Slytherin versus Gryffindor

Nach der Mittagspause änderte sich der normale Stundenplan etwas. Statt den, bis zum Nachmittag vorgesehenen Fächern, gab es eine Begehung der Schule. Am Morgen hatten die Hufflepuffs zusammen mit den Ravenclaws ihren Rundgang. Nun waren die Gryffindor und die Slytherin an der Reihe.

McGonagall sagte die Schule sei weitläufig, nun sie hatte nicht übertrieben. Geführt von Fenton und Sylvana Nott, der Vertrauensschülerin von Slytherin, erkundete die Gruppe das Schloss. Unterrichtsräume, Astronomieturm, und Gewächshäuser wurden ausgiebig besichtigt. Innenhöfe, Bootsanleger, nicht zu vergessen der Eulenturm und auch Hagrids Hütte wurden ihnen gezeigt. Doch als die Schüler zum Quidditch-Stadion kamen, waren alle plötzlich sehr aufgeregt.

Fenton grinste. „Jetzt haben wir ihre volle Aufmerksamkeit." Nott warf einen gelangweilten Blick auf die Schar, die sich neugierig das Stadion anschaute.

Das ovale Spielfeld wurde von hohen Tribünen gesäumt, die mit ihren Wappen bedruckten Stoffbahnen, Flaggen und Wimpel, an mittelalterliche Tribünen eines Turnierplatzes erinnerten. An den beiden Enden des Spielfeldes thronten die riesigen Torstangen, mit den Ringen, je drei an der Zahl.

Ehrfürchtig betrachtete Scorpius die Slytherin-Tribüne, an seiner Seite spürte er Albus.

„Bist du auch so gespannt darauf, wenn nächste Woche der Flugunterricht beginnt?"

„Jaah! Und du? Bist du schon mal auf einem Besen geflogen?"

„Machst du Witze? Bei meiner Verwandtschaft!" Ein Grinsen legte sich auf Albus Lippen. „Ich musste schon mit neun Jahren einspringen, wenn beim Quidditch nicht genug Mann zur Hand waren. Dad und Onkel Ron haben mir einiges beigebracht. Und Ma und Tante Hermione hatten geschimpft, da sie es für zu gefährlich hielten."

„Mein Vater hat mir das fliegen beigebracht." Man konnte den Stolz in der Stimme des Slytherins hören. Albus grinste. Meistens wenn Scorpius über seinen Vater sprach, merkte man, dass er ihn sehr verehrte.

„Da Malfoy Manor von riesigen Ländereien umgeben ist, konnte ich auch immer ungestört durch die Lüfte jagen."

„Der Fuchsbau ist weit abgelegen, so dass das auch kein großes Problem war."

Der Blonde schaute Albus an. „Ich würde dich gern mal fliegen sehen."

Mit einem Lächeln wehrte Albus ab. „Ich bin nicht besonders gut. Aber welchen Besen hast du?"

Nicht ohne Stolz grinste Scorpius. „Natürlich den neusten aus der Nimbus Millennium Serie. Den Nimbus 2016! Und du?"

„Den Thunderbolt-Lightning!"

Scorpius nickte anerkennend, Albus Besen war die Weiterentwicklung des Firebolts, der gut zehn Jahre lang als das Maß aller Dinge galt. Nimbus hatte es erst nach jahrelanger Entwicklung der Millennium Serie geschafft, mit dem Firebolt gleichzuziehen. Dann wurde der Thunderbolt-Lightning auf den Markt gebracht und Nimbus hatte wieder das Nachsehen. Erst das 2016er Modell konnte die Lücke zum Thunderbolt wieder schließen.

„Nicht schlecht!" Er seufzte und gab einem Stein einen Tritt. „Ich verstehe nur nicht, wieso wir im ersten Jahr nicht unsere eigenen Besen mitbringen dürfen. Und was mich am meisten fuchst, ist dass wir erst in unserem zweiten Jahr in die Quidditch-Mannschaft aufgenommen werden. Und dass obwohl dein Vater als jüngster Sucher in die Geschichte eingegangen ist! In seinem ersten Schuljahr!"

„Mach dir nichts draus. Ich muss auch bis nächstes Jahr warten."

Albus klopfte dem anderen tröstend auf die Schulter. „Es würde mir ohne dich eh keine Freude machen."

Forschend schaute Scorpius dem Gryffindor ins Gesicht. „Dir ist schon klar dass wir gegeneinander kämpfen müssen?"

Etwas unbehaglich nickte Albus, daran wollte er lieber nicht denken. Doch bevor er noch irgendwas sagen konnte, entbrannte weiter vorn ein kleiner Disput zwischen Fenton und Nott.

„Na Theo, freust du dich schon, wenn wir euch im nächsten Spiel wieder den Hintern versohlen?"

Mit hochrotem Kopf schaute Fenton zur Slytherin. „Warte nur bis nächstes Jahr, da haben wir Potter!"

„Ob der Kleine genauso gut ist wie sein Vater muss sich erst noch zeigen!"

„Oh, da mach dir mal keine Sorge Sylvana, nächstes Jahr wird eure Siegesserie zu Ende sein!"

Sie blickte kurz nach oben als ob sie überlegen müsste, dann grinste sie über das ganze Gesicht. „Und wir haben dann Malfoy! So what?!"

An ihrem Gesicht konnte man sehen, dass Sylvana es genoss Fenton zu triezen. Er machte es ihr aber auch zu einfach. Da stand er, wie ein armer Tropf, mit zusammengebissenen Lippen und roten Ohren. Da war es auch nicht besonders hilfreich, als sie um ihn herum schlich und ihn im Nacken kraulte.

„So widerspenstig mein kleines Kätzchen? Rrrrrrrrrrrr...!"

Sie schnurrte ihm direkt ins Ohr. Zuerst konnte Theodor noch an sich halten. Er zählte innerlich bis zehn und gab sich Mühe, sich nicht provozieren zu lassen. Aber die Slytherin kannte ihn lange genug und wusste wo er seine Schwachstellen hatte.

Sanft fuhr sie mit dem Zeigefinger in Kreisen über seine Brust, leicht neigten sich ihre Lippen seinem Ohr zu und ganz leise, so leise dass nur er es hören konnte, wisperte Sylvana.

„Dabei warst du gestern Abend noch ganz zutraulich, mein Kater."

Das war´s! Alle Zurückhaltung vergessend, brüllte der Braunhaarige mit knallrotem Kopf los.

„ICH HALTE JEDE WETTE, DAS MALFOY GEGEN POTTER KEINE CHANCE HAT. ALBUS WÜRDE IHN BEI EINEM WETTFLIEGEN IN GRUND UND BODEN FLIEGEN!"

„Hmh! Ok Theo, Deal! Wir wetten, Slytherin mit Malfoy gegen Gryffindor und Potter."

Fentons Kinnlade klappte nach unten und er stierte Sylvana an, als ob ihr soeben zwei Rennbesen aus den Ohren gewachsen wären.

„WIE?"

An ihrem Grinsen erkannte er, dass ihn dieses Biest tatsächlich ins offene Messer hat rennen lassen. Nott wusste genau wo er empfindlich war, sie beide waren schließlich seit einem Jahr ein Paar.

Fenton fühlte sich in seiner Gryffindor Ehre gekränkt. Er war normalerweise ein Ausbund an Gelassenheit, doch wenn man ihn bei seiner Hausehre packte, erst recht, wenn dies durch einen Slytherin geschah, sah er rot. Da gab es kein halten mehr und wie er sich bestürzt eingestehen musste, hatte seine Freundin ihn schön an der Nase herumgeführt.

Albus starrte die Beiden an und versuchte so zu tun, als ob er gar nicht da wäre. Der Schwarzhaarige sah schon, worauf es hinauslief und er hatte keine Lust, hier und jetzt gegen Scorpius anzutreten.

Der sah sich den Disput gelangweilt an und blickte Albus fragend an, als er dessen Unbehagen bemerkte.

„Ich will keinen Zweikampf mit dir Scorpius!"

Der Slytherin schnaubte abfällig. „Pff! Was glaubst du, warum ich dich gebeten habe, diesem beschissenen Hut zu bitten, dich nach Slytherin zu stecken?"

Er wartete erst keine Reaktion des Schwarzhaarigen ab, ungehalten wandte sich Scorpius ab.

„Ich wusste dass so was passiert."

„Wir könnten uns weigern."

„Von wegen Albus, es ist deine Pflicht für dein Haus anzutreten!"

Erschrocken wich der Gryffindor einen Schritt zurück, als der Blonde sich kalt lächelnd zu ihm umdrehte.

„Tja, du wolltest unbedingt mit deinem Sturkopf durch die Wand. Jetzt musst du in den saueren Apfel beißen."

Wütend klappte Albus den Mund auf, bekam jedoch keinen Ton heraus. Empört ließ er es geschehen, dass Scorpius ihn am Handgelenk packte und ihn einfach hinter sich herzog.

Theodore und Sylvana waren gerade mit Herzblut in ihrer Auseinandersetzung verstrickt, als sie unerwartet durch ein Räuspern aus ihrem Streit gerissen wurden. Beide standen sich wie Kampfhähne gegenüber und blickten etwas irritiert zur Seite.

Ungeduldig lächelnd, wartete Scorpius bis er die Aufmerksamkeit der beiden hatte. „Ich hätte da einen Vorschlag! Er... !" Damit zog der Blonde Albus, den er immer noch gepackt hielt nach vorn. „... und ich werden gegeneinander antreten."

Albus versuchte grummelnd seinen Arm zu befreien. „Was für ´ne bescheuerte Idee ist dass denn?"

Doch er bemerkte an dem Leuchten in Theodores Augen, dass er so schnell aus der Nummer nicht mehr herauskam.

„Hah! Du bekommst meinen Besen Albus. Einen Firebolt! Damit wirst du ihn locker schlagen."

„Im Moment könnte ich ihn wirklich schlagen!" Zischte Albus und blickte Scorpius aus schmalen Augen an. Langsam wünschte er sich heute im Bett geblieben zu sein.

Sylvana legte einen Arm um Scorpius Schultern. Der sah arrogant lächelnd zu Albus und hob eine Augenbraue.

„Welchen Besen bekomme ich?"

Sylvana grinste. „Meinen natürlich! Einen Nimbus 2009!"

Das siegessichere Grinsen in Scorpius Gesicht wurde breiter. Je breiter es wurde, desto mieser fühlte sich Albus. In seiner Freude, nächstes Jahr ins Quidditch-Team zu kommen, hatte er völlig vergessen, dass dies auch bedeutet gegen Scorpius anzutreten.

Er wandte sich an Fenton. „Das geht nicht! Wir dürfen noch nicht fliegen! Geschweige denn so einen Blödsinn zu veranstalten."

Parkinson und seine Freunde ruderten mit angewinkelten Armen und ließen ein Gackern ertönen. Darauf hin zog Scorpius Albus wütend zur Seite und blaffte ihn an.

„Wieso hat dich dieser bescheuerte Hut eigentlich nach Gryffindor gesteckt? Ich denke Hufflepuff wäre wohl eher deine Kragenweite."

Die Farbe von Albus Wangen hatte ein leuchtendes Rot angenommen, während er den Wunsch unterdrückte Scorpius zu hauen.

„Im Gegensatz zu dir, was? Du bist genau da wo du hingehörst!"

Das kam ihm gefährlich leise über die Lippen und Scorpius konnte an Albus Schläfe eine kleine Ader pochen sehen. Der Slytherin beugte sich leicht nach vorn.

„Na! Kneifst du immer noch?"

„Du kannst dich auf was gefasst machen!"

Provokant hob Scorpius seine Augenbrauen. „Keine Versprechungen, die du nicht halten kannst."

„Nun gleich wird es sich herausstellen, wer der Bessere ist!"

„NEIN!"

Rose stand plötzlich vor ihnen und starrte Albus und Scorpius böse an. „Wollt ihr beiden Idioten gleich in der ersten Woche rausfliegen?"

Ungeduldig wurde sie von Scorpius zur Seite geschoben, der sich an Nott und Fenton wandte. „Ich schlage vor wir starten hier vor der Gryffindor-Tribüne. Dann fliegen wir je fünfmal um die Torstangen und dann drei weitere Runden durch den Begrenzungsgraben. Das Ziel ist dann die Slytherin-Tribüne."

Sylvana legte Albus eine Hand auf die Schulter. „Ist das in Ordnung für dich?" Der nickte und sie klatschte einmal in die Hände. „Excellent! Dann ist es abgemacht!"

Argwohn scheint eine gute Eigenschaft zu sein, wenn man sich in der Gesellschaft eines Slytherin befindet, diese Erkenntnis schienen Albus und Felton zu teilen. Der Vertrauensschüler blickte seine Freundin lange an.

„Du hast noch nicht gesagt um was du wetten willst."

„Nun, ich denke da lässt sich was finden, wir können das später noch unter uns ausmachen."

Albus schaute von einem zum anderen und fragte sich, warum Nott, Fenton keck zuzwinkerte und warum dieser plötzlich so verlegen mit dem Fuß scharrte, während er bis über die Ohren rot wurde.

Die Spannung stieg ins unermessliche. Plötzlich tauchten wie aus dem nichts Wimpel und Fähnchen in den jeweiligen Hausfarben auf. Die arme Rose sah sich auf verlorenem Posten. Als Theodore Fenton nach einigem Hin und Her einfach dazu überging ihre Einwände zu ignorieren, gab sie auf und schmollte. Die anderen warteten jubelnd, dass die beiden Kontrahenten aus der Kleiderkammer zurückkamen.

Keiner schenkte der kleinen Gruppe Slytherins, die etwas abseits stand Beachtung. Dennis Parkinson rieb sich sein Kinn. Er beobachtete angewidert den Rummel, den seine Hausgenossen um Malfoy und Potter machten. Frustriert fuhr er sich über seine kurz geschorenen Haare. Seine Mutter hatte ihm oft erzählt, wie sie und ihre Freunde Harry Potter das Leben schwer gemacht hatten. Wie sie ihn gequält und beleidigt hatten. Allen voran Draco Malfoy.

Pansy Parkinson hatte es Malfoy nie verziehen, dass er eine andere geheiratet hatte. Scorpius als sichtbares Ergebnis dieser Verbindung, hatte alle ihre Hoffnungen zunichte gemacht, dass Draco seiner Frau schnell überdrüssig werden würde und zu ihr zurückkam. Ihren Hass hatte sie in all den Jahren an ihren Sohn weitergegeben. Ihn hatte sie so richtig in alter Reinblütertradition erzogen.

Für Dennis war klar, als er erfuhr, zusammen mit Albus Potter und Scorpius Malfoy eingeschult zu werden, diesen beiden das Leben zur Hölle zu machen. Wobei sein Hauptaugenmerk auf Potter lag.

Er ging von Anfang an davon aus, dass Malfoy nach Slytherin kam, deshalb wollte er zuerst versuchen dessen Vertrauen zu gewinnen. Er wollte versuchen über Scorpius insgeheim zu erfahren, ob es eine Möglichkeit gab, die Ehe seiner Eltern zu sabotieren. Vielleicht auch dahingehend zu intrigieren.

Doch Potter hatte seinen Plan zur Nichte gemacht. Dennis konnte es nicht fassen, Malfoy und Potter waren Freunde geworden. Das war unmöglich und doch war es geschehen. Auch das Verhältnis der Slytherins zu Potter war in keinem Fall so, wie er es von seiner Mutter angedeutet bekommen hatte. Nur wenige hassten den Gryffindor. Vor allem die, die aus Parkinson Freundeskreis kamen. Teilweise Söhne und Töchter von ehemaligen Todessern.

Den anderen Slytherins war Potter mehr oder weniger egal. Zugegeben er trug einen großen Familiennamen, aber das war dann auch schon alles. Die Zeiten seit dem Niedergang des dunklen Lords hatten sich eben geändert

Aus dem Augenwinkel blickte er in die Reihen der Slytherin. Keiner, wirklich keiner störte sich daran, als Potter heute Morgen an ihrem Tisch saß und die Gryffindor schienen im Gegenzug mit Malfoy an ihrer Tafel auch keine Probleme zu haben. Schlimmer fand es Dennis jedoch, dass Hausverräter wie Malfoy, Zabini und Bulstrode tatsächlich Freundschaft mit dem Gryffindor geschlossen hatten.

„Ich wette Malfoy wird's dem Potterblag so richtig zeigen!"

Genervt blickte Parkinson zu Mordred Flint, der ihn gerade aus seinen Gedanken riss. Plötzlich grinste er, ihm kam eine Idee.

„Mordred, du hast mal wieder keinen Überblick über das Ganze!"

„Was meinst du?"

„Wir haben die Gelegenheit Potter und Malfoy eins auszuwischen. Wenn wir es nicht all zu blöd anstellen fliegen die Beiden von der Schule."

„A-Aber... !"

Unwirsch brachte Dennis Flint zum Schweigen. „Für alle aus dem ersten Jahrgang ist das fliegen auf Besen außer im Unterricht verboten. Madam Hooch hatte deswegen schon mal einen von der Schule geworfen."

„Malfoy ist doch ein Slytherin!"

Parkinson lachte boshaft auf. „Schon sein Vater war ein Weichei und Scorpius ist auch um keinen Deut besser. Hmpf, sich mit einem Potter einzulassen."

Einige Minuten später kamen Sylvana, Scorpius und Albus aus der Umkleide zurück. Die Slytherin trug zwei Besen und wartete etwas abseits während Scorpius bei Albus den Sitz der Protektoren überprüfte. Der Schwarzhaarige fühlte sich sichtlich unwohl und zog seine Unterlippe zwischen die Zähne. Eine Geste, die Scorpius schon öfters an Albus gesehen hatte und die ihn amüsierte. Der Blonde lies sich den Armschutz des Anderen zeigen und testete den Sitz des Lederschutzes. Zufrieden nickte er und gab Albus einen Klaps auf die Schulter.

Nachdem Albus sich davon überzeugt hatte, dass auch Scorpius Schutzpolster richtig verschnürt waren, begaben sich beide zum Startpunkt an der Gryffindor-Tribüne.

Albus fühlte den Besen in seiner Hand. Er lies dessen Kraft auf sich wirken und wurde langsam etwas zuversichtlicher. Der Firebolt lag gut in der Hand und Albus lächelte, erinnerte er sich doch daran, dass sein Vater denselben Rennbesen besaß. Einst wurde er ihm von dessen Paten geschenkt und Harry hatte sich bis heute nicht von ihm getrennt.

Am Startpunkt wurden beide schon erwartet und langsam legte sich eine zum Reißen gespannte Stille über das Quidditch-Feld.

Albus und der ein wenig größere Scorpius standen sich gegenüber, beide mit ihren Besen in der Hand und sich grimmig musternd. Der Slytherin betrachtete die Hand, die sein Widersacher ihm hinhielt. Sie zitterte ein wenig, da er keine Anstalten machte sie zu ergreifen.

Abschätzig verzog er seine Lippen und wartete. Potter musste lernen, dass es in einem Wettstreit keine Freundschaft gab. Vielleicht Respekt vor einem guten Gegner, das ja. Aber hier ging es ums Gewinnen! Um die Hausehre! Da hatte alles andere zurückzustehen.

Den Gegner schon im Vorfeld verunsichern, ihn nervös zu machen. Das hatte ihm sein Vater beigebracht. Den anderen dazu bringen, Fehler zu begehen. Und das mit allen psychologischen Tricks. Ja, das beherrschte Scorpius. Jedenfalls versuchte er es.

Die Unsicherheit und die Enttäuschung, die in Albus ach so treuherzigen Augen funkelten, spiegelten seine Verwundbarkeit wider. Scorpius schien es geschafft zu haben. Er wartete gerade so lange, bis Albus seine Hand zurückziehen wollte, bevor er sie ergriff.

„Na? Willst du immer noch mit mir befreundet sein?"

„Klar!"

Albus schob trotzig seine Unterlippe vor und starrte den Blonden fest an. Doch dies schien den nur zu amüsieren. Er hob sein spitzes Kinn und wies auf Albus Gesicht.

„Mit der Brille hast du hoffentlich keine Schwierigkeiten, nicht dass sie dir von der Nase geweht wird."

Scorpius Fürsorge überraschte Albus und ließ ihm das Herz warm werden. Am liebsten hätte er den anderen dankbar angelächelt, doch wollte er sich hier keine Blöße geben.

Statt einer Antwort, nahm er die Brille ab und gab sie Theodor. Der gab ihm im Gegenzug eine Fliegerbrille, die Albus umschnallte.

„Danke für deine Besorgnis, aber wie du siehst, bin ich bestens versorgt."

Der Blonde nickte einmal und schwang sich elegant auf seinen Besen. „Gut! Ich möchte nämlich nicht wenn ich gewinne, dass es dann hinter heißt es läge nur an deiner Brille!"

Mit leichtem Schwung erhob sich Scorpius in die Luft und schwebte wartend vor der Gryffindor-Tribüne. Albus war sprachlos. Am liebsten würde er dem arroganten Sack in den Hintern treten. Was bildete der sich eigentlich ein.

Oh Albus war so richtig stinkig. Vor allem auf sich selbst. Da freute er sich über Scorpius Sorge um ihn und in der nächsten Sekunde benahm sich dieser wie der letzte Arsch.

Er fletschte die Zähne. Während ihm Wörter durch den Kopf schwirrten, wie Snob, Fatzke, oder Möchtegern-Aristokrat, hatte er sich auf den Firebolt geschwungen und zischte nach oben. Er arretierte seine Füße in den Steigbügeln und schwebte neben Scorpius, der ihm grinsend entgegen sah.

Wenn er ein Wettfliegen will, dann kann er es haben und zwar nicht zu knapp!

Aller Augen richteten sich voller Spannung auf die beiden Kontrahenten auf ihren Besen. Kein Mucks war zu hören. Alle warteten auf das Startsignal.

Alle, bis auf die kleine Gruppe Slytherins, die sich unauffällig dem Ausgang näherten. Parkinson dirigierte seine Leute so, dass sie den Blick auf ihn verdeckten.

„Stellt euch gefälligst so hin, dass man mich nicht bemerkt! Ich geh los und hole Briddles."

Flint und seine Kumpanen verdeckten nun die Sicht auf den kleineren Slytherin, der sich vorsichtig vom Quidditch-Feld schlich. Fast schon grotesk wie in einer Schmierendarbietung eines heruntergekommenen Theaters, stahl sich Parkinson auf Zehenspitzen zum Torgang.

Ein letzter Blick zurück über die Schulter zeigte ihm, dass er nicht vermisst wurde. Als er das äußere Tor des Stadions passiert hatte rannte er über das ganze Gesicht grinsend los, zurück zum Schloss.

Doch ganz so unbemerkt wie er es sich wünschte, blieb er nicht. Eine ganze Zeit schon hatten ihn ein Paar, blasser Augen beobachtet. Nun sahen sie ihm hinterher bis er den Hang hinauf zur Zufahrt der Schule gelaufen war. Dann betrachteten sie wieder den Trubel im Stadion.

Es konnte nicht mehr lange dauern. Sylvana stand mit einer riesigen Standarte in beiden Händen bereit, um das Startsignal zu geben. Die Stille die herrschte war beeindruckend. Sie unterstrich die Spannung, das Erwarten, mit denen duzende Augenpaare die beiden Zauberer auf ihren Besen verfolgten.

Albus Herz trommelte in einem schnellen Rhythmus und sein Atem beschleunigte sich zusehends. Er warf einen Blick auf Scorpius an seiner Seite. Gut sah er aus. Albus konnte nicht umhin den Slytherin um seine Haltung zu Bewundern. Er bildete eine Einheit mir dem Besen wie aus einem Guss.

Plötzlich sah ihn der andere in die Augen. Ein hämisches Grinsen erschien auf dem arroganten Gesicht und Albus schob trotzig seine Unterlippe vor.

Als Scorpius diesen trotzigen Ausdruck sah, fing er an zu Lachen. Er hatte den Kampfgeist des kleineren geweckt und es versprach ein spannendes Rennen zu werden.

Sylvana Nott sah sich zu Theodor Fenton um. Er nickte kurz. Sie befeuchtete ihre Lippen und dann sprang sie, die Standarte schwingend in die Luft. Das Startzeichen war gegeben.

Plötzlich brach die Hölle los. Die Menge johlte auf, als sich die beiden schwebenden Körper über ihnen, in zwei Schemen auflösten. Fahnen und Wimpel wurden geschwungen und einige Grüppchen sangen die ersten anfeuernden Sprachchöre.

Auf seinem Besen dahinjagend, konzentrierte sich Albus nur auf sein Ziel. Verschwunden war der Ärger. Verschwunden war die Angst. Es gab nur eins. Fliegen.

Sein Puls wummerte. Adrenalin jagte durch seinen Körper, der sich näher an den Besen schmiegte und leicht schneller wurde.

Die Torringe rasten auf ihn zu. Er kniff die Augen zusammen und schätzte den Besten Moment zur Wende ab. In einem eleganten Bogen jagte er um die Torstangen. Sein Mund verzog sich zu einem Lächeln. Er liebte das Fliegen. Es beschenkte ihm mit einem ungeheueren Gefühl der Freiheit.

Dann spürte er Scorpius neben sich. Sie flogen gleichauf. Kurz warfen sie sich Blicke zu und Albus zog weiter nach rechts bis sich ihre Schultern und Knie berührten. So ging es um die nächsten Torstangen.

Sie passierten ihre Mitschüler, die versuchten sich im Jubeln zu übertrumpfen. Fenton starrte auf seine Uhr und hielt sie dann Sylvana hin.

„Ich glaubs nicht."

„Wahnsinn!"

Rose stand neben ihnen. Besorgnis und Missbilligung wechselten sich in ihrer Miene ab. Als Albus und Scorpius die andere Wendemarke umrundeten, sah es so aus, als ob Albus ein wenig vorne lag.

Sie kamen in so geringer Höhe angerast, dass alle auf dem Feld stehenden unvermittelt in die Hocke gingen, als die Beiden über sie hinwegjagten.

Und Tatsächlich, Albus lag vorn! Rose riss die Arme in Höhe und jauchzte. Als ihr bewusst wurde was sie da gerade tat, leuchteten ihre Wangen vor Scham. Sie sah sich um, ob jemand sie beobachtete.

Mit einem Räuspern strich sie ihre Robe glatt und setzte wieder eine strenge Miene auf.

Myriel und Nicola standen etwas abseits und feuerten Albus und Scorpius an. Der dunkelhäutige Zabini trug seine Haare zu einem Zopf gebunden. In der einen Hand schwenkte er einen Slytherinwimpel und in der anderen einen für Gryffindor.

Belustigt schüttelte Myriel den Kopf. „Du bist nicht gerade der Typ der sich festlegt, oder?"

„Ach geh weg! Als ob du nur für Scorpius wärst."

Ein verlegendes Grinsen erschien auf ihrem Gesicht und sie jubelte weiter.

Als ein Geist urplötzlich vor ihnen aus dem Boden kam, klammerten sie sich erschrocken aneinander. Er saß auf einem Besen und hatte lässig eine Pfeife im Mundwinkel hängen. Mit blassen Augen betrachtete er sich die beiden Slytherin näher und begann zu lächeln.

„Hallo ihr beiden! Keine Angst, ich bin Edgar!"

Myriel warf einen Seitenblick auf Nicola, der sich ihr zuneigte. „Bei Drei rennen wir los! Du nach links, ich nach rechts!"

Doch bevor sie antworten kann, schmunzelte der Geist ihnen zu. „He ihr Nasen, ihr braucht keine Angst vor mir zu haben. Außerdem weiß ich etwas, dass ihr wissen solltet."

Myriels krausgezogene Nase zeigte Nicola, dass sie gerade darüber nachdachte, ob sie mehr Angst hatte, oder doch die Neugierde bei ihr überwog. Plötzlich verschränkte sie die Arme vor ihrer Brust und sah den Geist herausfordernd an. Aha, da hatte also die Neugierde obsiegt.

„Also? Sag an, was ist so interessant?"

Sie bemerkte zum ersten Mal, das der Geist eine altmodische Quiditch-Uniform trug.

„Holla! Also ehrlich, zu meiner Zeit waren die Mädchen aber höflicher gewesen!"

Zabini schüttelte den Kopf. Damit konnte der Geist Myriel nicht beeindrucken. Und so wandte sie sich umgehend wieder dem Geschehen auf dem Spielfeld zu.

Verblüfft darüber, so stehen gelassen zu werden, schaute der Geist zu Nicola, der mit den Schultern zuckte und dann wieder zu Myriel. Er näherte sich ihr und beugte sich nach vorn, so dass sie ihn anschauen musste.

„Ehrlich? Kein Interesse?"

„Nein!"

„Aber..., es könnte wichtig sein!"

„Pah!"

Das war schon ein starkes Stück! Edgar blickte sie entrüstet an. Das war ihm ja noch nie passiert. Zabini sah ihm mit großen Augen zu, wie Edgar sich seine Pfeife stopfte. Der Geist sträubte seinen Schnurrbart und klemmte sich die Pfeife wieder in den Mundwinkel.

„Du bist aus Slytherin! Nicht wahr junge Dame?"

„Jaah! Und du könntest aus Hufflepuff stammen."

Ein breites Grinsen legte sich auf das durchscheinende Gesicht des Geistes. „Heh, das stimmt! Ich heiße Edgar Knoxx!"

Nicola begann zu grübeln. Irgendwie kam ihm der Name wage bekannt vor. Edgar Knoxx. Woher kannte er diesen Namen. Plötzlich schnellte sein Kopf hoch.

„SIE SIND EDGAR KNOXX, DER BERÜHMTE JÄGER!!!"

Lächelnd nahm das Gespenst seine Pfeife aus dem Mund und deutete grinsend mit dem Mundstück auf Nicola.

„Aah! Den Schockofroschkarten sei Dank. Man hat mich noch nicht vergessen. In der Tat! Edgar Knoxx, der beste Jäger in mehr als zehn Spielzeiten, der bin ich!"

Nicola drehte sich zu Myriel und grinste sie an wie ein Honigkuchenpferd. „Das ist unglaublich!" Er war regelrecht fassungslos. „Myriel, das ist Edgar Knoxx!" Er strahlte dabei, als ob er soeben, den Stein der Weisen entdeckt hätte.

Sein allzu alberner Überschwang, begann sie zu nerven und Myriel verdrehte die Augen. „Ich bin nicht taub Nicola!"

Ihr Desinteresse schockte ihn. Hibbelig hüpfte der Slytherin von einem Bein auf das andere und deutete vereinzelnd in Richtung des Geistes.

„A-aber Knoxx! Edgar Knoxx! Quidditch-Pokal-Sieger in Hogwarts! Sein Team hat fast ein Jahrzehnt lang die Premierleague angeführt! Mitglied der Nationalmannschaft und Weltmeister!"

Mit großen Augen schlug er die Hände zusammen. „Wow! Edgar Knoxx! Ich bin beeindruckt!"

Myriel seufzte und warf Nicola einen trockenen Seitenblick zu. Schließlich kannte sie ja seine Leidenschaft fürs Quidditch. Sie ging zu Edgar und sah ihn erwartungsvoll an.

„Ok! Du hast meine vollste Aufmerksamkeit!"

Kurze Zeit später rannten Myriel und Nicola zu Rose Weasley. Es entstand eine kleine Debatte, in der Rose über Myriels Schulter zu Edgar hinübersah, der im Sonnenlicht kaum auszumachen war.

Nicola, der gerade wieder zu seinem Lobgesang ansetzen wollte, wurde mit einem gezielten Tritt auf seine Zehen, von Myriel zum Schweigen gebracht. Während er wütend auf einem Bein herumhüpfte, bahnten sich die beiden Mädchen schon ihren Weg nach vorn zu den Vertrauensschülern.

Von alle dem bekamen Albus und Scorpius überhaupt nichts mit. Sie hatten soeben die letzte Runde um die Torstangen abgeschlossen und jagten mit einem Affenzahn in den Begrenzungsgraben. Scorpius war es gelungen, sich ein wenig von dem Gryffindor abzusetzen. Aber nebeneinander zufliegen war in dem engen Labyrinth aus Stützbalken und Querverstrebungen eh nicht möglich. In hektischen Manövern mussten Albus und Scorpius versuchen zu verhindern, dass sie gegen eine der Planken knallten.

Albus hielt zischend die Luft an, als er bemerkte, wie er einen Querbalken so dicht passierte, dass er ihn mit seinen Haaren streifte. Mit dem eisernen Willen zu gewinnen, biss der Gryffindor die Zähne zusammen. Von Scorpius würde er sich bestimmt nicht abhängen lassen.

Der flog ein kleines Stück vor ihm und jagte gerade verdammt tief über den sandigen Boden hinweg. Damit wirbelte er eine große Staubwolke auf, durch die Albus nun hindurch musste. Platz zum Ausweichen war nicht vorhanden.

Hustend und Spuckend schoss der Schwarzhaarige aus der Wolke hervor und war mehr als dankbar für seine Fliegerbrille, die seine Augen vor Sand und Dreck schützte.

Albus konnte sehen, wie sich Scorpius zu ihm umwandte und mit einem breiten Grinsen seine Zähne aufblitzen lies.

Wut stieg in ihm auf. Hatte der Blonde das doch tatsächlich mit Absicht getan. Albus schnaubte, da wollte wohl noch einer Gewinnen.

Mit eisigem Lächeln sah er, dass Scorpius mit einem seiner Steigbügel knapp einen Balken streifte und fast aus der Bahn geworfen wurde. Mit sichtlicher Mühe wich er einer weiteren Stütze aus. Er konnte aber seinen Besen noch mit letzter Kraft unter Kontrolle bringen.

Erleichtert stieß Albus die Luft aus. Er hätte es sich nie verziehen, wenn Scorpius irgendwas passiert wäre und er solch gehässige Gedanken in diesem Augenblick, dem Slytherin gegenüber gehegt hatte.

Lärm drang von oben an sein Ohr und Albus wagte einen kurzen Blick nach oben. Obwohl sie für ihn nicht mehr als dahinrasende Schemen waren, erkannte er jubelnde Schüler, die ihn und Scorpius anfeuerten.

Albus verzog den linken Mundwinkel zu einem schiefen Grinsen. Ganz dicht schmiegte er seinen Körper an den Firebolt und hätte am liebsten die Augen geschlossen um sich diesem sagenhaften Gefühl der Geschwindigkeit voll und ganz hinzugeben. Das wäre aber momentan eine eher bescheuerte Idee gewesen. In seinen Händen spürte er die Kraft des sich beschleunigenden Besens. Er lachte. Er wollte gewinnen!

Tbc...