Nenn mich nicht Scoop!

Drei Stunden später wurde Albus wieder wach. Müde stapfte er zu den Toiletten und danach in die Gemeinschaftsduschen. Fast wäre er unter dem warmen Wasserstrahl wieder eingeschlafen. Er musste unbedingt munter werden. Etwas unschlüssig legte Albus eine Hand auf den Kaltwasserhahn und atmete einen Moment durch. Dann wurde das kalte Wasser voll aufgedreht.

Ein schriller Schrei riss Yakashima aus dem Schlaf. Irritiert blickte sich der Anglo-Japaner um, zuckte mit den Schultern und ließ sich wieder verschlafen zurück in die Kissen fallen.

Albus spähte aus dem Bad, ob die anderen noch schliefen. Mit der Zahnbürste im Mund lief er zu seinem Bett und suchte sich seine Sachen raus. Rasch schlüpfte er in seine Shorts, Hose und Hemd folgten und er hüpfte wieder ins Bad, um den Mund auszuspülen. Er hatte es eilig und wollte zur Großen Halle, bevor die anderen wach wurden.

Plötzlich hielt er inne. Albus hatte nach seiner Krawatte gegriffen und gesehen, dass sie rot und golden gestreift war. Gestern war sie noch neutral schwarz, mit dem Hogwarts Wappen darauf. Nun trug sie das Gryffindor Wappen mit dem Löwen. Auch das Innenfutter seiner Schulrobe war rot und auf der linken Seite prangte ebenfalls das Gryffindor Wappen.

Er grinste und versuchte sich die Krawatte zu binden, scheiterte aber mehrmals daran und ließ es einfach sein. Während er im Laufen in seine Robe stieg, sprintete er die Treppen hinab. Obwohl Albus gestern auf den Weg zum Gemeinschaftsraum abgelenkt war, hatte er sich die Trickstufen trotzdem gemerkt und übersprang diese einfach. Am Fuße der Treppe schlitterte er nach rechts und war vor der Großen Halle angekommen.

Ein kurzer Blick hinein zeigte ihm, dass Scorpius noch nicht da war und er ging ungeduldig vor dem Eingang auf und ab. Immer wenn das Portal nach draußen sich öffnete, oder jemand aus dem Kerkerzugang stieg, hob er hoffnungsvoll den Kopf, aber Scorpius war nirgends zu sehen.

Dann erspähte er dessen weißblonden Haarschopf und lief freudig auf ihn zu. Doch der Slytherin gab vor, ihn nicht zu sehen und wollte an ihm vorbei. Aber das wollte sich der Gryffindor nicht bieten lassen und stellte sich ihm in den Weg. Der Blonde starrte ihn wütend an.

„WAS?"

Albus lächelte trocken. „Dir auch einen schönen Morgen! Ich muss mit dir reden!"

„Vergiss es!"

„Was soll das? Ich kann nichts dafür, dass der Sprechende Hut mich nach Gryffindor gesteckt hat. Ich habe ihn nicht darum gebeten!"

Scorpius schnaubte. „Du hattest ihm aber auch nicht gesagt, er solle dich nach Slytherin stecken!"

Unter Scorpius eisigem Blick schaute Albus betreten zur Seite. „Das hatte ich in der Aufregung glatt vergessen."

Der Blonde verdrehte seine Augen und wollte an dem Kleineren vorbei, doch der griff nach seinem Arm.

„Was willst du noch?"

„Ich dachte, wir wären Freunde!"

„Du bist in einem anderen Haus!"

„Wir könnten trotzdem Freunde sei..."

Doch weiter kam er nicht. Scorpis entriss ihm seinen Arm und drückte Albus gegen die Wand.

„Nein, Potter! Wir würden eh nur mit unseren Hauskameraden abhängen und uns kaum sehen."

Wut stieg in Albus auf, er versuchte sich los zu machen, aber der Slytherin hielt ihn weiterhin fest an die Wand gedrückt. Der Schwarzhaarige pustete sich ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht.

„Andere sind auch befreundet, obwohl sie in unterschiedlichen Häusern sind."

Jetzt wurde Scorpius laut. „ANDERE INTERESSIEREN MICH NICHT!"

„Aber..."

„Lass es gut sein. Es würde nicht funktionieren!"

Einige vorbeigehende Schüler starrten sie an und Scorpius ließ Albus los. Der griff sich wieder den Arm des Größeren und zog ihn zur Seite. „Ich verstehe es einfach nicht!"

Scorpius seufzte. „Slytherin - Gryffindor. Das passt nun mal nicht zusammen!" Er blickte auf Albus, der ihm bockig entgegensah.

„Warum bist du so stur?"

„Ich bin nur realistisch, Potter und mache mir nichts vor!"

„DU BIST BLÖD!"

Albus ließ Scorpius los, der ihm die Zunge rausstreckte und verärgert die Arme verschränkte. Als plötzlich ein Klatschen ertönte, wirbelten die beiden herum. Vor ihnen standen zwei Slytherins und applaudierten ihnen.

Ein Mädchen und ein Junge schienen sie die ganze Zeit beobachtet zu haben. Die Slytherin hob belustigt eine ihrer Augenbraue und zog ihre Stupsnase kraus.

„Klasse! Jetzt seid ihr auf Kindergartennievau angekommen!" Der Junge neben ihr begann zu lachen, während Albus und Scorpius mit hochrotem Kopf zur Seite blickten.

Malfoy neigte sich dem Gryffindor zu und raunte leise. „Selber blöd!" Damit handelte er sich einen Knuff in die Seite ein. Das Mädchen schüttelte seinen brünetten Kopf, was ihren Pferdeschwanz zum Tanzen brachte.

„Wie wäre es, wenn ihr euch einfach die Hände reicht? Das Frühstück wird auch nicht ewig dauern."

„Das ist meine Sache, Bulstrode!" rief Scorpius hitzig. Die Kleine zuckte mit den Schultern und ging zusammen mit ihrem Begleiter in die Große Halle.

Albus seufzte, wie kindisch war er eigentlich. „Hör mal Scorpius, sie hat Recht! Außerdem hat es auch Vorteile, wenn wir in unterschiedlichen Häusern sind!"

„Wie meinst du das?"

„Sieh mal, du kannst mich mit nach Slytherin nehmen und ich dich mit nach Gryffindor zum Beispiel." Er legte seine Zungenspitze an die Oberlippe und blickte sich um, ob jemand in Hörweite war, dann fügte er verschmitzt hinzu. „Das bringt mehr Spaß! James würde sagen, wir könnten doppelt so viel Schaden anrichten!"

Das erste Mal an diesem Morgen lächelte der Blonde. „Gehirn und Muskeln! Was?"

Albus hob seine Arme etwas hilflos und blickte skeptisch auf seine Oberarme. „Naja... Ich fürchte, Muskeln suchst du hier vergebens." Lachend wuschelte Scorpius durch Albus' rabenschwarzen Haarschopf. „Also gut! Dich werd ich wohl eh nicht mehr los." Damit hielt er dem Kleineren seine Hand hin, der sie erleichtert lächelnd ergriff. „Da hast du vollkommen Recht!"

Doch er hielt Scorpius Hand weiterhin fest. „Darf ich dich Scoop rufen?"

Das Lächeln verschwand schnell aus Malfoys Gesicht und er blickte den Gryffindor streng an. Langsam beugte er sich nach vorn, bis sich ihre Nasenspitzen fast berührten.

„Nenn mich niemals Scoop! Ich heiße Scorpius und so wirst du mich auch rufen! Und ich werde Albus zu dir sagen! Nicht Al und auch nicht Sev. KLAR!"

Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich ab und schritt in die Große Halle. Etwas kleinlaut nickte Albus und folgte dem Slytherin, während er leise brummte. „Und mich nennt er zickig."

„Meinst du, ich kann heute Morgen bei dir sitzen?" Scorpius nickte. „Ja, warum nicht! So wie es aussieht, wartet man eh auf uns!" Am Slytherin Tisch winkte das Mädchen von eben den beiden zu.

„Na? Seit ihr euch einig geworden?"

Albus nickte und ließ sich neben Scorpius nieder, während sich die Kleine ein wenig über den Tisch beugte. „Hi! Ich bin Myriel Bulstrode und der schweigsame Typ an meiner Seite ist Nicola Zabini!"

„Hallo! Ich bin Albus Potter! Sagt einfach Al zu mir!" Er schüttelte beiden die Hand und Zabini grinste ihn an.

„Dir gefällt es wohl am Löwentisch nicht?" Es belustigte ihn, als Albus rot wurde und verlegen seinen Blick abwandte.

„Meine Verwandten nerven ein wenig."

Zabini winkte ab. „Das kenn ich, ich bin froh, dass meine große Schwester bereits ihren Abschluss hat!" Myriel stimmte dem zu und Albus begann sich erleichtert seinen Teller voll zu schaufeln. Fleischkäse, gebackene Bohnen, Spiegelei, Speck und Würstchen. Scorpius betrachtete skeptisch den Teller und dann Albus.

„Wie hast du es eigentlich geschafft, so dünn zu bleiben, wenn du dir jeden Morgen diese Massen reinschaufelst?"

Albus grinste mit vollem Mund über das ganze Gesicht und der Blonde sah missbilligend auf einen Rest Eidotter, der dem Schwarzhaarigen unter der Lippe klebte. Mühsam schluckte Albus und spülte mit einem kräftigen Schluck Kürbissaft nach.

„Ich habe in den letzten Wochen vor lauter Aufregung fast nicht essen können. Man ich habe einen tierischen Kohldampf!" Dann spachtelte er munter weiter.

Rose Weasley saß am Gryffindor Tisch und betrachtete den leeren Platz neben sich. Sie zog die Stirn kraus und lies ihre Blicke suchend durch die Halle schweifen. Bei den Slytherin fand sie endlich, wonach sie suchte.

„Ähh, hat der sich verlaufen?"

James warf einen kurzen Blick zum Slytherin Tisch und lachte. „Ihm scheint es tatsächlich ernst zu sein. Eins muss ich ihm lassen. Er ist zäh!"

Während Rose und Polly grinsten, erhob sich Fred Weasley etwas besorgt. „Oh Mann! Ich hoffe, das gibt keinen Ärger!"

Parkinson kam mit zwei anderen Slytherin den Tisch entlang und baute sich hinter Albus auf.

„Lo, Potter! Hast du dich verlaufen oder bist du einfach nur zu dämlich, um deinen Tisch zu finden?"

Kurz betrachtete der so rüde Angesprochene die drei Gestalten. Parkinson war der Kleinste von ihnen, flankiert von zwei riesigen Burschen, von denen man dem einen nicht eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Troll absprechen konnte. Den anderen kannte Albus noch von gestern aus dem Zug. Schließlich wandte sich der Gryffindor wieder seinem Essen zu, da er besseres mit seiner Zeit anfangen wollte, als sich über diese drei Trottel zu ärgern.

Ziemlich verdattert darüber, auf diese Weise ignoriert zu werden, stieß Parkinson Albus an.

„Ey du Pimpf, ich rede mit dir!"

Scorpius, der die ganze Zeit ruhig neben dem Gryffindor saß, legte seine Gabel zur Seite und ergriff einen Becher mit Kürbissaft. Doch bevor er ihn an seine Lippen setzte, erschien ein schiefes Grinsen auf seinem Gesicht.

„Verzieh dich, Parkinson! Ich habe Potter an unseren Tisch gebeten! Also nimm diesen Bergtroll und sein Anhängsel und zieh Leine! Sonst mach ich dir Beine."

„Du und welche Armee, Malfoy?"

Doch das selbstgefällige Grinsen fiel sehr schnell aus Parkinsons Gesicht. Albus, Myriel und Nicola hatten ihre Zauberstäbe gezogen und standen langsam auf. Nachdem Scorpius seinen Becher gelehrt hatte, erhob er sich elegant und stellte sich dem mopsgesichtigen Jungen gegenüber.

„Damit wären wir schon mal zu viert. Und wenn ich mir Potters Bruder und die Weasleys anschaue, die sich hier rein zufällig in der Nähe herumtreiben, könnte man tatsächlich von einer kleinen Armee sprechen."

Parkinson und seine Begleiter wirbelten erschrocken herum. Tatsächlich, da standen James, Rose und die anderen Weasleys etwas abseits, aber dennoch bereit einzugreifen, falls es nötig werden sollte.

Der einem Troll ähnelnde Junge neigte sich Parkinson zu. „Dennis, lass uns abhauen, dass sind zu viele!" Parkinson starrte ihn an, danach wandte er sich wieder Scorpius und Albus zu. Der Blonde beobachte amüsiert das Mienenspiel seines Hausgenossen und hatte so seine Not, nicht einfach vor Lachen loszuprusten, da Albus ihn die ganze Zeit in die Seite knuffte.

Wut und Angst wechselten sich in Parkinsons Gesicht ab und er saugte zittern wie eine Ratte an seinen Vorderzähnen. Schließlich wandten sich die drei um und verließen fluchtartig die Halle.

„Das war wohl mehr als erbärmlich!" Damit setzte sich Scorpius wieder hin. Albus tat es ihm gleich, doch Myriel und Nicola blieben stehen.

„Tut mir leid, wir müssen langsam los. Wir sehen uns später?"

Albus nickte ihnen zu und sie ließen die beiden allein zurück. Der Gryffindor fischte in der Tasche seiner Robe ein Stück Pergament hervor und entfaltete es auf dem Tisch.

„Lass uns mal schauen, welche Fächer wir zusammen haben. Hast du deinen Stundenplan dabei?"

„Brauch ich nicht, ich kenn meinen Plan auswendig!" Mit großen Augen starrte der Kleinere Scorpius an. „Was? Schon? Mann, ich bin beeindruckt!" Der Slytherin beugte sich über Albus Stundenplan und deutete auf einige Felder.

„Hier! Heute Vormittag haben wir zwei Stunden Zaubertränke. Genau wie am Mittwochnachmittag und am Freitag." Albus nickte freudig. „Jaah und hier am Dienstag und Freitag haben wir Pflege magischer Geschöpfe zusammen mit euch und dazu Verteidigung gegen die dunklen Künste. Cool! Das sind mehr Fächer als ich gedacht hatte."

„Jaah! Aber ich muss jetzt auch los, gleich beginnt Kräuterkunde." Sie erhoben sich und verließen die Halle. Scorpius blieb stehen und schaute zu Albus.

„Ich finde es schön, dass wir Freunde geworden sind." Der Kleinere begann zu lächeln, doch Scorpius betrachtete ihn missbilligend.

„Sag mal, wie läufst du eigentlich rum?" Er wischte Albus mit dem Daumen, den Rest Eidotter vom Kinn und zuppelte an einem Hemdzipfel, der unter dem Pullover hervorlugte.

„Unglaublich! Ei im Gesicht, das Hemd guckt raus!"

Peinlich berührt blickte sich Albus mit roten Wangen um, da ein paar Mädchen kichernd an ihnen vorüber gingen.

„He! Das mach ich allein. Du bist ja schlimmer als meine Mutter!"

Das war wirklich etwas demütigend, zumal Scorpius wie aus dem Ei gepellt aussah. Seine Schuluniform stand ihm gut. Die lange schwarze Robe betonte seine schlanke Gestalt und deren grünes Innenfutter bildete einen schönen Kontrast zu seinen platinblonden Haaren, die er wie üblich streng nach hinten gegeelt trug. Albus musste sehr an sich halten, um nicht dem Drang nachzugeben, dem Slytherin ein paar Strähnen ins Gesicht zu streichen.

„Deine Krawatte sieht beschissen aus!"

Albus blies die Backen auf und ließ die Luft wieder geräuschvoll raus. „Ja nun, ich kann den Knoten nicht!"

Scorpius nickte einmal, er griff sich die beiden Enden der Krawatte und band sie dem Kleineren. „Zappel nicht so rum! Nicht, dass ich dich noch damit erwürge." Er trat einen Schritt zurück und betrachtete sein Werk. „So jetzt sitzt sie perfekt. Ich zeig dir später noch, wie man das macht!"

Damit spurtete er los. Doch am Zugang zu den Kellergewölben blieb er stehen und wandte sich Albus nochmals zu. „Wir treffen uns nachher am Kerkerzugang für Zaubertränke. Weißt du wo das ist?"

Albus nickte. „Bis später!"

Plötzlich erschrak er. Er blickte zur gewaltigen Uhr im Eingangsportal und ihm wurde schlagartig heiß und kalt. Er hatte seine Sachen noch oben im Gryffindorturm und würde es kaum schaffen, in den siebten Stock zu hechten und dann noch rechtzeitig zum Unterricht. Das war ja eine schöne Blamage, am ersten Tag und gleich noch zur ersten Schulstunde zu spät! Seine Mutter würde ihm bestimmt einen Heuler schicken.

„AL!" Er blickte auf und sah Rose und seine Zimmernachbarn auf sich zukommen. Yusaku Yakashima hielt ihm seine Schultasche hin. „Hier Al, wir müssen uns beeilen. Gleich haben wir Geschichte der Zauberei!" Albus starrte ihn entsetzt an. „Geschichte der Zauberei?"

„Tja, beginnen wir unsere Zeit in Hogwarts mit dem langweiligsten Fach das es gibt!"

Ergebend nickte Albus ihm zu und reihte sich in die Gruppe ein, die sich auf den Weg zu Fenton machte, der seine Erstsemester einsammelte, um sie zu dem Unterricht zu führen. Rose ging neben Albus und sah in von der Seite an.

„Und? Alles im Lot?"

Ein Grinsen legte sich auf sein Gesicht. „Jaah! Ich denke schon!"

Albus Severus Potter freute sich. Vergessen waren all die Ängste und Befürchtungen. Er hatte neue Freunde gefunden. Allerdings auch ein paar Feinde. Doch mit Scorpius an seiner Seite versprach die Sache noch ganz aufregend zu werden.

Tbc ...