Ein kurzes Kapitel – sorry – aber Ihr wollt mehr und ich hab eigentlich keine Zeit –seufz- also müsst ihr euch hiermit für einen kurze Weile zufrieden geben... Bald mehr! Und tausend Dank für die Reviews! Ihr seid großartig! Bei solchen Reviews kann ich einfach nicht anders, als weiterschreiben...


OoOoO

Kapitel 6

Sie wusste nicht, woran genau sie es erkannte, aber seine Erregung war einem anderen Gefühl gewichen und jetzt, da sie hier mit ihm unter der rauschenden Kaskade aus warmem Wasser stand, änderte sich auch ihr eigener Zustand.

Was hatte sie erwartet? Den ultimativen Kick, der sie jetzt übereinander herfallen lassen würde? Daß er seine Kontrolle verlieren und sie von Wildheit getrieben endgültig nehmen würde? Daß er sie anschrie?

Was auch immer es gewesen war – das hier hatte sie nicht erwartet.

Obwohl sie nun neben ihm stand, wagte sie nicht einmal, ihn zu berühren.

Er stand einfach nur dort und stützte sich mit ausgestreckten, durchgedrückten Armen, leicht nach vorne gebeugt gegen die Wand ab, während er sich das Wasser rauschend über den Kopf und den Rücken fließen ließ. Er ließ den Kopf locker nach vorne hängen und die glänzend nassen Strähnen seiner Haare sahen in dem Fluß selbst ein wenig wie Wasser aus. Schwarzes Wasser...

Je länger Hermine ihn in dem Regen betrachtete, umso klarer wurde ihr, daß an dem Bild, noch über die ungewöhnliche Situation hinaus etwas untypisch und so ganz und gar nicht Snape war.

Er hielt die Augen nicht einfach nur geschlossen, sondern tat dies auf eine angestrengte Art und Weise. Als habe er Kopfschmerzen.

„Ich will nicht, daß Sie mich ansehen."

Seine Stimme kratzte und war in dem Rauschen kaum zu hören.

Hermine wusste mit diesem Wunsch nichts anzufangen – war verwirrt davon und sie sah sich außerstande, ihn nicht anzusehen.

„Warum nicht?", fragte sie ihn und wusste im selben Moment, daß sie unter anderen Umständen niemals eine wahre Antwort auf diese Frage erhalten hätte. Aber die Umstände waren so, wie sie waren.

Er blieb unbewegt.

„Weil all dies demütigend genug ist und es nicht auch noch sein muß, daß Sie mich so sehen."

„Sie tun gerade so, als könne ich mit meinem Aussehen einen Blumentopf gewinnen." Noch während sie diesen Satz sagte, wurde ihr mehr als deutlich bewusst, daß er jetzt davon ausgehen musste, daß sie ihn für hässlich hielt, während sie zeitgleich erkannte, daß sein Aussehen alles andere als unattraktiv war. Im Gegenteil... Er war kein Athlet, aber sein beinnahe unnatürlich schlanker Oberkörper und seine ebenso nackten Arme waren auf eine Weise, die Hermine ein oder zwei Atemzüge vergessen ließ, fest und von feinen Muskeln geformt.

Er wandte den Kopf abrupt zur Seite und sah sie nun an, als sei sie verrückt geworden.

„Ich spreche nicht davon, wie ich aussehe, Miss Granger. Derlei Eitelkeiten sind mir fremd und in meinen Augen ist es Blasphemie, zu glauben, wir selbst oder irgendjemand um uns herum, sei von Gott nicht gut genug erschaffen worden. Und an seiner Vorgabe herumzuspielen und sie in eitler Manie auf eine Weise verschönern zu wollen, die über die Steigerung der Nützlichkeit des Körpers hinausgeht, ist unangebracht."

Hermines Augen wurden groß.

„Gott? Sie glauben an Gott, Professor?"

„Natürlich. Sie etwa nicht? Wie erklären Sie sich dann alles, was Sie in dieser Welt sehen? Und wer, wenn nicht er, wird ihnen Absolution erteilen für die Grausamkeiten, die Sie in ihrem Leben begangen haben und noch begehen werden? Und wen sollte ich um Vergebung bitten, Miss Granger? Mir selbst kann ich nicht vergeben. Nicht nach all dem, was ich getan habe. Aber wer soll es sonst tun? Albus Dumbledore, weil er so einen schönen, weißen Bart hat? Nein, Miss Granger. Wir Zauberer und Hexen werden, ähnlich wie die Muggel auf der anderen Seite, jedes Geheimnis der Natur lüften. Wir werden von allem herausfinden, wie es funktioniert. Aber wir werden nie erfahren, warum es geschieht. Der Muggel-Genetiker kann jedes noch so unsichtbare Ereignis in einem Fötus beschreiben, analysieren, zu Papier bringen. Er hat das Geheimnis gelüftet, wie sich Zellen teilen, damit sie eine Blume, einen Baum, eine Katze oder einen Menschen wachsen lassen. Aber WARUM geschieht das, Miss Granger? Wer sagt ‚wachse'? Wer sagt ‚stirb'? Wer sagt ‚leide' und wer sagt ‚liebe'? Warum können wir ein Gefühl wie Liebe nicht selbst bestimmen? Warum können wir uns nicht aussuchen, wen wir lieben? Warum geschieht es einfach – egal wie sehr wir uns vielleicht dagegen wehren? Und dann fragen Sie mich, ob ich an Gott glaube?"

Er drehte das Wasser ab und fuhr sich mit den Fingern beider Hände durch die Haare, so daß sie glatt nach hinten lagen.

Nun standen sie da. Beide pladdernass.

Er sah auf sie herab, doch, obwohl ihr ihre Kleidung nun wie eine zweite Haut am Körper klebte, wodurch nicht mehr viel von dem verborgen blieb, was darunter war, wich sein Blick nicht von ihren Augen.

„Wovor hatten Sie in der Halle eigentlich mehr Angst, Miss Granger? Vor dem, was die anderen denken würden, oder vor mir?"

„Vor Ihnen, weil ich nicht wusste, wie Sie reagieren würden und Ihre Zurückweisung, ganz gleich wie verständlich, noch unerträglicher gewesen wäre, als das Geschwätz der Umstehenden, aber am meisten hatte ich Angst davor, daß ich Sie in eine unmögliche Situation bringe.", antwortete sie ohne jedes Zögern.

Mit dieser Antwort hatte er nicht gerechnet.

„Wie ist es dazu gekommen, daß ich Ihre Gedanken in dieser Weise beschäftige? Ist es nur Faszination für das Unbekannte? Eine Schwärmerei? Ich habe, soweit ich weiß, nie Anlaß für irgendwelche Schwärmereien geboten. Im Gegenteil, ist die Verachtung, die Schüler üblicherweise ihren Lehrern entgegenbringen, bei mir deutlich ausgeprägter als bei den Kollegen. Das ist jedem und selbstverständlich auch mir bekannt. Warum ist es bei Ihnen nicht so?"

Hermine spürte, wie die Ansammlung von Fragen, durch den Einfluß des Serums, ihren Kopf beinahe schmerzhaft durchzog, weil sie nicht alle Fragen auf einmal beantworten konnte.

„Es fing mit Kleinigkeiten an. Zuallererst mit der Erkenntnis, daß Sie als erster und einziger Mensch in meinem Umfeld, meinen Lerneifer nicht als etwas Besonderes, sondern als eine Selbstverständlichkeit gesehen haben. Ich begriff von Tag zu Tag mehr, daß Sie, trotz Ihrer Widerlichkeiten mir gegenüber, eigentlich meine Art den Stoff anzugehen für die einzig richtige halten und konnte immer deutlicher erkennen, daß Sie daran verzweifeln, daß die anderen Schüler es nicht so sehen."

Der Hauch eines Lächelns überzog sein Gesicht und Hermine sah, daß sie ins Schwarze getroffen hatte.

„Mit jedem Tag den ich mehr Beweise für meinen Therorie finden konnte, habe ich mich mehr und mehr in Ihre Situation hineingedacht. Ich behaupte nicht, daß mir das komplett oder nur ansatzweise gelungen ist, ich sage nur, daß ich es versucht habe. Und immer häufiger erwischte ich mich dabei, daß ich die bissigen Kommentare, die Sie gaben, schon gedacht hatte, noch bevor Sie sie ausgesprochen hatten. Ich wurde wütend angesichts der Dummheit und Faulheit meiner Klassenkameraden und wünschte mir mehr und mehr, sie würden allesamt das Labor verlassen und mich in Ruhe meine Arbeit machen lassen. Von Unterrichtsstunde zu Unterrichtsstunde fühlte ich mich Ihnen näher und mit diesem Gefühl von Vertrautheit, blieben erstaunlicherweise plötzlich auch Ihre Bemerkungen mir gegenüber aus. Wobei ich nicht einmal weiß, ob Ihnen das bewusst war."

Er schien zu überlegen und dann erstaunt festzustellen, daß stimmte, was sie sagte.

„Ich könnte Sie niemals verachten, Professor, weil ich ihre fachliche Kompetenz schon vom ersten Tag an bewundert habe und für Ihr Wesen über einen langen Zeitraum ein sehr intensives Verständnis entwickelt habe."

„Was sehen Sie in mir, Miss Granger?", fragte er mit gerunzelter Stirn und verwirrt klingendem Ton.

Sie trat so nah an ihn heran, daß sie sich berührten und legte, warm und weich, ihre vom Wasser noch feuchten Hände an seine Wangen.

„Ich sehe einen Mann, dessen Intelligenz mich in einem Maße fasziniert, daß ich Schmetterlinge im Bauch habe, wenn ich nur daran denke. Einen Mann, der sich selbst hinter der Wut versteckt, die er für die Welt hat und der sich seiner selbst nicht halb so sicher ist, wie er es zu sein vorgibt. Und ich sehe einen Mann, der auf irgendetwas zu warten scheint."

Er sah sie fragend an, als verstehe er nicht.

„Auf was warten Sie in Ihrem Leben, Professor Snape?"

Er schluckte, als sie diese Frage gestellt hatte und legte seine Hände sanft über ihre, senkte den Blick, als könne er sie bei der Beantwortung dieser Frage nicht ansehen und flüsterte dann: „Auf eine zweite Chance..."

Hermine fühlte ebenso, was geschah wie er und sie sahen sich erstaunt an. Als fließe etwas aus ihnen heraus, begann die Luft um sie herum, sich mit winzigen Glitzerpunkten zu füllen, die sie kurz umflogen und dann mit einem warmen Lichtblitz verschwanden.

Und ohne daß einer von beiden es erklären musste, wussten sie beide sofort, daß es entweder einfach an der Zeit gewesen war, oder daß irgendetwas es bewirkt hatte, daß der Fluch sich aufgelöst hatte.

Und so standen sie voreinander.

Völlig durchnässt.

Unter seiner Dusche.

So dicht beeinanderstehend wie ein Liebespaar.

Ihre Hände auf seinen schmalen Wangen.

Seine langen Hände noch über ihren.

... und hatten die Wahl...

Einen langen Moment sahen sie sich atemlos an, als suchten sie in den Augen des anderen nach der Antwort, zu der keiner von beiden die Frage zu stellen wagte.

Und dann lächelte Hermine ein kaum sichtbares Lächeln, stellte sich auf die Zehenspitzen, um das letzte kleine Stück Distanz zu überbrücken und küsste ihn.

Vorsichtig.

Erforschend.

Langsam.

Genießend.

Er brauchte einen Moment länger, um aus der Erstarrung dieses Schrecks zu erwachen, aber dann erwiderte er den Kuß. Diesmal ohne jede erzwungene Leidenschaft, ohne jede Unkontrolliertheit.

Sanft.

Verwundert.