Kapitel 1

Danke für die lieben Reviews. Ja der Prolog war kurz… naja ein Prolog eben ;) Ich hoffe, ihr seid dafür mit dem ersten Kapitel zufriedener.

Abgrund

Remus bemerkte, wie er fest am Nacken gefasst und weggezerrt wurde. Seine schwachen Beine gehorchten ihm nicht mehr und er sackte zu Boden. Nur am Rande seines Bewusstseins bekam er mit, wie seine Knie über das Gras schürften und hässlich brennende Schürfwunden zurückblieben.

Sein Geist schrie nach Ruhe, nach Frieden. Zu lange hatte er gekämpft. Zu lange Blut vergossen für den Orden, für die Zukunft der gesamten Zaubererwelt. Jetzt hatte er nur noch einen Gedanken: Schlaf, endlosen Schlaf ohne Erwachen. Wer auch immer sein zukünftiger Peiniger war, er würde es nicht mehr mitbekommen, es nicht mehr erleben, dessen war er sich ganz sicher.

Und der Gedanke an den süßen Tod erfüllte ihm mit einer tiefen Zufriedenheit, als er auf der Wiese zusammenbrach und in tiefe Dunkelheit hinüber glitt.

Severus blieb ruckartig stehen, als sein soeben erworbener Begleiter neben ihm zu Boden sank. Er blickte nach unten und ihm wurde bewusst, dass er ohnmächtig geworden war. Rasch warf er einen Blick zurück, in die sich zunehmend schneller lichtende Reihe der Todesser um das ausgehende Feuer. Dann nahm er seinen Zauberstab, ging in die Knie und fasste Remus an der Schulter. Innerhalb weniger Sekunden war an der Stelle, wo der Werwolf noch kurz zuvor im nassen Gras gelegen hatte, nicht mehr zurückgeblieben als der Abdruck seines Körpers und eine Atmosphäre, die sein Leid wie winzige Funken gespeichert zu haben schien.

Tief verborgen im finsteren Wald, nicht unweit von London und dennoch unbemerkt von jeglicher Zivilisation erhob sich das massige Gebäude in seiner ganzen Größe über die Baumwipfel. Ein Bann lag auf ihm, sodass jeder Muggel nichts weiter sah, als eine große alte Eiche, die sich lediglich durch ihre etwas zu dunkle Farbe und die unnatürlich gleichmäßig gezeichnete Rinde von ihresgleichen abhob.

Niemand hätte geahnt, dass dieses Gebäude der Quell allen Übels, die Knospe des Bösen, das Heim Lord Voldemorts war.

Hier jedoch lebte der dunkle Lord persönlich und mit ihm all seine vertrautesten Todesser. Keiner seiner Anhänger kannte je seinen genauen Aufenthaltsort. Niemand konnte sich sicher sein, dass Voldemort nicht in der nächsten Sekunde vor ihm stand. Seine Anwesenheit lauerte überall und trotzdem bekam ihn niemand zu Gesicht, wenn er es nicht wollte.

Das Äußere des Schlosses glänzte in einem blanken Schwarz. So schwarz und alles Licht in sich aufsaugend, dass selbst die Gestalten der Nacht diesen Ort mieden, wenn es nur irgendwie möglich war.

Ein einzelner Turm erhob sich aus seinem Leib und ragte in die Nacht. Kein Todesser hatte die Turmspitze je betreten, niemand wusste, was sich dort wirklich befand. Jeder hatte in dem ihm zugeteilten Zimmer zu bleiben, einsatzbereit, sobald der Lord es befahl. Das allsehende Auge Voldemorts ruhte auf allem und auf jedem.

Nicht jeder konnte das Schloss betreten, wenn es ihm gerade beliebte. Nein, nur wer das dunkle Mal besaß, kam hinein. Und jeder, der es nicht eingeprägt hatte, fand seinen Eingang nie… oder war, einmal hineingelangt, für immer darin gefangen.

Und in eines der vielen Zimmer apparierte Severus Snape.

Er stand eine Weile bewegungslos im Raum, fast so als lauerte er auf etwas, als habe er die Befürchtung, er sei nicht allein.

Seine schwarzen Augen glitten über die in der Dunkelheit erkennbaren Konturen des schmalen Bettes, mit der einzelnen, trostlos grauen Decke. Sie schweiften über den einsam in der Ecke stehenden Eichentisch, vor dem ein harter Stuhl stand, mit der heruntergebrannten Kerze und dem aufgeschlagenen Buch. Erfassten auch den schiefen, hölzernen Schrank, der Severus' wenige Habseligkeiten aufnahm.

Das Zimmer wirkte eng, fast klaustrophobisch. Und der unsymmetrisch rechteckige Grundriss verstärkte diesen Eindruck noch.

Nach einigen Augenblicken völliger Stille, löste sich Snapes Anspannung. Er schreckte fast körperlich zusammen, als die Muskeln seiner Hand sich entkrampften und Remus' Körper mit einem dumpfen Geräusch auf den Boden aufschlug.

Mit wenigen Schritten war Severus an den kleinen Tisch getreten und hatte die Kerze in die Hand genommen. Er entzündete sie durch einen lautlosen Spruch und der Raum lag sofort in dem unheimlichen, wenn auch wärmenden Licht der orangegelben Flamme. Eine fast unnatürliche Helligkeit ging von diesem winzigen Docht aus und Snapes Schatten wurde verzerrt an die graue Steinmauer geworfen.

Severus trat vor den erschlafften Körper seines Begleiters und richtete den Zauberstab auf ihn. Wie von Geisterhand schwebte der Werwolf gut einen halben Meter über dem Boden. Kurz darauf bewegte er sich zu dem schmalen Bett hinüber und legte sich behutsam auf der unbequem aussehenden Matratze nieder.

Severus folgte ihm mit ausdrucksloser Miene und setzte sich auf die Bettkante. Eine Weile betrachtete er den bewusstlosen Werwolf, ehe seine kühle, blasse Hand sich auf dessen Stirn legte.

Remus fühlte sich fiebrig heiß an und von Zeit zu Zeit ergriff ein heftiges Zittern Besitz von seinem Körper. Severus' Blick glitt mit der Professionalität eines Akademikers über den arg mitgenommen Leib.

Er entkleidete Remus seiner Schuhe und öffnete sein Hemd.

Die sich dunkel abzeichnenden Hämatome auf der vernarbten Brust lieferten den eindeutigen Beweis für zahlreiche Rippenbrüche.

Severus stand auf, ging hinüber zum Schrank und öffnete die Tür.

Prüfend suchten die nachtschwarzen Augen zwischen den wenigen darin befindlichen Dingen nach dem, was nötig war.

Ein gezielter Griff und Severus hielt eine kleine Phiole mit einer im Kerzenlicht silbrig erscheinenden Flüssigkeit in den Händen.

Er ging zu Remus zurück, entkorkte die Flasche und verteilte mit seinen Händen eine winzige Menge auf dem geschundenen Brustkorb.

Dann legte er die graue Decke über den Werwolf, dessen Körper bis auf die fiebrig geröteten Wangen leichenblass war.

Wieder stand der Todesser auf und ging hinüber zum Tisch. Schwer stützte er sich auf die Kante. Jetzt endlich erlaubte er auch sich selbst einen Moment der Ruhe. Er nahm seine Maske ab und legte sie geräuschvoll und lieblos auf der Tischplatte nieder. Schweiß hatte sich auf seiner Stirn gesammelt und sein Haar an die Haut geklebt.

Severus sog scharf die Luft ein, als er den dunklen Umhang ablegte und der blutnasse Stoff mit einem Ruck aus seiner Schulterwunde gerissen wurde.

Auch darauf gab er einen winzigen Tropfen der silbrigen Flüssigkeit.

Dann ließ er sich auf dem Stuhl nieder, seufzte schwer und stützte den Kopf in die Hände.

Erleichtert spürte er, wie das heftige Brennen tief am Knochen seiner Schulter nachließ und schließlich zu einem leicht unangenehmen Druck verebbte.

Er hatte es aufgegeben zu zählen, wie oft er dieses Gefühl in den letzten Monaten gespürt hatte. Es gehörte mittlerweile zu seinem Leben. Ebenso wie die Kämpfe, das Foltern, das Töten.

Und die allgegenwärtige Angst, selbst der nächste zu sein, der dem Leben entsagen musste.

Langsam richtete er seine Augen wieder auf Remus. Er lebte. Wenigstens einer. Als letzter der Rumtreiber.

Severus' Herz hatte zuviel Leid gesehen, war zu sehr abgestumpft, um Mitleid mit all den Opfern zu empfinden. Mit Potter, mit den Weasleys, mit Granger oder McGonagall. All jene bedeuteten ihm nichts. Sie waren nur einige wenige einer unzähligen Masse von Opfern, die in dem fürchterlichen Krieg ihr Leben verloren hatten.

Er selbst war es gewesen, der Ginny Weasley getötet hatte. Er hatte gesehen, wie sie ihr Leben aushauchte, war auch bei Harry Potters letztem Atemzug dabei gewesen.

Doch der Einzige, um den er sich gesorgt hatte, der Einzige, dessen Schicksal ihm wirklich am Herzen lag, dieser jemand lebte.

Dieser jemand lag tief bewusstlos auf seiner kläglichen Pritsche und war vielleicht dem Tode näher als dem Leben.

Er wusste selbst nicht, wann oder wie es dazu gekommen war, dass Remus Lupin aus der Menge heraus stach. Wusste nicht, warum oder was genau ihn an ihn band. Doch er wusste, dass sein Leben auf eine merkwürdig bizarre Art mit dem Leben des Werwolfs in Verbindung stand.

Und ebenso wusste er, dass sein eigenes Leben verlöschen würde, sollte Remus sterben. Genau, wie die einzelne Kerze ihre Leuchtkraft verlor, wenn man ihr den Docht nahm.

All die Zeit war Remus Lupin sein Haltepunkt gewesen.

Er wagte nicht zu zählen, wie oft er im letzten Moment unbemerkt eingegriffen hatte, um ihn zu retten.

Und jetzt hatte er das einzige getan, was die Besieglung von Remus' Schicksal noch hatte abwenden können.

Er hatte ihn zu sich geholt. Hatte ihn zu seinem persönlichen Sklaven gemacht. Diesem jemand, den jeder Todesser zu seinem persönlichen Vergnügen besitzen konnte.

Nachts hallten die Schreie der gepeinigten Gefangenen durch die windschiefen Korridore des Schlosses.

Leid gab es in fast jedem Zimmer.

Die Sklaven litten, wurden gefoltert.

Sie hatten ihr Leben bereits verloren, sowie sie diese Mauern betraten.

Als Severus an die unzähligen Menschen dachte und an das, was mit ihnen geschah, durchfuhr ein jäher Zorn seine Brust.

Der einzige Grund, warum er Remus gewählt hatte, war, ihn vor solch einem Schicksal zu bewahren.

Solange Remus ihm gehörte, stand es keinem der anderen Todesser zu, ihm irgendetwas anzutun.

Severus sprang auf und eilte zum Bett hinüber. Er ging vor der kleinen Pritsche in die Knie und griff nach der Hand des Werwolfs, die sich eiskalt unter der spärlich wärmenden Decke anfühlte.

„Dir wird nichts geschehen…"

Vier kleine Worte, mehr sprach Severus nicht.

Es war nicht mehr als ein Flüstern und der Todesser selbst wusste nicht, ob er dies nun zu Remus oder sich selbst gesagt hatte.

Vielleicht hatte er sich ja Mut zusprechen wollen. Vielleicht verschloss er selbst die Augen vor der Zukunft.

Ein Schauer durchlief Severus' Körper und machte ihm bewusst, wie lange er selbst keinen Schlaf mehr bekommen hatte.

Auch die Kälte, welche man in den kalten Steinmauern ohne Beheizung nur allzu deutlich wahrnahm, kroch seinen Rücken hinauf und zog durch den Nacken bis in seinen Hinterkopf.

Und Remus' Körper, heiß vom Fieber, strahle eine so anziehende Wärme aus, dass Severus' zutiefst erschöpften Glieder wie von selbst unter die Decke glitten.

Kaum, dass sein Kopf die angegraute Matratze erreicht hatte, war er in einen totenähnlichen, traumlosen Schlaf gefallen.

Severus erwachte unvermittelt und mit einer solchen Endgültigkeit, dass das Zimmer vor seinem Auge verschwamm und ihm übel wurde.

Eine Weile musste er sich sammeln, unbewegt liegen bleiben, ehe er es wagte, die Augen erneut zu öffnen.

Sein Blick fiel auf die graue Steindecke und machte ihm mit einer penetranten Deutlichkeit bewusst, dass sein persönlicher Albtraum einen weiteren Tag andauerte.

Wohl nie würde er sich an diese Morgen gewöhnen können. An diese Morgen, an denen das Licht durch das kleine Fenster fiel und einen neuen Tag verhieß, einen Tag voller Leben und Veränderungen. An diese Morgen, die doch nichts weiter waren, als ein weiterer Schritt zum unausweichlichen Ende.

An diesen Morgen erschien es ihm so irreal, dass es da draußen Tausende Menschen gab, die litten oder vielleicht im nächsten Moment ihr Leben durch die Hand eines Todessers verloren. Dass es soviel Leid, soviel Schmerz gab.

Schmerz, Leid. All das gehörte in die Nacht.

So war es schon immer gewesen. Schon als Severus ein kleiner Junge war, hatte die Nacht den Schrecken verkündet. Tagsüber war alles anders gewesen. Erst der Abend brachte die Angst.

Und doch musste sich Severus wie an jedem dieser Morgen seinem Leben stellen. Diesem Leben, das ihn zum Narren hielt, ihn jeden Tag auf neue erwachen ließ, um dem unausweichlich endlosen Schlaf ins Auge zu sehen.

Er drehte sich zur Seite und sein Blick fiel auf Remus. Unerklärlicher Schmerz durchflutete den Todesser.

Remus. Auch für ihn hielt die Zukunft nur Schmerz bereit.

Er berührte ihn leicht am Arm und bemerkte eine Reaktion.

Remus rührte sich. Seine Augenlider flatterten und gaben den Blick auf erschöpfte, braune Augen frei.

Als Remus die Augen aufschlug, fragte er sich ernsthaft, ob er lebte oder tot war.

Er war gestorben, musste es sein. Die Todesser hatten ihn bestimmt nicht verschont.

Und doch…

Als sein Blick auf grauen Stein fiel, begann er zu zweifeln.

Welch grausamer Gott würde ihn nach seinem Tod eben dahin zurückschicken, woher er gekommen war. Aus einer vollkommen trostlosen Welt in einen vollkommen trostlosen Himmel?

Und mit einer verzweifelten Eindringlichkeit wurde ihm bewusst, dass er lebte.

Er war nicht tot, er würde weiterleben.

Weiterleiden.

Ruckartig setzte er sich auf und da bemerkte er, dass er nicht allein war.

Neben ihm lag Severus Snape, die rechte Hand Lord Voldemorts…

Nun, dieses Kapitel hat sich zwar in seiner Länge auch nicht selbst übertroffen aber eine Verbesserung zum Prolog könnt selbst ihr nicht abstreiten ;)

Also, sagt mir bitte eure Meinung.

Könnt ihr euch mit der Story anfreunden?

Katze