Kapitel 5

Lehrmethoden

Severus fixierte die beiden dunkel verhüllten Todesser und stöhnte leise.

Handlanger. Niedere Bedienstete, die zu nichts zu gebrauchen waren, außer für Folterungen und barbarische Zerstörung.

Wie widerlich die Situation auch war, in der er sich befand, am allerschlimmsten war die Tatsache, dass er zwei Menschen ausgeliefert war, die ihm intellektuell nicht einmal bis zum Bauchnabel reichten.

Menschen, die vielleicht schon von ihm selbst Befehle entgegen genommen hatten.

Konnte seine Demütigung größer werden?

Er wusste nicht, was genau die Hünen mit ihm vorhatten, doch es würde nicht angenehm werden, dessen war er sich sicher.

Wenn er Glück hatte, kamen er und Remus mit ein paar gebrochenen Rippen davon. Im schlimmsten Fall… nun, er verzichtete lieber darauf, diesen Gedanken zu Ende zu führen.

Der größere der beiden Todesser stellte sich vor ihm hin, packte ihn am Kragen und hob ihn in die Höhe. Sein Kehlkopf wurde grob zusammengepresst und es bereitete ihm sichtlich Mühe zu atmen.

„Niemand widersetzt sich dem dunklen Lord.", sagte der Handlanger seinen wohl eingeübten Spruch auf und noch ehe Severus eigentlich wusste, wie ihm geschah, hieb sich eine bullige Faust in seinen Magen.

Severus biss die Zähne zusammen und sog mit einem zischenden Geräusch scharf die knappe Luft durch seine Luftröhre.

„Wir werden dir und dem Mistkerl dort hinten schon Manieren beibringen."

Severus wusste, es würde besser sein, wenn er keinen Widerstand leistete.

Einfach nichts tun und hoffen, dass es bald vorbei ist.

Der Todesser ließ ihn los und er taumelte rückwärts gegen den kleinen Tisch. Fest presste er die Hände auf den Bauch und versuchte, seinen röchelnden Atem unter Kontrolle zu bringen.

Aus zusammen gekniffenen Augen bekam er mit, wie der Todesser zu seinem Gefährten ging und ihm feixend auf die Schulter schlug.

„Nehmen wir uns erst mal den hier vor.", drang es an Severus' Ohr, als der Größere der beiden auf Remus zeigte.

Remus hatte mit zutiefst erschrockenem Blick das Geschehen beobachtet.

Zu perplex, sich zu bewegen.

Wer hätte gedacht, dass Voldemorts Anhänger selbst in seinen eigenen Reihen so gnadenlos sein könnten?

Sorgenvoll glitten seine Augen über Snape, der sich mit schmerzverzerrtem Ausdruck den Bauch hielt und dann auf die beiden Todesser, welche ihn anstarrten wie der Metzger das Vieh, dem er gleich den Gnadenstoß versetzt.

‚Er verlangt von mir, dass ich dich völlig zerstöre. Körperlich wie seelisch.'

Das waren Snapes Worte gewesen. Und nun? Würden diese beiden maskierten Arme Voldemorts Severus seine Aufgabe abnehmen?

„Na, du Dreckskerl.", sprach ihn einer der beiden Hünen an. „Schlottern dir schon die Knie? Das sollten sie zumindest. Wir sind nicht gerade zimperlich."

Er lachte kreischend auf. Für Remus ein absolut infernalischer Lärm.

Der andere Todesser trat auf ihn zu. In seinen Augen stand etwas, das Remus sofort auffiel.

‚Sadistische Gier', schoss es ihm durch den Kopf.

Dann plötzlich wurde er an beiden Schultern gepackt und gegen die hinter dem Bett befindliche Wand gepresst, sodass er seine Schulterblätter knacken hörte.

Er stöhnte leise auf vor Schmerz.

‚Mach, dass sie aufhören. Lass nicht zu, dass sie mir etwas antun…'

Remus wusste nicht, wen er da anflehte. Gott? Sich selbst? Oder Severus?

Egal, wen er um Hilfe gebeten hatte, er wurde nicht erhört.

Der andere Todesser hatte mit seiner schweren Pranke ausgeholt und ihm mit dem flachen Handrücken ins Gesicht geschlagen.

Sterne tanzten vor seinen Augen und sein Schädel pochte vor Schmerzen. Er wusste nicht, ob er geschrieen hatte, denn seine Ohren klingelten so laut, dass jedes Geräusch für wenige Augenblicke ungehört blieb.

Severus stieß einen gequälten Laut aus, als er den klatschenden Ton hörte, den der Schlag des Todessers verursacht hatte.

‚Tu was. Lenk ihn von Remus ab.'

„Ich fasse ja gar nicht, dass ihr, reinblütige Zauberer, schon auf Muggelmethoden zurückgreifen müsst. Führt euch auf wie zwei irre Schläger."

Mit einem belustigten Ausdruck in den Augen drehte sich der Todesser, der Remus an die Wand presste, zu ihm um.

„Halts Maul, okay? Du bist später dran. Überlass uns hier die Arbeit. Du hast es ja nicht fertig gebracht, sie auszuführen, deshalb geht dich das einen feuchten Dreck an."

Severus presste die Augen zusammen und wandte sich resigniert ab. Wenn er Remus schon nicht helfen konnte, wollte er dessen Leid wenigstens nicht mit ansehen.

Remus. Da war diese alles entscheidende Frage wieder und bohrte schmerzhafter denn je.

Was war es, das er für den Werwolf empfand? Warum ging dessen Schicksal ihm so nahe, bedeutete ihm dessen Leben so unendlich viel?

‚Zumindest töten wollen sie ihn nicht… nur quälen.'

Keine besonders guten Aussichten, wie er sich eingestand.

Der Todesser richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Remus. Er witterte die Angst, die er hatte, wie ein Jagdhund es bei einem waidwunden Tier vermochte.

Er ließ Remus' Schulterblätter los und fasste ihn stattdessen am Kragen. Sein Gesicht war nun dem des Werwolfs so nahe, dass diesem sein widerlicher Atem entgegenschlug. Kalt und übel… genauso wie das Herz des Todessers.

„Rate, was wir mit dir vorhaben!", forderte er Remus auf. „Na los, komm schon, rate!"

Remus schwieg, oder vielmehr blieben ihm seine Worte im Halse stecken.

Wozu auch antworten? Egal, was es war, auf Schmerzen lief es so oder so hinaus.

„Du willst nicht antworten? Nun gut, dann werden wir es dir wohl zeigen müssen."

Der Todesser schüttelte den Kopf, als belehre er ein unartiges Kind.

Dann ließ er Remus an der Wand hinabrutschen und nickte seinem Gefährten zu.

„Los, halt ihn fest."

Remus schrie laut auf, als der andere Todesser seine Arme packte und sie ihm hinter den Kopf drehte. Der erste hob sein Kinn in einer brutalen Geste an und zwang Remus, ihm in die kalt glühenden Augen zu blicken.

„Also, dann pass jetzt gut auf."

In einer ungehaltenen Bewegung riss er Remus die Kleidung vom Oberkörper.
Der Werwolf drehte stöhnend den Kopf zur Seite.

Zufrieden beobachtete der Todesser, wie sich der Brustkorb seines Opfers hektisch hob und senkte. Dann legte er seine Hand auf die nackte, vernarbte Haut und zog in einer einzigen Geste mit den Fingernägeln darüber. Zurück blieben rote Striemen, aus denen vereinzelte Blutstropfen sickerten.

Remus hatte keinen Ton von sich gegeben, doch seine zusammengepressten Augen verrieten seinen Schmerz.

Severus schaute nicht zu aber allein die Geräusche reichten aus, um seinen Geduldsfaden bis zum Zerreißen anzuspannen. Es hätte nicht viel gefehlt und er hätte sich auf die Todesser gestürzt. Eine Tat, die ebenso dumm wie sinnlos gewesen wäre. Und allein diese Gewissheit ließ ihn ausharren.

Der Todesser betrachtete währenddessen sein Werk. Er grinste hämisch unter seiner Maske und sagte gehässig: „Ach herrje, jetzt hab ich deine Hühnerbrust kaputt gemacht. Naja, was soll's… war eh schon ziemlich hässlich. Zum Glück bin ich nicht besonders wählerisch."

Er blickte seinen Gefährten an und beide lachten laut.

„Wie war das gerade?", ertönte da Severus' erschreckte Stimme aus der Ecke. „WAS habt ihr mit ihm vor?"

Der Todesser schmunzelte.

„Dasselbe, was mein lieber Freund hier gleich mit dir tun wird… „

Severus wurde es speiübel. Alles, nur das nicht! Er würde es nicht ertragen! Nicht Remus, nicht Remus…

„Ihr seid ja nicht ganz bei Trost! Das werdet ihr nicht tun!"

„Und WER bitte will uns daran hindern? Du etwa, Snape?"

Wieder das dreckige Lachen.

„Ja ICH!", rief Severus nun von einer unvernünftigen Wut getrieben, derer er sich eben noch mühsam hatte erwehren können.

Der Todesser rollte mit den Augen.

„Schön, wenn du so ungeduldig bist, kommst du eben auch direkt an die Reihe. Pech für dich, dann verpasst du das nette Schauspiel hier."

Wieder nickte er seinem Kumpanen zu, der daraufhin von Remus abließ und auf Severus zuging.

Remus rieb sich stöhnend die Handgelenke. Er wusste nicht genau, was mit ihm und Severus passieren würde, aber die Art, in der Snape reagierte, machte ihn hellhörig. Irgendetwas würde hier passieren, das über das hinausging, was bisher geschehen war.

„Was soll denn das? Severus? Was ist hier los?"

Severus antwortete nicht, denn der andere Todesser hatte nun ebenfalls seine Handgelenke ergriffen. Er kniff die Augen zusammen, als er bäuchlings gegen die Tischkante gedrückt wurde.

„Gnade dir Gott.", raunte sein Peiniger ihm ins Ohr.

Und da wurde Remus bewusst, was hier geschehen würde. Schwindel ergriff sein Bewusstsein und er erlebte wie in Trance, als er nun auch seiner Beinbekleidung entledigt wurde.

Er starrte nur in die bösartigen Augen, ehe sich scharfe Zähne in seinen Hals bohrten.

Hörte nur den immer gieriger werdenden Atem des Todessers.

Das erste, dessen er sich wieder mit vollem Bewusstsein entsann, war ein scharfer Schmerz, der seine Wirbelsäule hinaufjagte.

Und er schrie. Schrie im selben Augenblick wie Severus. Im selben Augenblick, als einer der Todesser laut zu lachen begann und der andere in angestachelter Hochstimmung erneut in ihn stieß.

All diese Geräusche vermischten sich zum schlimmsten Lärm, den er je gehört hatte und er wünschte sich stärker denn je, im Kampf gestorben zu sein…

Es war gegen elf Uhr in der Frühe, als Morgan Fog (1) auf seinem alten, klapprigen Fahrrad von der Landstraße in den kleinen Ort Winterville (2) einbog.

Er fuhr diesen Weg an jedem Morgen, denn hier lebte sein Großvater, der 89jährige Jimmy Fog ganz alleine, seitdem er vor 5 Jahren verwitwet war. Jimmys Herz war sehr schwach und er war außerdem auf den Rollstuhl angewiesen. Doch da Morgan sich das Geld für eine Krankenschwester oder ein ausgebildetes Heim sparen wollte, kümmerte er sich persönlich jeden Tag um seinen Großvater. Er schwang sich einfach auf seinen Drahtesel und fuhr die zweieinhalb Meilen aus dem Nachbarort her.

Morgan lehnte sein Rad gegen den alten, moosbewachsenen Jägerzaun am Hause seines Großvaters und trat durch das quietschende Tor.

Wie üblich ging er zuerst zum Briefkasten und wollte die Zeitung herausnehmen, die Jimmy trotz seines hohen Alters noch gewissenhaft von vorne bis hinten durchlas.

Umso stutziger wurde Morgan, als er den Briefkasten leer vorfand. Keine Zeitung steckte m Schlitz. Seltsam. Hatte sein Großvater sich heute selbst die Mühe gemacht, das Blättchen hereinzuholen?

Morgan kramte in der Tasche seines grauen Anoraks nach dem Haustürschlüssel. Doch als er ihn ins Schloss steckte, gab die Tür von selber nach.

Ein schreckliches Panikgefühl stieg in ihm auf.

Jimmy würde niemals so unvorsichtig sein, die Tür unverschlossen zu lassen. Das passte nicht zu ihm, er war in solchen Dingen eher übervorsichtig.

War bei seinem Großvater etwa eingebrochen worden?

Hektisch betrat Morgan den Flur und rief laut Jimmys Namen.

Angst erfasste sein Herz, als nach mehrmaligen Versuchen noch immer niemand antwortete.

Er rannte die Treppe hinauf und stieß die Tür zum Schlafzimmer seines Großvaters auf.

Als sein Blick auf das Bett fiel, setzte sein Herz einige Schläge aus.

„Opa!", rief er schmerzlich und ging neben Jimmys leblosem Leib in die Knie. Er fühle seinen Puls, drückte seine Hand und brach dann laut schluchzend über dem Leichnam seines einzigen lebenden Verwandten zusammen.

Die Polizei aus der nächsten größeren Stadt hielt es zunächst für einen Routinefall, behauptete Jimmy sei wohl an einem Herzinfarkt gestorben und habe die Tür nur zufällig aufgelassen.

Doch so wie Morgan ging es an diesem Tage vielen Besuchern von Winterville.

Als sich die Fälle häuften, wurde die Polizei schließlich doch wach. Sie ordnete an, das gesamte Dorf zu durchsuchen.

Und da wurde es zur schrecklichen Gewissheit.

Kein einziger Dorfbewohner hatte die letzte Nacht überlebt. Sie alle waren auf mysteriöse Weise ermordet worden…

(1) Selbsterfundener Charakter. Der Name hat dieses Mal keine besonders tiefgründige Bedeutung, ist nur eine kleine Spielerei meinerseits. Fog bedeutet Nebel. Morgan erinnerte mich an das deutsche „Morgen", also könntet ihr den lieben Muggel auch Morgennebel nennen.

(2) Auch das Dorf ist natürlich erfunden. Sollte es wider erwarten einen Ort mit diesem Namen in England geben, hab ich das nicht gewusst und die Übereinstimmung ist rein zufällig. ;)