Kapitel III oder Lagerfeuerromantik
Noch immer umrahmten die so unterschiedlichen Charaktere auf Cori Celesti den ovalen Tisch und verfolgten teils gespannt teils amüsiert das Spielgeschehen. Schicksal schüttelte gerade den goldenen Becher, als eine pikierte Stimme ihn innehalten ließ.
"Das ist einfach nicht fair!", bemerkte die Lady und warf Schicksal einen eisigen Blick zu.
Dieser zuckte nur mit den Schultern.
"Sie werden einen Weg finden müssen. Oder zugrunde gehen. Nicht, dass ich mich selbst loben will, aber das ist Schicksal."
Die Lady verschränkte die Arme und tat etwas, das man bei gewöhnlichen Sterblichen wohl schmollen genannt hätte. Sie war die anthropomorphe Personifikation des Glücks und damit quasi genetisch bedingt auf der Seite der Sterblichen. Viele hatten schon alle Hoffnung in sie gesetzt und deren starker Glauben hatte die Lady zu einer mächtigen Wesenheit heranreifen lassen. Und sie wollte ihre Hoffnungen nicht enttäuschen. So lautete zumindest die offizielle Begründung. Insgeheim aber nutzte sie gern jede Gelegenheit, um ihrem Lieblingsfeind Schicksal einen Strich durch die vorherbestimmte Rechnung zu machen.
"Wir müssen ihnen eine gemeinsame Sprache geben. Wie sollen sie sich sonst verständigen?"
Wieder ließ Schicksal nur ein gleichgültiges Schulterzucken erkennen. Er starrte missmutig auf den Würfelbecher in seiner Hand.
"Was weiß ich?", erwiderte er.
"Warum können wir unf verftändigen?", wollte Offler wissen. "Wir fprechen doch auch unterfchiedliche fprachen."
'Ja, und wie unterschiedlich!', dachte Manwe, doch laut sagte er:
"Wir sind Götter – Ilúvatar möge mir verzeihen –; im weitesten Sinne jedenfalls. Das ist was anderes."
Die Lady ließ sich durch solche Spitzfindigkeiten nicht beirren.
"Es ist und bleibt nicht fair.", lamentierte sie wie ein trotziges Kind.
Ihre frischgebackene Intimfeindin Varda warf ihr einen triumphalen Blick zu. Der Gattin Manwes war es egal, ob die drei Sterblichen aus der Scheibenwelt Ilúvatars Kinder verstanden oder auch nicht. Wenn aber die eingebildete Lady dafür war, dann war sie natürlich dagegen – eine Vala hatte schließlich auch ihren Stolz. Plötzlich und für alle Anwesenden überraschend glitt ein seliges Lächeln über Schicksals Züge.
"Nun gut.", sagte er mit einer Stimme wie Sirup; wie kochender Sirup. "Ich werde ihnen einen… Dolmetscher schicken."
"Einen Dolmetscher?", wiederholte die Lady misstrauisch.
Sie musterte ihr Gegenüber eindringlich und ein düsterer Verdacht keimte in ihr. Dieser Bastard hatte doch garantiert irgendeinen miesen Trick vor.
"Wenn Du irgendetwas…", begann sie, doch Schicksal schüttelte bereits den Würfelbecher.
Die Würfel klapperten auf bedrohliche Art und Weise, flogen in hohem Bogen durch die Luft und blieben ganz am Rand des Spielbretts liegen. Das Schicksal lächelte…
Die Nacht hatte sich inzwischen über die kleine Lichtung gesenkt und unsere drei Scheibenweltler mussten zugeben, dass es eine gute Idee gewesen war, ein Lagerfeuer zu entfachen. Wolken hatten sich während der letzten Stunden vor den ohnehin nur als Sichel am Himmel stehenden Mond geschoben, sodass das Lagerfeuer die einzige Lichtquelle bildete. Die Holzscheite knackten und prasselnde Funken stoben gen Himmel, um schließlich in der Dunkelheit einen einsamen Tod zu sterben. Mumm seufzte tief bei diesem Anblick, fühlte er sich doch ähnlich einsam wie diese glühenden Gefährten. Nun gut, er war nicht ganz allein; Karotte und Angua waren bei ihm. Aber es fehlte jede Spur von ihrer Heimatstadt Ankh-Morpork. Stattdessen saßen sie noch immer in dieser Einöde fest; unfähig, sich mit ihrem schwarzhaarigen Begleiter zu verständigen. Und inzwischen hatten sie Hunger. Anguas Magen knurrte auffordernd, woraufhin sie sich entsetzt den Bauch hielt und hochrot anlief. Elrohir lächelte schief bei dieser peinlich berührten Geste. Dann kramte er in einem hellgrauen Stoffbeutel, der mit silbernen Stickereien verziert war und förderte etwas zutage, das eine frappierende Ähnlichkeit mit Toastbrot aufwies. Er warf der Werwölfin eine Scheibe zu, die sie auffing und misstrauisch in den Fingern kreisen ließ.
"Ich weiß, dass Du mich nicht verstehst, Mädchen, aber ich habe nicht vor, Dich zu vergiften. Außerdem kennt sich mein Vater besser mit Giften aus als ich."
Er grinste spöttisch, was Angua noch misstrauischer werden ließ. Sie schnupperte an dem Brot, konnte jedoch keine verdächtigen Gerüche ausmachen. Der Elb beobachtete ihre Untersuchungsmethoden mit höchstem Interesse. Schließlich brach sie mit spitzen Fingern eine Ecke der Brotscheibe ab und schob sie sich – nach einem erneuten Schnuppern – in den Mund. Elrohir klatschte lachend in die Hände, was alle anderen Anwesenden erschrocken zusammenfahren ließ.
"Juhuu, sie hat's tatsächlich geschafft!", rief er, als sei es die schwierigste Mission in ganz Mittelerde, ein Stück Lembas zu essen.
Der Elda reichte auch den beiden Männern ein Stück elbisches Wegbrot und biss schließlich seinerseits ebenfalls in eine Scheibe, um das Ritual der skeptischen Nahrungsmittelbegutachtung überflüssig zu machen. Auf diese Weise beruhigt stillten nun Mumm und Karotte ihren Hunger. Das seltsame Brot schmeckte nach absolut nichts. Doch erstaunt stellten die Wächter fest, dass sie kaum mehr als eine halbe Scheibe davon hinunter brachten und dann schon pappsatt waren.
"Das ist… Zauberei.", murmelte Mumm teils ehrfürchtig teils angewidert und starrte misstrauisch auf den Rest Lembas in seiner Hand.
"Lem-bas.", intonierte Elrohir geduldig und deutete dabei auf das Brot in Mumms Hand.
"So heißt dieses Brot scheinbar.", vermutete Karotte – ganz das Sprachgenie.
"Äußerst scharfsinnig beobachtet, Hauptmann. Darauf wäre ich nie gekommen.", kommentierte Mumm und gab dem Elben das restliche Lembas zurück.
Dieser wickelte es in ein großes Blatt – Mumm fragte sich unwillkürlich, ob es hier kein Butterbrotpapier gab – und verstaute es wieder in seinem Beutel. Nun, wenn auch nicht mehr viele Annahmen von Bestand waren in dieser grotesken Geschichte, so stand für den Kommandeur doch eines unverrückbar fest: Jemand, der seine Vorräte mit ihnen teilte, hatte wohl kaum vor, ihnen etwas anzutun. Es sei denn, er wollte sie mästen… Nein, Unsinn! Mumm schüttelte den Kopf über diesen abwegigen Gedanken. Dieser Elrohir mochte ein herrschsüchtiger, überheblicher, eingebildeter,… nun, jedenfalls war er kein Mörder. Zum ersten Mal, seit sie auf die Zwillinge getroffen waren, keimte etwas wie Dankbarkeit in Mumm auf. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.
"Danke.", flüsterte er, wohl wissend, dass der Angesprochene ihn nicht verstand.
Der Elb nickte dennoch. Vielleicht hatte der dankbare Tonfall in Mumms Stimme das Verstehen überflüssig gemacht. Den nächsten Stunden verliefen in einträchtigem Schweigen. Die Stille wurde nur vom gleichmäßigen Plätschern des Flusses durchbrochen. Mumm und die anderen Wächter arrangierten sich mit der Situation und die Müdigkeit forderte ihren Tribut. Einem nach dem anderen fielen ihnen die Augen zu. Nur Elrohir lehnte lächelnd am breiten Stamm einer Eiche und beobachtete die Schlafenden. Elben benötigten nicht so viel Ruhe wie Sterbliche und kamen, wenn es sein musste, bis zu zwei Wochen ohne Schlaf aus. Er wachte über ihren Schlaf wie eine Hündin über ihrer Welpen. In dieser Wachsamkeit offenbarte sich eine Gewohnheit vieler Eldar, auch wenn sie hier in der Nähe von Imladris waren und es nichts zu fürchten gab. Doch in ihrer gesamten, viele tausend Jahre langen Geschichte hatten sie es stets mit so vielen Gefahren zu tun gehabt, dass sich alte Gewohnheiten nur schwer ablegen ließen. Den Göttern bzw. Valar sei Dank...
"Schnell! Wacht auf! Wir kriegen Besuch."
Keiner der drei verstand die Worte, doch Elrohirs Stimme klang so eindringlich, so fordernd und beschwörend, dass die Scheibenweltler in Null Komma Nichts vom Tiefschlaf in höchste Alarmbereitschaft versetzt waren. Das Lagerfeuer bestand nunmehr aus einem Haufen Asche und einigen verkohlten Holzresten. Dünne Rauchfäden schlängelten sich in die kühle Nacht. Mumm rieb sich den Schlaf aus den Augen und sah sich gehetzt um. Er konnte nichts erkennen, das den Elb so in Aufregung versetzt haben könnte.
"Was ist denn los?", fragte Karotte verdattert.
Angua nieste. Sie nieste noch einmal. Dann rümpfte sie von Ekel ergriffen die Nase.
"Hier stinkt's.", stellte die Werwölfin fest.
Karotte und Mumm rochen natürlich gar nichts, abgesehen vom verkohlten Barbecuearoma des Lagerfeuers. Der Elb lehnte nicht mehr entspannt am Baum, sondern war aufgesprungen und hielt ein langes, perfekt geschmiedetes Schwert in der Hand. Der Kommandeur tat es ihm gleich und zog ebenfalls seine Waffe. Karotte hatte keine Waffe bei sich und Angua brauchte keine. Und so standen sie in Hab-Acht-Stellung um einen Haufen Asche herum, wie eine Gruppe Schattenboxer, die auf ihren Auftritt wartete. Schweigen legte sich über die Lichtung, doch es war kein sanftes, entspanntes Schweigen wie noch am Abend. Nein. Vielmehr handelte es sich um die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. In der Ferne erklang ein Schrei, und es handelte sich um jene Art von Schrei, die jedem normalen Menschen sofort eine Gänsehaut über den Rücken trieb. Man entwickelte das Bedürfnis, sich so weit wie möglich von jenem Tumult fernzuhalten, der jemanden dazu bewog, einen solchen Hilfeschrei auszustoßen. Doch bei Wächtern, wie Mumm, Karotte und Angua es waren, löste diese Art von Schrei eine andere Reaktion aus. Sie aktivierte den Polizisten-Modus: Helfen und Schützen. Auf den Schrei folgte ein unmenschlich anmutendes Kreischen und Stampfen, das sich schnell näherte. Die Geräusche schwollen an, türmten sich auf wie eine Springtide und näherten sich mit der Unaufhaltsamkeit eines Tsunami. Elrohir blickte grimmig und mit zu Stein erstarrtem Gesicht in die Richtung, aus der das Getöse kam. "Yrch!" war das einzige Wort, das über seine Lippen kam und er spie es aus wie ein Stück fauliges Fleisch. Mumm schauderte bei dem Gedanken daran, was aus dem Wald auf sie zukommen würde und starrte angestrengt in die Dunkelheit. Doch das Licht von Mond und sonderbar fremden Sternen reichte nicht aus, um den Wald mit seinem undurchdringbar scheinenden Unterholz zu erhellen. Schließlich verdichteten sich die Schatten, begannen zu wabern und spuckten eine vielleicht hüfthohe Gestalt aus. Mumm blinzelte mit einer Mischung aus Überraschung und Verwirrung. Ein… ein Zwerg?! Das ungläubige Staunen in den Gesichtern seiner Begleiter teilte ihm mit, dass er nicht halluzinierte. Der Waldschrat in spe spurtete auf die kleine Gruppe zu und gestikulierte wild mit den naturgemäß recht kurzen Armen. Er rief etwas, das Mumm nicht verstand, doch dass es sich nicht um zwergisch handelte, erkannte der Kommandeur am Klang. Elrohir antwortete knapp, packte den Zwerg beim Kragen und zog ihn hinter die Reihe aus Wächtern. Dann, und zwar genau dann brach die Hölle los. Eine Horde… Goblins brach durch das Unterholz und hielt genau auf Mumm und die anderen zu. Doch sie waren viel größer und – ja, das war tatsächlich möglich – hässlicher als andere Goblins und – ein essenzieller Unterschied – sie griffen an. Das heißt, sie wollten angreifen und hätten es bestimmt auch getan, wäre der Elb ihnen nicht zuvor gekommen. Mit einem markdurchdringenden Kampfschrei, der dem gefürchteten Schlachtruf der Zwerge zur Ehre gereicht hätte, stürzte sich Elrohir ins Getümmel und begann damit, die Orks niederzumetzeln. Zuerst wollten die Scheibenweltler ihn aufhalten – sie waren schließlich Wächter und keine Schlachter – dann sahen sie ihm ungläubig bei seinem Tun zu, doch als sie schließlich selbst angegriffen wurden, mussten sie wohl oder übel kämpfen. Mumm hatte zum letzten Mal vor Jahren ein Schwert geführt und selbst dann nur im Training. Im Jahrhundert des Flughunds gab es andere Methoden, die Gesetze durchzusetzen, als jemandem den Kopf abzuschlagen; na schön, vielleicht auch nicht, aber zumindest waren nicht die Wächter dafür zuständig. Mehr schlecht als recht ließ er also die Klinge tanzen und schaffte es dennoch irgendwie, eine dieser Kreaturen nach der anderen… kampfunfähig zu machen. An Töten wollte er in diesem Zusammenhang lieber nicht denken. Karotte hatte jedoch noch wesentlich mehr Probleme mit dem Schwertkampf; er hatte kein Schwert. Der Hauptmann streckte einige der Angreifer mit bloßen Händen nieder, doch die zahlenmäßige Überlegenheit der Gegner drängte ihn immer weiter zurück.
"Wechsel die Gestalt!", rief Mumm Angua zu, die immer noch wie festgewurzelt dastand und auf die schwarzgrünen Viecher starrte.
Die Werwölfin schien, aus einer Art Trance zu erwachen.
"Was, hier? Vor allen… Leuten?!", erwiderte sie entsetzt und duckte sich unter einem ungelenken Schwerthieb hindurch.
Mumm durchbohrte die junge Frau mit einem messerscharfen Blick – soweit ihm das beim Austeilen und Parieren möglich war.
"Feldwebel Angua, Du wirst jetzt sofort die Gestalt wechseln. Das ist ein Befehl!", fauchte er.
Seine Stimme klang so gebieterisch, dass die Werwölfin hart schluckte und fast vergaß, den Hieben ihrer Angreifer auszuweichen. Dann aber besiegte der Selbsterhaltungstrieb die Überraschung, gab dem Zaudern eine Kopfnuss und scheuchte die Konzentration aus ihrem Versteck. Angua atmete tief durch – was sie angesichts des bestialischen Gestanks sofort bereute – und konzentrierte sich darauf, ihr morphisches Feld daran zu erinnern, dass es ein Wolf sein konnte. Sie starrte auf ihre Hände, die noch immer perfekt manikürte, wohlgeformte Hände einer Menschenfrau waren. Eigentlich hätten sich die Finger längst verkürzen und robuste Krallen ausbilden sollen. Das Gesicht hätte sich nach vorn stülpen müssen, um Platz für die kräftigen Kiefer und langen Zähne zu bieten. Die hinteren Gliedmaßen hätten schrumpfen müssen, die Kniegelenke sich in die entgegengesetzte Richtung drehen sollen. Und ein… ein, nun, verlängerter Rücken hätte von innen gegen die Hose drücken müssen. Doch nichts von all dem geschah.
"Es… geht nicht.", hauchte Angua, ohne den Blick von ihren Händen abzuwenden.
Sie schrie auf und machte einen Satz zurück, als ein halb verrostetes Breitschwert gefühlte – und reale – drei Zentimeter vor ihrer Nase vorbeisauste.
"Was geht nicht?", rief Mumm, während er sein Schwert in einen dieser Goblin-Verschnitte bohrte.
"Na, ES!"
"WAS, Feldwebel?"
"Ich kann mich nicht verwandeln!", schrie die Werwölfin, die nun keine mehr war.
Weder Mumm noch Karotte – der inzwischen mit dem Rücken an eine mächtige Eiche gepresst stand – wussten, was sie darauf entgegnen sollten. Diese ganze bizarre Szenerie war so weit entfernt von all ihren Vorstellungen, dass sie keine passenden Worte dafür fanden. Sie kämpften an einem fremden Ort an der Seite eines Fremden gegen fremde Kreaturen. Und nun konnten sie noch nicht einmal auf die schlagkräftige Unterstützung einer Werwölfin zählen. Mumm schluckte hart und köpfte einen weiteren Ork. Doch so viele Elrohir und die Scheibenweltler auch töteten, es schienen immer neue nachzukommen, als wären sie die Köpfe einer überdimensionierten Hydra.
"Alle Unbewaffneten auf die Bäume!", befahl Elrohir schließlich und deutete nacheinander auf Angua, Karotte und den Wipfel einer besonders hohen und kräftigen Eiche.
Die Wächter verstanden die Botschaft und hangelten sich in die mehr oder weniger trügerische Sicherheit der Baumkrone. Einige Zweige splitterten knirschend, doch die stärkeren Äste trugen die beiden Flüchtlinge problemlos. Orks konnten nicht klettern und solange man sie davon abhalten konnte, den rettenden Baum zu fällen, war man theoretisch sicher. Solange… ja, solange sie keine Brandpfeile verschossen. Das von der Sommersonne ausgezehrte Holz brannte wie Zunder. Lodernde Flammen schraubten sich pilzförmig in die Höhe und zwangen die beiden, auf die ausladenderen Äste auszuweichen; ausladender und dünner. Mumm gab einem der angreifenden Biester einen entschlossenen Tritt dorthin, wo er seine empfindliche Stelle vermutete und schrie:
"Ihr müsst abspringen; schnell!"
Es roch bereits bedrohlich nach verkohlten Haaren. Angua und Karotte hatten das, was man getrost als Wahl zwischen Pest und Cholera bezeichnen konnte. Sie wählten die Cholera und sprangen. Die beiden Wächter landeten wenig elegant zwischen immer noch Dutzenden Orks, die im Gegensatz zu ihnen bewaffnet waren. Angua knurrte bedrohlich, was die Orks jedoch nicht im Geringsten beeindruckte. Sie grinsten nur irgendwie gierig, was die junge Frau schaudern ließ. Elrohir erkannte den Ernst der Situation und schlug mit einem umherwirbelnden Schwert eine Schneise zu den Eingekesselten. Doch auch der Elda konnte die Übermacht der Orks nicht zurückdrängen. Der Kampf drohte, verloren zu gehen. Der Kommandeur fragte sich voller Entsetzen, was diese Kreaturen mit ihnen anstellen mochten, nachdem sie sie gefangen genommen hatten. Das heißt, würden sie sie überhaupt gefangen nehmen? Mumm sah zu Angua und schauderte. Warum um alles in der Welt konnte sie sich nicht verwandeln? Die Orks zogen den Kreis um die Eingekesselten herum näher, in der freudigen – jedoch etwas voreiligen – Erwartung des sicheren Sieges. Denn sie ahnten nichts von der starken, seelischen Verbindung zwischen zwei den Lesern dieser Geschichte wohlbekannten Zwillingen. Elladan hatte immer gespürt, wenn sein Bruder in Gefahr war und auch wenn sie sich oft wie übermütige Halbstarke aufführten, so waren sie doch besonnene – und vor allem erfahrene – Kämpfer. Das Donnern von Hufen erklang in der Ferne und weckte den Kampfgeist in den Herzen von Mensch, Elb und Werwölfin; ja, selbst der Zwerg schwang seine Streitaxt mit neuerlicher Vehemenz. Die Geräusche wurden rasch lauter und doch kam es Mumm wie eine Ewigkeit vor, bis endlich eine Phalanx aus Reitern an Ufer des Flusses auf sie zuhielt. Der andere Zwilling führte sie an und zog bereits in einiger Entfernung sein Schwert. Die Reiter erschienen in voller Kampfmontur und begannen, ohne auch nur einen Moment zu zögern, damit, die schwarzgrünen Biester niederzumetzeln. Sie stellten keine Fragen. Sie versuchten auch nicht, einfach nur Elrohir und die anderen zu retten. Nein, sie töteten. Sofort und zielstrebig. Mumm schauderte, als er die grimmige Entschlossenheit in den Gesichtern der Berittenen sah. Freilich hatte auch er diese Was-auch-immer getötet, aber er hatte in Notwehr gehandelt – und trotzdem Skrupel empfunden. In den Augen dieser Krieger aber brannte das kalte Feuer des Hasses nicht minder intensiv als in den schwarzen, blutunterlaufenen Knopfaugen der Orks. Mumm wandte den Blick ab, als er mit sanftem Nachdruck aus der Kampfzone befördert wurde, zusammen mit Angua, Karotte und dem namenlosen Zwerg, mit dem das Gemetzel angefangen hatte. Elrohir beförderte die vier mit einer Mischung aus Stoßen und Schieben in den Wald hinein, wo er sie ihrem Schicksal überließ und sich wieder ins Getümmel stürzte.
"Sie töten sie einfach.", hauchte Mumm und schaffte es nicht, den Schrecken aus seiner Stimme fernzuhalten.
"Sollten sie die Biester vielleicht verhaften, Herr?", erwiderte Angua und wagte einen Blick in die Arena.
Das Kampfgeschehen ebbte mittlerweile merklich ab. Die Orks, die noch am Leben waren, versuchten in die Richtung zu fliehen, aus der sie gekommen waren, doch ein paar der Reiter setzten ihnen nach und machten ihnen den Garaus. Der Kommandeur wandte den Blick ab und sah seine Begleiter an.
"Wo sind wir hier nur rein geraten?", fragte er niemanden im speziellen.
Karotte zuckte stellvertretend für alle Angesprochenen mit den Schultern.
"Ich weiß es nicht, Kommandeur."
Der Zwerg – und hier ist der gebürtige Zwerg gemeint, nicht der adoptierte – sah die Scheibenweltler aus großen Augen an.
"Was sprecht ihr für eine seltsame Sprache?", fragte er auf Westron, das etwas brüchiger und schnarrender als bei Elrohir klang.
"Bei den Göttern, nicht der auch noch!", fuhr Mumm auf, "Sind denn hier alle verrückt geworden? Sprechen alle nur noch dieses verdammte Kauderwelsch?!"
Kommandeur Mumms mentale Sehne war seit der Ankunft an diesem Ort zum Zerreißen gespannt gewesen und die Ereignisse der vergangenen Minuten hatten nicht gerade zur Entspannung beigetragen. Die Frage des Zwergs, die er nicht einmal verstanden hatte, bildete nun die metaphorische Rasierklinge und durchtrennte seinen Geduldsfaden. Ohne ihm auch nur die Chance zum Reagieren zu lassen, packte Mumm den Zwerg am Kragen und versuchte, ihn in die Höhe zu reißen. Nun, wie schon erwähnt, war der liebe Kommandeur nicht mehr der Jüngste, und Zwerge neigten dazu, recht… untersetzt zu sein; um nicht zu sagen, dicklich. Mit anderen Worten: Mumm hob sich einen Bruch. Zunächst protestierten nur die Muskeln in seinen Armen, sandten ein zorniges Stechen ins Gehirn. Dann knackte etwas und Mumm sackte zusammen wie eine Marionette, der man die Fäden durchgeschnitten hatte.
"Gnargh… mein… Rücken."
Sein Gesicht – nunmehr auf Augenhöhe mit dem des Zwergs – erbleichte und einige Tropfen kalten Schweißes rannen ihm über die Stirn. Der Zwerg verschränkte triumphierend die Arme.
"Tja, wohl auch nicht mehr der Jüngste, wie?"
Der Kommandeur antwortete nicht. Er hatte den Zwerg ohnehin nicht verstanden, doch der hämische Tonfall bedurfte keiner Übersetzung. Ein paar kurze, harsche Silben, die klangen, als kratzte Metall über Stein, drangen aus Karottes Mund, ehe er sich mit der Hand auf die Stirn schlug. Er hatte den Zwerg fragen wollen, wo zur Hölle sie hier waren und dabei wie automatisch zwergisch gesprochen. Diesem klappte nun die Kinnlade runter, was in der oberen Barthälfte ein Loch entstehen ließ.
"DU sprichst Khûz-Dul?!", fragte er nun ebenfalls in seiner Sprache.
Er vergaß sämtliche Formen der Höflichkeit und starrte den Hauptmann an. Karotte nickte schulterzuckend.
"Ich bin bei Zwergen aufgewachsen."
Der Zwerg musterte den fast zwei Meter großen Hauptmann von Kopf bis Fuß und kam wohl zu dem Entschluss, die Umstände dieser eigentümlichen Familienkonstellation nicht wirklich wissen zu wollen. Mittlerweile war seine Aufregung wieder auf ein erträgliches Maß zurückgeschraubt.
"Doch die andere Sprache, derer Ihr Euch bedient… Was ist das?"
In dem Maße, wie seine Aufregung abgenommen hatte, waren seine Manieren zurückgekehrt – und seine Neugier. Karotte wunderte sich über die geschwollene Redeweise des Zwergs, doch die Freude, sich endlich verständlich machen zu können, überlagerte jedes Unbehagen. Außerdem hatten mittlerweile auch Kommandeur Mumm und Angua mitbekommen, dass er sich offensichtlich mit dem Zwerg verständigen konnte und sahen ihn nun erwartungsvoll an.
"Morporkianisch natürlich. Kennst Du das nicht? Man spricht es doch fast überall auf der Scheibenwelt."
Aus dem winzigen Stück Gesicht, das bei Zwergen hinter wuchtigem Bartwuchs zu erkennen war, sprach pure Skepsis.
"Mor… Nein, diese Sprache ist mir unbekannt. Und von einer Scheibenwelt habe ich auch noch nie gehört. Ist dieser Ort weit von hier entfernt?"
Karotte schluckte. Er erbleichte. Er übersetzte den beiden anderen, was der Zwerg gerade gesagt hatte. Dann erbleichten sie ebenfalls.
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