Kapitel 3

Seelenkälte

Severus betrat den Raum und sogleich fühlte er, wie die grenzenlose Dunkelheit Besitz von ihm ergriff. Nicht nur, dass er nichts sah, nein, auch aus seinem Inneren schien jegliches Licht verschwunden zu sein.

Er kannte dieses Gefühl, kannte es zu Genüge. Überall, wo der dunkle Lord auftrat, schien es, als söge er alles Licht in sich auf und hinterlasse nichts als grenzenlose Finsternis.

Langsam, ganz langsam gewöhnten Snapes Augen sich an die veränderten Lichtverhältnisse und er konnte schwach die Konturen eines… Wesens… vor sich ausmachen.

Er konnte seinen eigenen Herzschlag in den Ohren rauschen hören, als er sich langsam auf die Knie sinken ließ.

Und dann erschien es ihm, als sei die Luft im Zimmer in Schwingungen versetzt worden, unterschwellig böse Schwingungen, die sich rasch zu einer flüsternd zischenden Stimme formten.

Als die Stimme Voldemorts an Severus' Ohr drang, war es so, als habe sich eine eiskalte Hand fest um sein Herz gelegt.

„Snape.", zischte die Stimme und der scharfe S-Laut zerschnitt die Luft. „Das wird aber auch Zeit."

Severus wagte keine Antwort, ehe er nicht ausdrücklich darum gebeten wurde.

„Ich habe dich zu mir gerufen, weil ich dir etwas zu sagen habe."

Die spärlichen Konturen glitten näher, blieben vor Severus stehen und zwei blitzende Augen bohrten sich in sein gesenktes Haupt wie zwei weiß glühende Kohlen. Kurz darauf packte der stahlharte Griff einer knöchernen Hand Snapes Haare und riss ihn daran auf die Beine.

Severus gab keinen Laut von sich. Er wusste, es würde ihn teuer zu stehen kommen.

„Rutsch nicht auf dem Boden herum, wie ein elender Wurm!", zischte Voldemort. „Ich spreche ungern zu wimmernden Kriechtieren!"

Snape nickte und stöhnte sogleich laut auf, als sengender Schmerz seinen gesamten Körper erfasste.

„Du antwortest gefälligst mit „Ja, mein Lord!", wenn ich dir etwas befehle.

„Ja, ja, mein Lord…", brachte Severus mit gebrochener Stimme hervor.

In Momenten wie diesen hätte er sich liebend gerne seinen Zauberstab genommen und sich gewaltsam aus der Demütigung befreit, die er empfand. Doch es ging nicht, er musste durchhalten. Durchhalten oder sterben.

„Schon besser." Der eiskalte Atem des dunklen Lords strich über Severus' Wangen und sorgte dafür, dass sich alle Haare an seinem Körper aufrichteten.

„Und jetzt empfehle ich dir, dass du mir gut zuhörst!"

„Ja, mein Lord."

„Ich hörte, du hast dir ein kleines Spielzeug zugelegt, ist das richtig?"

„Ja, mein Lord." Verzweiflung kroch in der Seele des Todessers hinauf. Es ging um Lupin. Was konnte der dunkle Lord von ihm wollen? Verbissen konzentrierte er sich darauf, seinen Geist gegen den Voldemorts zu verschließen.

„Remus Lupin. Er ist einer von Dumbledores besten Männern. Oh… ich sollte sagen. Er WAR. Schließlich weilt der gute Dumbledore nicht mehr unter uns. Dank dir."

„Ja, mein Lord." Severus musste hart schlucken, um den Kloß aus seiner Kehle zu bekommen.

„Lupin hat auf meiner Seite zu viel Schaden angerichtet, als dass ich dich ihn einfach so töte lasse. Ich möchte, dass du ihn am Leben lässt. Lange. Mach ihm sein schmähliches Dasein zur Hölle!" Er ließ ein kurzes, grässliches Lachen hören. „Das wirst du doch sicher gerne tun, habe ich nicht Recht?"

Severus zögerte. Voldemort verlangte von ihm, dass er Remus folterte, ihn quälte und zerbrach. Sein Herz schien bei dem Gedanken in tausend kleine Stücke zu zerbersten.

„ICH HABE DICH ETWAS GEFRAGT!"

Erneut drang dieser allumfassende Schmerz in Snapes Körper und sorgte dafür, dass ihm der Schweiß aus allen Poren trat und seine Zunge sich trocken an seinen Gaumen klebte.

„Ja, mein Lord.", presste er hervor. Nur Voldemorts eisenharter Griff hielt ihn auf den Beinen.

Und eben jenen Griff lockerte der Lord nun, sodass Severus zu Boden sackte wie ein nasser Sack.

„Geh jetzt! Und verlass dich drauf, dass ich mir dein „Werk" zu gegebener Zeit ansehen werde. Ich will Lupin als gebrochenen Mann wieder sehen, als seelenlose Hülle seiner selbst!"

„Ja, mein Lord.", flüsterte Severus. Er sammelte seine letzten Kräfte zusammen, um sich zu einem ziemlich wackligen Stand zu erheben. Langsam schleppte er sich zur Tür. Als er gerade die Klinke herunterdrückte, erhob sich ein weiteres Mal die zischende Stimme Voldemorts:

„Und Snape. Solltest du meinen Befehl aus irgendwelchen bizarren Gründen nicht ausführen… werde ich dafür sorgen, dass du NIE mehr einen Befehl ausführst."

Severus schluckte hart und beeilte sich, das Zimmer zu verlassen.

Als er sein Zimmer betrat, hatte er sich so weit unter Kontrolle, dass von dem heftig schüttelnden Schmerz nur noch ein schwaches Zittern übrig geblieben war.

Er schloss die Tür hinter sich und atmete einmal tief durch.

Dann lehnte er sich mit geschlossenen Augen gegen das Holz, als er eine zaghafte Berührung am Arm verspürte.

„Severus, was ist mit dir?", fragte Remus.

Es hatte nicht abweisend geklungen, doch der Werwolf schaffte es aufgrund seiner unterschwelligen Wut auch nicht, seiner Stimme einen aufrichtig besorgten Klang zu geben.

„Nichts.", antwortete deshalb auch Severus barsch und ging einige Schritte in den Raum hinein, um der Berührung zu entfliehen.

Remus' Hand ballte sich langsam zur Faust.

„Schön. Dann bist du ja sicher in einer guten Verfassung, um mir zu erläutern, warum zum Teufel du mich in einem Zimmer einsperrst, dessen Türen mit einer Art verschärftem Cruciatus gesichert sind!"

Severus seufzte und brauchte eine Weile, bis Remus' Vorwurf in sein Gehirn gesickert war.

„Cruci…? Achso… niemand, kann die Türen öffnen, der nicht das dunkle Mal trägt. Das war nicht meine Idee…"

„Oh, aber wirklich nett, dass du mich darauf hingewiesen hast!", erwiderte Remus bissig und fühlte mit einem Mal, wie ihn erneut diese fiebrige Schwäche übermannte. Er ging hinüber zum Stuhl, ließ sich darauf nieder und stützte den Kopf in die Hände.

Severus erwiderte nichts. Ernst und gedankenverloren ging er zum Fenster hinüber.

„Was wollte Voldemort von dir?", hörte er Remus murmeln und zuckte bei der Erwähnung des Namens sichtlich zusammen.

„Nenn ihn nicht beim Namen!", zischte er deshalb, doch sogleich legte sich seine Wut wieder und er fuhr mit ruhigerer Stimme fort: „Er hat mich darauf hingewiesen, wie ich mich dir gegenüber zu verhalten habe." Mit einer Hand fuhr er sich ungelenk durch sein schwarzes Haar.

Remus blickte auf. Seine Miene drückte Überraschen und Bestürzung aus.

„Du sollst mich töten, hab ich Recht?"

Zitternd erhob sich der Werwolf. Mit einem Mal schwirrte sein Kopf und ihm wurde übel. Gleichzeitig kroch eine eisige Kälte seinen Körper hinauf und schien auch sein Herz anzugreifen.

„Sag schon, ist es das?", wiederholte er heiser.

Severus wandte sich langsam um und bedachte ihn mit einem undefinierbaren Blick.

„Nein. Nein, das nicht."

„Aber… was denn dann?"

Severus antwortete nicht sofort, senkte nur seine schwarzen Augen. Als er seine Stimme schließlich doch erhob, war es ihm, als müsse er um jedes Wort eiserner kämpfen als um sein eigenes Leben in den zahlreichen Schlachten, die er geschlagen hatte.

„Er verlangt von mir, dass ich dich völlig zerstöre. Körperlich wie seelisch."

Die gepressten Worte hatten gequält geklungen. Dennoch trafen sie Remus mit einer solchen Brutalität, dass das Schwirren hinter seiner Stirn zu einem unerbittlichen Schwindelanfall ausartete und er mit einem tiefen Stöhnen zu Boden sackte.

„Bitte sag mir, dass du das nicht tun wirst. Bitte.", flüsterte er.

Severus schwieg aber er trat vor Remus und betrachtete den auf hartem Stein kauernden Mann, welcher seinen Blick nach oben richtete.

„Du tust es nicht, oder?"

Und als Severus in die flehenden braunen Augen sah, wusste er, dass er es nicht tun würde. Nicht tun konnte. Hatte es je einen Teil von ihm gegeben, der bereit war, jeden Befehl Voldemorts ohne zu fragen auszuführen, so hatte dieser Teil sich jetzt umgewandelt in den Wunsch, diesen Mann da vor sich zu schützen. So bedingungslos und hartnäckig, wie es nur irgendwie möglich war.

„Nein.", drang die geflüsterte Antwort an Remus' Ohr und der Werwolf konnte die verzweifelte Entschlossenheit heraus hören.

Gleich darauf wurde ihm eine kühle, raue Hand entgegen gestreckt und er wurde auf die Beine gezogen. Schwindelnd taumelte er nach vorne und fiel gegen Severus' Brust, der sich nicht regte.

Alles, was der Todesser tat, war ihm eine Hand an die Stirn zu legen.

„Du hast Fieber.", stellte er sachlich fest. „Du solltest dich hinlegen."

Remus nickte und fühlte, wie tiefe Erschöpfung Besitz von ihm ergriff. So bekam er gerade noch mit, wie er sanft aber bestimmt auf die schmale Pritsche gedrückt wurde.

Noch während schon die ersten Wogen des unweigerlichen Schlafs über ihn glitten, fragte er:

„Was geschieht mit dir, wenn du den Befehl verweigerst?"

Severus blickte auf ihn herab, strich mit einem Finger über seine Hand und antwortete erst, als Remus schon längst nichts mehr mitbekam.

„Daran möchte ich lieber gar nicht denken."

Als Remus erwachte, war er wieder allein. Die Schmerzen in seinem Kopf hatten nachgelassen und pochten nur noch undeutlich in seinen Hirnwindungen.

Ächzend setzte er sich auf und brauchte eine Weile, um sich in dem nunmehr dunklen Zimmer zu orientieren.

Dunkel? Warum war es dunkel?

Wie lang hatte er geschlafen?

Zittrig und ungelenk erhob er sich vom Bett und trat ans Fenster. Er blickte auf den in Finsternis getauchten Wald und nur der Halbmond warf ein gespenstisches Licht über die Wipfel.

Wo war Severus? Hatte Voldemort ihn erneut zu sich gerufen?

Remus konnte sich nicht helfen, doch eine unbestimmte Angst kroch in ihm hoch.

Was, wenn der Lord Severus bestraft hatte, weil er noch nicht begonnen hatte, ihn zu foltern?

Wenn Severus getötet werden sollte, war er den Händen der Todesser schutzlos ausgeliefert.

Er brauchte Severus. Severus war das einzige menschliche Wesen, das er in diesen Mauern zu Gesicht bekam.

Verdammt, wieso hatte er ihn schon wieder allein in diesem schrecklichen Gefängnis gelassen?

Remus legte seine Stirn gegen das kühlende Glas des winzigen Fensters.

Er wurde einfach nicht schlau aus dem Todesser.

War er nun auf seiner Seite? Würde er ihn wirklich beschützen, so wie er es versprochen hatte?

Oder würde er im entscheidenden Moment doch hinter Voldemort stehen und ihn, Remus, verraten, so wie er sie alle schon einmal verraten hatte?

Konnte er wirklich annehmen, dass Snape sich selbst in Gefahr brachte, um ihn zu retten?

Wohl kaum…

Aber blieb ihm in dieser Festung der Todesser überhaupt etwas anderes übrig, als all seine Hoffnungen in Snape zu setzen?

War Severus nicht alles, was er noch hatte? Der einzige, den er sehen würde? Für den Rest seines Lebens?

Eben jener Severus Snape eilte auf die kleine Muggelsiedlung zu wie neunzehn anderer Todesser neben ihm.

Das Mal an seinem Arm brannte entsetzlich und er hatte den Zauberstab in seiner Umhangtasche fest umklammert, sodass die Fingerknöchel weiß hervortraten.

Die Todessermaske erschien ihm ungewöhnlich schwer in der heutigen Nacht.

Es kam ihm vor, als nehme sie ihm den Atem, drücke ihn zu Boden und lege ihn in Fesseln. Fesseln, die ihn immer wieder zu Taten zwangen, die er im Grunde seines Herzens gar nicht tun wollte.

Doch er hatte keine Wahl und so heftete er seinen Blick stur an den Hinterkopf seines Vordermannes und schritt weiter auf die unbeleuchteten Häuser der Muggel zu, die seelenruhig in ihren Betten schliefen, nicht wissend, welcher Schrecken da gerade auf sie zukam.

Und auch nicht wissend, dass sie diese Nacht nicht überleben würden.

Der Todesser an der Spitze hob seine schwarz behandschuhte Hand und Severus, wie auch all die anderen versammelten sich in einem Halbkreis um ihn.

Der Anführer erhob seine eiskalte Stimme, die er zu einem künstlich klingenden Flüstern zwang.

„Der Meiser wünscht, dass kein Dorfbewohner am Leben bleibt. Löscht sie alle aus. Die Todesser können erst dann über die Erde regieren, wenn auch die Muggel bezwungen sind.

Betrachtet dies als… erste Warnung."

Dann wurden ihnen allen die Wohnungen zugeteilt, die sie zu „säubern" hatten.

Severus wandte sich von den anderen ab und lief schnellen Schrittes auf ein kleines Einfamilienhaus zu, dessen altmodische Klappläden leise im Wind knarrten.

Er stieg über den Zaun und als er an der grün gestrichenen Haustür ankam, fiel sein Blick auf das fröhlich einladende „Willkommen", das auf der Fußmatte prangte.

Achtlos richtete er seinen Zauberstab auf die Tür, woraufhin diese lautlos aufsprang, und stieg über den Schriftzug hinweg.

Innen durchsuchte er rasch das Untergeschoss – leer, wie nicht anders zu erwarten – ehe er die Treppe hinauf zu den Schlafzimmern stieg.

Die Holzstufen ächzten unter Severus' Gewicht, doch er störte sich nicht daran.

Im ersten Zimmer, das er betrat, stand eine kleine Wiege. Severus trat vor sie und betrachtete das friedlich schlafende Kind im hellblauen Strampelanzug, welches darin lag.

Eigentlich war er ganz froh, dass die einzige Lichtquelle der fluoreszierende Sternenhimmel an der Zimmerdecke war, sodass er die Gesichtszüge des Babys nicht sehen musste.

Er umklammerte erneut seinen Zauberstab, presste ihn dem Kind an die Kehle und noch ehe das davon erwachende Baby einen Schrei ausstoßen konnte, war seine Stimme auf ewig verstummt.

Severus hielt sich nicht lange auf. Zu viele Menschen hatte er in letzter Zeit getötet.

Zwar waren diese alle Zauberer gewesen, meist Erwachsene, doch er hatte keine Zeit für solche Haarspaltereien.

Außerdem hatte sein Vater ihn gelehrt, dass auch Muggel abgrundtief böse sein konnten.

Als er das Zimmer verließ, war das einzige Geräusch das durch den Luftzug klimpernde Mobile, welches über der Wiege hing.

Severus ging in das Schlafzimmer der Eltern. Ihr Schicksal glich sich dem des Kindes.

Sie erwachten nicht einmal, ehe sie für immer einschliefen.

Ohne Eile verließ Snape dann das friedliche Haus mit seinen nunmehr auf ewig friedlichen Bewohnern.

Er hatte noch anderes zu tun. Unzählige Häuser warteten nur darauf, dass er sie ebenfalls besuchte.