Kapitel 11

Schlag auf Schlag

Snape hatte eine Hand auf seinen Unterarm gepresst und rang keuchend nach Luft.

„Es passiert.", flüsterte er, als Remus neben ihm zu Boden ging und ihn an der Schulter packte.

„Was passiert?" Angst schwang in der Stimme des Werwolfs mit.

„Er ruft sie zu sich. Er ruft seine Todesser." Severus unterbrach sich kurz und kniff die Augen schmerzvoll zusammen. „Und damit auch mich. Das kann nur bedeuten, dass er seinen nächsten Angriff plant."

Remus schluckte hart. Vorsichtig half er Snape auf die Füße zurück und stützte ihn, so gut es eben ging. „Wir sollten lieber ins Zimmer zurückgehen.", sagte er mit zittriger Stimme.

„Wohin ruft er dich denn?"

Severus atmete schwer. „Ich weiß nicht." Sein dunkles Mal fühlte sich an, als versenge es seinen gesamten Arm. Noch im Schultergelenk zuckten die heiß glühenden Schmerzblitze. „Du weißt es erst, wenn du dort bist." Er bemühte sich, aus eigenen Kräften zu stehen, doch seine Beine gehorchten ihm nicht und so ließ er sich von Lupin ins Hotel zurückführen…

Währenddessen hielt die Masse der Todesser wie eine Wolke aggressiver, schwarzer Insekten auf Oxford zu. Voldemort schien all seine Reserven zusammengetrommelt zu haben. Überall erschienen die verhüllten Gestalten, besetzten die Straßen, drangen in Häuser ein, taten, was sie tun mussten.

Und als sie wieder abzogen, wussten die wenigen Überlebenden, dass England einer nie zuvor da gewesenen Zerstörungswut gegenüberstand…

Wenige Stunden später hatten Severus' Schmerzen nachgelassen. Er lag auf seinem klapprigen Hotelbett und hatte die Hände vor die Augen gelegt. Lupin kauerte neben ihm auf dem Boden und erneuerte von Zeit zu Zeit einen nassen Waschlappen auf seiner Stirn.

Vorsichtig öffnete der Schwarzhaarige die Augen.

„Wie geht es dir?", fragte Remus leise. „Besser?"

Severus nickte langsam. Er wusste, was dies bedeutete. Die Todesser hatten ihr Werk vollendet. Wo auch immer sie gewesen waren, viele Unschuldige hatten ihr Leben lassen müssen.

Remus schien seine Gedanken nachvollziehen zu können. Er senkte den Blick und ballte die Faust. „Verdammt, man muss doch etwas dagegen tun können!"

Severus antwortete nicht. Er nahm sich den nassen Waschlappen vom Gesicht und schwang seine Beine vom Bett. Als er sich aufgesetzt hatte, ergriff ihn ein kurzer Schwindel, dann jedoch stand er auf und ging zu dem kleinen Fenster hinüber.

Remus blickte ihm nach. Er konnte die beklemmende Stimmung beinahe körperlich spüren. Was konnte man in einer solchen Situation sagen? Was tun, wenn man wusste, welche Schreckenstaten gerade stattgefunden haben? Der Werwolf fand keine zufrieden stellende Antwort darauf. Es führte ihm nur wieder einmal schmerzlich vor Augen, wie nahe am Abgrund die gesamte Menschheit zurzeit lebte. Wie schnell der nächste Tag auch sein letzter sein konnte… wenn Voldemort sie fand…

Er stand auf und trat neben Severus, der mit trübem Blick aus dem verdreckten Fenster sah, die Umgebung aber gar nicht wirklich wahr zu nehmen schien.

Remus sparte sich jede Worte, die doch nur leere Floskeln gewesen wären.

Auch Severus sagte nichts. Er wollte nichts denken, gar nichts. Er registrierte, dass Remus neben ihn trat und es löste eine unbestimmte Verzweiflung in ihm aus. Er hasste Hilflosigkeit, hasste sie maßlos. Und doch spürte er sie in diesem Moment in zweifacher Hinsicht, intensiver als je zuvor.

Zum einen wusste er genau, dass das Zerstörungswerk des dunklen Lords immer weiter gehen würde und er selbst konnte rein gar nichts daran ändern. Jedes Mal wieder würde das dunkle Mal an seinem Arm ihn daran erinnern, wie viele Menschen durch die Hände seiner ehemaligen Gefährten starben.

Und zum anderen? Aus den Augenwinkeln konnte er Remus' Gesichtszüge sehen, hörte dessen flachen, zittrigen Atem.

Auch dieser Mann stellte ihn immer wieder seiner eigenen Hilflosigkeit gegenüber. Stellte ihn vor Fragen, die er sich selbst nicht beantworten wollte. Warum hatte er ihn verschont? Warum hatte er ihm versprochen, ihn zu beschützen, koste es, was es wolle?

Severus kannte die Antwort, kannte sie, seit die Todesser sich an ihm vergriffen hatten.

Und doch überstieg die Hilflosigkeit, die er in diesem Moment an der Seite des Werwolfs empfand, alles, was der dunkle Lord je in ihm würde auslösen können.

Severus wandte den Kopf und sah direkt in die fragenden Augen von Remus, die im Glanz des aufgehenden Mondes leuchteten.

„Remus…", flüsterte er leise, beinahe unhörbar.

Doch Remus hatte es gehört. Dieses eine Wort, sein eigener Name, drang tief in seine Seele ein. Er wusste Severus' Blick nicht ganz zu deuten, doch erkannte er die Ernsthaftigkeit darin.

Ehe er wusste, was genau er eigentlich sah, hatten ihn zwei Hände bei den Schultern gefasst. Und nur Sekunden später pressten sich kühle Lippen hart auf seine.

In der Dunkelheit des Zimmers erkannte Remus nur die Silhouette des Schwarzhaarigen, umso intensiver fühlte er ihn.

Es war, als würde ihm mit einem Mal klar, warum er überhaupt noch lebte, warum Severus ihm geholfen hatte…

Eine Träne stieg in die Augen des Werwolfs. Wie hatte er nur so dumm sein können? Wie hatte er zu blind sein können, um sich Severus' Taten zu erklären?

Noch immer berührten sich ihre Lippen und Remus machte keine Anstalten, den Kuss zu unterbrechen. Er war so plötzlich gekommen, so völlig unvorbereitet und aus dem nichts. Und doch sagte irgendetwas in Remus' Inneren, dass es längst überfällig gewesen war.

Wie kann man sich über so etwas innerhalb eines Sekundenbruchteils klar werden?

Remus wusste es nicht und er wollte es nicht wissen.

Es machte keinen Unterschied, dass er nie zuvor daran gedacht hatte, änderte nichts, dass er nie in dieser Weise über Severus nachgedacht hatte.

Der Moment zog sich in seinem Bewusstsein endlos lange hin und gab ihm das Gefühl, als befinde er sich in einem Schwebezustand. War er an einem Punkt angelangt, an dem Zweifel, Unsicherheiten, die Vergangenheit keine Rolle mehr spielten?

Als sich ihre Lippen voneinander lösten, ließ er sich jedenfalls kraftlos gegen die Brust des Schwarzhaarigen sinken, hörte dessen vollkommen ruhigen Herzschlag und merkte, wie zwei Arme in umschlossen.

Sie sagten nichts, dachten nichts, klammerten sich nur aneinander wie zwei Ertrinkende, die wussten, dass ihnen nicht viel Zeit zusammen bleibt, die erkennen, dass das Ende nahe ist und jede Sekunde davon ausnutzen wollen.

Nach einer Weile hob Remus den Kopf, verharrte eine Weile und küsste Severus dann erneut, diesmal bewusster, leidenschaftlicher.

Severus erwiderte seinen Kuss, presste ihn nahe an sich.

Langsam öffneten sich ihre Lippen, ihre Zungen berührten sich. Es war, als explodierte plötzlich all das, was sich zwischen ihnen angestaut hatte, in den vergangenen Tagen.

Remus wurde rückwärts gedrängt, zum Bett. Gleichzeitig schoben sich zwei Hände unter sein Hemd, strichen die Brust entlang und ließen ihn aufseufzen.

Rasch, als stünden sie unter Zeitdruck, entledigten sie sich ihrer Kleidung, wussten beide, was folgen würde, als seien sie nur Schauspieler, deren Drehbuch lange feststeht.

Unbekleidet lagen sie nebeneinander auf dem Bett, küssten sich wild, berührten sich ungestüm und ungeduldig.

Severus glitt über Remus, drückte seine Beine auseinander und legte sich selbst dazwischen. Remus umfasste seinen Rücken, drängte sich näher an ihn, während dieser in seine Hände spuckte und sich selbst einrieb.

Dann, in einer ungehaltenen Geste, die Erleichterung war und gleichzeitig seine innere Verzweiflung noch verstärkte, drang Severus in Remus ein.

Remus warf den Kopf zurück, stöhnte. Vollkommen bewusst erlebte er jeden einzelnen Stoß und doch erschien ihm das ganze so unwirklich.

In der Dunkelheit dieses schäbigen Hotels hatten zwei Menschen einen Zufluchtsort gefunden… zwei Menschen, deren Schicksal nun für immer untrennbar miteinander vereint sein würde…

Es war 23.10 Uhr. Morgan lag auf dem Gästebett im Hause seiner Großeltern und sah fern. Nichts Aufregendes, eine Gameshow-Wiederholung, bloß nichts, was das Gehirn anstrengte.

Er befand sich recht nahe am Halbschlaf, bekam von all den tollen Preisen, die die Kandidaten einheimsten, nur herzlich wenig mit.

Dann aber schreckte ihn die unverkennbare, laute Melodie einer Sondersendung auf. Innerhalb von Sekunden war er wieder hellwach.

„Massaker in Oxford", flimmerte es in großen, roten Lettern über den Fernseher und ein Nachrichtensprecher plärrte aufgeregt.

Morgan umklammerte sein Kissen, sah Bilder von weinenden Menschen und hörte, wie jemand von tausenden Toten sprach.

„Das kann nicht sein, das kann nicht wahr sein.", rezitierte Morgan immer wieder wie ein Mantra, während ihm in schrecklichem Ausmaß die stattgefundene Zerstörung vor Augen geführt wurde.

Das Bildungsviertel Oxfords hatte es getroffen. Studentenwohnheime waren überfallen worden, unzählige Tote hatte man gefunden.

„Nein, nein.", murmelte Morgan immer wieder, während man im Fernsehen das Geheul von Sirenen, das Motorengeräusch unzähliger Leichenwagen vernahm.

Zitternd ergriff er die Fernbedienung, schaltete von einem auf das nächste Programm, ganz so als zweifle er an der Authentizität dieser Meldungen.

Doch es war real. „Voldemort ist wieder da", verkündete das nächste Programm. „Apokalypse??", das übernächste.

Morgan schmiss die Fernbedienung auf sein Bett, schlüpfte rasch in seinen Morgenmantel und rannte quer über den Korridor zum Zimmer seiner Großeltern.

Hektisch klopfte er und als er ein müdes „Herein" vernahm, stürzte er hinein und schilderte, was er so eben gehört hatte.

Wenige Minuten später saßen sie alle drei erneut vor dem Fernseher, diesmal im Wohnzimmer und starrten noch immer fassungslos die Bilder an.

Winterville war ein kleines Dorf gewesen, aber Oxford? Wenn Voldemort innerhalb so kurzer Zeit eine der berühmtesten Städte Englands überfallen und die Hälfte der Bewohner töten konnte, wie lange würde es dann dauern, bis er die ganze Erde leergefegt hatte?

Morgans Großmutter weinte, während sein Großvater, ähnlich ihm selbst, das Massaker nicht wahr haben wollte.

Irgendwann hielt Morgan es nicht mehr aus, stand auf und trat auf den Balkon. Verzweiflung hatte ihn erfasst, als ihm schließlich bewusste geworden war, dass dies tatsächlich passierte.

„Luna.", flüsterte er lautlos in die Nacht. „Wieso könnt ihr Zauberer denn nichts tun, wieso nicht??"

Luna wusste nicht, dass man gerade an sie dachte, sie hatte andere Sorgen.

Sie stieg gerade in den Aufzug des St. Mungos und drückte rasch einen Knopf.

Als ihr Vater aufgrund seiner guten Beziehungen erfahren hatte, dass Sybill Trelawney eingeliefert worden war, hatte sie sich sofort auf den Weg ins Krankenhaus gemacht.

Sybill sei in keinem guten Zustand, hatte es geheißen. Sie befinde sich in Trance und rede nur wirres Zeug.

Luna stand im Aufzug und wippte auf ihren Zehenspitzen. Hoffentlich hatte sie Recht, hoffentlich! Sie wusste von den zwei „wirklichen" Prophezeiungen, die Trelawney in ihrem Leben gemacht hatte. Und sie wusste auch, dass derartige Prophezeiungen nie bei ihrem vollen Bewusstsein getätigt worden waren.

Als der Aufzug hielt, sprang Luna fast heraus und musste sich beherrschen, um nicht durch die sterilen Korridore zu rennen. Die Schwestern achteten nicht auf sie. Sie redeten aufgeregt durcheinander. Es hatte einen neuen Angriff auf die Muggelwelt gegeben, das wusste Luna, aber es interessierte sie im Moment nicht.

Ohne Anzuklopfen betrat sie Trelawneys Zimmer. Es war leer, was hatte sie zu dieser Tageszeit anderes erwartet? Ohnehin schien sich kaum jemand mehr um die Wahrsagerin zu kümmern, seit Harry Potter und Neville Longbottom tot waren. Sie hatte lange keine brauchbaren Wahrsagereien mehr zustande gebracht und die eine wirklich wichtige hatte sich als nutzlos herausgestellt.

Luna seufzte. Sie hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Mit kleinen Schritten näherte sie sich dem Bett der Wahrsagerin und ging neben ihr in die Hocke.

„Hallo, Professor Trelawney.", flüsterte sie und strich sich eine ihrer langen Haarsträhnen hinter das Ohr. Wie erwartet erhielt sie keine Antwort, doch Sybill erwachte und wälzte sich unruhig hin und her.

Luna biss sich auf die Unterlippe und ihre großen Augen beobachteten ihre ehemalige Lehrerin. Ihr Vater hatte nicht untertrieben, sie sah ehrlich furchtbar aus. Ihre Haare standen wirr zu Berge und ihre Augen sahen gleichzeitig verängstigt und abwesend aus.

Luna hatte gehört, dass die Trance bei den letzten beiden Prophezeiungen nur kurz angedauert hatte. Also vielleicht irrte sie sich und die Frau war einfach verrückt geworden.

Lunas Lippen verzogen sich bei diesem Gedanken zu einem kurzen Grinsen, dann aber wurde ihr der Ernst der Lage wieder bewusst.

„Professor, ich bin es, Luna.", flüsterte sie in ihrer seltsamen Stimmlage.

Wieder erhielt sie keine Antwort, diesmal allerdings schnellte eine von Trelawneys Händen nach vorne und umklammerte Lunas Arm.

Die junge Frau atmete erschreckt ein.

Trelawney murmelte wirres Zeug vor sich hin, welches Luna kaum verstand. Nur Fetzen drangen an ihr Ohr, denen sie allerdings nur wenig Sinn entnehmen konnte.

Vorsichtig löste Luna den Klammergriff der Wahrsagerin an ihrem Arm, stand auf und trat einen Schritt zurück.

Die Augen ihrer ehemaligen Lehrerin waren nun weit aufgerissen und starrten Luna an. Diese rieb sich hektisch über Arm, der schmerzte, weil Trelawney Lunas Armbänder in das Fleisch gedrückt hatte.

„Professor.", begann sie wieder.

Mit einem Mal war es Luna, als habe man ihr einen Eimer kalten Wassers über den Kopf gegossen. Trelawney hatte sich in ihrem Bett aufgesetzt und starrte sie an, nun völlig klar.

„Der eine…", begann die Wahrsagerin.

„Der Eine mit der Macht, den Dunklen Lord zu besiegen, naht heran ...
jenen geboren, die ihm drei Mal die Stirn geboten haben,
geboren, wenn der siebte Monat stirbt ...
und der Dunkle Lord wird ihn als sich Ebenbürtigen kennzeichnen,
aber Er wird eine Macht besitzen, die der Dunkle Lord nicht kennt...
und der Eine muss von der Hand des Anderen sterben, denn keiner kann leben, während der Andere überlebt ..."

Luna trat noch weiter zurück. Die Prophezeiung, das war dieselbe Prophezeiung, die Trelawney schon einmal vorausgesagt hatte. Sie seufzte. Warum war sie nur hier?

Dann aber sprach Trelawney weiter.

„Der Eine wird kommen, schon bald wird er kommen. Junges Blut wird durch seine Adern fließen, Zukunft und Vergangenheit wird er ändern. Nur der kann den Dunklen Lord besiegen, der Muggel und Zauberer in sich vereint."

Dann plötzlich fiel Trelawney in ihre Kissen zurück. Ihre Augen waren noch immer weit aufgerissen. Luna stürzte an sie heran, doch als sie ihren Arm berührte, war da kein Puls mehr…