Kapitel 7
Nacht und Nebel
Der milchig weiße Mond am wolkenlosen Himmel schien durch die wenigen Fenster in Voldemorts Unterschlupf. Die langen Korridore waren kahl und leer. Dennoch wirkten sie furchtbar beklemmend und erdrückend auf die beiden dunklen Gestalten, die sie durchquerten.
Remus wagte nicht einmal laut zu atmen. Er fürchtete sich vor dem, was ihn erwartete, wenn die Todesser sie erwischten. Er wusste, es wäre furchtbarer und schlimmer als alles, was er sich ausmalen konnte.
Severus ging ruhigen Schrittes vor ihm her durch die verlassenen Korridore und Remus fragte sich einmal mehr, was mit dem dunklen Ex-Lehrer geschehen war. Er schien verändert, nicht mehr er selbst. Seine Miene war ausdruckslos gewesen, als Remus ihm ins Gesicht geblickt hatte. Er hatte mit fest entschlossener Stimme gesprochen.
Irgendwie hatte er auf Remus den Eindruck eines Mannes gemacht, der weiß, dass er in Todesgefahr schwebt.
Remus konnte nur entfernt erahnen, was für Severus diese Flucht bedeutete. Er lehnte sich gegen Voldemort auf, gegen seinen Meister, dem er sich jahrelang untergeordnet hatte, aus Angst, aus Todesangst.
Und jetzt? Jetzt war Severus zu diesem gefühllosen Märtyrer geworden, der ein Leben auf der Flucht der Demütigung vorzog.
Remus konnte sich nicht helfen, irgendwie machte dieser veränderte Snape ihm Angst. So absurd es auch klang, der Snape, der ihn anschrie, verächtlich grinste, ja sogar der, der mordete, war ihm lieber. Hass war wenigstens ein Gefühl.
Dieser Severus aber entzog sich Remus' Verstand.
Severus wandte sich zu ihm um und das Mondlicht reflektierte gespenstisch auf seinen Pupillen. Es ließ seinen Blick fremd erscheinen, beinahe unmenschlich.
„Komm.", flüsterte Snape drängend und drehte sich wieder nach vorne.
Remus wusste nur ansatzweise, was der Todesser vorhatte. Er bringe ihn so hier heraus, wie er ihn auch hereingebracht hatte, war Severus Kommentar gewesen. Dennoch waren sie nicht appariert, was Remus nicht verstand. Stattdessen hatte der Schwarzhaarige ihn am Arm gepackt. Nicht grob, sondern mit der gleichen unheimlichen Gefühllosigkeit, die sein ganzer Körper verströmte. Zusammen mit Severus hatte er die Zimmertür problemlos passieren können. Zunächst hatte sich Remus über diese „Lücke in Voldemorts System" gewundert, aber schnell war ihm klar geworden, dass Voldemort sich wohl nie Sorgen darüber hatte machen müssen, dass einer seiner Todesser einem Gefangenen zur Flucht verhalf.
Wenn sie einen Gefangenen herausschafften, dann tot.
Das Schloss schien wie ausgestorben. Remus mochte sich gar nicht vorstellen, auf welcher todbringenden Mission die Bewohner des Anwesens waren. Unwillkürlich lief ein Zittern seinen schmerzenden Leib hinab.
Vor ihm stieg Severus eine Schwindel erregend hohe Treppe hinunter. Er machte keinen einzigen Laut. Remus' Schritte hingegen hallten leise in der Dunkelheit wieder. Severus warf ihm einen kurzen, strafenden Blick zu, ehe er rasch und lautlos die geländerlose Stiege hinabeilte, die von wenigen in der Luft schwebenden Fackeln beleuchtet war.
Remus fiel es immer schwerer, mit den ausladenden Schritten des Tränkemeisters mitzuhalten. Ihm pochte der Kopf und sein Körper brannte wie Feuer. Er fragte sich, ob Severus' Schmerzen nachgelassen hatten oder ob dieser einfach nur härter im Nehmen war. Jedenfalls schien er von Sekunde zu Sekunde schneller durch die Flure zu laufen. Der Werwolf wagte aber nicht, Severus zu bitten, sein Tempo zu verlangsamen. Lieber zwang er seinen malträtierten Leib dazu, zu Severus aufzuschließen.
Endlich, nach schier endlosen Minuten, in denen Remus sich mehr als einmal fragte, ob dieses Schloss nicht magisch so verändert worden war, dass es keinen Ausgang hatte, blieb Severus vor ihm stehen.
Remus musterte den Schwarzhaarigen und fragte sich, ob dieser wohl die Orientierung verloren hatte. Denn er konnte weit und breit nichts Erwähnenswertes ausmachen. Dann aber zückte Severus seinen Zauberstab, tippte zweimal die Wand vor sich an und trat einen Schritt zurück.
Remus schnappte nach Luft, als die schweren, grauen Mauern lautlos nachgaben und den Weg in die Nacht freigaben.
„Komm her.", flüsterte Severus und ergriff erneut Remus' Arm. Als sie durch das Tor traten, stellten sich Remus' Nackenhaare auf, der gleißende Schmerz, der jeden vom Ein- oder Austreten abhalten sollte, aber blieb fern. Dennoch spürte er nicht einen Funken Erleichterung, als er in die helle Mondnacht ging. Ihre wirklichen Probleme fingen jetzt erst an. Wo sollten sie hin? Was blieb ihnen übrig?
Fragend und unsicher sah Remus zu Severus hinüber, der seinen Arm noch immer umfasst hielt.
„Was sollen wir jetzt tun?", wagte Remus zu flüstern und erschrak über seine eigene Stimme, die rau und fremd klang, als habe er sie seit Monaten nicht benutzt.
„Fliehen.", erwiderte Severus knapp und im nächsten Moment waren sie beide disappariert.
Zurück blieb nur der große Baum, der nichts Böses verhieß, in Wirklichkeit aber die todbringendsten Kreaturen des Landes enthielt.
wenige Stunden zuvor
Morgan Fog starrte ungläubig auf die seltsame Frau, die gerade eingetreten war. Sie wirkte äußerst bizarr, ihr langes, aschblondes Haar hing ihr unordentlich bis an die Taille. Ihre großen, grauen Glubschaugen blickten wütend die Polizisten an. Sie trug einen violetten Rock und ein schwarzes Oberteil, das wohl eine Bluse zu sein schien, die Knöpfe allerdings hinten hatte. Ihre riesigen, unförmigen Ohrringe hingen ihr auf die Schultern hinab.
„Wer sind Sie überhaupt?", fragte sie ein uniformierter Beamter. „Und woher wollen Sie wissen, wer für die Morde verantwortlich ist?"
Der wütende Ausdruck verschwand aus dem Gesicht der Frau. Jetzt wirkte ihr Blick verträumt, beinahe als sei sie in eine andere Welt abgetaucht.
„Ich bin Luna Lovegood.", hauchte sie. „Jeder weiß, wer für die Morde verantwortlich ist, nur die Muggel nicht. Mein Vater war der Reporter einer angesehenen Zaubererzeitschrift namens „Der Klitterer", aber jetzt wird nichts mehr gedruckt, gar nichts. Ich sage Ihnen, er meint, dass die Muggel die Wahrheit wissen müssen." Sie grinste verträumt. „Bis Ihre Muggeljournalisten die Wahrheit erfahren, können die Einhörner ja fliegen."
Morgan und ein paar der anderen Wartenden sahen sich an. Einer der Polizisten legte Luna eine Hand auf die Schulter.
„Kommen Sie, Miss Lovegood. Wir gehen in mein Büro. Sie wissen ja nicht, was Sie reden, Ihre Aussage ist vollkommen zusammenhanglos. Sie kommen jetzt mit mir und dann werden wir sehen, ob wir jemand anrufen können, der sich um Sie kümmert."
Augenblicklich riss Luna sich los und der wütende Ausdruck kehrte auf ihr Gesicht zurück. „Ich weiß, was Sie denken, Sie glauben ich bin verrückt. Aber das bin ich nicht, ich bin hier, um Ihnen endlich die Augen zu öffnen."
Sie warf einen Blick in die Runde. „Sie wissen alle nichts von der Zaubererwelt, nicht wahr?"
Einige der Wartenden seufzten und senkten desinteressiert wieder ihren Kopf. Andere blinzelten oder lächelten nachsichtig.
Morgan hatte ein seltsames Gefühl, wenn er diese Luna so ansah. Einerseits schien sie ihm, als sei sie dem nächstbesten Irrenhaus entflohen und gehöre schleunigst wieder dorthin zurück.
Andererseits… sie hatte etwas an sich, dass ihn hellhörig werden ließ.
Luna nickte und als sie sprach, schien sie die Menschen um sich herum gar nicht wahrzunehmen.
„Sie wissen es nicht. Ich dachte es mir. Das wird nicht einfach."
Plötzlich steckte sie die Hand in ihre große, lederne Umhängetasche und holte einen Stab hervor, der Morgan unwillkürlich an den Plastikzauberstab aus seinem Zauberkasten erinnerte, den er als Kind zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte.
„Soll ich es Ihnen zeigen, ja?"
Luna wedelte mit ihrem Stab und sofort erklang ein panisches Geschrei. Eine der wartenden Frauen schwebte einen halben Meter über dem Boden in der Luft und kreischte, als habe man ihren Skalp genommen.
Sofort erwachten alle Anwesenden aus ihrer Starre, schrieen, redeten durcheinander und zeigten mit panischen Gesichtern auf die schwebende Frau.
Schließlich ließ Luna diese wieder herunter. Urplötzlich wurde es still im Raum und alle Augenpaare richteten sich auf Luna.
Morgan blieb fast das Herz stehen. Er zitterte und fragte sich, ob er halluzinierte.
„Was zum…?", stieß einer der Polizisten hervor.
„Glauben Sie mir jetzt?", fragte Luna mit einem verträumten Lächeln.
Die Leute wichen zurück, als habe die aschblonde Frau eine ansteckende Krankheit.
„Sie brauchen sich nicht zu fürchten. Ich werde Ihnen nichts tun, ich will nur die Wahrheit sagen." Sie gluckste. „Wissen Sie, Sie haben Glück. Normalerweise wäre in kurzer Zeit das Ministerium hier und würde Ihr Gedächtnis löschen, aber die haben keine Leute mehr, um sich um sowas zu kümmern. Voldemort hält alle in Atem. Wollen Sie mir nun zuhören?"
Sie wandte sich an einen Polizisten. Dieser schluckte und sah Luna an wie ein verängstigtes Kaninchen. Dann nickte er.
Luna klatschte in die Hände. „Sehr schön, und dann werden Sie es allen Muggeln weitersagen, nicht wahr?"
Morgan ließ sich auf seinen Stuhl zurückfallen und presste die Augen fest zu.
‚Wenn du sie wieder aufmachst, war das alles nur ein Traum…'
Doch die aschblonde Frau verschwand nicht. Stattdessen begann sie in einem merkwürdigen Plauderton zu erzählen.
wenige Stunden später
Remus öffnete die Augen, doch noch ehe er etwas sehen konnte, roch er den durchdringenden Gestank von Chemie und Abgasen. Er wusste nicht, wo er sich befand, auch nicht, als er eine schmutzige Straße unter sich und die Fabrikschornsteine in der Ferne im Mondlicht erkannte, aus denen unablässig Rauch stieg.
„Wo sind wir hier?", fragte der Werwolf.
„Spinner's End.", antwortete Severus knapp und schritt auf ein kleines, verfallenes Haus inmitten dieser Muggelarbeitersiedlung zu. „Hier wohne ich.", fügte er noch hinzu.
Remus blieb überrascht stehen und sah sich um. Er hatte nie darüber nachgedacht, wo Severus wohl leben könnte aber solch eine unwohnliche, dreckige Umgebung hätte er niemals vermutet.
Severus blieb vor dem Haus stehen und die Tür öffnete sich wie von Geisterhand.
Als Remus dem Todesser in seine Behausung folgte, schlugen ihm Spinnweben ins Gesicht und er musste husten, weil ihm Staub unerbittlich in die Lungen drang.
Severus zündete mit seinem Zauberstab einige Kerzen an den Wänden an und verschwand dann in einem Raum. Remus hingegen blieb stehen wie festgewachsen und betrachtete durch eine halbgeöffnete Tür ein spärlich eingerichtetes Zimmer, das wohl den Wohnbereich darstellte.
Der Widerspruch zwischen Severus' penibel ordentlicher Persönlichkeit und dieser… Baracke… blieb ihm nicht verborgen.
Er blinzelte zweimal, um den Staub aus seinen tränenden Augen zu bekommen, dann folgte er Severus in das Nebenzimmer.
„Ich glaube nicht, dass es eine gute Idee war, hierher zu kommen. Bestimmt wissen die Todesser, wo du wohnst."
Severus, der in einem großen, kahlen Schrank suchte, warf ihm einen kurzen Blick zu.
„Wir bleiben hier nicht."
„Und wohin gehen wir dann."
Severus antwortete nicht. Er brachte eine abgetragene, dunkelbraune Tasche ans Licht und warf zwei Decken, sowie einige gläserne Flaschen mit Flüssigkeiten darin auf sie.
„Wir sind bloß hier, um ein paar Sachen zu holen.", erläuterte der Todesser und begann, seine Habseligkeiten in der Tasche zu verstauen. Plötzlich blickte er auf.
„Hast du noch große Schmerzen? Willst du ein Schmerzmittel? Es war bestimmt nicht angenehm für dich, durch das ganze Schloss zu laufen, aber der dunkle Lord bekommt es mit, wenn man in seinem Anwesen disappariert. Auf diese Weise kontrolliert er alles."
Remus lehnte sich erschöpft an die Wand.
„Ja, ich habe Schmerzen. Könntest du mir jetzt mal sagen, wo wir hinwollen?"
Severus warf ihm eine kleine, schmale Phiole zu. Remus erschrak und fing sie gerade noch so auf.
„Das ist ein Schmerzmittel. Trink das."
Remus schaute auf die Flasche und dann auf Severus. Er riss den Korken heraus und kippte dem Inhalt hinunter. Dann knallte er die Flasche auf eine schäbige Kommode.
„So! Und jetzt sag mir endlich, was du vorhast! Warum redest du nicht?"
Severus stand auf und hängte sich die Tasche um. Er selbst hatte auf ein Schmerzmittel verzichtet.
„Weil ich es nicht weiß, darum."
Er ging an Remus vorbei und hinterließ einen Werwolf, der ihm erschrocken nachsah.
