Kapitel 8
Ausnahmezustand
„Also, Sie hören doch genau zu, nicht wahr?" Luna sah erwartungsvoll in die Runde ihrer Zuhörer. Ihre Frage war unnötig gewesen. Nach ihrer kleinen Vorführung gab es kein einziges Augen – und Ohrenpaar mehr im Raum, das sich nicht gebannt an sie heftete. Ein paar Leute nickten, der Rest sah sie fassungslos an und wartete auf ihre Erklärungen.
„Gut, gut." Luna räusperte sich. „Wo fang ich nur an." Sie machte mit ihrem rechten Zeigefinger eine Geste an ihren Kopf, die den Anschein hatte, als wolle sie ihre Gehirnwindungen durchkneten.
„Wie Sie eben gesehen haben, gibt es Magie." Stimmengemurmel erhob sich sofort. Luna hob beide Hände. „Schon in Ordnung, ich weiß, dass das blöde klingt, aber es ist so." Sie lächelte. „Ich bin eine Hexe."
Morgan hatte sich nie mit „Magie" beschäftigt. Er war nicht abergläubisch und den Zaubertricks einiger Künstler im Fernsehen, in Las Vegas oder Freizeitparks hatte er stets skeptisch gegenüber gestanden. Noch vor wenigen Minuten hätte er Lunas Behauptungen als esoterischen Mist abgetan, hätte nur lächelnd den Kopf geschüttelt und nicht weiter darüber nachgedacht. Aber jetzt? Jetzt war alles anders. So irreal und unvorstellbar die Worte der Frau auch waren… die letzten Vorkommnisse machten sie auf erschreckende Weise real.
„Es gibt viele wie mich.", fuhr Luna gerade fort. „Wir besuchen Schulen und haben eine eigene Regierung. Und Zeitschriften, sehr gute sogar." Sie gluckste. „Besonders toll sind auch die Süßigkeiten, viel besser als der Muggelkram. Aber ich schweife ab, nicht?"
Ein mittelalter Mann mit Anzug und Aktentasche putzte nervös seine Brille, räusperte sich dann und fragte: „Wer oder was ist ein Muggel?"
Luna lächelte nachsichtig. „Sie, Sie alle sind Muggel, nichtmagische Menschen. Aber das ist auch egal, ich bin nicht dafür da, um Ihnen von unserer Kultur zu erzählen."
Der Mann gab sich noch nicht geschlagen. Offenbar hatte er die Möglichkeit noch nicht ausgeschlossen, dass Luna bloß ein gut vorbereiteter Scharlatan war.
„Wieso wissen wir… Muggel… denn dann nichts von Ihrer Welt?"
Luna legte den Kopf in den Nacken und hob einen Zeigefinger, gerade so, als belehre sie ein unartiges Kind.
„Weil wir es nicht wollen. Jeder Muggel, der was merkt, bekommt ne Gehirnwäsche. Aber im Moment herrscht bei uns der Ausnahmezustand. Ein mächtiger dunkler Magier namens Voldemort möchte die ganze Welt unter seine Herrschaft bringen. Die Morde waren sein erster Schritt in die Muggelwelt."
Teils befremdet, teils schockiert, sahen sich die Wartenden an. Eine ältere Frau, welche Morgan gegenübersaß, stand auf, um Aufmerksamkeit zu erhalten.
„Aber Sie können doch zaubern, Miss, warum sperren Sie diesen Volde… was auch immer, nicht einfach in ein Gefängnis?"
Luna trat vor sie und rollte mit ihren großen, grauen Augen.
„Sie sind mir ja vielleicht eine! Voldemort ist doch viel mächtiger als alle anderen. Sie sind in großer Gefahr, das sollten sie aber wissen."
Sie Frau setzte sich wieder. Ihr Gesicht spiegelte ihre Aufgewühltheit wieder.
Luna breitete die Arme aus und drehte sich langsam im Kreis.
„Ich wollte, dass Sie wissen, wer Sie da bedroht, also schreiben Sie es brav in ihren Zeitungen." Sie grinste. „Bald sind keine Zauberer mehr da, dann müssen die Muggel Voldemort aufhalten."
Luna hob ihren Zauberstab. Einen Wimpernschlag später war der Platz, auf dem sie gestanden hatte, leer. Sie hinterließ panische Gesichter, unschlüssige Polizisten und einen Morgan, der zum ersten Mal in seinem Leben ernsthaft hoffte, dass es einen Gott gäbe, zu dem er beten könne.
wenige Stunden später
Severus hatte noch einige andere Habseligkeiten eingepackt, dann hatte er Remus wieder einmal beim Arm ergriffen und sie waren disappariert.
Als das schwindelnde Gefühl, welches der Werwolf immer beim Apparieren verspürte, ein wenig nachgelassen hatte, versuchte er herauszufinden, wo sie sich diesmal befanden. Aber als er seine Augen suchend umherschweifen ließ, wusste er genauso viel, wie zuvor.
Er sah Bäume, Nadelbäume, die vom ersten Tau nass ihre Äste hingen ließen und matt im Mondlicht glänzten. Sie befanden sich mitten im Wald. Kein Weg, keine Anzeichen von Leben. Der Wind pfiff durch die Wipfel und ließ Remus frösteln. Immerhin hatte das Schmerzmittel gewirkt. Der pochende Schmerz war in eine angenehme Taubheit übergegangen, die Remus sehr willkommen hieß. Er verschränkte die Arme, um sich zu wärmen und warf einen Blick zu Severus herüber.
„Wo sind wir hier, Severus? Was wollen wir denn hier mitten im Niemandsland?"
Remus flüsterte. Er wusste selbst nicht warum. Die Chancen, dass sie hier draußen jemand aufspürte, waren verschwindend gering.
„Komm mit." Severus verschwand im Unterholz und hinterließ einen Remus, der sich wieder einmal ärgerte, dass Snape ihn außen vor ließ. Während er dem Schwarzhaarigen zu folgen versuchte, registrierte er, dass er Severus eigentlich völlig ausgeliefert war. Wenn dieser es wollte, könnte er ihn hier auf der Stelle töten. Er konnte ihn ans Ende der Welt bringen, ohne dass Remus irgendwie im Stande wäre, sich zu wehren. Der Gedanke an diese Abhängigkeit hinterließ ein flaues Gefühl in seiner Magengegend. Aber hatte er denn eine andere Wahl, als Severus zu vertrauen?
Die Antwort lautete nein. Außerdem fühlte Remus sich seelisch und körperlich so erschöpft, dass er glaubte, er wäre zu eigenen Entscheidungen und Taten auch gar nicht mehr in der Lage.
Es war also die einzige Alternative, Severus in die Ungewissheit zu folgen.
Er musste aufpassen, wohin er trat, und mit jedem Schritt wurde das taube Gefühl in seinem Körper stärker. Er biss die Zähne zusammen und wäre zweimal beinahe über eine herausragende Wurzel gestolpert. Der Schmerztrank benebelte auch seine Sinne, das merkte er. Wenn Severus nur endlich stehen bleiben würde…
Remus hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Irgendwann stoppte Severus und Remus fiel auf, dass sich vor ihnen auf einer Lichtung eine große Felswand auftat.
„Ich wusste, dass es hier irgendwo war.", murmelte Severus mehr zu sich selbst, ehe er begann, an dem unebenen Gestein empor zu klettern.
Remus sank auf die Knie.
„Nein.", flüsterte er. „Das schaffe ich nicht, Severus. Wohin willst du bloß?"
Severus ließ sich wieder hinab gleiten, packte Remus am Kragen und sah ihm ins Gesicht.
„Du musst, hast du verstanden? Da oben ist eine Höhle, da können wir die Nacht verbringen."
„Und was soll das bringen?" Remus' Stimme war heiser, erschöpft. „Willst du dich auf ewig in den Wäldern verkriechen? Wohin willst du denn gehen… ich… ich kann nicht mehr."
Er vergrub das Gesicht in den Händen.
Severus seufzte. „Aber ich brauche Zeit zum Nachdenken. Komm." Er packte Remus und hob mit zitternden Händen seinen Zauberstab.
Zum ersten Mal fiel Remus auf, wie erschöpft der Tränkemeister selbst aussah. Die ganze Zeit über hatte er gewirkt, als habe er keine Schmerzen, als machten ihm Witterung und Kälte nichts aus. Jetzt aber, wo der Mond in dieser Lichtung sein ganzes, mattes Licht auf Severus' Züge warf, bemerkte Remus die tiefen, dunklen Ränder unter seinen Augen, den erschöpft glimmenden Blick und das stetige Zittern, das seinen Körper durchlief.
Mit scheinbar letzter Kraft apparierte Severus sie beide in besagte Höhle.
Dort warf er seine Tasche auf den schroffen Boden und lehnte sich an eine der feuchten Wände.
„Woher wusstest du von dieser Höhle? Wo sind wir überhaupt?", flüsterte Remus heiser.
Severus antwortete nicht sofort. Erst nach ein paar Augenblicken, schien er zu registrieren, was Remus gesagt hatte. Er wischte sich über die Stirn.
„Wir sind in einem Wald im Süden Schottlands. Ich hatte hier in der Nähe einmal einen… Auftrag zu erledigen… mein… Opfer suchte Zuflucht in dieser Höhle… ich blieb danach noch hier, um zur Ruhe zu kommen…" Severus hielt inne.
Remus ließ seinen Atem entweichen und kniete sich auf den Boden, wo er sich erneut die Hände vors Gesicht legte.
Severus griff nach seiner Tasche und nahm etwas heraus. Remus schrak auf, als er bemerkte, wie ihm etwas um die Schultern gelegt wurde. Er blickte sich um und sah, dass Severus eine der Decken über ihn gelegt hatte.
„Hier… häng dir das um, du erfrierst ja noch." Dann nahm er sich die andere Decke und bedeckte sich selbst damit.
„Danke.", murmelte Remus. Wieder einmal wurde er nicht schlau aus Severus. Wie konnte ein Mensch in einem Moment seelenruhig von seinen früheren Opfern erzählen und sich im nächsten Moment Sorgen darüber machen, dass er, Remus, fror?
Severus setzte sich auf den Boden und lehnte den Kopf gegen den Felsen. Lautlos schloss er die Augen.
Remus beobachtete ihn eine Weile, dann stand er auf und begab sich neben ihn. Er wandte den Kopf und sah durch den Höhleneingang hinaus. Er wünschte sich, dass wenigstens Severus wüsste, was sie jetzt tun sollten. Gedankenverloren sah er über den Wald, als Severus' leise Stimme ihn aus seinem Dämmerzustand riss.
„Es tut mir Leid.", sagte er nur.
Remus wandte überrascht seinen Kopf. „Was?", fragte er.
„Alles.", erwiderte Severus. Seine Augen waren noch immer geschlossen. In diesem Moment erschien er Remus noch fremder, noch unheimlicher, als zuvor.
„Ich hatte dir versprochen, dass dir nichts geschieht…"
Remus begann wieder zu zittern. Die Kälte der Nacht drang unerbittlich durch die wollene Decke. „Es ist doch nicht deine Schuld.", begann er, aber Severus schüttelte langsam den Kopf.
„Es tut mir auch Leid, dass ich dir keine Hoffnungen machen kann. Ich weiß nicht, wohin wir nun gehen werden."
Remus wickelte sich fester in seine Decke. Bebend atmete er ein.
„Du solltest nicht bloß Mitleid mit mir haben. Wenn man uns erwischt, wird Voldemort dich töten."
„Das weiß ich. Aber ich bin lieber tot, als unter seiner Herrschaft weiter zu leben."
Remus gefror das Blut in den Adern, als er Severus so ruhig über ihr Schicksal reden hörte.
Die gespenstische Emotionslosigkeit in seiner Stimme schwang in jedem Satz mit. Egal, ob es nun die Entschuldigungen oder sein eigener Tod waren…Severus sprach, als ginge ihn dies alles nicht wirklich etwas an.
Remus fühlte, dass die Erschöpfung seinen Körper immer weiter übermannte. Er glaubte, niemals in dieser finsteren, feuchten Höhle schlafen zu können, doch der Trank trieb ihn an den Rand seines Bewusstseins.
Während er in einen Schlaf hinüber glitt, der eher einer erschöpften Ohnmacht glich, flüsterte er ein heiseres „Danke".
Da endlich öffnete Severus seine Augen. Er sah ihn noch eine Weile an, ehe er sich rastlos an den Felsen lehnte und auf das Morgengrauen wartete.
Wenn ihm doch nur ein Ausweg einfiel…
am nächsten Morgen
(S. 1 – 5)
Hexerei
- bedroht eine unbekannte Macht unsere Welt?
Gestern kam es in Winterville zu einem schrecklichen Massaker. Sämtliche Bewohner des Dorfes wurden tot in ihren Häusern aufgefunden. Die Polizei tappte im Dunkeln. Man fand keine Hinweise auf den Täter.
Gestern am späten Nachmittag dann ereignete sich im Polizeigebäude der nächstgelegenen Stadt ein unfassbarer Vorgang. Eine junge Frau behauptete, sie kenne den Täter. Kurz darauf stellte sie abenteuerliche Thesen auf, behauptete, dass „Zauberer" die Mörder seien. Natürlich schenkte ihr niemand Beachtung. Dies änderte sich schlagartig, als die junge Frau einen Stab zückte und eine der wartenden Angehörigen der Opfer in der Luft schweben ließ.
Sämtliche Anwesende bestätigen, dass es sich nicht um einen Trick handelte. Offenbar existiert eine Art von Magie tatsächlich. Polizeiberichten zufolge erläuterte die Frau, welche den Namen Luna L. trägt, dass die Welt von einem schwarzen Magier bedroht werde …
Lunas Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Es gab keine Zeitungen, keine Fernsehsender in ganz England, die nicht von ihrer abenteuerlichen Erklärung berichteten.
Überall im Land flimmerte über den Bildschirm, wie Luna die Frau hatte schweben lassen, Bilder aus einer Polizeiüberwachungskamera.
Rasch wurden auch andere Länder hellhörig. Unfassbar schnell wurden die Informationen erst in Europa, dann in nahezu der ganzen Welt publik gemacht. Seltsamerweise zweifelte kaum jemand an der Authentizität dieser Nachricht. Zu eindeutig waren die Beweise, zu viele Quellen, auch die ganz seriösen, nahmen sie in ihr Programm auf.
In allen Sprachen der Welt, in Kindergärten, Schulen, Firmen und Krankenhäusern, auf der Straße, im Bus und im Zug, selbst in den Armenvierteln der Erde gab es kaum noch ein anderes Thema.
Krisenräte wurden einberufen. Ängstlich wartete man darauf, dass der große Unbekannte wieder in Aktion trat.
Man hoffte, die „Zaubererwelt" würde weitere Informationen bieten, sich noch einmal zu Wort melden.
Menschen kauften Nahrungsmittel, um sich Vorräte anzulegen wie in Kriegszeiten.
Sogar die Regierungschefs aller Länder trafen sich zu einem Gipfel in Washington DC.
Plötzlich war Winterville fast ebenso vielen Menschen bekannt wie New York City.
Morgan erlebte dies alles wie einen Traum. Es rauschte an ihm vorbei, drohte ihn zu überrumpeln. Ständig musste er den Fernseher anschalten oder Radio hören, um sich zu vergewissern, dass dies hier auch wirklich geschah.
Aber so oft er dies auch tat… er konnte nichts daran ändern… der Ausnahmezustand war nun auch in der Muggelwelt ausgebrochen.
Alles wartete auf Voldemorts nächsten Angriff…
Danke für deine Motivationskekse, Hui-Buh Du siehst, sie haben geholfen. Auch allen anderen vielen Dank für die lieben Reviews.
