Kapitel 6

Fest entschlossen

Severus hörte, wie die Zimmertür laut ins Schloss fiel.

Sehen konnte er es nicht, denn er lag bäuchlings und mit geschlossenen Augen auf dem harten Betonboden. Blut rann seine Schläfe hinab und lief ihm in den Mundwinkel. Es schmeckte metallisch und nach Schmerzen.

Stöhnend stützte er sich mit den Händen auf dem Boden ab und versuchte, sich hochzustemmen. Es gelang ihm zwar unter größten Anstrengungen, doch sofort schoss messerscharfer Schmerz durch seinen gesamten Körper.

Er blickte sich suchend um, immer noch kniend, und konnte Remus auf dem Bett liegen sehen. Er regte sich nicht, woraus Severus schloss, dass er bewusstlos sein musste.

Wütend presste der Todesser seine Zähne zusammen. Wütend und verzweifelt. Es hatte ja so kommen müssen. Wie auch hatte er glauben können, Remus vor der Macht des dunklen Lords beschützen zu können?

Nie, niemals wäre er hier sicher!

Und hinzu kam, dass Severus selbst wohl den größten Teil des Vertrauens, welches der dunkle Lord ihm entgegenbrachte, verspielt hatte.

Wie würde es jetzt weiter gehen?

Severus sah keine Möglichkeit, den Lord zu täuschen. Nicht, wenn er Remus nicht seinerseits misshandelte…

Aber das war völlig unmöglich. Ausgeschlossen.

Lieber ließ er tausendmal zu, dass die Todesser ihm das antaten, was sie gerade getan hatten.

Severus griff nach der Tischkante und zog sich daran empor. Suchend tastete er nach seinem Zauberstab und flickte notdürftig die Stofffetzen, die noch an seinem Körper hingen, nicht ohne wenigstens die gröbsten Blutspuren von seiner gepeinigten Haut zu entfernen.

Dann schwankte er zum Bett hinüber.

Der Anblick, der sich ihm bot, schnürte nicht nur sein Herz zusammen, sondern sorgte auch dafür, dass ihm schwindelig wurde. Stöhnend ging er in die Knie und musste sich an der Matratze festklammern, um nicht auf den harten Boden zurückzuschlagen.

Remus' Körper verriet deutlich, was man ihm angetan hatte.

Die dunklen Striemen und Blutergüsse auf seiner Haut vermischten sich mit den älteren Narben zu einem grotesken Muster des Schreckens. Sein Haar klebte ihm schweißnass an der Stirn, welche durch eine verkrustete Wunde gezeichnet war. Die in Ohnmacht geschlossenen Augen verkrampften sich in einer Mimik, die noch immer die Angst und den Schmerz verriet.

Zitternd ergriff Severus die Hand des Werwolfs und hielt sie fest in seiner eigenen. Als er sprach, klang seine Stimme brüchig und rau:

„Remus, verzeih mir. Ich konnte dich nicht schützen."

Doch der Werwolf zeigte keine Reaktion.

Severus stand auf und schleppte sich zum Schrank. Jeder Schritt zog sich qualvoll durch seinen ganzen Körper, doch er ignorierte es einfach. Hektisch griff er nach der Phiole, die schon bei Remus' Ankunft ihren Dienst hatte erweisen müssen.

Als Severus die Flüssigkeit auf Remus' Wunden verteilte, lief ein Zittern durch dessen Leib.

‚Bitte, wach nicht auf.', flehte der Todesser innerlich. ‚Ich bin nicht bereit, dir jetzt in die Augen zu sehen.'

Und er wurde erhört, Remus' Leib erschlaffte wieder und lag genauso totenähnlich da wie zuvor.

Severus flickte auch dessen Kleidung mit seinem Zauberstab und blickte den Werwolf dann mit einem seltsamen Ausdruck in den Augen an.

Dann, urplötzlich, krampfte sich Severus' Hand fester um die Phiole. In einer ungehaltenen Bewegung pressten sich seine Finger um das Glas, sodass die Finderknöchel weiß hervortraten. Er holte weit aus und im nächsten Moment zersplitterte die Flasche an der Wand in ihre Einzelteile.

Severus' Hände verkrampften sich in den Stoff seiner Hose und ein gepeinigter Laut entrann seiner Kehle.

In diesem Moment fasste er einen Entschluss.

Er würde sein Schicksal nicht mehr einfach so hinnehmen. Er würde fliehen, noch in dieser Nacht und Remus würde er mitnehmen.

Lange genug war er feige gewesen, hatte sich herumschubsen lassen, um sein Leben zu retten.

Aber diese Zeiten waren vorbei! Ab sofort würde er weder der Handlanger des dunkeln Lords, noch Abhängiger seiner eigenen Angst sein.

Lieber starb er auf der Flucht, als mit anzusehen, wie sein Herz mit jeder Qual, die Remus erlitt, einem tausendmal grausameren Tod erlag.

Morgan Fog saß auf dem Flur der Polizeistation, war in eine Wolldecke gehüllt und trank einen ihm dargebotenen Kaffee in winzigen Schlucken, die heiß und bitter seine Kehle hinab rannen.

Mittlerweile war es später Nachmittag und die Station war überfüllt. Überall neben sich konnte Morgan die Angehörigen der unzähligen Opfer von Winterville ausmachen. Sie teilten sich auf in zwei Gruppen.

Die eine Hälfe schrie und weinte, klammerte sich aneinander und verwandelte den Flur in einen Ort der Hysterie. Die Andere saß da wie paralysiert, sprach kein Wort und ignorierte den Lärm.

Vor dem Gebäude tummelten sich Journalisten, filmten und fotografierten und versuchten, einen der zuständigen Beamten vor die Linse zu bekommen.

Doch keiner der Beamten konnte ihnen wirklich sagen, was vorgefallen war. Alles, was sie wussten, war, dass sie hunderte Leichensäcke in die Pathologie gebracht hatten. Hunderte Leichen, ohne Verletzungen, ohne Blut, nur mausetot.

Nirgendwo in Winterville hatte sich bisher auch nur der geringste Hinweis finden lassen, was mit den Menschen geschehen war. Sicher, die Spekulationen der Presse häuften sich. Doch eine Theorie war absurder als die andere.

Morgan stellte seine Tasse zur Seite und beugte sich zu seinem Nebenmann hinüber, einem mittelalten Schwarzen, der apathisch in die Gegend starrte und eine Zeitung umklammert hielt.

„Darf ich mal?", fragte Morgan und entwand ihm diese. Der Mann nickte nur und verfiel zurück in seine ungläubige Starre.

Morgans Augen flogen über die Zeilen, doch schon nach einer Weile gab er es auf und legte das Blatt wieder weg. Es half nichts, er konnte sich nicht ablenken. Immer wieder erschien ihm das Bild seines Großvaters und die Unwissenheit über dessen Schicksal machte ihn schier wahnsinnig.

Irgendwann stand er auf und ging in den angrenzenden, nicht weniger überfüllten Warteraum hinüber. Ein Fernseher plärrte lautstark und hielt die Nation mit ihren „Neuigkeiten" auf dem Laufenden.

„Menschen von Winterville von Terroristen vergiftet??", jagte gerade eine Schlagzeile durch das Bild.

Morgan wandte sich resigniert ab und lief rastlos im Raum auf und ab. Im Nebenzimmer konnte er zwei untersetzte Beamte miteinander reden sehen und glaubte, die Worte „Giftgas" und „feiges Pack" heraushören zu können.

Er glaubte nicht an all die Theorien. Hier war etwas vorgefallen, das sich seinen Kenntnissen entzog, dessen war er sich sicher.

Er setzte sich auf seinen Platz zurück und hing eine Weile seinen Gedanken nach.

Dann, er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, hörte er vor der Tür ein wirres Stimmengemurmel. Er blickte nach oben und in diesem Moment schwang die Tür des Gebäudes krachend auf. Sofort drängte sich ein Dutzend Presseleute in den Eingang und konnte nur mit Mühe von den Beamten in Schach gehalten werden.

Plötzlich aber schien es eine Frau geschafft zu haben. Sie zeterte laut und verschaffte sich gewaltsam Einlass.

„Lassen Sie mich hier doch mal durch! Ich gehör nicht zum dem Journalistengesocks! Ich bin hier, um Klarheit zu bringen!"

Die Beamten rollten genervt mit den Augen, ließen die Frau aber schließlich doch noch ein, ehe sie die Tür unter Aufbringung von Gewalt wieder schlossen und von innen verriegelten.

„Was wollen Sie hier?", herrschte ein Polizist die Frau an.

„Das sagte ich doch bereits!", blaffte sie zurück. „Ich bin hier, um Ihnen mitzuteilen, wer für die Morde verantwortlich ist!"

Severus hatte ohne Eile seine wenigen Sachen in eine Tasche gepackt und stand nun vor dem Fenster.

Seltsamerweise hatte sich seine innere Anspannung jetzt, da er wusste, was er tun würde, gelegt. Er empfand keine Angst mehr, dass Voldemort ihn finden und töten würde, war nicht einmal nervös, ob ihm seine Flucht überhaupt gelang.

Nein, er starrte nur durch das Glas und wartete darauf, dass die Dunkelheit einsetzen würde.

Remus war noch immer bewusstlos, doch Severus wusste, dass er ihn würde wecken müssen, ehe sie sich auf den Weg machten.

Wohin er gehen wollte, dass wusste Snape noch nicht, auch nicht, wie er sich durchschlagen sollte. Doch im Moment zählte für ihn nur, dass er hier weg kam und das so schnell wie möglich.

Es sah ihm eigentlich nicht ähnlich, Dinge ohne lange Planung oder festes Ziel zu tun, doch in diesem Fall zeigte ihm sein Herz so überdeutlich klar den Weg, dass er sich entschlossen hatte, ein einziges Mal einem spontanen Gefühl zu folgen.

Als die Dämmerung einsetzte, ging er langsam zum Bett herüber. Die Schmerzen in seinem Körper hatten ein wenig nachgelassen. Vielleicht hatte er sich auch bloß an das qualvolle Ziehen gewöhnt oder die groteske Ruhe, die sein Inneres ergriffen hatte, hatte auch seine Nerven betäubt. Er wusste es nicht und es kümmerte ihm ebenso wenig.

Langsam ergriff er Remus bei den Schultern und schüttelte ihn bestimmt.

„Wach auf.", sagte er laut.

Der Werwolf, welcher sich anscheinend nur in einem unruhigen Dämmerzustand befunden hatte, riss mit einem Mal die Augen auf und saß im nächsten Moment kerzengerade auf der Matratze.

„Was… wo?", stammelte er, starrte Severus an und verstummte dann.

Seine Augen weiteten sich, als sein Gedächtnis zurück kehrte und er flüsterte heiser: „Ach du Scheiße…"

Severus sah ihn an.

„Ja… steh auf, wir fliehen." Damit erhob sich der Todesser.

Remus starrte ihn wie vom Donner gerührt an.

„Was hast du gesagt? Was ist überhaupt passiert? Wo sind denn die… diese…" Er brachte den Satz nicht zum Ende, sondern biss sich auf die Unterlippe und wandte den Kopf zur Seite.

„Hör mir zu, Remus.", begann Snape mit fester, entschlossener Stimme. „Du weißt ebenso gut wie ich, was hier passiert ist und du hast mich schon richtig verstanden. Für Sentimentalitäten hast du später Zeit. Wir hauen ab von hier. Ich bin es leid. Das war das erste und letzte Mal, dass sie dir so etwas angetan haben."

Remus wurde nervös und Angst ergriff seine Seele, als er den wilden, keinen Widerspruch duldenden Ton Snapes hörte. Sein Kopf schwirrte und er fühlte sich von all den unterschiedlichen Gefühlen, die er in diesem Moment empfand, nahezu erschlagen.

Da erwachte er in seinem persönlichen Alptraum, realisierte gerade, was ihm angetan worden war und dann kam Severus und drängte ihn zur Eile.

Ebenso fiel auch seine Reaktion aus. Er presste die Hände vor sein Gesicht und stöhnte leise.

Severus blickte auf ihn herab und seufzte.

„Schon gut, ich weiß, wie du dich fühlen musst und mir geht es nicht anders. Aber wir müssen uns jetzt beeilen. Oder willst du für den Rest deines Lebens hier eingesperrt sein und das hier immer und immer wieder erleben müssen?"

Remus blickte auf.

„Woher kommt der plötzliche Sinneswandel?", fragte er tonlos.

„Der kommt daher, dass ich nicht länger der Handlanger des dunkeln Lords sein werde! Mir reicht es endgültig! Diesmal sind sie zu weit gegangen!"

Severus schwieg und sah aus dem Fenster.

„Außerdem habe ich dir gesagt, dass dir nichts geschehen wird. Und ich will mein Versprechen nicht noch einmal brechen müssen, was zweifellos geschieht, wenn wir hier bleiben."

Remus begriff, wie absolut Ernst es ihm war.

Er stieg aus dem Bett und atmete zischend aus, als auch sein Körper sich schmerzhaft zu Wort meldete.

„Aber wohin willst du denn gehen? Wie sollen wir hier wegkommen??"

Severus sah ihn mit einem ruhigen Blick an.

„Ich weiß es nicht.", sagte er und Remus gefror das Blut in den Adern.

Ja… sorry, dass es diesmal mit dem Updaten was länger gedauert hat und auch dafür, dass das Kapitel so kurz und ein wenig verwirrend war, wie ich fand ;)

Bitte hinterlasst mir doch ein kleines Feedback. Würde mich sehr freuen. Bis dann, Katze.