Kapitel 2
Anmerkung:
Ich werde bei dieser Story darauf verzichten, jedem Reviewer einzeln in der Story zu antworten. Bei Fragen oder Tipps antworte ich dann per Mail. Ansonsten seht euch einfach mit jedem weiteren Kapitel als gelobt an.
Zwiespalt
Remus blinzelte angesichts der grässlich grotesken Situation.
Er wusste nicht, wo er war oder warum. Wusste nur, dass er im selben Bett mit Severus Snape lag.
Dem Mann, der sie alle im entscheidenden Moment im Stich gelassen, der sich der dunklen Seite zugewandt hatte.
Severus blickte ihn mit einem Blick an, der nicht zu deuten war. War es nun Grausamkeit, die aus seinem Blick sprach? Härte?
Angst?
Remus vermochte es nicht zu sagen und als er sprach, war es ihm, als säße ein Stück der Verzweiflung, die er empfand, tief in seinem Rachen und hielt die Worte zurück.
„Snape. Was soll das?" Raue Worte, die von rauen Wänden verschluckt wurden.
Severus blickte ihm bedauernd in die Augen, schlug dann die Decke zurück und stand aus dem Bett auf.
„Für was genau möchten Sie eine Erklärung haben, Lupin? Für Ihre Anwesenheit hier? Meinen Verrat? Dafür, dass ich Sie am Leben ließ?"
Die Worte hingen schwerfällig in dem stickigen Zimmer, doch Remus kam es vor, als knallten sie ihm wie Peitschenhiebe um die Ohren. All der Hass und das Unverständnis, die ihn in den letzten Monaten bei dem Gedanken an Snape heimgesucht hatten, verkrampften seine Innereien, sodass er beinahe einen körperlichen Schmerz empfand.
„Für alles, Snape." Eine einzelne Träne trat in seine Augen und sorgte dafür, dass sich Remus schrecklich bloßgestellt und ausgeliefert vorkam.
Severus war an das milchige Fenster getreten und sah über die Baumwipfel, die sich so sanft im Morgenwind wiegten, als wüssten sie nichts von all den Sorgen, all dem Krieg.
„Die Erklärung für mein Handeln kann ich Ihnen so nicht geben. Sie würden Sie doch nicht verstehen, würden mich als feigen Verräter darstellen. Schließlich ging es mit letztendlich nur um mein eigenes Leben. Ziemlich egoistisch, finden Sie nicht?"
Er hatte sich umgedreht und bedachte Remus nun mit einem seiner tiefgründigen Blicke, die von so vielen Gefühlen gleichzeitig zeugten.
Schon in seiner Jugend hatte dieser Blick Remus seine Rätsel aufgegeben.
„Allerdings.", war alles, was er hervorbrachte.
„Allerdings.", wiederholte Snape leise sinnierend. „Über ihre Anwesenheit aber sollten Sie nicht vorschnell urteilen. Ich habe Ihnen damit… das Leben gerettet."
Remus' wütende Hilflosigkeit war beinahe mehr, als er ertragen konnte. Seine Hände krampften sich zitternd in die Decke.
„Konntest du mich nicht sterben lassen?", brach es aus ihm hervor.
Snape spürte, dass diese Worte tief aus Remus' Innerem gekommen waren und fühlte einen merkwürdig heftigen Stich in der Brust. Raschen Schrittes war er vor Remus getreten, sank vor dem Bett in die Knie und senkte sein Haupt.
„Nein, das konnte ich nicht, Lupin. Fragen Sie mich nicht, warum, und es wäre besser für Sie gewesen, wenn ich es getan hätte. Doch jetzt… jetzt sind Sie unter meine „Aufsicht" gestellt. Der dunkle Lord gewährt jedem Todesser seinen persönlichen… „Schützling"."
Er hob den Kopf und Remus konnte zu seiner ehrlichen Verblüffung einen Funken Schmerz in seinen Augen lesen.
„Solange Sie hier sind, ist Ihr Leben in Sicherheit.", führte Snape seine Ausführungen mit fester Stimme zu Ende.
Remus wusste nicht mehr, was hier überhaupt vor sich ging. Er hörte Snapes Worte, sah dessen ehrlich gemeintes Mitgefühl und fühlte sich gleichzeitig von der erdrückenden Last der Schuld, die der Todesser mit sich führte, erdrückt.
„Warum? Warum hast du das denn getan? Warum hast du gerade mich gewählt? Macht es dir so viel Spaß, mich, den letzten deiner… Erzfeinde,… zu Tode zu quälen?"
„So verstehen Sie doch. Ich werde Sie nicht töten, werde Sie nicht quälen! Ich habe Sie nur vor dem sicheren Tod durch die Hand eines anderen Todessers bewahrt!"
Remus starrte gegen die trostlose Steinwand.
Dies ergab nun noch viel weniger Sinn. Das passte nicht in das Bild, das er sich während der letzten Zeit von Snape, dem Verräter, gemacht hatte. Passte nicht zu der grenzenlosen Enttäuschung und der Wut, die er bei seinem Anblick verspürte.
„Warum solltest gerade du mich retten wollen?", versetzte er deshalb bissig.
„Weil ich nicht will, dass Ihr Leben so endet, Lupin. Ich habe getan, was ich tun musste und ich weiß, dass ich es jederzeit wieder tun würde. Egal, ob es nun um ihre Rettung geht, oder darum, dass ich mich im entscheidenden Moment auf die Seite der Gewinner gestellt habe. Moralisch zu begründen ist beides nicht…nehmen Sie es also hin, wie es ist."
Remus hörte schweigend zu und als er antwortete, ging er nicht auf Snapes Worte ein.
„Was wird nun mit mir geschehen?", fragte er stattdessen.
Ja, was eigentlich? Wieder einmal gelangte Severus an den Punkt völliger Perspektivlosigkeit, wenn er an die Zukunft dachte.
Solange der dunkle Lord an der Macht war, solange die Todesser regierten, würde es weder für ihn selbst, noch für Remus eine andere Zukunft als diese vier Wände geben.
„Lupin, ich möchte Sie nicht anlügen. Das wäre zwecklos. Es gibt keine Chance mehr, der Krieg ist für Ihre Seite verloren. Sowohl Sie, als auch ich werden im Leben nichts anderes mehr sehen, als dieses Schloss."
Snapes Worte waren hart gewesen, endgültig. Sie ergriffen Remus' Herz und erfüllten ihn mit einer so eindringlichen Verzweiflung, dass der Wunsch zu sterben erneut übermächtig wurde.
„Der Krieg ist nicht verloren, solange es noch Menschen gibt, die hoffen. Lass mich gehen und ich werde mich wieder auf die Seite des Guten stellen."
„Das kann ich nicht, Lupin. Würde ich einen Gefangenen gehen lassen, so wäre auch mein Schicksal unabänderlich besiegelt. Es tut mir Leid, aber lieber lebe ich ein Leben hinter diesen Mauern… als gar keines."
„DU! DU! Es geht immer nur um dich, nicht wahr? ICH war es nicht, der „gerettet" werden wollte! ICH habe dich nicht darum gebeten! Alles, was ICH wollte, war dieser furchtbaren Welt endlich zu entkommen!"
„Das Leben ist nicht immer einfach, Lupin. Aber den Lebenswillen einfach aufzugeben, das zeugt von grenzenloser Feigheit."
„Aber ich… will nicht mehr."
All die Wut und der Hass, die in Remus' Worten zuvor gelegen hatten, waren verschwunden. Zurück blieb eine verletzte, brachliegende Seele, die der Zukunft schutzlos ausgeliefert war.
Tränen stiegen erneut in Remus' Augen, diesmal so penetrant und schmerzhaft, dass alle Scham dieser Welt sie nicht zurückhalten konnte.
Er sprang aus dem Bett, überschätzte seinen geschwächten Körper und brach unter lautlosem Weinen auf dem harten Boden zusammen.
Severus ging neben ihm in die Knie und fasste ihn an der Schulter.
„Du musst aber…", flüsterte er.
„Ich kann nicht mehr.", schluchzte Remus. „Alle sind tot, alle. Ich bin ganz alleine und muss mich dieser… dieser… grässlichen Welt stellen. Ich kann das nicht mehr, verstehst du? Dein Herz mag dafür kalt genug sein… aber meines ist es nicht."
Wortlos und mit einem Gefühl der tiefen Trauer in der Brust zog Severus den Werwolf näher an sich.
„Sie… du… du bist nicht alleine. Nicht ganz."
Remus hob seinen tränenverschleierten Blick.
„Mach, dass das alles aufhört, Severus…", flüsterte er.
Nach einer Weile, die beide schweigend auf dem Boden gesessen hatten, erhob sich Severus plötzlich unvermittelt.
Seine Miene drückte Hast und Furcht aus.
„Der dunkle Lord. Ich muss zu ihm."
Ohne, dass er es selbst wirklich registrierte, fasste der Todesser sich an den Unterarm, genau dorthin, wo das dunkle Mal unbarmherzig brannte.
„Er ruft mich."
„Nein. Geh nicht! Lass mich nicht alleine hier. Ich bitte dich!"
„Es tut mir Leid, Remus. Ich kann nicht anders."
Schnellen Schrittes und mit wehender Kleidung war Severus zur Tür geeilt, hatte sie geöffnet und war fort.
Zurück blieben nur Remus, der erstickende Raum und ein Gefühl der Verzweiflung.
Während Severus den langen, dunklen Korridor hinab ging, überkamen ihn all jene Gefühle, die er jedes Mal verspürte, wenn er dem dunklen Lord gegenübertreten musste.
Angst und Respekt auf der einen Seite, Wut und Hass auf der anderen.
Er verabscheute es, sich Voldemort unterordnen zu müssen, ekelte sich beinahe vor sich selbst, wenn er vor dem Lord in die Knie ging und seine völlige Unterwerfung anzeigte.
Doch was blieb ihm anderes übrig?
Seine Erfahrungen reichten aus, um die Demütigung einem Cruciatusfluch vorzuziehen.
Wie immer, wenn das dunkle Mal ihm anzeigte, dass Voldemort ihn rief, wusste er nicht, wohin er eigentlich ging.
Nicht sein Kopf führte ihn, nicht seine Beine. Nein, der eindringliche Ruf des Lords sorgte dafür, dass er automatisch zu seinem Ziel fand.
Und ebenso automatisch und unvermittelt, wusste er auch jetzt, vor welcher, der alten Türen er stehen bleiben musste.
Mechanisch hob sich seine Hand und drückte den leicht quietschenden Griff herunter.
Einen Moment lang kostete es ihn große Überwindung, den Raum zu betreten, dann aber siegte die Angst und er erkannte, dass Weglaufen ihm teurer zustehen kommen würde, als wenn er sich seinem Gebieter entgegenstellte.
Remus starrte die Tür an, durch die Snape getreten war.
Die Tränen trockneten auf seinen Wangen.
Voldemort rief ihn. Was hatte das zu bedeuten? Würde es um ihn gehen? Würde Voldemort Snape doch befehlen, ihn, Remus, zu töten?
Und wenn dem so wäre… wie würde Severus dann handeln?
Würde er die Befehle Voldemorts ohne mit der Wimper zu zucken ausführen?
Mit zittrigen Beinen erhob sich Remus und brauchte einen Moment, um den fürchterlichen Schwindel abzuschütteln, der seinen Körper ergriff.
Dann ging er zum Fenster hinüber und stellte mit Überraschung fest, dass er sich mitten im Wald befand.
Richtig… Severus hatte ihm gar nicht gesagt, wo sie hier eigentlich waren.
Er machte sich, so gut es eben ging, ein Bild von dem Schloss, das sein Gefängnis sein sollte.
Sein Gefängnis?
Mechanisch wandte er sich zur Tür um. Warum floh er nicht einfach? Was würde mit ihm geschehen, wenn er es versuchte?
War Snape nicht zu gerissen, um ihm einfach so die Chance zur Flucht zu lassen?
Schließlich entschied Remus, dass er es zumindest versuchen musste.
Langsam ging er zur Tür hinüber und legte die Hand an die Klinke.
Im selben Augenblick schoss ein Schmerz durch seinen Körper, der über alles hinausging, was er bisher gespürt hatte.
Ein schriller Schrei entwich seiner Kehle und er fiel auf die Knie.
So plötzlich, wie der Schmerz aufgetreten war, so unvermittelt und nachwirkungslos war er auch wieder verschwunden.
Remus atmete schwer und versuchte fassungslos das eben Gefühlte einzuordnen.
Das hier war schlimmer als der Cruciatus gewesen, den er in der letzten Zeit nur allzu häufig hatte erleben müssen. Viel schlimmer.
Wütend und hilflos schlug Remus mit der Faust auf den Steinboden.
Er war gefangen. Snape musste die Tür mit irgendeinem perfiden Bann gesichert haben.
Der Werwolf musste beinahe lachen, bei den konträren Gefühlen, die er für den Todesser hegte.
Einerseits hasste er ihn dafür, dass er ihn gefangen genommen, ihn zu seinem Eigen gemacht hatte. Hasste ihn für den Schmerz, der seinen Körper so schutzlos getroffen hatte. Hasste ihn auch dafür, dass er sich andererseits nichts mehr wünschte, als dass er zurückkommen würde, sich wieder zu ihm gesellte und ihn vor all dem hier beschützte.
„Severus.", flüsterte er in den leeren Raum.
„Was geschieht hier nur mit mir?"
