Kapitel 9
Hinter jeder Ecke
Als Remus aufwachte, schmerzte sein Rücken fürchterlich, sein Schädel fühlte sich taub und dumpf an, als habe er ein starkes Schlafmittel genommen, und die Kälte schien bis in sein Innerstes eingedrungen zu sein.
Stöhnend setzte er sich auf und musste gegen die helle Morgensonne anblinzeln, die durch die Tautropfen auf seinen Wimpern noch greller blendete.
Als seine Augen und sein Geist ein wenig zum Leben erwachten, fiel sein Blick auf moosigen Stein und die taufeuchte Decke auf seinen Gliedern. Schlagartig fiel ihm wieder ein, wo er sich befand.
Aber wo war Severus?
Suchend blickte Remus sich um und entdeckte den Schwarzhaarigen, der reglos im Höhleneingang stand und auf den Wald hinausschaute.
Remus erhob sich und ging zu Severus hinüber.
„Hallo.", brachte er leise krächzend hervor.
Severus zuckte scharf zusammen, als habe man ihm ein glühendes Eisen auf die nackte Haut gepresst. Scheinbar war er tief in Gedanken versunken gewesen.
„Hallo.", erwiderte er dann aber und warf Remus einen kurzen Blick zu.
„Der Trank, den du mit gegeben hast, hat ganze Arbeit geleistet. Ich glaube, ich wäre nicht einmal wach geworden, wenn eine Gruppe Todesser uns überfallen hätte."
Severus ging auf seinen Kommentar nicht ein. Stattdessen ließ er seinen Blick über die im Morgenlicht schimmernden Baumwipfel gleiten.
„Seltsam", sagte er leise, „die Welt erscheint mir, als gäbe es alle diese Probleme gar nicht. Es sieht so friedlich aus."
Verwundert blickte Remus auf Severus, dann auf den Wald und wieder zurück. Es stimmte. Wenn er an die schreckliche letzte Nacht dachte, daran, wie unheimlich ihm die Nadelbäume erschienen waren, fast so, als könnte hinter jedem Stamm die nächste Gefahr lauern, wenn er an das Gefühl der Leere dachte, das gedroht hatte, jede Faser seines Körpers einzunehmen, waren die ersten Sonnenstrahlen des Tages beinah unwirklich, so als sei er in einem Alptraum eingeschlafen und mit neuer Hoffnung erwacht.
Dennoch konnte weder der Anflug von Wärme, die die Strahlen über seine Haut schickten, noch das glänzende Schimmern der Bäume über die Realität hinweg täuschen.
Als Remus die graue Gesichtsfarbe und den müden Blick seines Gegenübers sah, wurde ihm bewusst, dass ihre Probleme gerade erst begonnen.
„Was sollen wir jetzt tun, Severus?", fragte er tonlos, wobei er seine Augen abwandte.
„Ich habe die ganze Nacht nachgedacht.", erwiderte der Schwarzhaarige. „Wir können hier nicht bleiben. Du brauchst einen neuen Zauberstab, damit du dich verteidigen kannst, wenn wir angegriffen werden. In deiner Kleidung holst du dir eine Lungenentzündung oder Schlimmeres und Nahrung werden wir hier draußen ebenfalls keine finden. Ich schlage deshalb vor, dass wir zumindest vorübergehend in einem anonymen Hotel in London unterkommen und das Nötigste besorgen, was wir zum Überleben brauchen. Dann sehen wir weiter…"
Remus wickelte seine feuchte Decke enger um seine Schultern. Er nickte. Was sonst hätte er auch tun sollen? Severus hatte Recht. Wenn sie in diesem Zustand den Todessern über den Weg liefen, wäre ihr Schicksal besiegelt, ehe sie einen Schritt der Flucht machen konnten.
Severus drehte sich zu ihm um und musterte ihn ernst.
„Wünschst du dir, du wärst tot?"
Remus zog die Augenbrauen nach oben. Mit einer solchen Frage ins Blaue hinein hatte er nicht gerechnet. Und er wusste, wenn er ehrlich war, auch keine zufrieden stellende Antwort darauf.
„Ich weiß es nicht, vielleicht. Glaubst du es gibt noch Hoffnung?"
Severus nahm seinen Zauberstab aus der Tasche und drehte ihn in den Händen.
„Nein.", sagte er tonlos. „Wir können weglaufen, können auch kämpfen und vielleicht den einen oder anderen Todesser erledigen. Wir können überleben, zwei Wochen, vielleicht einen Monat… aber der Vormarsch des dunklen Lords ist unaufhaltsam. Welche mächtigen Zauberer wären denn noch übrig? Was haben wir ihm entgegen zu setzen?"
Darauf wusste Remus keine Antwort. Da war es wieder. Dieses seltsame Verhalten Snapes.
„Warum willst du dann überhaupt kämpfen? Warum willst du weglaufen?", fragte Remus mit einem Anflug von Verzweiflung in der Stimme.
„Ich habe gelebt wie ein Feigling… dann will ich wenigstens sterben, als hätte ich Mut."
Remus schoss das Blut in die Ohren. Was redete Severus da nur? Er machte ihm Angst.
„Außerdem", fuhr der Todesser fort, „werde ich wenigstens eine Sache zu Ende bringen. Ich werde dich solange beschützen, wie ich kann. Das habe ich immerhin versprochen."
Remus starrte Severus an, während dieser seine Habseligkeiten einsammelte, dann seinen Zauberstab erhob und ihn am Arm packte.
„Bist du bereit?", fragte er.
„Warte.", krächzte Remus heiser. „Beantworte mir bitte eine Frage. Ich verstehe das alles einfach nicht. Ich verstehe DICH nicht. Was hast du davon? Warum gerade ich?"
Severus blickte hinauf in die Morgensonne, die langsam höher stieg und an Kraft gewann.
„Hatten wir das Thema nicht schon einmal? Nimm es doch einfach so hin, es ist nun einmal so. Kannst du mir erklären, warum du normal mit mir redest, wo du doch weißt, was ich bin?"
Und in diesem Moment hob der Schwarzhaarige seinen Stab noch etwas höher und disapparierte, ehe Remus die Chance bekam, etwas zu erwidern.
Die beiden materialisierten sich inmitten der Winkelgasse.
Remus öffnete die Augen und wusste zunächst gar nicht, wo sie sich befanden. Es war menschenleer, aus manchen Geschäften waren die Fensterscheiben herausgeschlagen, Steintrümmer lagen überall herum. Die einst stets emsig belebte, fröhliche Winkelgasse war nur ein Schatten ihrer selbst.
Dann aber fiel Remus' Blick auf das heruntergefallene Eingangsschild des tropfenden Kessels, vor dessen Tür drei Bretter genagelt waren, und er sog keuchend die Luft ein. „Was zum…?"
„Verdammt.", brachte Severus hervor. Er warf rasche Blicke nach rechts und nach links und zog Remus dann in eine Seitengasse, in der einige Ratten erschrocken flohen.
„Was ist hier passiert?", knirschte Remus.
Severus fuhr sich durch sein langes, schwarzes Haar.
„Scheint, als hätten die Todesser auch hier schon ganze Arbeit geleistet. Ich hoffe, dass wenigstens irgendein Laden noch offen hat."
Remus warf einen Blick um die Häuserecke. „Warum haben die das gemacht?"
„Remus. Wir befinden uns im Krieg. Es würde mich wundern, wenn die Besitzer all dieser Läden überhaupt noch leben. Außerdem waren dies stets Konkurrenten der Nokturngasse und du weißt, wer gewöhnlich in der Nokturngasse verkehrt."
„Todesser.", flüsterte Remus. Er zwang sich dazu, nicht an das zu denken, was mit den Geschäftsführern der Winkelgasse geschehen war. Zu viele davon hatte er persönlich gekannt.
„Wo bekommen wir jetzt den Zauberstab her?", fragte er tonlos.
Severus trat neben ihn und sah sich um.
„Was bleibt uns anderes übrig, als zu Ollivander zu gehen und nachzusehen, ob er es überlebt hat?"
Severus ging raschen Schrittes mitten über die Straße, stieg über Trümmer und Glasscherben. Remus beeilte sich, ihm zu folgen.
Es war ein furchtbar trostloser Anblick, der sich ihnen bot. Rechts und links glich die Straße einer Geisterstadt. Vor Flourish & Blotts musste Remus die Augen schließen. Auch hier waren die Fenster herausgeschlagen. Sämtliche Bücher lagen über den Asphalt verstreut. Ein einziges Buch plärrte laut, als litte es Höllenqualen. Remus starrte starr geradeaus und hoffte bloß inständig, dass ihnen der Anblick der Opfer der Todesser erspart blieb.
Als sie vor Ollivanders Zauberstabladen stehen blieben, hatte der Werwolf keine große Hoffnung mehr, hier eine Menschenseele anzutreffen. Der Laden schien zwar soweit heil geblieben, doch verkündete ein großes, schiefes Schild „Auf weiteres geschlossen".
Severus runzelte die Stirn und erhob die Hand, um gegen die Tür zu klopfen.
Natürlich erhielt er keine Antwort.
„Severus.", zischte Remus gedämpft. „Lass das doch. Hier ist sicher niemand mehr. Lass uns verschwinden, ehe wir die nächsten Opfer sind."
„Siehst du hier denn einen Todesser, Remus? Ich nicht."
Severus pochte intensiver an der Tür.
Remus warf hektisch einen Blick nach hinten. Er hatte ein ungutes Gefühl, aber er ahnte, dass er Severus nicht von seinem Vorhaben abbringen konnte.
„Du brauchst auf jeden Fall einen Zauberstab, Remus. Ansonsten bist du völlig machtlos!"
Als die Zeit verstrich und Severus noch immer keine Antwort erhielt, trat er einen Schritt zurück und richtete seinen Zauberstab auf die Tür. Er murmelte einen Zauberspruch und im nächsten Moment öffnete sich das Schloss und die Tür flog auf.
Remus war nicht wohl bei der Sache, als Severus in den verlassenen Laden trat.
Der Verkaufsraum bot ein Bild der Zerstörung. Regale waren umgeworfen worden, überall lagen wertvolle Zauberstäbe am Boden, teilweise zerbrochen. Über den Tresen zog sich eine breite, schwarze Schmauchspur, als sei er großer Hitze ausgesetzt gewesen.
Severus sah zu Remus hinüber.
„Mach schon, such dir einen Zauberstab, damit wir verschwinden können."
Remus schaute den Todesser an, als habe er völlig den Verstand verloren.
„Du meinst, ich soll mir einen stehlen?"
„Ich glaube kaum, dass das hier noch groß ins Gewicht fällt.", schnappte Severus zynisch. „Und jetzt beeil dich endlich!"
Remus kniete sich mit zitternden Beinen in das Chaos und nahm sich eine Hand voller Zauberstäbe, die er einzeln ausprobierte.
Während der Werwolf beschäftigt war, ging Severus zur Tür und sah hinaus. Er lehnte sich gegen den Rahmen und presste eine Hand auf die Stelle, an der das dunkle Mal saß. Schon in der vergangenen Nacht hatte es dumpf zu brennen begonnen. Er hatte den Schmerz ignoriert, aber jetzt hatte er das Gefühl, als ob es schlimmer würde. Es konnte natürlich sein, dass er sich dies einbildete durch all den Stress, den er durchlebte, aber auf jeden Fall war es alles andere als angenehm.
Er schloss für einen Moment die Augen und als er sie wieder öffnete, bekam er einen riesigen Schrecken.
Hatte er richtig gesehen? War auf der gegenüberliegenden Straßenseite gerade ein Schatten gewesen?
Unruhig warf er einen Blick zurück auf Remus, der noch immer mit den Zauberstäben beschäftigt war.
Sicher hatte er sich getäuscht. Oder?
Er machte ein paar Schritte nach vorne und lauschte. Nichts. Wahrscheinlich wurde er paranoid.
Dann aber blieb ihm die Luft weg. Jemand hatte ihn von hinten an der Kehle gepackt und hob ihn in die Höhe.
Er krallte seine Nägel in die verhüllten Hände seines unbekannten Fängers.
„Snape.", höhnte der Todesser ihm kalt ins Ohr. „Was tust du denn hier? Der Lord wird erfreut sein, wenn ich dich ihm zurückbringe. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr er getobt hat, als er bemerkt hat, dass du nicht mehr da warst."
Er lachte dreckig. Severus lief eiskalter Schweiß das Gesicht hinunter. Er bekam keine Luft und die großen Daumen des Todessers pressten seinen Kehlkopf schmerzvoll zusammen.
Dann ließ sein Fänger ihn los und er wirbelte herum.
Er erkannte, wer sich unter der Maske verbarg. Es war ein großer, grobschlächtiger Todesser aus den niederen Reihen, einer von Tausenden. Und doch ließ er in Snape die Alarmglocken klingeln. Todesser dieser Sorte waren normalerweise nicht alleine unterwegs.
„Ich würde dich ja gerne selbst erledigen, aber der dunkle Lord könnte es mir übel nehmen."
Severus wartete auf den richtigen Augenblick, um seinen eigenen Zauberstab zu ziehen, doch der Todesser behielt ihn genau im Auge, während er seinerseits seinen Stab auf ihn richtete.
„Petrifi…"
„Petrificus totalus!", beendete jemand anders den Satz für den Todesser.
Severus sah zu wie der schwere Mann reglos auf dem Boden aufschlug, dann drehte er sich um und sah Remus in der Türschwelle von Ollivanders Laden stehen.
„Bist du in Ordnung?", rief Remus.
„Ja.", erwiderte Severus. „Scheint, als hättest du einen Stab gefunden, lass uns von hier verschwinden, ehe seine Kumpel auftauchen."
Remus nickte und trat an Severus' Seite. Dieser warf noch einmal einen Blick auf seinen gelähmten Angreifer, dann wandte er sich Remus zu. Er fasste sich unbewusst an seine Kehle und murmelte: „Danke."
Dann zog er fahrig seinen Zauberstab aus der Tasche und sie verschwanden aus der Winkelgasse.
Dieses Mal erwartete sie zwar wieder eine Seitengasse, dennoch war hier zumindest dem Anschein nach noch alles heil.
„Wo sind wir?", fragte Remus fast schon routinemäßig.
„Im Muggelteil von London.", erwiderte Severus. „Vielleicht sind wir hier wenigstens vorerst sicher."
Remus seufzte. „Die Muggel werden glauben, wir sind aus einem Schauerroman entstiegen. Außerdem haben wir doch gar kein Muggelgeld. Verdammt", er hielt kurz inne und fuhr dann fort, „ich spaziere hier sicher nicht wieder seelenruhig herum! Was wenn auch hier Todesser sind? Hat dir das gerade nicht gereicht?"
Severus zog die Stirn in Falten. „Das Geld ist wohl das geringste Problem, wozu haben wir uns sieben Jahre mit Verwandlungsunterricht abgemüht? Außerdem ist hier augenscheinlich noch nichts zerstört, also sind die Todesser wohl noch nicht bis hierher vorgedrungen."
Severus sagte dies mit Bestimmtheit aber wirklich sicher war er sich nicht. Er dachte unheilvoll an das Dorf Winterville, zu dessen Zerstörung er einen guten Teil beigetragen hatte.
Dennoch gingen ihnen die Alternativen aus und so zog er Remus in die überraschend leeren Straßen von London.
Remus sah sich um. Die wenigen vorbeilaufenden Muggel sahen alle recht gehetzt aus und schienen ihn und Severus gar nicht wahrzunehmen.
Auch als sie in den nächstbesten Klamottenladen traten, interessierte sich niemand für sie.
Remus wählte einige wenig auffallende Kleidungsstücke aus, Severus bezahlte sie und der Werwolf behielt sie gleich an. Bei der Gelegenheit kleidete auch der Schwarzhaarige sich so ein, dass er als halbwegs passabler Muggel durchging.
Als sie den Laden verließen, beugte sich Remus zu Severus. „Also irgendwas stimmt hier doch nicht. Die verhalten sich nicht normal."
Severus antwortete nicht. Sein Blick war auf einen Zeitungsstand gerichtet. Wortlos zeigte er auf das Titelblatt einer Zeitung. Remus klappte der Mund auf, als er die Schlagzeile las: „Rätsel um den schwarzen Magier Voldemort – Wahrheit oder Verschwörung?".
