocknen würde. Das Gehirn konnte innerhalb kürzester Zeit enorme Anpassungsleistungen vollbringen. Der Umstand, dass in Ankh-Morpork gerade Spätherbst herrschte und sie, wenn hier offensichtlich Sommer war, mindestens einige hundert Meilen von ihrer Heimat entfernt sein mussten, trat völlig in den Hintergrund.
"Wir sollten uns auf den Weg machen.", schlug Karotte vor.
"Und wohin?", fragte Angua und wrang ihren Ärmel aus.
"Irgendwohin."
Mumm starrte ins Leere. Das kurze Amüsement über Anguas tropfnassen Zustand war inzwischen verflogen und die Mischung aus Verwirrung und Panik war zurückgekehrt. Schließlich zuckte er mit den Schultern. Sie wussten nicht, wo sie sich befanden und ob dieses undefinierte Wo nun drei Meilen weiter randwärts oder mittwärts oder wo auch immer lag, spielte seiner Meinung nach keine Rolle.
"Wir gehen flussaufwärts.", ordnete er an. "An einem Fluss liegt zwangsläufig irgendwann eine Siedlung, wahrscheinlich sogar eine Stadt."
Karottes Miene hellte sich auf.
"Dort können wir dann nach dem Weg fragen!", strahlte er.
"Ja, genau. Wir fragen, wo bitte geht's nach Ankh-Morpork.", brummte Mumm grimmig und marschierte los.
Genaugenommen bekleideten die Zwillinge zu hohe Ränge in der Hierarchie von Imladris, um die Aufgaben eines Grenzwächters wahrzunehmen. Doch nach drei- oder vierhundert Jahren wurden einem die ewigen Empfänge, das Exerzieren und die Übungskämpfe einfach zu langweilig. Sie strotzten vor Kraft und wollten Abenteuer erleben; Abenteuer und Spaß. Also hatten sie kurzerhand beschlossen, zwei eigentlich zum Dienst eingeteilte Elben auf Urlaub zu schicken und ritten nun selbst in gemächlichem Tempo am Bruinen entlang, der sich in südwestlicher Richtung aus Imladris hinaus schlängelte.
"Was glaubst Du, wie Glorfindel reagieren wird?", fragte Elladan und warf seinem Bruder über die Schulter hinweg ein Grinsen zu.
"Er wird's überleben.", kam es trocken zur Antwort.
Der blonde Noldo war die bevorzugte Zielscheibe für die diversen Attacken der Zwillinge, welche natürlich durchweg freundschaftlich gemeint waren. Er ließ sich einfach so herrlich schnell auf die Palme bringen. Und irgendwer musste für etwas Abwechslung in Imladris sorgen. Allerdings waren sie diesmal schon ziemlich weit gegangen, wie Elladan sich wohl oder übel eingestehen musste.
"Adar wird uns dafür den Kopf abreißen.", vermutete er finster.
Er konnte das Schulterzucken seines Bruders hinter sich förmlich spüren.
"Ach Unsinn!" entgegnete Elrohir. "Das lässt sich doch raus waschen. Außerdem kann Adar sich neuen Purpur besorgen."
"Raus waschen?" Der ältere Zwilling verzog das Gesicht bei dem Gedanken daran. "Bei einem Pferd?"
Wieder zuckte sein Bruder mit den Schultern.
"Glorfindel kann ihn durch den Bruinen führen, und schon ist nichts mehr zu sehen. Sei doch nicht so ängstlich, Bruderherz!"
"Apropos Bruinen.", meinte Elladan und lenkte seinen Schimmel zum Ufer, um ihn trinken zu lassen.
Das Tier senkte dankbar den Kopf und tauchte das Maul tief in die erfrischenden Fluten. Mit einem Lächeln tätschelte der Elb den Hals des Pferdes und stieg ab. Sein Bruder folgte seinem Beispiel und ließ sich am Ufer angekommen ebenfalls elegant vom Rücken seines Rappen gleiten. Ein Schimmel und ein Rappe – so sehr sich ihre Reittiere unterschieden, so sehr ähnelten sich ihre Besitzer. Fremde konnten sie überhaupt nicht auseinander halten und selbst guten Freunden fiel es manchmal schwer. Die Zwillinge gingen in die Hocke und tauchten die Hände ins Wasser. Die Sonne brannte heiß und erbarmungslos an diesem Tag und so spritzten sie sich das kühle Nass ins Gesicht und genossen die Erfrischung. Elrohir schöpfte etwas Wasser mit der Hand und stillte seinen Durst, während Elladan den Blick über die Rhu Daur-Ebene gleiten ließ. An drei Erhebungen flussabwärts, die sich so eigentlich nicht dort befinden sollten, blieb der Blick des Elben hängen.
"Wir kriegen Besuch.", stellte er fest und deutete in die Richtung, aus der sich die drei Gestalten näherten.
Der jüngere Zwilling folgte seinem Blick und erkannte die Gestalten ebenfalls; zwei Männer und eine Frau, wenn ihn seine Augen nicht trogen. Wieder stellte Elrohir sein typisches Schulterzucken zur Schau. Es war nichts Ungewöhnliches, dass sich Wanderer nach Imladris verirrten – oder nach Bruchtal, wie die Sterblichen es nannten. Lord Elronds Gastliches Haus stand stets offen für alle wohlgesonnenen Besucher.
"Heißen wir sie Willkommen!", meinte Elladan und warf seinem Bruder einen ihrer ganz speziellen Blicke zu, mit denen sie sich wortlos verstanden.
Elrohir nickte nur grinsend. Sie erhoben sich und schwangen sich zurück auf die Pferde. Dann ritten die selbsternannten Grenzwächter Bruchtals den Fremden entgegen.
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Mumm stapfte grimmig geradeaus. Zynismus hatte ihn schon in so mancher Situation davor bewahrt, den Verstand zu verlieren und so versuchte er, auch diese groteske Situation zynisch zu kommentieren.
"Seht es mal so: Die Luft ist einfach herrlich hier.", knurrte er und atmete wie zum Beweis besonders tief durch.
Angua verstand es und sagte nichts dazu. Karotte aber verstand es nicht und ließ sich dementsprechend zu einem Kommentar hinreißen:
"Ich wäre trotzdem lieber wieder zu Hause, Herr."
"Glaubst Du vielleicht, ich nicht, Hauptmann?!", schnappte Mumm. "Aber wir hocken nunmal in dieser verdammten Einöde und wissen nicht mal, in welcher Richtung es nach Hause geht."
Der Kommandeur funkelte seinen Untergebenen über die Schulter hinweg an und wusste doch genau, dass seine eigentliche Wut nicht Karotte oder Angua galt. Nein, es war diese Ungewissheit, dieses fremde, bedrohliche Terrain, das seine Nerven zum Zerreißen spannte und seine Synapsen unkontrolliert Signale abfeuern ließ. Und da die beiden Wächter sich momentan als einzige in seiner Reichweite befanden, traf sie die geballte Ladung seines inneren Gewitters. Wutschnaubend sah er wieder nach vorn… und erstarrte. In einiger Entfernung machte er zwei Reiter aus. Scheinbar hatten diese sie bereits entdeckt, denn sie hielten am Ufer entlang genau auf die drei zu. Karotte trat an Mumms Seite und erblickte die beiden Reiter nun ebenfalls.
"Heda, Freunde!", rief der Hauptmann fröhlich und fuchtelte aufgeregt mit den Armen.
Mumm rammte ihm den Ellenbogen in die Seite und brachte ihn auf diese Weise zum Schweigen. Die beiden Reiter waren inzwischen nah genug, um zu erkennen, dass sie sich bis auf's Haar glichen. Zwillinge also, und irgendetwas an ihren Zügen teilte ihm mit, dass es sich bei ihnen nicht um Freunde, sondern um Herren handelte. Mumms Augen weiteten sich ungläubig. Nie zuvor hatte er bei einem Menschen edlere, ebenmäßigere Züge gesehen. Glatte, schwarze Haare fielen ihnen über die Schultern und die oberen Enden besonders spitzer Ohren lugten dazwischen hervor. Ein dunkelrotes Gewand mit goldenen Stickereien saß wie maßgeschneidert. Die beiden Reiter schienen, die Anmut in Person zu sein. Etwa fünf Meter vor Mumm zügelten sie ihre Pferde und sahen die drei Gestrandeten fragend an. Der Kommandeur salutierte zackig.
"Verzeihung… Eure Lordschaften, wir haben uns verirrt. Könntet Ihr uns den Weg nach Ankh-Morpork zeigen?"
Die beiden Reiter wechselten einen verwirrten Blick. Dann fragte der auf dem Schimmel:
"Warum sprecht ihr kein Westron? Und wie habt ihr den Fluss überquert? In dieser Richtung gibt es keine Furt."
Dabei deutete er in die Richtung, aus der Mumm und die anderen gekommen waren. Der Kommandeur verstand kein Wort, sah sich trotzdem um, konnte aber nichts erkennen, was der Reiter meinen könnte. Er zuckte entschuldigend mit den Schultern.
"Tut mir leid, ich verstehe Euch nicht."
Das beruhte offensichtlich auf Gegenseitigkeit, denn wieder tauschten die Reiter verwirrte Blicke. Die Zwillinge wussten mit der Situation nicht viel anzufangen. Ja, es war nichts Ungewöhnliches, dass Wanderer auf der Durchreise in Imladris rasteten. Doch beherrschten ausnahmslos alle die gemeinsame Sprache Westron, einige sogar etwas Sindarin. Diese drei Gestalten hier aber schienen, weder das eine noch das andere zu verstehen; geschweige denn sprechen zu können. Sie brabbelten irgendwelche Worte in einer Sprache, die die beiden noch nie gehört hatten. Der ältere Mann schien so etwas wie der Anführer der kleinen Schar zu sein, denn er erhob als einziger das Wort. Und er trug ein Schwert. Überhaupt sahen die drei aus, als wären sie Soldaten, die vorhatten, in den Krieg zu ziehen – inklusive Brustharnisch und Helm.
Doch auch Mumm erging es nicht besser. Er verstand die beiden Reiter nicht nur nicht; nein, er war sich sogar ziemlich sicher, noch nie eine solche Sprache gehört zu haben. Das klang weder nach Morporkianisch, noch nach Klatschianisch, noch nach irgendeiner anderen ihm bekannten Sprache. Mumm schauderte. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. Angua trat nun auch an seine Seite und musterte die Berittenen, was zur Folge hatte, dass deren Pferde plötzlich nervös wurden. Die Tiere spürten instinktiv das Wölfische an der jungen Frau und wieherten aufgeregt. Sie warfen die Köpfe hin und her und buckelten fast.
"Was ist denn jetzt los?", wandte sich Elladan an seinen Bruder, doch der hatte alle Hände voll damit zu tun, nicht äußerst unelbisch vom Pferd zu fallen.
Schließlich gaben sie es auf und stiegen ab. Die Schmach, vor Sterblichen auf dem Allerwertesten zu landen, wäre einfach zu groß gewesen. Der Schimmel stob in gestrecktem Galopp davon; der Rappe zögerte kurz und folgte dann dem Beispiel seines Kollegen. Nunmehr auf Augenhöhe tippte sich einer der ehemaligen Reiter auf die Brust und formulierte betont langsam:
"Ich bin El-la-dan."
Er deutete auf seinen Doppelgänger und fügte hinzu:
"Und das ist El-ro-hir."
Die Elben bedienten sich inzwischen ihrer eigenen Sprache, da die Fremden ja der gemeinsamen Sprache nicht mächtig waren. Doch zumindest das verstanden die Wächter. Sie deuteten ebenfalls auf sich und nannten ihre Namen. Die Zwillinge neigten höflich den Kopf. Immerhin etwas, auch wenn die Erstgeborenen Namen wie Mumm und Karotte für gewöhnungsbedürftig hielten. Einzig Angua klang wirklich nach einem Namen. Mumm versuchte es nach diesem Erfolgserlebnis noch einmal mit seinem eigentlichen Anliegen, das fast vollständig in Vergessenheit geraten war.
"Wo nach Ankh-Mor-pork?"
Er nahm sich ein Beispiel an seinem Gegenüber und betonte nun ebenfalls jede Silbe des Städtenamens. Doch kaum hatte er Mor-pork ausgesprochen, zog einer der Zwillinge mit einer unglaublich fließenden Bewegung sein Schwert und hielt es Mumm an die Kehle. Mor-pork. Mor… wie schwarz, wie Mordor!
"Wer schickt Dich, dass Du es wagst, hier nach einer schwarzen Stadt zu fragen? Sprich!"
Der Mensch aber bediente sich weiterhin nur seines Kauderwelsch' und hob beschwichtigend die Hände.
"Ich… He, ganz ruhig! Ich habe nur nach dem Weg gefragt."
Mumm fragte sich, was er falsch gemacht haben könnte, als ein allzu vertrautes Geräusch an seine Ohren drang. Er wollte das, was nun unweigerlich folgen würde, verhindern, war jedoch zu paralysiert, um auch nur einen Finger zu rühren. Ziemlich nachvollziehbar, mit einer Schwertspitze am Hals. Die junge Frau an seiner Seite knurrte. Nun, Elladan hatte schon mit einigen Vertreterinnen des schönen Geschlechts das Vergnügen gehabt, aber eine, die knurrte, war ihm noch nie untergekommen. Die Situation mutete so grotesk an, dass er das Schwert sinken ließ und abwechselnd Mumm und Angua ansah. Der Kommandeur ließ den Atem entweichen, erleichtert darüber, nicht mehr unmittelbar davor zu stehen, als Schaschlik zu enden.
"Das reicht jetzt, Feldwebel!", zischte er Angua entgegen.
Die Werwölfin verstummte augenblicklich. Elrohir stand neben seinem Bruder und tat seit geraumer Zeit nichts anderes mehr, als zu grinsen.
"Du bist mir keine große Hilfe, Brüderchen.", stellte Elladan fest, ohne die Menschen aus den Augen zu lassen.
"Ich weiß.", kam es zur Antwort.
"Was machen wir mit ihnen?"
"Gibt's auf den Südhöhen noch Schäfer? Du könntest ihnen das Mädchen als Hirtenhund schicken."
Nun musste auch der ältere Zwilling grinsen. Er steckte das Schwert wieder ein. Wenn wirklich der Feind hätte Spione schicken wollen, hätte er garantiert nicht die drei gewählt. Der Elb machte den Gestrandeten mit Händen und Füßen klar, dass sie einen Moment warten sollten. Dann entfernten sich die beiden Eldar einige Schritte weit, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Ein völlig überflüssiger Vorgang; Mumm und die anderen verstanden schließlich kein Wort. Dennoch nutzte der Kommandeur den Moment der Ruhe und erkundigte sich:
"Versteht ihr, was sie sagen?"
"Kein einziges Wort.", erwiderte Karotte niedergeschlagen.
"Das sind keine Menschen. Sie riechen nicht menschlich.", ließ sich plötzlich Angua vernehmen.
Die drei spähten synchron zu den Zwillingen und schauderten. Wenn es keine Menschen waren, sie aber menschlich aussahen – abgesehen von spitzen Ohren und atemberaubender Schönheit –, was waren sie dann? Während die Scheibenweltler über dieses Rätsel grübelten, versuchten die Zwillinge eine Lösung für das Problem 'fehlende Pferde' zu finden.
"Wir können natürlich laufen, aber es ist ein ganzes Stück bis Adars Haus. Und sie wirken geschwächt.", stellte Elladan fest.
Sein Bruder nickte zustimmend. Die drei sahen nicht gerade aus, als könnten sie mir nichts dir nichts einen Tagesmarsch überstehen; schon gar nicht in Elbengeschwindigkeit.
"Du gehst und holst ein paar Pferde. Ich lagere mit ihnen die Nacht über hier.", schlug der Jüngere vor.
Elladan wollte einwenden, dass es riskant wäre, da sie schließlich noch immer nicht wirklich wussten, was sie im Schilde führten. Andererseits kannte er seinen Bruder jetzt fast dreitausend Jahre und wusste, dass – egal, was die Sterblichen anstellen sollten –, er damit fertig werden würde. Außerdem fiel ihm auch nichts Besseres ein. Elladan neigte den Kopf zum Abschied und machte sich leichtfüßig auf den Weg nach Imladris. Elrohir kehrte zu den Menschen zurück. Diese standen inzwischen enger zusammengedrängt und es schien ihm, als würden sie sich gegenseitig den Rücken decken. Wie zufällig ruhte die Hand des Anführers auf dem Heft seines Schwerts, was der Elb mit einer hochgezogenen Augenbraue zur Kenntnis nahm.
'Bei den Göttern, wie Vetinari!', schoss es Mumm durch den Sinn.
Der Kommandeur spürte den stechenden Blick, der viel beeindruckender war als der des Patriziers, denn er war unberechenbar und fremd. Seine Hand schloss sich um den Griff seines Schwerts. Er würde seine Leute gegen diesen Was-auch-immer verteidigen, das wusste er. Schweigen senkte sich über die Lichtung, als die vermeintlichen Gegner einander anstarrten. Schließlich schüttelte Elrohir seufzend den Kopf.
"Habt ihr noch nie Elben gesehen, so wie ihr mich anstarrt?"
Er erntete nur verwirrte Blicke und ein Stirnrunzeln. Angua knurrte leise, woraufhin Mumm sie anherrschte:
"Sei still! Oder willst Du ihn verärgern?"
Der Elda sah die Menschen verständnislos an, dann versuchte er sich in Zeichensprache. Er umrahmte mit dem Zeigefinger sein Gesicht und hielt dann die Hand so, als würde er sie jemandem neben sich auf die Schulter legen.
"Er meint… seinen Bruder?", versuchte Karotte sich als Sprachgenie.
Elrohir hielt die Hände inzwischen auf Brusthöhe vor sich und machte rhythmische Bewegungen, als würde er reiten. Der Elb sah die drei auffordernd.
"Sein Bruder… mag reiten?", spekulierte Karotte.
Mumm runzelte die Stirn. Warum sollte er ihnen mitteilen wollen, dass sein Bruder gerne ritt? Elrohir hatte inzwischen das Gefühl, dass das hier noch ein sehr langer, sehr anstrengender Abend werden konnte.
"Oh Ilúvatar, womit habe ich das verdient?", stöhnte er und hob theatralisch die Hände zum Himmel.
"Was will er, Hauptmann?", fragte Mumm, der Karotte zum kurzerhand zum Chefdolmetscher befördert hatte.
Karottes Blick wanderte zwischen dem schwarzhaarigen Elben und seinem Vorgesetzten hin und her.
"Vielleicht sollen wir mit ihm beten."
"Ich BETE nicht!", fauchte Angua und funkelte den armen, völlig missverstandenen Elrohir wütend an.
Dieser begriff überhaupt nicht, warum die rothaarige Menschenfrau ihn plötzlich grundlos angiftete. Und langsam, sehr langsam, aber dafür mit der Unausweichlichkeit eines wandernden Gletschers drohte sein Geduldsfaden zu reißen. Er, Elrohir Elrondion, zukünftiger Herrscher Imladris', gab sich hier alle Mühe, diesen nichtswürdigen Sterblichen, die nicht einmal Westron beherrschten, zu helfen; und was war der Dank?! Ein närrisches Weibsstück, das zugegebenermaßen recht attraktiv aussah, aber dennoch ein närrisches Weibsstück blieb, keifte ihn an.
"Los, unter den Baum! Setzen und Ruhe!", befahl der Elda gebieterisch und deutete auf eine geeignete Stelle zum Lagern.
Die Wächter gehorchten; zwar erst nachdem sie mehr oder weniger sanft in die entsprechende Richtung geschubst worden waren, aber sie gehorchten.
"Was machen wir jetzt?", fragte Karotte, als sie sich an der zugewiesenen Stelle zusammendrängten.
"Was sollen wir schon machen? Wir müssen uns ihm wohl oder übel anvertrauen.", knurrte Mumm.
Er warf ihrem Aufpasser – darum handelte es sich bei dem schwarzhaarigen Despoten zweifellos –, der inzwischen Holz für ein Lagerfeuer sammelte, einen missmutigen Blick zu.
"Wir könnten ihn töten.", schlug Angua trocken vor.
Während Karotte erschrocken die Augen aufriss, winkte Mumm nur ab.
"Und was dann?", entgegnete er. "Wir wissen nicht mal, wo wir hier sind, verdammt! Wir haben keine Nahrung bei uns, keine Pferde, einfach gar nichts."
Die Werwölfin senkte den Blick. Das Geräusch von fallendem Holz riss die drei aus ihren düsteren Gedanken. Elrohir hatte einige trocken aussehende Äste und Zweige vor ihnen zu Boden fallen lassen und sah sie nun auffordernd an. Als sie sich nicht rührten, verschränkte er die Arme und zog auf äußerst beeindruckende Weise eine Augenbraue hoch. Mumm erbarmte sich schließlich, krabbelte auf die Füße und machte sich daran, das trockene Holz zu einem brauchbaren Stapel aufzuschichten. Der Elb nickte wohlwollend.
"So ist's richtig.", lobte er Mumm, als sei dieser ein Kind, das etwas Zuspruch vertragen könnte.
Der Kommandeur schnaubte entrüstet, denn auch wenn er die Worte nicht verstand, so vernahm er doch den herablassenden Tonfall.
"Eingebildeter Kotzbrocken.", murmelte Mumm und legte den letzten Ast auf den Holzstapel.
Dieser Elrohir war es zweifelsohne gewohnt, Leute herum zu kommandieren. Womöglich handelte es sich um eine Art König oder so. Mumm hasste Könige.
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