Kapitel 12

Lauffeuer

Luna saß ruhelos an ihrem Fenster und starrte hinaus in den noch dunklen, neuen Tag, der aber bereits die aufgehende Sonne erahnen ließ.

Sie hatte die ganze Nacht kein Auge zubekommen, sondern immer wieder an Trelawneys mysteriöse Worte und ihren noch seltsameren Tod denken müssen.

Sie war dabei gewesen, als die Krankenschwestern ins Zimmer gestürzt kamen, hatte beteuert, sie wisse nicht, was geschehen sei.

Und man hatte ihr geglaubt. Trelawney sei an Herzstillstand gestorben, hieß es.

Luna konnte sich keinen wirklichen Reim auf die neue Prophezeiung machen. Konnte man ihr Glauben schenken oder waren es nur die letzten verzweifelten Worte einer sterbenden Frau gewesen? Und warum hatte Trelawney die alte Prophezeiung wiederholt? War sie vielleicht nur ein Teil gewesen, der nun komplett war?

Luna seufzte laut, stand ruckartig von ihrem Platz auf der Fensterbank auf und lief in dem knallroten Schlafanzug, den sie trug, im Zimmer umher. Sie schnappte sich einen Keks aus der bunten Dose auf ihrem Nachtschrank und warf sich rücklings auf ihr breites Bett.

„Jemand, der Muggel und Zauberer in sich vereint??", fragte Luna die Decke. „Ein Halbblut also?" War das damit gemeint? War ihr potentieller Retter ein Halbblut?

Luna schluckte die letzten Reste ihres Kekses hinunter, als sie hörte, wie die Haustür ins Schloss fiel. „Endlich!"

Sie sprang vom Bett, schlüpfte in ihre großen Pantoffeln und flitzte die enge Wendeltreppe ihres Elternhauses hinab. „Papa!", rief sie und blieb atemlos vor ihm stehen.

Ihr Vater warf ihr einen verwirrten Blick zu. Er trug eine Brille mit viel zu dicken Gläsern und seine Haare standen ihm zu Berge. „Luna.", sagte er und legte den Stapel Zeitungen mit der neusten Ausgabe des „Klitterers" aus der Hand. „Was bist du denn schon wach?"

„Ich muss dir unbedingt was erzählen, es wird dich interessieren!"

„Nicht jetzt… ich war die ganze Nacht auf Achse, seit Du-weißt-schon-wer in Oxford solches Chaos angerichtet hat."

Luna schob ihre Unterlippe vor und ihre Augen nahmen einen beleidigten Ausdruck an. „Ich bin mir sicher, es WIRD dich interessieren."

Und ohne erneute Widerworte ihres Vaters abzuwarten, schob sie ihn ins Wohnzimmer und zog ihm einen Stuhl heran…

Als Remus erwachte, stach ihm die Morgensonne in die Augen. Sie war nicht besonders hell durch die Wolkendecke und die dreckigen, trüben Fenster, doch sie reichte, um ihm ein genervtes Stöhnen zu entlocken.

Er erinnerte sich an gestern Abend, hatte sich sofort erinnert, als er wach geworden war. Seltsamerweise erschreckte es ihn nicht, machte ihn nicht nervös. Vielmehr erfüllte es ihn mit derselben inneren Ruhe, die er gespürt hatte, als sich Severus' Lippen auf seine gelegt hatten.

Er gab seinen Augen noch ein wenig Zeit, um sich an die Helligkeit zu gewöhnen, dann legte er sich auf die Seite und fasste Severus in den Blick, der stumm, aber mit offenen Augen auf dem Rücken lag.

„Du ist schon wach.", kommentierte der Werwolf leise.

Severus antwortete nicht, aber er wandte ihm den Kopf zu. „Ja.", sagte er dann.

Eine Weile herrschte Schweigen zwischen den beiden. Remus wusste nicht, was er sagen sollte, eigentlich gab es da auch nicht viel zu sagen. Schließlich streckte er eine Hand aus und legte sie auf Severus' nackten Oberarm. Der Schwarzhaarige sah ihn einfach nur mit ernster Miene an. Remus lächelte.

„Irgendwie seltsam.", flüsterte er dann.

„Ja.", wiederholte Severus.

Remus begann mit langsamen Bewegungen Severus' Arm zu streicheln. In dieser winzigen Geste lag mehr Zärtlichkeit, als sie den ganzen vergangenen Abend lang geteilt hatten.

Severus' Gesichtszüge entspannten sich ein wenig. Es sah aus, als habe sich seine gestrige Verzweiflung ein wenig aufgelöst. Er hob langsam den Arm, welchen der Werwolf streichelte, und legte ihn um dessen Schulter. Remus verstand dies als einladende Geste und rückte näher an ihn heran.

„Können wir nicht einfach für immer hier liegen bleiben?", flüsterte er. „Und wir müssen uns um nichts mehr kümmern… Voldemort kann uns egal sein…"

Severus sah ihn weiter unverwandt an. Ja, es wäre schon, wenn es so einfach wäre, aber so war es nicht…

Er seufzte, drückte Remus kurz an sich und setzte sich dann auf.

„Wir sollten aufstehen.", erwiderte er, während er sich notdürftig seine Klamotten vom Boden zusammensuchte.

Remus war in einer Bäckerei verschwunden, um sich etwas zum Frühstück zu besorgen. Severus hatte keinen Hunger…

Er lehnte an einem Zeitungsstand und las sich die unzähligen Artikel über Oxford durch. Es brachte das Gefühl von Hilflosigkeit ein Stück weit zurück, wenn auch nicht ganz so intensiv wie am vergangenen Abend.

Suchend blickte er sich um und sah Remus, der kauend aus der Bäckerei kam.

„Die Muggel sind völlig verängstigt.", erklärte der Werwolf gedämpft. „Es muss grauenhaft sein, was in Oxford passiert ist…"

Severus nickte stumm.

Während Remus zu Ende aß, traten sie in eine unbeobachtete Seitengasse.

„Und du willst das wirklich tun?", fragte Severus.

Remus nickte. Ja, er wollte Luna Lovegood suchen, wollte endlich wieder mit der Zaubererwelt in Kontakt treten.

„Na gut, dann…"

Beide zückten ihre Zauberstäbe und disapparierten.

Sie materialisierten sich in Hogsmeade. Dieses war im Gegensatz zur Winkelgasse noch relativ heil geblieben, wenn auch viele der Geschäfte geschlossen hatten und kaum jemand auf der Straße zu erblicken war.

Sie liefen eine Weile ziellos umher und warfen einen Blick in einige leere Lokale. Schließlich fiel ihnen eine Gruppe von vielleicht zehn Leuten auf, die sich auf einem Haufen zusammen gedrängt hatten.

„Was ist denn da los?", fragte Remus und beschleunigte seinen Schritt etwas.

Severus folgte ihm schweigend.

Als sie näher kamen, hörten sie, wie die Menschen aufgeregt durcheinander redeten. Remus tippte einem jungen Mann auf die Schulter, welcher ganz hinten stand und seinen Kopf in eine Zeitung vertieft hatte.

„Was ist denn hier los?", fragte er.

Der Mann hob den Kopf. „Ja, haben Sie es denn noch nicht gehört? Es gibt eine neue Prophezeiung! Hier, hier steht es!"

Remus runzelte die Stirn und nahm die ihm dargebotene Zeitung. Severus trat neben ihn und zeigte mit dem Finger auf die Überschrift.

„Der Klitterer?? Du solltest solch einen Schund nicht lesen."

Der junge Mann starrte Severus an. „Das stimmt nicht, in letzter Zeit bringt der Klitterer wirklich seriöse Berichte, außerdem gibt es eine Zeugin, die die Prophezeiung selbst mit angehört hat."

Severus schnaubte hörbar, warf aber doch einen Blick über Remus' Schulter und las den Artikel.

Der Mann musterte Severus und Remus. Irgendwie kam ihm zumindest der große Schwarzhaarige bekannt vor, aber er konnte ihn nicht recht einordnen.

„Sagen Sie, kenne ich Sie?", fragte er deshalb, als Severus und Remus fertig mit Lesen waren und einigermaßen erstaunt den Kopf hoben.

Severus warf ihm einen abschätzigen Blick zu. „Also ich kenne Sie nicht.", kommentierte er und beließ es dabei.

Remus gab ihm rasch die Zeitung zurück und sie entfernten sich ein Stück weit von der Gruppe.

„Und, was hältst du davon?", fragte Remus, als sie außer Hörweite waren.

„Irgendwie wird mir diese Luna Lovegood langsam unheimlich.", kommentierte Severus. „Überall hat sie ihre Nase drin, vielleicht hast du Recht und wir sollten mit ihr sprechen."

„Das habe ich nicht gemeint. Ich meine die Prophezeiung."

Severus hob eine Augenbraue und blieb stehen. „Ich halte nicht viel davon. Trelawneys letzte Weissagung war nun ja wohl auch kein Treffer… entweder waren es Worte einer verwirrten alten Frau oder „Der Klitterer" möchte sich wieder einmal mit kuriosen Geschichten in den Mittelpunkt aller Diskussionen stellen. Wäre nicht das erste Mal. Wahrscheinlich nutzt Lovegoods Vater die Angst der Menschen aus, um noch mehr Auflagen zu erhalten."

Remus hatte Severus' Ausführungen schweigend zugehört. Auch er hielt nicht sonderlich viel von Klatschblättern wie dem Klitterer aber wäre es nicht schön, wenn es diesen Funken Hoffnung tatsächlich geben würde?

„Severus, ich finde nun wirklich, dass wir Luna suchen sollten. Wenn es diese Prophezeiung wirklich gibt… wenn das, was wir alle immer für die wahre Prophezeiung gehalten haben, nur ein Bruchteil war… vielleicht gibt es dann doch noch eine Möglichkeit Voldemort zu besiegen…"

Remus warf Severus einen unsicheren Blick zu. Sogar auf ihn selbst hatten seine Worte nicht sonderlich überzeugend geklungen.

Severus runzelte die Stirn und presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Ein langer Augenblick verstrich, in dem Remus das Herz bis zum Hals schlug. Dann stieß Severus einen lang gezogenen Seufzer aus und ließ die Schultern sinken.

„Na schön, wenn es das ist, was du willst. Ich habe dir aus einem Mangel an Alternativen heraus nicht sonderlich viel entgegen zu setzen. Allerdings", er hielt kurz inne, „weiß ich nicht, was du dir davon versprichst."

Remus atmete erleichtert aus. „Die Adresse von Lunas Vater lässt sich bestimmt herausfinden. Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem man einfach jedem Funken Hoffnung nachgehen muss, oder nicht?"

Severus antwortete nicht, aber folgte Remus zum Zeitungsstand zurück.

Dort erkundigte sich der Werwolf bei einigen Personen und hatte schon bald Glück. Ein Käufer kannte Mr. Lovegood und nannte ihnen die Adresse.

Severus erschien das Ganze allerdings ein wenig zu einfach…

Kurze Zeit später saßen sie in einem der schlecht besuchten Lokale, denn Remus wollte sich einige Fragen zurecht legen, die er an Luna hatte.

Severus nippte an einem schwarzen Kaffee und hörte seinem Begleiter meist schweigend zu. Irgendwie fühlte er sich plötzlich furchtbar fehl am Platze und töricht. Hier saß er also… Extodesser, Mörder von Dumbledore… mitten in einem Cafe' von Hogsmeade mit Remus Lupin. Er hatte das seltsame Gefühl, dass die wenigen Gäste ihn beobachteten und genau wussten, wer er war.

Paranoia… natürlich war das nur Paranoia, denn die wenigsten kannten ihn. Dennoch glaubte er, dass die alte Frau in der Ecke ihn ein wenig lange ansah, das junge Paar am Nebentisch absichtlich leise sprach und die Bedienung auffällig lange an einem Glas putzte, ehe sie zu ihnen trat…

Vielleicht konnte er einfach nur nicht nachvollziehen, warum Menschen in solch einer Situation seelenruhig Kaffee trinken gingen.

Er sah hinab auf seine eigene Tasse.

Andererseits… tat er nicht genau dasselbe?

„…zu tun ist.", beendete Remus gerade einen Satz und Severus schreckte aus seinen Gedanken aus.

„Tut mir Leid, was hast du gesagt?"

Remus warf ihm einen leicht beleidigten Blick zu und wiederholte: „Ich sagte, vielleicht ist es gar nicht nötig, dass wir solange überlegen, was zu tun ist. Vielleicht gehen wir einfach zu ihr hin und fragen sie, ohne lange nachzudenken, was wir sagen."

Severus seufzte. Ihm war das im Grunde egal, er hatte nicht über Luna Lovegood und ihre seltsame Prophezeiung nachgedacht. Dennoch wollte er Remus nicht enttäuschen und zwang sich zu einem Nicken.

„Ja, du hast sicher Recht, wir sollten gehen." Er stellte seine noch halbvolle Tasse auf den Tisch und legte etwas Geld daneben.

Sie standen auf und gingen in Richtung Ausgang. Remus griff nach seinem Mantel und als er sich wieder umdrehte, stand ein großer, schwarz gekleideter Mann im Türrahmen und versperrte ihnen den Weg.

„Ich kenn dich doch.", sagte dieser gerade zu Severus.

Severus trat einen Schritt zurück und musterte den Mann. Er erkannte ihn nicht aber das hieß nicht, dass es nicht ein Todesser sein konnte.

„Ach ja?", erwiderte Severus. „Ich Sie aber nicht, also würden Sie uns freundlicherweise hinaus lassen?"

Ein Kellner kam heran gelaufen. „Was ist denn hier los?", fragte er und Panik schwang in seiner Stimme mit. Er wollte keinen Ärger haben…

Der große Mann lachte schallend. „Du bist Snape, die Ratte, die Dumbledore auf dem Gewissen hat."

‚Kein Todesser, immerhin.', dachte Severus sarkastisch. „Da müssen Sie mich verwechseln.", sagte er laut.

„Nein, nein ich bin mir sicher!"

Remus war neben Severus getreten, sah sich unsicher um und legte ihm eine Hand auf den Arm. „Lass uns lieber gehen, die starren schon alle her."

Tatsächlich war die alte Dame nicht mehr in ihre Zeitung vertieft, das junge Paar starrte ungeniert herüber und auch die andere Kellnerin hatte das Polieren ihrer Gläser scheinbar als nicht so wichtig eingestuft.

Severus schlug die Augen nieder und schnaubte verächtlich. „Mit so etwas brauche ich mich nicht auseinander setzen. Ja, wir gehen."

Remus atmete erleichtert aus und in wenigen Augenblicken waren sie disappariert.