Kapitel 10
Untertauchen
Es hat ziemlich lang gedauert diesmal. Das liegt zum einen daran, dass ich Abitur geschrieben habe, zum anderen, dass ich mich eher anderen Dingen gewidmet habe. Den Titel habe ich auf vielfachen Wunsch hin jetzt doch noch geändert… ich will ja nicht für böses Blut sorgen. Hoffe, dieser findet jetzt mehr Zustimmung.
Severus saß auf dem schmalen Hotelbett und hatte den Kopf in die Hände gestützt. Sein dunkles Mal brannte fürchterlich und die Hoffnungslosigkeit drohte, seine Seele immer tiefer in ihren Bann zu ziehen.
Er und Remus hatten sich rasch eine Zeitung mit den neusten Erkenntnissen über Voldemort besorgt und waren dann in einem spärlich belegten, etwas zwielichtigen Hotel abgestiegen. Die Empfangsdame mit ihren feuerroten Nägeln, der Dauerwelle und der viel zu engen, violetten Leggins hatte ihnen nur rasch ihren Zimmerschlüssel über den Tisch geschoben und dann weiter die Nachrichten auf ihrem kleinen, tragbaren Schwarz-Weiß-Fernseher verfolgt.
Niemand schien sich um sie zu kümmern oder auch nur Notiz von ihnen zu nehmen. Die wenigen anderen Hotelgäste saßen entweder in der aus drei Tischen bestehenden Cafeteria oder hatten sich auf ihren Zimmern verkrochen.
Severus hatte ihre Zimmertür aufgeschlossen, war sofort ins Bad gegangen und hatte sich etwas Wasser ins Gesicht gegossen, während Remus begonnen hatte, die Zeitung zu lesen. Schon nach kurzer Zeit aber war er davon wieder abgekommen. Nichts stand in diesem Muggelblatt, was er nicht selbst gewusst hatte.
Severus war wieder gekommen, hatte sich auf das Bett gesetzt und den Kopf in die Hände gestützt. Kein Wort war zwischen den beiden gefallen.
Remus stand am Fenster und starrte die mit Graffiti besprühte Steinmauer an, die vor seinen Augen lag. „Life is shit!", stand dort in blau umrandeten, gelben Lettern. Der Werwolf ballte die Faust. Er malte sich aus, wie wenig der Sprayer tatsächlich von den Schattenseiten des Lebens wusste.
Dann wandte er seine Augen von dieser grauen Betonwüste ab und fasste Severus in den Blick, der stumm auf einer Bettdecke mit undefinierbaren alten Flecken saß und schwieg. Wer, wenn nicht er hätte Grund zu der Aussage „Life is shit"? Er wusste nicht, wie er Severus einordnen sollte, verstand dessen Beweggründe nur ansatzweise und erst gar nicht, was ihn in dieser Situation noch zur Gegenwehr antrieb, aber er hatte das Gefühl, dass dieser Mann in seiner Vergangenheit Dinge erlebt haben musste, die er sich nicht einmal vorzustellen wagte.
Langsam trat er auf ihn zu und beobachtete, wie hin und wieder ein leichtes Zittern durch den angespannten Körper jagte.
„Severus?", begann er leise und seine Stimme hörte sich an, als habe er sie seit Jahren nicht benutzt.
Der Angesprochene schrak zusammen, vielleicht hatte er gar vergessen, dass sich noch jemand anderes im Zimmer befand. Dann aber hob er den Kopf und sah Remus aus trüben Augen an.
„Was ist denn?"
Remus seufzte und setzte sich neben ihn. „In der Zeitung steht nur Müll, das Zimmer ist ein Drecksloch und ich habe Hunger. Ich weiß einfach nicht, was wir jetzt tun sollen…"
Er brach ab. Absichtlich hatte er keine Frage an Severus gerichtet. Was auch hätte dieser auf die Frage „Was sollen wir jetzt machen?" antworten können?
Der Schwarzhaarige fasste sich unbewusst an seinen gebranntmarkten Unterarm und legte den Kopf in den Nacken. Jetzt, wo Remus davon sprach, fiel ihm auf, wie hungrig er selbst eigentlich war.
„Es wird sowieso nicht besser, wenn wir hier untätig herumsitzen. Es wird niemand auf uns achten, ich denke, wir können etwas essen gehen."
Sie schlossen die Zimmertür ab und gingen in das Foyer zurück, wo nun zwei Männer lässig gegen eine der glatten Wände gelehnt standen, von denen die Farbe abblätterte. Der eine trug einen Vollbart und ein fleckiges Unterhemd hing über seinen Bauch, der andere war groß, ausgemergelt und spielte mit einer Münze. Sie verfolgten Remus und Severus mit Blicken, doch als diese durch die quietschende Eingangstür gegangen waren, hatten sie deren Gesichter schon wieder vergessen.
Die Straßen Londons waren ungewöhnlich menschenleer. Scheinbar jeder hatte Angst davor, Voldemort könne sich unter die Leute mischen und sie heimlich von hinten abstechen. Umso mehr fehl am Platz wirkten Severus und Remus, als sie ein kleines Restaurant betraten.
Die Kellnerin, welche sich an einen Tisch gesetzt hatte, der wie alle anderen auch leer war, sah überrascht auf. „Kann ich Ihnen helfen?", fragte sie und eine Spur Angst schwang in ihrer Stimme mit.
„Wir wollten fragen, ob hier noch ein Tisch frei ist.", fragte Remus und erkannte, indem er sich umsah, wie lächerlich diese Frage war.
Die Kellnerin umfasste ein weißes Tuch, das auf ihrem Schoß lag fester und musterte den Mann mit den vielen Narben im Gesicht und dem schlecht rasierten Kinn. Auch dessen Begleiter, ein bleicher, hagerer Mann mit verkniffener Miene erweckte ihr Vertrauen nicht in besonderem Maße. Wem konnte man heut zutage noch trauen?
Zögerlich stand sie auf und wies ihnen einen Platz am Fenster zu. Severus setzte sich und griff sich sogleich wieder an seinen brennenden Unterarm. Diesmal aber blieb dies Remus nicht verborgen.
„Was ist mit dir?", fragte er, indem er sich einen Stuhl zurechtrückte.
„Nichts. Lass uns essen.", kam die wenig überzeugende Antwort.
Remus blätterte halbherzig in der Speisekarte und sah Severus immer wieder über den Rand hinweg an. „Es ist dein dunkles…"
„Sei still!", zischte Severus eindringlich, sodass der Werwolf zusammen zuckte und sich wieder seiner Karte zuwandte.
Die Kellnerin nahm wortkarg ihre Bestellung auf und als sie ihr Essen brachte, stellte sie die Teller so schnell auf den Tisch, dass sie laut klirrten. Sie hob entschuldigend die Schultern und verschwand dann mit einem Seitenblick auf Severus in der Küche.
„Warum verhält sie sich so seltsam?", versuchte Remus die ihm unerträgliche, angespannte Stille zwischen ihm und Severus zu durchbrechen.
„Weil die ganze Muggelwelt plötzlich erkennen muss, dass es da Dinge gibt, von denen sie nichts ahnte. Stell dir einfach vor, dir würde plötzlich klar, dass dein ganzes Leben lang Marsmenschen mit dir den Planeten teilten. Wie würdest du dich da fühlen?"
Eine Weile aßen sie schweigend, dann ergriff Remus wieder das Wort. „Woher wissen die Muggel überhaupt davon? In der Zeitung stand nichts Konkretes, nur dass einer aus unseren Reihen damit zu tun hat."
„Wahrscheinlich fand es irgendein unbedeutender Zauberer ganz lustig, die Muggelwelt zu erschrecken. Oder er wollte einfach Aufmerksamkeit haben… als Boote des Schreckens…"
„Vielleicht ist es besser so… die Zaubererwelt liegt in Voldemorts Händen… und", Remus überging Severus' unwillkürliches Zucken, „vielleicht ist die Muggelwelt sein nächstes Ziel. Es ist nur fair, wenn sie wissen, wer sie da bedroht."
„Es ist bloß störend, wenn die sich einmischen.", erwiderte Severus. Damit schien die Unterhaltung für ihn beendet zu sein und wieder aßen beide schweigend.
„Vielleicht findet man ja irgendwie heraus, welcher Zauberer es ihnen gesagt hat.", begann Remus wieder.
Severus ging zunächst nicht auf ihn ein, sagte dann aber schließlich: „Warum willst du das wissen? Ist doch vollkommen egal."
Remus sah ihn an, dann blickte er auf seinen Teller und schlang gierig die letzten Bissen herunter.
Als die Kellnerin die Rechnung brachte, räusperte der Werwolf sich. Die Frau sah ihn erschrocken an.
„Ich habe da mal eine Frage. Wissen Sie zufällig den Namen des Zauberers, der ih… unserer Welt von Voldemort erzählt hat?"
Die Kellnerin musterte ihn misstrauisch. „Kommt doch andauernd im Fernsehen. Das war eine junge Frau namens Luna L."
Remus riss die Augen auf und auch Severus vergaß für einen Moment lang seine Schmerzen…
Morgan Fog stieg in den soeben vorgefahrenen Zug und hievte seinen Koffer hinter sich her.
Seine Eltern hatten es für unklug gehalten, dass er länger in der Nähe von Winterville blieb. Auch wenn Morgan schon 22 war, hatte er diesen Rat nur zu gerne befolgt. Da sich die Welt ohnehin um nichts und niemanden mehr zu kümmern schien, überraschte es ihn auch nicht, dass es niemanden interessiert hatte, als er plötzlich sein Elternhaus, seine Freunde und auch seine Universität aus der Nachbarstadt verlassen hatte.
Nun saß er also im Zug nach London. Er würde vorübergehend bei seinen Großeltern mütterlicherseits unterkommen in der Hoffnung, der Großstadtdschungel werde ihn schon vor allen Gefahren beschützen. Schließlich würde Voldemort es doch niemals schaffen, in einer Stadt wie London dasselbe Massaker anzurichten wie in dem Kuhdorf Winterville.
Oder doch? Morgan war sich nicht mehr sicher, was er noch glauben konnte. Er setzte sich in ein beinahe leeres Abteil und sah aus dem Fenster, als der Zug sich in Bewegung setzte. Diese Frau, Luna, hatte so überzeugt geklungen, dass Voldemort sie alle würde auslöschen können, wenn er nur wollte.
Er konnte und mochte sich nicht recht vorstellen, wie selbst ein Zauberer so etwas zustande bringen konnte, doch in den letzten Tagen hatte er gelernt, dass es Dinge gab, die über das menschliche Vorstellungsvermögen hinaus gingen.
Luna… es gab so viele Dinge, die er die junge Frau gerne noch gefragt hätte, so vieles, was er nicht verstand. Gerne hätte Morgan sich einmal privat mit ihr unterhalten, hätte erfahren, wie das Leben als Zauberer wohl so sei.
Er streckte den Arm aus und stellte sich vor, wie cool es wäre, wenn er allein mithilfe seines Willens den Zug zum Stehen oder gar zum Fliegen bringen könnte.
Wieso hatten manche Menschen diese Gabe und andere nicht?
Eine weitere Frage, die er Luna gerne gestellt hätte.
Eine Weile saß Morgan einfach so da und sah aus dem Fenster, während Bäume, Häuser und vereinzelt auch Menschen an ihm vorüber zogen. Er wusste, er würde sich in London nicht sonderlich wohl fühlen. Er war niemals ein Stadtmensch gewesen und die wenigen Male, in denen er seine Großeltern besucht hatte, hatte er sich seltsam fehl am Platze gefühlt. Es schien ihm, als werde er immer einsamer, je mehr Menschen um ihn waren.
Wenn diese Anonymität ihm nur wirklich Schutz vor Voldemort geben würde…
Severus schob Remus in eine Seitengasse, was nicht nötig gewesen wäre, da sowieso niemand darauf achtete, was sie taten oder sagten.
„Luna? Luna Lovegood? Ausgerechnet die Tochter dieses sensationsgeilen Klatschredakteurs?" Remus konnte noch immer nicht recht fassen, dass ausgerechnet seine ehemalige Schülerin mit den verträumten Augen und dem schrägen Outfit dafür verantwortlich war, dass die Zaubererwelt den Muggeln nicht länger ein Geheimnis war.
„Was hat sie sich nur davon versprochen?"
Severus knurrte. „Schlagzeilen. Offensichtlich steht die Göre genauso gern im Mittelpunkt wie die Leute, die ihrem Vater seine Auflagen bescheren." Er lehnte sich schwer gegen eine harte Steinmauer. „Wieso hast du die Frau überhaupt danach gefragt? Das letzte, was wir brauchen können ist, dass sie sich an uns erinnern kann."
Remus, der Severus nicht ganz folgen konnte, tat dessen Kommentar mit einem Schulterzucken ab. „Vielleicht sollten wir nach ihr suchen. Ein Zauberer mehr, der gegen Voldemort ist…"
Severus presste diesmal nur missbilligend die Lippen zusammen, als Remus den Namen des dunklen Lords erwähnte. „Das kann nicht dein Ernst sein. Was denn dann? Glaubst du, sie, du und ich, wir stellen uns dem dunklen Lord entgegen, fuchteln ein paar Mal mit den Zauberstäben und dann haben wir gewonnen? Du weißt selbst am besten, wie viele aus den Reihen deiner Mitstreiter ihr Leben haben lassen müssen."
Remus senkte den Blick. „Aber wir können auch nicht ewig weglaufen."
„Das stimmt. Irgendwann nämlich wird man uns finden. Falls du aber glaubst, ich stelle mich ihm freiwillig, dann irrst du dich."
Mit diesen Worten trat Severus auf die wenig belebte Straße zurück und ging mit ausladenden Schritten in Richtung ihres Hotels.
Remus sah ihm mit ausdrucksloser Miene nach und folgte ihm dann…
Später am Abend, als beide es in dem kleinen Zimmer nicht mehr recht aushielten, stiegen sie erneut das schmale Treppenhaus des kleinen Hotels herab.
Als sie das Foyer durchquerten, schnalzte der vollbärtige Mann im Unterhemd mit der Zunge, welcher nun neben der Frau am Empfang stand und ihr zusah, während sie ihre Lippen in einem dunklen Rot anmalte. Dann kam er auf Severus und Remus zu und baute sich vor ihnen auf.
„Haben Se Lust auf'n bisschen Spaß?", fragte er und Severus hob fragend eine Augenbraue. „Meine Mädels sin erstklassig." Er blickte sie beide fragend an. „Für wenig Geld, bring ich Ihnen dat Schärfste, wat ich hab."
Remus wollte zu einer nicht gerade höflichen Antwort ansetzen, doch Severus hob eine Hand. „Nein, danke, an so etwas sind wir nicht interessiert. Wir verbringen nur ein paar Nächte hier. Sehen Sie also in Zukunft von solchen Störungen ab und sprechen Sie uns nicht an."
Damit ließ er den etwas verblüfft aussehenden Mann in der Lobby stehen und ging in Richtung Ausgang.
Remus folgte ihm und glaubte, im Weggehen noch hören zu können: „Ach so welche sin die, hätt ich mir ja gleich denken können…machen einem de janze Kundschaft kaputt diese Schwuchteln…"
Der Werwolf ballte die Faust und trat nach draußen.
Kurz darauf stieß er einen leisen Schrei aus. Severus hockte stöhnend am Boden…
