Kapitel 4

Nachgeschmack

Als Severus zum Schloss zurückkehrte, fühlte er sich müde und ausgelaugt.

Er empfand keine wirklichen Schuldgefühle für das, was er getan hatte aber dennoch blieb jedes Mal ein bitterer Nachgeschmack zurück.

Der Geschmack des Todes.

Der Geschmack von Hilflosigkeit.

Ehe er die schwere Eingangstür öffnete, verharrte er in der Finsternis und schaute in den ungewöhnlich klaren Sternenhimmel.

Die Morgendämmerung war noch nicht eingetreten, doch Severus hatte das unbestimmte Gefühl, dass es nicht mehr allzu lange dauern würde.

Nicht mehr lange, dann würde die Muggelwelt von dem Massaker erfahren, dass er und die anderen angerichtet hatten.

Ein eisiges Frösteln gelangte auf seine Haut und er entschied, dass selbst seine feuchte, zugige Kammer besser war, als die Kälte des herannahenden Morgens. Also drückte er die Eisenklinke herab. Die Tür schwang auf, verschlossen war sie nie. Warum auch? Der Bann tat sein Übriges.

Severus lief die langen Korridore und engen Treppenhäuser hinauf, bis er vor dem ihm zugeteilten Zimmer stand.

Lautlos nahm er seine Todessermaske ab und trat ein.

„Da bist du ja endlich.", schlug ihm ein heiseres Flüstern aus der Dunkelheit des Raumes entgegen. Severus wurde aus seinen Gedanken gerissen und er erschrak.

Remus. Natürlich. Wie hatte er das vergessen können?

„Warum schläfst du nicht?", gab er schroff zurück.

„Ich wurde wach und da warst du weg. Wenn du mich schon hier festhältst, kannst du mir wenigstens Bescheid sagen, wenn du gehst." Remus schwieg einen Augenblick und Severus konnte seine nervösen Atemzüge hören.

„Ich hasse es, hier allein zu sein."

Severus seufzte und entzündete die einzelne Kerze mit einem Schwank seines Zauberstabs.

„Ich hatte zu tun."

„Zu tun?", echote Remus leise. Er blinzelte aufgrund der plötzlichen Helligkeit und fixierte dann Snape.

„Was hattest du zu tun?"

„Nichts weiter. Das sollte dich nicht kümmern. Statt dir Sorgen um meine Aktivitäten zu machen, solltest du Angst vor deiner eigenen Zukunft haben."

Remus schluckte trocken und senkte den Blick.

Severus fühlte, wie eine plötzliche. hilflose Wut Besitz von ihm ergriff.

Er war wütend, weil Remus sich in Dinge einmischte, über die Severus selbst niemals ein Wort verloren hatte.

Wütend, weil er Remus mit seinen Worten scheinbar ernsthaft gekränkt hatte.

Wütend über all die Dinge, die erbarmungslos über ihn hereinbrachen.

Die völlige Erschöpfung, das unbestimmte, schmutzige Gefühl in seinem Inneren, die plötzlich wieder aufwallende Schuld, weil er Remus nicht helfen konnte.

„Ich hab's nicht so gemeint.", presste er hervor. „Aber frag mich nie wieder danach, nie."

Severus' Worte ließen keinerlei Widerspruch zu.

„Versprich es mir, Remus."

„In Ordnung.", kam die resignierte Antwort.

Severus atmete zischend aus und ließ sich dann neben Remus auf der Bettkante nieder.

Der Werwolf sah auf und bemerkte die tiefen Ringe unter den Augen des Todessers.

„Geht es dir nicht gut?"

„Ich bin in Ordnung. Mir fehlt nur etwas Schlaf."

„Dann leg dich jetzt hin. Warte." Remus erhob sich. „Hier, jetzt hast du Platz."

Severus erwiderte nichts, sah ihn eine Weile nur an.

‚Ich verstehe ihn nicht. Ich an seiner Stelle würde ausrasten, wenn man mich hier gegen meinen Willen festhielte. Aber er… ist obendrein noch freundlich zu mir…'

Severus schloss die Augen und ließ sich zurück auf die harte Matratze sinken.

Remus wandte sich um und stellte sich eine Weile vors Fenster. Es dauerte nicht lange, bis Snapes tiefe Atemzüge verrieten, dass er eingeschlafen war.

Der Werwolf ging zum Tisch und hob die Todessermaske auf, die Severus dort abgelegt hatte.

„Vielleicht ist es besser, dass ich nicht weiß, wo du warst.", flüsterte er.

Dann fiel sein Blick auf Snapes Zauberstab.

Er hätte ihn sich nehmen und alles Mögliche tun können. Doch nichts, gar nichts konnte er tun, um diesem Gefängnis zu entkommen.

Snape hatte das gewusst. Warum sonst hatte er seinen Zauberstab hier einfach so liegen lassen?

Ein Zittern lief durch Remus' Körper. Auch wenn sein Fieber heruntergegangen war, gesund war er lange nicht.

Er ging zu der Wand neben dem primitiven Schrank und legte die Hand gegen eine schon recht abgenutzte Stelle. Dahinter befand sich, wie er herausgefunden hatte, das Bad. Die Wand gab lautlos eine Öffnung frei.

Nun gut, Bad war wohl nicht der richtige Ausdruck. Vielmehr eine alte, schäbig graue Toilette, ein Waschbecken, das gerade mal so groß wie seine beiden aneinander gehaltenen Handflächen war und ein hölzerner Bottich, der wohl als Wanne diente.

Heißes Wasser gab es keines und so begnügte sich Remus mit einigen wenigen Spritzern eisigkalten Wassers, um sich das Gesicht zu waschen.

Das Wasser roch nicht besonders gut und er wollte besser nicht wissen, woher es kam, dennoch half es ein wenig, um die ärgste Schlappheit aus seinen Gliedern zu vertreiben.

Dann aber hielt ihn nichts mehr in diesem winzigen Raum, dessen Wände aus demselben grauen Beton waren wie der Rest des Zimmers.

Er ging zurück und setzte sich an den kleinen Tisch, starrte in die orangegelbe Flamme und versuchte angestrengt, nicht an das Leben zu denken, dass vor ihm lag. Denn der Gedanke, nie mehr hier heraus zu kommen, beherrschte seinen Kopf, sodass er Angst bekam, er könnte wahnsinnig darüber werden…

Severus erwachte durch den scharfen Schmerz in seinem Unterarm.

Sein dunkles Mal brannte fürchterlich. Wieder. Schon wieder.

Schon oft hatte der Lord ihn für seine Befehle zu sich gerufen, doch niemals so oft hintereinander.

Was konnte diesmal der Grund sein? Gönnte er ihm nicht einmal ein paar Stunden Ruhe?

Severus sprang vom Bett auf und riss damit Remus so heftig aus seinen Gedanken, dass der erschrocken hochfuhr. Der hölzerne Stuhl fiel mit einem lauten Poltern zu Boden.

„Verdammt, was ist los?", rief der Werwolf atemlos.

„Der dunkle Lord. Er ruft mich."

„Was? Schon wieder?"

Angst schwang in Remus' Worten mit. Das konnte nichts Gutes verheißen.

Snape fuhr sich mit einer Hand durch die Haare und schüttelte die bleierne Schwere des Schlafes von sich.

Er machte sich darauf gefasst, Voldemort erneut gegenüberzutreten. Neue Demütigungen würden auf ihn warten. Neue Schmerzen.

Oft fragte sich Snape, wie der Lord eigentlich über ihn dachte.

Eigentlich schien er ihm zu vertrauen, ihn zu seinen höchsten und besten Todessern zu zählen.

Andererseits… wenn der Lord so mit seinen besten Männern umging wie mit ihm, wollte er nicht wissen, wie es den niederen Todessern erging. Bei dem Gedanken sträubten sich seine Nackenhaare.

„Ich muss gehen.", versetzte Snape, doch in diesem Moment merkte er, dass irgendetwas anders war als sonst.

Normalerweise, wenn er gerufen wurde, hatte er das Gefühl, dass das dunkle Mal alleine ihn zu seinem Meister führte. Dass seinem Kopf jegliche Entscheidungen abgenommen wurden.

Diesmal jedoch… war da nichts.

Kein Ziel, welches ihm klar vor Augen stand, kein Weg, der sich ihm auftat.

Unschlüssig blieb Severus mitten im Zimmer stehen und versuchte, das Gefühl einzuordnen.

Remus kam auf ihn zu, sah ihn misstrauisch an.

„Worauf wartest du dann?", fragte er leise, erhielt aber keine Antwort.

Stattdessen weiteten sich plötzlich Snapes nachtschwarze Augen, als ihm bewusst wurde, was hier geschah.

Es war gar nicht verwunderlich, dass der Lord ihm kein Ziel vorgab.

Der Lord kam zu ihm!

Severus hatte das Gefühl, ihm werde der Boden unter den Füßen weggerissen.

Niemals zuvor hatte Voldemort sein Zimmer betreten. Der kleine, unwohnliche Raum war seine letzte Rückzugsmöglichkeit gewesen, etwas, wo er sich der Illusion hingegeben hatte, unbeobachtet zu sein.

Sicher, niemand war vor dem alles sehenden Blick des Lord gefeit gewesen, jeder wusste, dass er überall Zugang hatte. Doch jetzt, wo er tatsächlich hierher kam, traf es Snape unvorbereitet und hart.

‚Er hält sich an seine Drohung! Er kontrolliert, ob ich mich Remus gegenüber so verhalte, wie er es wünscht!'

Schockiert starrte der Todesser zuerst auf die Tür und dann auf den Werwolf.

„Remus! Wenn dir dein Leben lieb ist, dann leg dich schleunigst aufs Bett und rühr dich nicht!"

Erschrocken schaute Lupin ihn an und eine Schweißperle bildete sich auf seiner Stirn.

„Was soll das, Severus, was geht hier vor"

„Tu es einfach!", herrschte Snape ihn an.

Remus merkte, wie ernst es ihm war. Rasch tat er wie ihm geheißen.

Als er auf der dünnen Pritsche lag, überkam ihn ein Gefühl plötzlichen Grauens. Er konnte nicht genau sagen, woher es kam, oder was es verursachte, aber er entschied, dass er es sich nicht bloß einbildete.

Als sich die Klinke der Tür bewegte, wurde ihm auf erschreckend eindringliche Weise bewusst, woher dieses Gefühl gekommen war und in einer Geste des Grauens presste er die Augen zusammen.

Severus wagte sich nicht zu rühren. Seine Augen verfolgten, wie sich die Tür Spalt um Spalt öffnete und fühlte, wie eine unnatürliche Kälte von draußen hereindrang. Schlagartig schien sich die Temperatur um mehrere Grad heruntergekühlt zu haben.

Reflexartig wandte er seine Augen von der Tür ab und ging in die Knie.

„Snape.", zischte Voldemort mit einer Stimme, die nicht nur dem Todesser, sondern auch Remus das Blut in den Adern gefrieren ließ.

„Wie kommst du voran mit deinem… Auftrag?"

„Gut, mein Lord.", antwortete Snape, verzweifelt darum bemüht seinen Worten eine gewisse Nachdrücklichkeit zu vermitteln.

Die Tür fiel scheppernd ins Schloss.

Auch ohne, dass Severus die Augen hob, wusste er, dass der Lord näher gekommen war. Seine unangenehme Existenz glitt an ihm vorüber und Severus' Herz schlug einige Takte schneller, als ihm bewusst wurde, dass er vor Remus stehen geblieben war.

Eben jenem wurde es unerträglich zumute, als eine kühle, knochige Hand seinen Arm umklammerte und eisern verdrehte.

Er musste seine Zähne fest zusammenbeißen, um nicht vor Schmerz aufzuschreien.

„Komm hierher, Snape.", ertönte die Stimme unfreundlich und der Schwarzhaarige gehorchte sofort.

Er blieb neben Voldemort stehen, wobei er unbewusst einen halben Meter Abstand zu ihm ließ.

„Ich habe eine kurze Frage an dich, Snape."

„Und die wäre, mein Lord?"

Langsam drehte sich die hässliche Fratze, welche Voldemort sein Gesicht nannte, zu Severus um und er war gezwungen, in die kalten, bösartigen Augen zu sehen, von denen er jedes Mal das Gefühl hatte, sie könnten bis in seine Seele hinein blicken.

„Habe ich dir nicht ausdrücklich befohlen, Lupin seelisch wie körperlich zu zerstören?"

Severus widerstand der Versuchung, seinen Blick von Voldemorts Augen abzuwenden.
'Das kommt einem Geständnis gleich.', schoss es ihm durch den Kopf.

Stattdessen antwortete er nur: „Ja, mein Lord, das habt Ihr."

„Nun, Snape… WIE, frage ich dich, kommt es dann", seine Stimme schwoll zu einem aggressiven Keifen an, „dass dieser Dreckskerl noch völlig UNVERSEHRT IST!"

Voldemort verdrehte Remus' Arm so heftig, dass dieser nicht anders konnte.

Mit einem schrillen Schrei schlug er die Augen auf und bewegte sich so, dass der Griff des Lords nicht mehr allzu schmerzhaft war.

Severus taumelte mit schockiertem Blick rückwärts.

„Also… das… ich weiß auch nicht, mein Lord, ich…ARGH!"

Schlagartig verstummte er, als gleißender Schmerz vor seinen Augen explodierte und er glaubte, das Bewusstsein verloren zu haben, als er sich kurz darauf auf dem harten Betonboden liegend wieder fand.

Stöhnend öffnete er die Augen und bekam dunkel mit, wie Remus auf das Bett zurückgeschleudert wurde.

Dann geschah einen Moment lang gar nichts. Snape wusste nicht genau, wie viel Zeit verstrich, zählte nur die rasselnden Atemzüge des dunkeln Lords.

Irgendwann schlug dann die Tür mit einem ohrenbetäubenden Knall auf und zwei maskierte Todesser betraten das Zimmer.

„Nun, mein lieber Snape.", spottete Voldemort. „Ich denke, ich sollte dir einen Vorgeschmack auf das bieten, was geschieht, wenn man sich mir widersetzt!"

Dann wandte er sich an die Todesser, deren Augen durch die Maske hindurch begierig funkelten.

„Zuerst werdet ihr mit der Arbeit beginnen, die unser gemeinsamer Freund hier nicht ausgeführt hat. Und dann…" Er ließ sein widerliches Lachen hören. „Dürft ihr auch Snape ein paar Manieren beibringen."

Mit wehendem Umhang verließ Voldemort das Zimmer und ließ Snape und Lupin in einem Szenario der Angst zurück.